Blog Archive

Claudio Plessi ist eine der großen Figuren im biologischen Weinbau der Emilia. Das wissen selbst in der Emilia die wenigsten, was vor allem daran liegt, dass Claudio zwar seit den 70er Jahren immer wieder große Projekte initiiert, sich dabei aber selbst weitgehend zurücknimmt. Folglich sind wir uns erst vor kurzem bei einer dem Lambrusco gewidmeten Verkostung in Vignola erstmals über den Weg gelaufen, wo er eine Handvoll sprudelnder Weine ausschenkte, die sich nicht nur qualitativ von denjenigen der anderen unterschieden. Auch was er einschenkte, sprengte den üblichen Kanon.

Wir starteten mit dem Ruzninteina, einem reinsortigen Ruggine, zu Deutsch „Rost“, einer alten Sorte aus dem Modenese, die ihren Namen ihrer tieforangen Farbe verdankt und nach Trockenfrüchten, Heu und Hefe schmeckt; machten mit dem Sparglàta, einem 100%igen Spergola weiter und krönten die erste Runde mit dem Tarbianein, seinem brillanten, ein wenig barocken, duftigen und mundfüllenden Trebbiano di Spagna.

Zwar pflegt Claudio – wie es sich für die Gegend gehört – die Tradition moussierender Weine, doch belässt er es bei all seinen Weinen bei einem feinen Prickeln, das zwar, ähnlich dezent wie der Winzer, im Hintergrund für Struktur sorgt, anderen Attributen (Aroma, Säure & Textur) allerdings die Bühne überlässt.

Die zweite Runde läutete Claudio mit dem Tàsca Rosato ein. In Rebsorten übersetzt bedeutet das Uva Tosca, in Aromen Kirschen und Unterholz. Uva Tosca ist eine seit ein paar hundert Jahren im emilianischen Apennin beheimatete Sorte, die sich kälte- und frostresistent bis auf 700 Meter hinaufzieht und filigrane, unbeschwerte und aromatisch subtile Weine ergibt, vorausgesetzt man keltert sie so wie Claudio (Vittorio Grazianos exzellenter Smilzo ist ein weiteres Beispiel). Danach wurde es dunkelrot und das heißt in dieser Ecke Italiens Lambrusco grasparossa, die intensivste, kräftigste und forderndste der vielen Lambruscovarianten. Claudios Interpretation macht diesbezüglich keine Ausnahme. Das Tannin ist präsent aber fein, die Aromen sind dunkel (Beeren, Balsam, Erde) und die Struktur ist klar und animierend. Der Wein heißt übrigens Tiepido, eine Referenz an den kleinen Bach, der an seinem Weingarten in Castelnuovo Rangone vorbeifließt und dafür mitverantwortlich ist, dass Claudio auch in den heißesten aller Sommer (2017) nicht bewässert.

Die dritte Runde nahmen wir dann bei Flavio Cantelli in Angriff, dem Eigentümer des Weinguts Maria Bortolotti. Claudio und Flavio bilden eine Art Winzerkollektiv, wobei sie nicht nur die gleichen Ideen vertreten (beide haben die Carta degli intenti dei Vignaioli Arigianali Naturali unterzeichnet), sondern sich auch einen Keller teilen. Was sich allerdings unterscheidet sind die Rebsorten und die Region. Flavios Weingut in Zola Pedrosa befindet sich zwar nur 15 Kilometer von Claudios Weingarten entfernt, doch ist man dort bereits in den Colli Bolognesi und folglich in einer zwar topographisch ähnlichen, ampelographisch allerdings völlig anderen Welt. Flavios wichtigste Sorte ist Pignoletto und statt Lambrusco und Uva Tosca hat er Barbera, der in den bolognesischen Hügeln bereits seit dem 12. Jahrhundert dokumentiert ist und aus dem er einen der besten Rotweine der Emilia keltert – doch davon ein andermal.

