Blog Archive

Sich aus dem Fenster zu lehnen und zu sagen, dass Nebbiolo Italiens größte Rebsorte ist, ist eine relativ ungefährliche Sache. Zu sagen, dass sie weltweit die Nase vorne hat, ist schon gefährlicher und wird zumindest von der Fraktion der Pinot Noir Trinker (nicht ganz unberechtigt) unterminiert werden. Zu behaupten, dass sie die größte Sorte des Piemonts ist, könnte allerdings, wenn man es genau nimmt, zum Sturz führen. Denn sollten sich die Vermutungen der Ampelographen irgendwann bestätigen, dann stammt Nebbiolo weder aus Barolo noch Barbaresco und auch nicht aus Bramaterra oder Gattinara, sondern aus dem Valtellina und folglich aus der Lombardei.

Den Grund für diese Annahme liefern wiederum andere Rebsorten wie Brugnolo, Rossola, Pignola, Rossolino etc., die in einem engen Verwandtschaftsverhältnis mit Nebbiolo stehen und allesamt ihren Ursprung in der felsigen Welt des Valtellina haben. Und natürlich auch die Tatsache, dass die Sorte dort bis heute wenig bekannte, aber immer wieder fantastische Interpretationen erfährt. Fakt ist freilich auch, dass sich die Sorte im Laufe der Jahrhunderte über das nördliche Piemont und bis in den Süden des Aostatals ausbreitete und in diesem kühlen, voralpinen Territorium seine optimalen natürlichen Voraussetzungen gefunden zu haben scheint (in Italien hat man es abgesehen von ein paar wenigen und uninteressanten Ausnahmen aufgegeben, die Sorte auch woanders zu kultivieren und auch im übrigen Europa scheint sich kein Ort zu finden, wo man Nebbiolo die Bedingungen bieten kann, die ihr zu ihrer Reputation verholfen haben. In Übersee dagegen hat man sich die Hörner noch nicht komplett abgestoßen und produziert Nebbiolo, der zwar wenig mit den italienischen Varianten gemein hat, aber sich immerhin bestens vermarkten lässt.)

Geschichte: Nebbiolo ist nicht nur edel sondern auch alt. Plinius der Ältere nannte sie nubbiola, ein lateinischer Verweis auf den Nebel, der sich im Allgemeinen über die Weingärten des Piemonts legt, wenn man, spät im Herbst, die Sorte liest. Seit damals findet sie immer wieder Erwähnung, unter anderem in einem 1402 in La Morra erlassenem Dekret, das die Beschädigung von Nebbioloreben unter schwere Strafe stellt. Was den simplen Schluss nahelegt, dass man auch schon vor 600 Jahren wusste, dass man es bei Nebbiolo mit DER exemplarischen Qualitätssorte der Region zu tun hatte (was nicht ganz selbstverständlich war, da man mit Freisa, Grignolino und, in den richtigen Zonen und richtigen Händen, Dolcetto auch noch aus anderen Sorten vermutlich exzellente Weine kelterte).

Nebbiolo vereint – in aller Kürze – alle Attribute, die man sich bei großen Weinen wünscht. Sie liefert Säure und zupackende aber feine Tannine. Sie ist elegant und filigran und hat dabei doch Tiefe. Sie ist sensorisch komplex, subtil und nuanciert mit einem immensen Aromaspektrum. Sie ist nie aufdringlich. Sie übersetzt wie keine andere rote Sorte außer Pinot ihr Terroir in den gekelterten Wein. Sie reift blendend. Damit all diese Komponenten auch zum Vorschein kommen können, bedarf es allerdings einiger ineinandergreifende Voraussetzungen.

  1. Süd, südost- oder südwestseitige Lagen wären nicht schlecht. Nebbiolo reift spät und braucht neben dem grundsätzlich eher kühlen Klima Norditaliens Sonne (es gibt, vor allem im Barolo, leider eine Tendenz auch weniger privilegierte Lagen mit Nebbiolo zu bestocken, da die Sorte finanziell deutlich mehr abwirft als Barbera & Co.)
  2. Sandige mit Ton und Kalk durchsetzte Böden – innerhalb des Piemonts und der Lombardei gibt es zwar erhebliche Unterschiede in der Gewichtung der Anteile, die Basis bleibt allerdings ziemlich gleich)