Die dritte Runde eröffnete Claudio mit dem Tarbian, seines Zeichens Trebbiano modenese und einer seiner allerbesten und den ausnahmslos sehr guten Weinen. Der Tarbian bleibt als einziger Weißwein für ein paar Tage auf der Maische (Claudio meint, die Sorte verlange danach), was ihm – laut Claudio – zusätzlich Struktur, Substanz und Aromen gibt. Er ist weich und rund, mit einer feinen Perlage und einem Aromaprofil, das Platz für Blüten, Zitrusfrüchte, Salz und Hefe lässt. Unter all den raren Sorten, die wir sukzessive durchprobieren, ist dann auch eine dabei, die noch rarer ist, als alle anderen zuvor und von der Claudio meint, dass er wohl weltweit der Einzige wäre, der sie vinifizieren würde. Der Caveriòl ist zu 100% Festasio, Rot und elegant, mit feinen Tanninen, milder Perlage, reifer roter Frucht und, wie so oft bei ihm, einem erdigen Unterton. Das letzte Wort in der dritten Runde gehört aufs Neue einem Lambrusco: diesmal der Spielart aus Fiorano, dem Ort, wo von Zeit zu Zeit Formel I Boliden die Weingärten beschallen. Der Lambruscaun ist dunkel und fleischig, ein wenig bitter und vielleicht der einzige unter Claudios Weinen, der in einer Cuvèe besser aufgehoben wäre. Doch das widerspräche seiner Idee, die Bandbreite und den Charakter marginalisierter Rebsorten aufzuzeigen – wie eigenwillig sie auch bisweilen sein mögen..

Die vierte Runde trugen wir vor kurzem in Claudios Weingarten aus – zwischen dunklen, reifen Trauben und ganz ohne Wein. Dafür erzählte mir Claudio von seinem Leben als Winzer, dass 1958 als Sechsjähriger begann, als seine Eltern einen ersten Weingarten (Belussi) kauften und er in der Bütte mit den Füßen über die Beeren stampfte. Damals verkaufte man den Großteil der Trauben noch an die Genossenschaft in Settecani und kelterte aus dem Rest Flaschen für den Hausgebrauch.

Mit 18 verabschiedete er sich fürs erste vom tagtäglichen Landleben, studierte in Reggio Emilia Landwirtschaft und forschte danach in Parma und Piacenza weiter. Nicht nur über Wein, sondern auch über alte Olivenarten in der Emilia (die ihn bis heute intensiv beschäftigen), autochthone Kirschensorten und über Hühnerrassen rund um Modena. Daneben blieb noch ausreichend Zeit um sich politisch dort zu positionieren, wo das Herz schlägt, aktiv in der Arbeiteravantgarde mitzuarbeiten und Präsident des Radio Cooperativa Modenese, einem Piratensender zu werden. Bereits als Professor für Landwirtschaft wurde er einer der Vorreiter der biologischen Bewegung der emilia und war 1987 einer der Gründerväter von Il Salto, einem Konsortium biologisch und biodynamisch produzierender Landwirte.

1986 übernahm er den 1958 gepflanzten Hektar, 2004 pflanzte er dann in die Ebene rund um sein Elternhaus 3,5 Hektar mit jenen Reben, die heute das Fundament für seine einmalige Serie an Schaumweinen bilden. Sämtliche Reben stehen in der Ebene, auf einem Gemisch aus Ton und Kalk, über das sich eine feine Sandschicht gelegt hat. Zwischen den Rebzeilen wächst, was wachsen will, gewipfelt wird grundsätzlich nicht, das gelegentliche Zuviel an Blätter entfernt er manuell. Die Lese ist für emilianische Verhältnisse spät, doch weiß er um die Qualität und Resistenz seiner Trauben.

Im Keller läuft alles nach eingespielten Regeln ab. Die Weine werden, je nach Sorte, gar nicht, kurz oder etwas länger mazeriert, spontan vergoren und ohne Temperaturkontrolle in Stahltanks ausgebaut. Gefiltert wird nicht, geschwefelt schon (ca. 30mg/l) Die Zweitgärung findet in der Flasche statt, degorgiert wird nicht.

Claudios Mission ist noch nicht zu Ende. In den letzten Jahren pflanzte er noch eine weitere Sorten aus (Grappello), mit der er demnächst sein ohnehin schon imposantes Sortiment weiter vergrößern wird. Einer fünften Runde steht also nichts im Wege.