Vinifikation: Der Glaubenskrieg zwischen Modernisten (neues Holz, Ertragsreduzierung, neue Klone, dichte Bestockung, Temperaturkontrolle, kurze Mazerationszeiten, früh antrinkbar) und Traditionalisten (große Holzfässer, lange Mazerationszeiten, keine Temperaturkontrolle etc.), der in den 80er Jahren in Barolo und Barbaresco ausbrach und sich bis in die 2000er Jahre fortsetzte, scheint zwar mit leichten Vorteilen für die Traditionalisten beendet zu sein, individuelle Noten prägen allerdings glücklicherweise weiterhin ganz eminent die Weine. Die oben geschilderten Attribute trifft man freilich vor allem bei traditionellen Vinifikationen an.

Vorkommen: Abgesehen vom Barolo und Barbaresco, denen ich in absehbarer Zeit sicher längere Artikel widmen werde, lohnt es sich, den Blick auch über den Tellerrand und in Richtung Norden zu richten. Bramaterra, Lessona, Coste della Sesia, Ghemme, Gattinara, Roero und Carema sind allesamt piemontesische Regionen, in denen teils exzellente Voraussetzungen für Nebbiolo herrschen – wobei es leider nur wenige Winzer gibt, die biologisch arbeiten (Antoniolo, Colombera, Antoniotti… wobei die Tendenz leicht steigend ist). Das Valtellina habe ich bereits erwähnt und abgesehen davon, dass sich mit Ar.Pe.Pe. dort einer der besten Nebbioloproduzenten befindet, ist die Region für sich unglaublich spektakulär. Weinbau ist absolut grenzwertig und wer wissen will, wie Bergweinbau funktioniert, sollte entweder in die Ecke aufbrechen oder sich „Rupi del Vino“, das erstaunliche Portrait der Region von Ermanno Olmi anschauen: ein Ausschnitt findet sich Hier). Am wenigsten bekannt dürften die Nebbiolopflanzungen im Val Camonica (Lombardei – Enrico Togni keltert dort exzellente Beispiele) und in Donnas im Aostatal sein. Wer die Gelegenheit hat, an Weine aus diesen Regionen ranzukommen, sollte sie nutzen, wobei ich befürchte, dass man sich dafür nach Italien aufmachen muss.

Barolos und Barbarescos tendieren dazu, recht teuer zu sein. Da ich Weinpreise bis € 60 nachvollziehen kann, darüber hinaus allerdings nicht, sind hier nur Empfehlungen gelistet, die sich unter dieser Preisgrenze befinden.

Wenn hier trotzdem einige große Namen fehlen, dann kann das aber auch daran liegen, dass ich ihre Weine nicht kenne (gut möglich), sie nicht mag (schon auch möglich) oder sie nach Kriterien kultiviert und gekeltert werden, die ich für mich ausgeschlossen habe.

Serafino Rivella: Barberesco Montestefano (€ 35)
Cascina Roccalini: Barbaresco Roccalini (€ 30)
Cascina delle Rose: Barbaresco Rabajà  (€ 35)
Sottimano: Barbaresco Pajoré (€ 40)
Cigliutti: Barbaresco Serraboella (€ 40)
Piero Busso: Barbaresco Gallina (€ 49)
Roagna: Barbaresco Paje (€ 55)
Bocchino: Barolo La Serra (€ 45)
Bocchino: Nebbiolo d’Alba La Perucca (€ 25)
Brovia: Barolo Villero (€ 50)
Giacomo Brezza: Barolo Cannubi (€ 35)
Giuseppe Rinaldi: Barolo Cannubi San Lorenzo (€ 50)
Giuseppe Rinaldi: Barolo Brunate Le Coste (€ 50)
Giuseppe Rinaldi. Nebbiolo Langhe (€ 20)
Castello di Verduno: Barolo Monvigliero (€ 45)
Bartolo Mascarello: Barolo (€ 55)
Cascina Fontana: Barolo (€ 40)
Giovanni Manzone: Barolo Castelletto (€ 35)
Carlo Viglione: Barolo (€ 30)
Aldo Conterno: Langhe Nebbiolo Cavot (€ 35)
Ferdinando Principiano: Barolo Ravera (€ 45)
Cascina Val del Prete: Nebbiolo Vigna di Lino  (Roero – € 20)
Antoniotti: Bramaterra (€ 22)
Colombera & Garella: Bramaterra (€ 20, Nebbiolo mit etwas Vespolina und Croatina)
Sergio Barbaglia: Boca (€ 35)
Antoniolo: Juvenia (€ 15)
Togni Rebaioli: 1703 Nebbiolo (€ 16 Val Camonica)
Ar.Pe.Pe:: das komplette Sortiment (Valtellina)

Mariapaola di Cato

Via Colle della Fonte 14
67030 Vittorito (AQ)
Telefon: 3491227903
E-mail: vinicoladicato@alice.it

WEINE

Eugenos Lazzari Felici Malvasia
Eugenos Lazzari Felici Rosato
Nonno Mariano (Montepulciano)

LINKS

Abruzzen

Jahresproduktion: ca.4000 Flaschen
Rebsorten: Malvasia, Montepulciano
Rebfläche: 1 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja (seit 2014)
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Weingut: Alles begann mit Nonno Mariano. Der setzte nach den Raubzügen der Reblaus, die auch vor den Höhen und Hängen der Abruzzen nicht Halt machte, wieder Reben in die Böden rund um Vittorito, einem kleinen Dorf in der Nähe von L’Aquila. Die werden heute von Mariapaola di Cato gepflegt, der Großenkelin, die nach einem weinfernen Studium ihrem Bürojob adieu sagte, um sich fortan mit Montepulciano und Malvasia zu beschäftigen. Ein einziger kleiner Hektar steht ihr derzeit dafür zur Verfügung – der befindet sich auf 400 Meter Höhe mit Blick auf Berge, die nochmals 2000 Meter höher sind und das Klima (kühle Winde, deutliche Tag-Nacht unterschiede) wie auch die Böden (ein von Steinen durchsetztes, karges Kalk-Ton-Gemisch) seit jeher beeinflussen. Dem Montepulciano verleiht das die notwendige Struktur, richtig spannend ist aber der Malvasia, der Körper, Säure, Aromen und Trinkfluss vereint und zeigt, warum das Valle Peligna vor allem für seine weißen Interpretationen geschätzt wird. Seit 2005, als noch ihr Vater für den Weingarten verantwortlich war, wird biologisch (seit 2014 ist man auch zertifiziert) gearbeitet, mit der Übernahme durch Mariapaola wurde dann auch die Herangehensweise im Keller entsprechend naturalisiert.

Man vergärt spontan und setzt auf natürliche Klärprozesse. Der Malvasia Eughenos Lazzari Felici bleibt für drei Tage auf den Schalen, ehe die paar hundert Liter abgepresst und in Glasbehältern fertig vergoren und gelagert werden. Das befördert letztlich Blüten und Steinobstaromen in die Nase, Salz und Steine auf den Gaumen und nur weil der Wein gerade mal 12% Alkohol hat, heißt das noch lange nicht, dass man es mit einem dünnen Federspiel zu tun hat. Daneben gibt es noch regelmäßig den Eughenos Lazzari Felici Rosato aus Montepulciano, der nach einem Tag auf der Maische spontan und ohne Temperaturkontrolle (in der Höhe gärt der Wein ohnehin langsam) vergoren wurde. Geklärt, geschönt und gefiltert wird nicht, allerdings zweimal umgezogen, damit der Wein zumindest einigermaßen trubstoffrei im Auge des Konsumenten schwimmt. Schmecken tut der Eughenos Lazzari Felici (what a name) nach roten Früchten und Zimt, der Körper ist rund, die Textur einladend. Im Normalfall gibt es auch noch einen dunkelroten Montepulciano, den Nonno Mariano, doch hängt das immer auch vom Jahrgang ab – der wird, wenn alles passt über 12 Monate im Holz ausgebaut weder geschönt noch gefiltert und danach noch für ein paar Jahre in der Flasche gelassen. Montepulciano ist und bleibt Montepulciano und liefert folglich ausladende dunkle Aromen (Lakritze, Pfeffer, dunkle Beeren) und spart auch nicht mit Wucht und Kraft.