Ps: Claudio Plessi tritt seit kurzem auch gelegentlich öffentlich in Erscheinung: beispielsweise schenkt er seine Weine bei der großen Kulturweinverkostung in Fornovo und bei den Zusammenkünften von Emilia sur li aus und wer weiß, vielleicht wird es seine Weine auch irgendwann im deutschsprachigen Raum zu kaufen geben. Lohnen würde es sich allemal.

Claudio Plessi
Stradello Monari 11, Castelnuovo R. (MO)
Telefono: 366.3955807
E-mail: claudioplessi@gmail.com

WEINE

Ruzinteina (Ruggine)
Tarbianein (Trebbiano di Spagna)
Tarbian (Trebbiano modenese)
Sparglata (Spergola)
Tàsca rosato (Uva tosca)
Tiepido (Lambrusco grasparossa)
Caveriòl (Festasio)
Lambruscaun (Lambrusco di Fiorano)
Sgavàta (Sgavetta)

Die Preise der Weine liegen zwischen € 9 und € 16 (2017)

Claudio Plessi ist Unterzeichner der Carta d’intenti dei Vignaioli Artigianali Naturali  und Mitglied bei Emilia sur li.

Jahresproduktion: ca.15000 Flaschen
Rebsorten: Trabbiano di Spagna, Trebbiano modenese, Spergola, Ruggine, Lambrusco grasparossa, Lambrusco di Fiorano, Sgavetta, Festasio, Grappello, Uva Tosca
Rebfläche: 4 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: ja, alle paar Jahre
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja – am Weingut Bortolotti und nach Voranmeldung
Wohnmöglichkeit: nein

Podere Cervarola
Via per Castelvetro/Villabianca

WEINE

Rondinina (rosato frizzante – Lambrusco Grasparossa)
Cenerino (rosso frizzante – Lambrusco Grasparossa)

Jahresproduktion: ca.4000 Flaschen
Rebsorten: Lambrusco Grasparossa, ausgepflanzt wurden zudem Trebbiano modenese, Trebbiano di Spagna und Occhio di gatto
Rebfläche: 1 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: nein
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Andrea della Casa gehört zu jener mutigen Truppe an Winzern, die ihren alten Job an den Nagel gehängt und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Nach Jahren als technischer Zeichner hat sich Andrea nochmals auf die Schulbank gesetzt, Landwirtschaft studiert, um sich danach – gemeinsam mit seiner Partnerin Raffaella Caselli einen Hektar Land an der Peripherie von Castelvetro di Modena zu kaufen.

Idee: Bestockt war der Weingarten bereits mit alten Lambrusco-Grasparossa-Reben, neben die die beiden auch noch Trebbiano modenese, Trebbiano di spagna und Occhio di gatto, autochthone Sorten aus der Region gesetzt haben. Zum einen, weil sie von ihrer Qualität überzeugt sind (und wer je die Trebbianoversionen von Vittorio Graziano und Claudio Plessi probiert hat, weiß, dass sie damit nicht falsch liegen), zum anderen, weil sie zu der wachsenden Anzahl von Weinbauern zählen, die Landwirtschaft (und eben auch Weinbau) und die Konservierung und Diversität lokaler Sorten auch als Kulturauftrag verstehen.

Wer mit einer solcher Haltung Reben pflanzt bzw. rekultiviert, arbeitet für gewöhnlich auch im Weingarten bewusst und sorgfältig und folglich wundert es nicht, dass Andrea und Raffaela von Anfang ihre kleine Rebfläche biologisch bewirtschafteten. Auch beim Ertrag setzen die beiden auf Mengen, die ihnen die Möglichkeit geben, hohe Qualitäten zu produzieren. Statt mit den industrieüblichen 15000 Kilo am Hektar begnügt man sich mit 4000-5000. Und das schmeckt man.

Mit dem Jahrgang  2016 gibt es nun die beiden ersten, mit der gleichen Intention vinifizierten Weine: die erste Gärung fand dabei in Zementzisternen statt, die zweite (mit dem noch vorhandenen Restzucker der Erstgärung) in der Flasche (methode ancestrale) – auf das Degorgieren verzichtete man genauso wie aufs Filtern, 5 mg Sulfit auf die Maische sind die einzige Konzession ans italienische Lagerhaus.