MONTEPULCIANO: Es gibt Rebsorten, auf die ich immer gut verzichten konnte. Nero d’Avola beispielsweise.  Oder Lagrein.  Barbera. Besonders leicht fiel es mir aber bei Montepulciano d’Abruzzo. Die überkonzentrierten, überambitionierten, überreifen, meist überholzten Versionen wurden für gewöhnlich von unambitionierten, undefinierbaren, flachen, sperrigen und letztlich belanglosen Banalitäten ergänzt, die zwar oft einen Gegenpol bildeten, die Sorte aber auch nicht einladender machten. Aber so wie ich in der Zwischenzeit brillante Antworten auf Nero d’Avola (Gueli, Mortellito und COS), Lagrein (Pranzegg, Nusserhof) und Barbera (Trinchero, Bera, Auriel) gefunden habe, weiß ich in der Zwischenzeit auch, dass es richtig gute Montepulciano gibt. Einen der besten macht Praesidium.

DAS WEINGUT: Praesidium, das waren früher vor allem Enzo und Lucia Pasquale, die das Weingut 1988 gründeten, heute sind es vor allem Ottaviano und Antonia, ihre Kinder. Bewirtschaftet werden insgesamt 5 Hektar in Prezza im Valle Peligna, einer Ecke, die selbst für die ohnehin ruhigen Abruzzen entschleunigt wirkt. Links und rechts steigen die Montagne del Morrone und die Montagne del Maiella auf, zwei Bergmassive, die beim Giro d’Italia oft die Spreu vom Weizen trennen und auf dessen Kuppen und Kämmen auch im Juni noch Schnee liegt.

TERROIR: Praesidiums Montepulciano wurzelt im brettlebenen Talgrund auf 400 Meter Höhe, ist aber doch eminent von seiner Umgebung beeinflusst. Die Blüte ist spät, die Lese ebenfalls und findet für gewöhnlich erst in der zweiten Oktoberhälfte statt. Der Boden ist zwar vom Schwemmland des durch das Tal fließenden Sagittario geprägt, das darunter liegende Gestein ist allerdings felsig und stark kalkhaltig. Obwohl die Bedingungen alles andere als einfach scheinen, weisen schon Chroniken aus dem 18. Jahrhundert Prezza und das benachbarte Bugnara als ideale Standorte für die Sorte aus.

Enzo Pasquale wusste jedenfalls genau, was er tat, als er vor dreißig Jahren die paar Hektar kaufte und damit die Rebfläche seiner Eltern und Großeltern um ein paar Hektar aufstockte. Er beschäftigt sich seit nunmehr über 60 Jahren mit der Sorte und die Leidenschaft und Sorgfalt, die er dafür aufbringt, hat er auch seine beiden Kinder weitergegeben. Die bewirtschaften in einer Zeit, in der alles zertifiziert sein muss, damit es auch geglaubt und gekauft wird, ihr Weingut nun auch offiziell biologisch – laut Ottaviano machte es sein Vater auch nicht anders, nur halt ohne fortwährende Kontrolle. Der Ansatz ist dabei sowohl im Weingarten wie auch im Keller ein handwerklicher und, was schön ist, einer, in dem zumindest im Wortschatz von Ottaviano auch immer wieder das Wort Kultur auftaucht – er sieht Wein als das, was es ist, nämlich als ein Produkt, das aus der Interaktion zwischen Mensch und Natur entsteht – kein Naturwein, ein Kulturwein. Er lenkt beispielsweise den Ertrag über den Rebschnitt, begrünt seine Böden vorwiegend mit Saubohnen, setzt auf eine relativ rigorose Grünlese, manuelle Lese und auch sonst viel Handarbeit.

DIE WEINE: Im Keller, der sich in einer, in den Berg getriebenen Höhle am höchsten Punkt von Prezza befindet, wird dann versucht genau das, was die Weine draußen beeinflusst auch entsprechend im Wein erfahrbar zu machen. Für den Montepulciano setzen sie auf spontane Vergärung im Stahltank und einen zweijährigen Ausbau in gebrauchter französischer und slawonischer Eiche, während der man gelegentlich das Fass streichelt und den Schwund auffüllt. Danach wird ungefiltert und mit einer undramatischen Dosis SO₂ gefüllt und weitere sechs Monate gewartet bis der Wein auf den Markt kommt. Der ist dann für gewöhnlich saftig, konzentriert und engmaschig, hat Tannin, das man spürt und Säure, die den Wein recht schnörkellos in Richtung Gaumen lenkt. Er ist gewichtig, aber auch, wenn man das jemals über einen Montepulciano sagen kann, einigermaßen elegant. Die Frucht ist dunkel aber frisch, der Abgang ist lang, druckvoll und dicht. Spektakulär ist auch noch der zweite Wein von Praesidium, ein Cerasuolo, über dessen Farbe sich jeder Pinot freuen würde und von dem die Alten in Prezza sagen, dass man ihn früher immer so gemacht hat – ein Mittelding zwischen Rotwein und Rosato, rotbeerig, saftig, druckvoll, animierend und fleischig.

Und dann gibt es noch den Ratafìa, einen Likör aus Montepulciano und Kirschschnaps, der zur Bergwelt der Abbruzzen gehört wie Kutteln zu Rom oder Milzbrote zu Palermo. Ratafia schmeckt fantastisch. Wer Schokolade dazu essen will, kann das tun.

Antonio Ognibene macht seit 1973 Wein. Dieses Jahr steht die vierundvierzigste Lese an, Innovationen und Experimente gibt es trotzdem immer noch in regelmäßigen Abständen. Im Weingarten wie im Keller. Dieses Jahr – 2017 – wird sich Antonio beispielsweise zwei große Holzfässer leisten und zumindest einen Teil seiner Weißweine wieder darin vergären und ausbauen. So wie auch schon 1973. Experimente führen nicht immer ausschließlich in die Zukunft, gelegentlich schließen sie auch Kreise und Biographien und geben einen Eindruck davon, wie es einmal war.

„1973 kam ich frisch aus der Weinbauschule“, erzählt Antonio. „Mit all den Lehrmeinungen im Kopf, die damals vorherrschten. Holzfässer für Weißweine hatten darin genauso wenig Platz, wie eine nachhaltige und ökologische Bewirtschaftung der Weingärten. Wir orderten Säcke voll Kunstdünger, Herbizide und Pestizide, pflanzten Merlot, verheizten die Holzfässer und investierten in temperaturgesteuerte Stahltanks.“ 15 Jahre lang verschrieb er sich dem klassisch konventionellen Weinbau, dann hatte er die Schnauze voll. 1989 stellte er auf biologischen Weinbau um, früher als die meisten aus seiner Gegend.

Die Gegend: Das sind die Hügel von Monteveglio, südwestlich von Bologna gelegen, eine steinalte Weinbauregion, die immer ordentliche, selten außerordentliche Weine hervorgebracht hat. In der landwirtschaftlichen Produktionshierarchie hatte Wein zwar elementare Bedeutung, doch waren die Schweinezucht und vor allem die Käseherstellung über lange Zeit noch wichtiger. Die Gewichtung hat sich kaum verändert und als nachdrücklichen Beweis dafür, wuchtet Antonio eine 5 Kilo schwere Mortadella als Begleitung zum Wein auf den Tisch und erzählt weiter.

„Die Schweine wurden hier immer rund um Weihnachten geschlachtet. Zu diesem Zeitpunkt mussten die Weine bereits gefüllt sein, da man danach keine Zeit mehr für sie hatte. Da es allerdings vor ein paar Jahrzehnten im Winter noch richtig kalt war, stellten die meisten Weine den Gärprozess ein, bevor der Zucken komplett umgewandelt war und führten ihn erst im Frühling, bei wärmeren Temperaturen, und dann bereits in der Flasche fort.“

PIGNOLETTO: Da bei der Gärung nicht nur Alkohol sondern auch Kohlensäure entsteht, entstanden auf natürliche Weise Schaumweine, die bis heute den wichtigsten Part der Weinproduktion in den Colli Bolognesi ausmachen. Allen voran aus Pignoletto, einer weißen Sorte mit hoher Säure, die dem Fett von Mortadella & Co.  mit Frische und Lebendigkeit kontert. Antonio keltert aus Pignoletto gleich vier verschiedene Versionen, wobei nur eine davon sprudelt. Ein paar Tage Maischestandzeit sorgen für Saftigkeit und Struktur, 18 Monate in der Flasche für feine Kräuter- und Zitrusaromen und eine dichte Textur. Kontakt mit ihren Schalen haben auch die anderen Versionen: der Bersot, der als zusätzliche Information das Pflanzdatum 1933 auf dem Etikett trägt und nach sechs Monaten im Stahltank (ab 2017 Holz) gelbe Früchte und Blütenaromen in eine kühle, saftige, substantielle und vitale Textur bettet. Und der „Le Anfore“, bei dem der Pignoletto über ein paar Monate hinweg in toskanischen Terrakottagefäße gärt und reift und zur fordernden Säure auch noch ein wenig Gerbstoff, Orangennoten, Honig und Nüsse dazuaddiert.