WEINE: Der Rondinina ist ein geradliniger, erdiger Rosato, der allerdings schnell auch noch ein paar Beerennoten in den Talon wirft und die zwei, drei Gramm Restzucker zu viel, mit lebhafter Säure auffängt. Richtig Substanz hat dann der Cenerino, der nach 6 Tagen auf den Schalen ausreichend Tannin hat, um dem Wein Struktur, Charakter und Richtung zu geben und außerdem noch einen fleischigen Unterton, der bestens zur dunklen Frucht passt. Da die beiden naheliegenderweise nicht warten wollten, gibt es den Cenerino schon jetzt, wobei man keinen Fehler macht, wenn man ein paar Flaschen davon im Keller verstaut.

Die Weine gibt es meines Wissens nur ab Hof. Das wird sich mit Sicherheit ändern: wer sich aber zurzeit in der Ecke aufhält, sollte die Gelegenheit nutzen und bei den beiden vorbeischauen.

Sardinien, meinen die Sarden, sei ein Kontinent für sich. Das mag für all jene, die vom Festland rüber auf die 24000 qkm große Insel schauen, maßlos übertrieben klingen, ist man allerdings erstmal dort, kann man dieser Einschätzung allerdings einiges abgewinnen. Vermutlich war diese Wahrnehmung vor ein paar Jahrzehnten (und Jahrhunderten sowieso) noch wesentlich ausgeprägter, als man sich, fernab vom Festland und vom Fernseher, zumindest in weiten Teilen des Landes auf sardisch unterhielt und ansonsten in Dialekten, die oft mehr französische als italienische Anklänge hatten.

Die geographische Sonderstellung mitten im Mittelmeer und die topographische Konstellation der Insel sorgten jedenfalls dafür, dass es in vielen Teilen der Insel Einflüsse von außen nur selten gab. Setzte sich jedoch irgendwann ein Habitus durch, dann blieb er auch, wurde weiter kultiviert und irgendwann auch Bestandteil sardischer Identität. Kulinarisch spiegelt sich das in einer völlig eigenständigen Esskultur wider, die zwar gelegentliche Überschneidungen mit der italienischen Küche aufweist, meist jedoch ganz eigene Wege eingeschlagen hat (wer wissen will, was es mit Casu marzu, Bottarga, Fregula, Casizol oder Su porceddu auf sich hat, dem sei die exzellente deutschsprachige Seite: www.sardinien-auf-den-tisch.eu empfohlen: HP weiß wirklich, was in Sardinien vor sich geht und vor sich gegangen ist). Vitikulturell sieht das nicht anders aus.

Seit gut 3000 Jahren wird auf Sardinien Wein gekeltert, länger als irgendwo sonst im heutigen Italien. Verantwortlich dafür dürften zuallererst die Phönizier gewesen sein, die nicht nur Cagliari gründeten, sondern auch ein paar Rebstöcke in die Böden der Insel setzten. Sollte es sich dabei tatsächlich um Nuragus und Malvasia gehandelt haben – wie nicht nur eingefleischte Sarden, sondern auch seriöse Ampelographen behaupten –  wären die beiden auch heute noch gerne kultivierte Sorten, die mitunter ältesten der Welt. Etrusker, Punier, Römer, Byzantiner, Araber und Spanier machten damit weiter und sorgten zudem auch immer wieder für neue Anpflanzungen. Auf das Konto der Spanier geht beispielsweise Monica, lokal auch Mora di Spagna genannt, die heute in Punkto Quantität drittwichtigste Sorte der Insel, vor allem aber Cannonau, international besser bekannt unter den Namen Grenache oder Garnacha. Cannonau dürfte im Zuge der Eroberung Algheros 1354 durch Peter IV von Aragon nach Sardinien gebracht worden sein. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie dann langsam ihren Siegeszug über die gesamte Insel angetreten; 7700 Hektar Rebfläche legen davon Zeugnis ab.

Auch wenn der Weinbau auf Sardinien aufgrund der meist sandigen Böden und der oft chronischer Trockenheit nie einfach gewesen sein dürfte, gab es abgesehen vom frühen Mittelalter keine Phase in der steinalten Geschichte der Insel, in der Wein nicht eine eminente Rolle gespielt hätte. Das führte neben einer beeindruckenden Bandbreite autochthoner und bis heute angebauter Reben (Pascale, Bovale, Torbato, Nieddera, Cagnulari, Barbera sarda, Girò, Nasco, Granazza – ganz fantastisch ist Giuseppe Sedilesus Perda Pintà, ein 16,5%es Weißweinkoloss, das trotz des atemberaubenden Alkohols unfassbarerweise Spaß macht und sogar Trinkfluss hat – Muristellu, Semidano…) auch zur Etablierung eigener Erziehungssysteme und Weinstilistiken. Vernaccia di Oristano beispielsweise ist ein unter Florhefe reifender sherryähnlicher Wein, dem allerdings kein Alkohol beigesetzt wird und der klassisch oxidative Noten (Mandeln, Trockenfrüchte) mit etwas Restsüße kombiniert. Malvasia di Bosa wird ebenfalls seit Jahrhunderten gekeltert, wobei man sich bei seiner Produktion seit jeher alle stilistische Optionen offen gelassen hat. Das hat dazu geführt, dass jeder Winzer seine eigene Herangehensweise hat  – mit dem einzigen gemeinsamen Nenner, dass Malvasia di Bosa immer süß ist. Den besten keltert übrigens Giovanni Battista Columbu, dem Jonathan Nossiter in seinem Film Mondovino ein kleines Denkmal gesetzt hat und von dem man in Sardinien sagt, dass er, der neben seiner Tätigkeit als Winzer auch für den Partito sardo d’Azione arbeitete, der einzige sardische Politiker war, der nach seiner politischen Karriere noch im selben Haus wohnte wie davor.

Auch wenn rote Sorten in Sardinien mit 69% Rebfläche ganz klar den Ton angeben, ist es doch dem weißen Vermentino di Gallura vorbehalten, als einzigem Wein DOCG-Status zu genießen. Wie auch in anderen Regionen Italiens ist das nur bedingt nachvollziehbar. Zum einen, weil es zumindest meiner Ansicht nach keine wirklich herausragenden Beispiele dafür gibt (wobei ich gestehe, dass ich auch nicht alle relevanten Vermentini kenne), zum anderen, weil es Regionen gibt, die es sich ebenfalls (oder eben mehr) verdient hätten.

Allen voran die Cannonau-Hochburgen rund um Mamoiada, einem kleinen, auf 650 Metern gelegenem Ort, in dem zwar extrem alkoholische aber eben auch strukturierte, komplexe und ausbalancierte Weine gekeltert werden. Diese Balance zwischen immensem Alkohol und erstaunlichem Trinkfluss, die nicht nur in Mamaoiada sondern auf der ganzen Insel ein einigender Nenner zu sein scheint, hat mehrere Gründe: zum einen verweist man gerne auf die unzähligen alten Rebstöcke, die an die Trockenheit gewöhnt sind, tief wurzeln, für eine ausreichende Nährstoffversorgung und folglich auch für Gleichgewicht sorgen. In vielen Regionen – unter anderem rund um Mamoiada – findet man zudem Weingärten auf 700 Metern und mehr, was zu ordentlichen Tag-Nacht-Unterschieden und weiterführend zu kühl strukturierten Weinen führt. Ein dritter und ebenfalls wesentlicher Faktor ist der Wind – der bläst Tag und Nacht über die Insel und tut das seine, um den Weinen eine erstaunliche Leichigkeit einzuhauchen.

Wind sollte im Verbund mit der Trockenheit eigentlich auch Anreiz für nachhaltigen Weinbau sein, doch davon spürt man, zumindest zurzeit noch, sehr wenig. Gerade einmal ein knappes Dutzend Winzer hat sich biologischer Bewirtschaftung verschrieben, wobei sich auch in Mamoiada zwei exzellente Beispiele dafür finden. Giovanni Montisci und Giuseppe Sedilesu setzen nicht nur auf pestizidfreien Weinbau, sie arbeiten auch im Keller entsprechend weiter und machen beide eine Palette an exzellenten Weinen – in ihrem Schatten keltern zudem Giampietro Puggioni und Giampaolo Paddeu erstklassige Cannonau.