Antonio mag Amphoren. Auch davon soll es künftig mehr geben. Geschuldet ist seine Leidenschaft keinem Trend (Antonio ist meilenweit von Moden jedweder Art entfernt) sondern der Tatsache, dass man vor einem guten Jahrzehnt unweit von Monteveglio bei Ausgrabungen auf eine bestens erhaltene römische 1000-Liter Amphore stieß. Tief verwurzelt mit seiner Heimat fuhr Antonio auf die andere Seite des Apennins, in die toskanische Töpferhochburg Impruneta und ließ sich ein paar Amphoren brennen, in denen er seither seinen Pignoletto so römisch wie möglich vinifiziert.

ROTE SORTEN: Im Kalk-Ton-Gemisch seiner sieben Hektar wurzeln allerdings nicht nur weiße Sorten (neben Pignoletto auch Alionza, eine alte autochthone Sorte aus der er einen – leider restsüßen – Frizzante keltert), sondern auch Barbera und Negretto. Letztere war bis ins 18. Jahrhundert die große Sorte der Colli Bolognesi. 14000 der damals 20000 Hektar Rebfläche waren mit ihr bestockt und wenn man den Dokumenten der Zeit  glauben darf, muss die Gegend im Herbst in ein beeindruckendes Farbenspiel aus gelben Blättern und tiefdunklen, fast schwarzen (Negr-etto) Trauben getaucht gewesen sein. Danach ging es steil bergab mit der Sorte und heute gibt es nur noch Handvoll Winzer, die daraus Weine keltern. Antonios Version reift über mindestens 12 Monate in großen Holzfässern und vereint Kräuternoten und rote Früchte, nicht zu knapp Gerbstoff und eine erstaunlich elegante Textur.

LOKALE KÜCHE: Antonios Weine lassen sich am besten direkt bei ihm probieren – und zwar möglich von Freitag bis Sonntag, wenn er den Agriturismo aufsperrt, in dem man zwar nicht wohnen aber dafür umso besser essen kann.

WEINE

Bersot
Bersot 1933
PignOro
Le Anfore
Naigaret (Negretto)
Bricco della Invernata
Calstrino
Garò
Chiné

Die Preise der Weine liegen zwischen € 6 und € 15 (2017)

LINKS

Emilia Romagna
Emilia sur lì

Bei Gradizzolo kann man exzellent essen – lokal & rustikal – Öffnungszeiten siehe Webseite

Jahresproduktion: ca.20000 Flaschen
Rebsorten: Pignoletto, Alionza, Barbera, Negretto
Rebfläche: 7 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Antonio Ognibene

Via Invernata n. 2
40050 Monteveglio (BO)
Tel. 051830265
Cell. 3317300553

Azienda Cirelli
Contrada via Colle San Giovanni 1
64032 – ATRI (Teramo)
Tel.: +39 085 8700106
Fax: +39 085.45.14.758
Email: hospitality@agricolacirelli.com
www.agricolacirelli.com

WEINE

Trebbiano d’Abruzzo Anfora

Cerasuolo d’Abruzzo Anfora

Montepulciano d’Abruzzo Anfora

Die Preise der Weine liegen zwischen € 20 – 25 (2017)

LINKS

Abruzzen

Jahresproduktion: ca.30000 Flaschen
Rebsorten: Trebbiano, Montepulciano
Rebfläche: 6 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Fangen wir mal ausnahmsweise mit einem Zitat an: „Während ich Wein mache, stelle ich mir vor ich würde einen Zaubertrank herstellen. Eine Mittel gegen die Traurigkeit, einen Balsam für alte Wunden, ein Getränk das zwar nicht vergessen aber vergeben lässt. Eine existenzielle Äußerung. Meine persönliche Botschaft einer unumschränkten Liebe.“ Die, durchaus ambitionierte, Ansage stammt von Francesco Cirelli und ist man ihm und seinen Weinen erstmal begegnet, würde man die paar Zeilen in Ruhe unterschreiben.