Aber auch im Nordwesten und im Süden der Insel trifft man auf Winzer, mit denen man sich genauer beschäftigen sollte. Unter den Radikalen Sardiniens bzw. den wenigen, die im Weingarten auf Kultur statt auf Chemie und im Keller auf Handwerk statt auf Hochtechnologie setzen, gehört die Tenuta Dettori völlig zurecht zu den bekanntesten. Ihre Weine sind komplex und kompromisslos, getreue Abbilder ihrer natürlichen Voraussetzungen und ihrer Sorte. Dieselbe Herangehensweise verfolgt 80 Kilometer nördlich von Cagliari, in Nurri, Gianfranco Manca von Panevino, der wuchtige und oft wilde Weine keltert – extreme aber lohnenswerte Gegenentwürfe zu den Weinen vieler Winzer und Genossenschaften, die zwar auf autochthone Sorten setzen, diesen jedoch durch konventionelle Methoden im Weingarten und einem übertechnisierten Ansatz im Keller Charakter und Originalität rauben.

LINKS

www.sardinien-auf-den-tisch.eu: HP Bröckerhoffs erstklassiger Blog über die kulinarische Seite Sardiniens (deutsch)

WINZER

Tenuta Dettori
Panevino
Giuseppe Sedilesu
Giovanni Montisci
Giovanni Battista Colombu
Paddeu
Giampietro Puggioni
Altea Illotto
Cantina Gostolai
Giuseppe Pusceddu
Pusole
Tanca Gioia

EIN PAAR EMPFEHLUNGEN

Weiß 

Sedilesu: Perda Pintà (Granazza)
Dettori: Dettori bianco (Vermentino)
Panevino: Cacadie (NURAGUS – SEMIDANO – VERMENTINO – VERNACCIA – MALVASIA – NASCO – TZAKKARREDDA)
Panevino: Alvas (Retallada, Vernaccia, Nuragus, Seminano, Vermentino, Malvasia, Nasce)
Altea Illotto: Papilio (Nuragus (90%), Vermentino, Nasce)
Orro: Vernaccia di Oristano
Columbu: Malvasia di Bosa Alvarega

Rot

Sedilesu: Mamuthone (Cannonau)
Sedilesu: S’Annada (Cannonau)
Dettori: Tenores (Retagliadu Nieddu – Cannonau storico)
Dettori: Chimbanta (Monica)
Dettori: Ottomarzo (Pascale)
Montisci: Cannonau Riserva Barrosu
Montisci: Cannonau Riserva Franzisca
Paddeu: Mineddu (Cannonau)
Panevino: Pikadè (Monica-Carignano)
Panevino: Boxi e Croxiu (Monica-Carignano)
Puggione: Mamuthone (Cannonau)
Gostolai: Nepente Riserva d’Annunzio (Cannonau)
Pusceddu: Meigamma Primo (Muristellu 90%, CS 10%)
Pusceddu: Meigamma secondo (Cannonau)
Pusceddu: Meigamma Terzo (Carignano)
Pusole: Cannonau di Sardegna

Sardische Rebsorten

Sardinien verfügt über ein immenses Repertoire an tridtionellen und autochthonen Rebsorten. Im deutschsprachigen Raum hat man es meistens mit Cannonau zu tun, wer allerdings auf der Insel sollte sich auch durch den Rest, allen voran Carignano, Bovale und Monica, probieren.

Rote Sorten

Cannonau
Monica
Pascale
Bovale
Carignano
Barbera sarda
Nieddera
Girò
Cagnaluri
Muristellu
Caddiu
Caricagiola

Weiße Sorten

Vermentino
Nuragus
Vernaccia di Oristano
Malvasia
Semidano
Granazza
Torbato
Nasco
Tzakkarredda
Retallada
Albaranzeuli
Arvesinadu
Alvarega

 

Andrea Tirelli lebt in Montale Celli in den Colli Tortonesi an der vinographischen Peripherie des Piemonts eingeklemmt zwischen zwei Legenden. Direkt über ihm in Castellania wurde der große Fausto Coppi geboren, direkt unter ihm werkt Walter Massa an seinem Ruf der beste Winzer der Colli Tortonesi zu sein – er war definitiv ihr Pionier. Andrea siedelte 2002 in die Hügel südlich von Tortona und setzte dort die Arbeit fort, die sein Onkel Jahrzehnte davor begonnen hatte. Die Intention freilich ist seine eigene und die basiert vor allem darauf, die natürliche Gegebenheiten so präzise wie möglich wiederzugeben und orignelle und doch auch zugängliche Weine zu kreiieren.

Dafür hat er genau sechs Hektar zur Verfügung, wobei bislang nur vier davon mit Reben bestockt sind. Dass es dabei nicht bleiben muss, demonstrierte Andrea vor kurzem, als er beschloss, eine brachliegende Fläche mit Timorasso, eine der besten und gleichzeitig unbekanntesten weißen Rebsorten des nördlichen Italiens, zu bestocken. Der Untergrund, aus dem ansonsten Barbera, Dolcetto, Freisa und Cortese wachsen, besteht größtenteils aus Ton, wobei sich immer wieder kalkige Abschnitte dazwischen legen. Zwischen 250-300 Meter hoch gelegen, ist das Klima schon eher auf der frischeren Seite, wobei die Reben generell der Sonne, wenn sie denn scheint, in süd-süd-westlicher Exposition ausgeliefert sind.

Der Ansatz von Andrea ist jener klassischer Naturweinwinzer und das war so, seit er von seinem Onkel das Weingut übernommen hat. Er bedient sich biodynamischer Ideen ohne bisher zertifiziert worden zu sein, neben den Rebreihen finden sich Obstbäume und dazwischen ein Meer an Kräutern und Pflanzen. Die Erträge sind minimal (alljährlich produziert er zurzeit 10000 Flaschen) und die Lese findet genau dann statt, wann die Trauben am besten schmecken und nicht wann der Refraktometer ausschlagt oder die analytischen Werte perfekt sind.

Andreas Selbstverständnis ist verankert in einer dem Landstrich verpflichteten Tradition. Früher waren die Colli Tortonesi geprägt von kleinen Höfen. Die Hänge waren mit Trauben und Obstbäumen bepflanzt und auch wenn das heute nicht mehr so ist und die meisten Bauern ihre paar Trauben an die Genossenschaften abliefern und viele der Obstbäume einem um sich greifenden Wald gewichen sind, gibt es doch noch (oder besser gesagt wieder) ein paar wenige (Wein)bauern, die in dem alten auch den neuen Weg sehen: Valli Unite oder Daniele Ricci sind große Beispiele, Andrea ist ein weiteres.

Im Keller setzt er diese Philosophie fort. Die Weine, die dort entstehen, wurden wie einst lange mazeriert, Tannine und Säure spürt man und gerade das macht ihre Substanz und Authentizität aus. Die Gärung startet spontan, Temperaturkontrolle gibt es keine, der Ausbau erfolgt zumeist in Zement oder Holz und, das ist von entscheidender Bedeutung, mit großer Gelassenheit und Langsamkeit.

Andrea Tirelli

15050 Costa Vescovato (Alessandria)
Frazione Montale Celli
Via XX Settembre 4
Tel.: 0039 0131/838172
mobil: 0039 340/2326134
vinotirelli@libero.it

WEINE

Nibirú (Dolcetto)

Terrapura (Barbera)

Muntá (Cortese)

Jahresproduktion: 7000 Flaschen
Rebsorten: Barbera, Dolcetto, Freisa, Cortese, Timorasso
Rebfläche : 4 Hektar
Manuelle Lese: ja
Dünger: ja
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biodynamisch: nicht zertifiziert
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: ja

Enzo Marcolini ist ein lebhafter, seinem Berg und seinen Rebstöcken zutiefst verbundener Mann. Für den Berg, den Monte Caro, opferte er seine Karriere als Fotograf und folgte seinem Wunsch in und mit der Natur zu arbeiten. Das war 1989, also vor knapp 30 Jahren und die Begeisterung, die Enzo bis heute vermittelt, legt den Schluss nahe, dass er diese Entscheidung nicht bereut.

Der Monte Caro liegt in Mezzane di Sotto, im Osten des Valpolicella. Seine Hänge sind steil, bisweilen terrassiert und basieren auf Kalk und zwar in solchen Mengen, dass sich bis zu Enzos Plan, dort Reben anzupflanzen, niemand fand, der gewillt war, in seine Erde auch nur irgendetwas zu kultivieren (unter der einheimischen Bevölkerung galt der Monte Caro als „sassaia“ – als Steinhaufen, von dem man besser die Finger ließ).