Weingut: Die Azienda Cirelli ist ein Lebensprojekt. Hier fließt die ganze Energie von zwei Personen ein, die zeigen, dass Landwirtschaft auch Leidenschaft bedeuten kann. Neben Francesco ist das seine Frau Michela und was die beiden seit der Gründung 2004 auf die Beine gestellt haben, flößt Respekt ein. Auf 22 Hektar wachsen Oliven- und Feigenbäume, alte Getreidesorten, ein Agriturismo beherbergt Wanderer, Enten watscheln durch die Gegend und Trebbiano und Montepulciano sorgen für die Basis von drei Weinen, die zum Besten gehören, was die Abruzzen zu bieten haben. Das hat gleich mehrere Gründe.

Das Land: Im Schlagschatten des Gran Sasso, Zentralitaliens höchstem Berg und doch nur ein paar Kilometer vom Meer entfernt gelegen, verfügt man über ein Makroklima, das mit seinen Tag-Nacht-Unterschieden tendenziell weiße Rebsorten privilegiert, gleichzeitig aber auch den Montepulciano, die elementare rote Sorte der Region perfekt ausreifen lässt, seiner Wucht und Opulenz jedoch auch Strenge und Straffheit entgegensetzt. Zudem wird die Geradlinigkeit der Weine durch eine geologische Basis forciert, die sich aus Ton, vor allem aber auch Kalk zusammensetzt. Die Bewirtschaftung ist naturgemäß biologisch, hinzu kommt aber auch der leidenschaftliche Versuch den Abläufen der Natur und den Eigenheiten der Rebstöcke auf den Grund zu gehen.

Das alles manifestiert sich in Weinen, die ihren letzten Schliff im Keller bekommen. Entscheidendes Instrumentarien sind dabei ein paar Dutzend toskanischer 800 Liter Amphoren (aus der toskanischen Terracottahochburg Impruneta), die mittlerweile zum Ausbau von sämtlichen Weinen verwendet werden. Wobei  sich Francesco Vinifikationsmethode entscheidend von allen anderen unterscheidet, die ich bezüglich Amphoren kenne. Den Trebbiano maischt er zwar für einen Tag ein, danach wird der Most jedoch abgepresst und ohne Schalen für 9 Monate in die Amphore platziert. Das mag zwar eigenartig klingen, führt letztlich jedoch zu einem Wein, der sich subtil aber bestimmt und mit der Zeit immer deutlicher Blütennoten und Gewürzaromen öffnet, die sich zumindest in meinen Hirn als Anis herausgestellt haben. Gelbe Frucht reiht sich im Hintergrund ein, wobei man davon ausgehen kann, dass sie sich über die Monate und Jahre noch verstärken wird, um dann wiederum irgendwann wieder den Gewürzen den Vortritt zu lassen. Säure, Gleichgewicht, Textur und Trinkfluss passen – reifen, das ist sicher, wird dieser Wein bestens. Ähnlich spannend steht es um den Cerasuolo, die rosa Version des Montepulciano, der ebenfalls nach einem Tag abgepresst und zum Reifen in Amphoren verfrachtet wird. Geradlinigkeit und Trinkfluss kombinieren sich auch hier mit Saftigkeit und einer gewissen Dichte, die aber nie in die Breite geht. Beeindruckend, weil erstaunlich anders, ist der rote Montepulciano, dem es zwar nicht an Kraft und Materie fehlt, aber eben auch nicht an Säure, Tannin und Lebendigkeit. Das relativiert dann auch die Üppigkeit der Aromen, die aber ohnehin ausnahmsweise in eine rote und frische (und nicht dunkle und reife) Fruchtrichtung tendieren. Auch hier macht sich Geduld bezahlt. Abschließend sei ganz kurz gesagt, dass alle drei Weine in ihren Stilistiken zum Besten gehören, was die Abruzzen zu bieten haben.

ps: Alle Weine unterliegen dem Prinzip, „Meno si fa, meglio è – je weniger man macht, desto besser ist es“. Wenn die Weine also erstmal in der Amphore sind, passiert nichts mehr.  Es wird weder geklärt, gefiltert oder geschwefelt.


1 2 3 4 5 6 7 17
Newsletter

Anstehende Veranstaltungen

Es gibt derzeit keine bevorstehenden Veranstaltungen.