Weiße Gesteinsbrocken liegen folglich quer durch die Weingärten verstreut und drücken nicht nur dem Landschaftsbild sondern auch den Weinen ihren Stempel auf. Insgesamt sieben Hektar besitzt Enzo am Monte Caro, der größte Teil davon ist, wie üblich im Valpolicella, mit Corvina bestockt, den Rest machen Corvinone, Rondinella und ein wenig Cabernet aus, dem Enzo sechs Rebreihen gewidmet hat, als sich die Sorte gerade am Gipfel ihrer Popularität befand.

Die Weingärten schauen allesamt in Richtung Südosten und sind – mit Ausnahme des Cabernets und ein paar Reihen Corvina (Guyot) – in unterschiedlichen Pergolasystemen (der traditionellen Pergola veronese und einer Pergolavariante aus dem Trentino) erzogen. Das hat den doppelten Vorteil, dass man abends keine oder nur wenig Sonne hat und zudem in den Pergolen über eine ausreichende Beschattung und Belüftung verfügt. Die Weine akkumulieren folglich einen Tick weniger Zucker, verfügen dafür aber über eine etwas höhere Säure, zwei Faktoren, die vor allem dem Amarone und dem Valpolicella superiore zu Gute kommen.

Gearbeitet wird biologisch, unzertifiziert, was vor allem der Skepsis gegenüber den laschen Kellerrichtlinien der EU geschuldet ist. Eigene Weine keltert man übrigens erst seit 2014, davor wurden die Trauben verkauft. Erst mit dem Eintritt und dem Drängen seiner beider Kinder Giorgio und Emanuela entschloss sich Enzo auch zum letzten Schritt, was sich definitiv als weise Entscheidung herausgestellt hat.

Er bzw. Giorgio, der im Keller das letzte Wort hat, vinifizieren ohne allzu große Eingriffe – man reguliert die Temperatur und schwefelt vor der Füllung – sieht man davon ab, dass man bei der Herstellung von Amarone durch das Appassimento natürlich immer interveniert. Ein paar außergewöhnliche Entscheidungen seien trotzdem kurz erwähnt: zum einen baut man sämtliche Weine – einmalig im Valpolicella – im Stahltank aus, was, vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass man erstmal schauen wollte, wie alles funktioniert, bevor man besinnungslos in neue Holzfässer investiert. Zum zweiten verzichtet man auf den Ripasso, einen Weinstil, den Enzo als famose Marketingidee betrachtet, der ihn aber ansonsten nicht interessiert.

Dafür legt er auf die Basis viel Wert, den einfachen Valpolicella 2016, der ziemlich genau so ausfällt wie man sich klassische Valpolicella vorstellt: er ist leicht und luftig aber nicht banal, fruchtig aber nicht nur, ausbalanciert, geradlinig, agil und belebend. Die Vermutung, dass die Paprika- und Minzaromen auf die Kappe des Cabernet gehen, bestätigen sich nicht. Das läge am Corvinone, erklärt Emanuela, die sich um die Verkostung kümmert, der – zumindest in ihrem Terrain – ebenfalls zu intensiven Kräuter- und Paprikaaromen imstande sei. Der Valpolicella Superiore 2015 ist mit teilweise getrockneten Trauben vinifiziert, gehaltvoller, dichter und aromatischer. Die Frucht wirkt süßer, wobei am Gaumen wiederum fast klösterliche Strenge eintritt. Das Tannin zeigt seine Krallen, doch macht gerade das Spaß. Der Amarone ist  kompakt und animierend, was zum einen am Jahrgang (2014) zum anderen am Stahltank liegen mag. Er ist jedenfalls erstaunlich frisch und bekömmlich, auch wenn die Frucht dunkel und süß und der Körper substantiell ausfällt. An Corvinone und seine sensorischen Ausprägungen (Paprika, Eukalyptus, Minze) mangelt es auch hier nicht. Die Textur ist wie schon beim Superiore widerspenstig, das Tannin packt zu und liefert einen erfreulichen Gegenentwurf zu den oft weichgespülten Versionen vieler anderer Winzer und auch die Säure spielt einen strengen und nicht unbedeutenden Part.


1 2 3 4 6
Newsletter

Anstehende Veranstaltungen

Es gibt derzeit keine bevorstehenden Veranstaltungen.