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In der Emilia blubbert es. Laut und vernehmlich steigen die Perlen auf und sorgen für kleine und größere Explosionen. Seit Menschengedenken Hochburg des Sprudels hat man sich in den letzten Jahren mit billigstem Industrielambrusco den Ruf derart versaut, dass selbst in den Köpfen der Fuseltrinker die Alarmglocken läuten. Wie schade das ist, beweisen seit Jahren gut zwei Dutzend Winzer, die bisweilen Schaumweine abfüllen, dass es nur so kracht (methode champenoise). Und zwar nicht nur (aber eben auch) Lambrusco. Im wilden Westen der Emilia, rund um Piacenza, vinifiziert man seit einiger Zeit wieder richtig guten Gutturnio (ebenfalls rot und ebenfalls sprudelig, doch nicht aus einer der Lambruscotrauben, sondern aus Barbera und Bonarda gekeltert). Rund um Parma sprudelt es ebenfalls, und zwar in rot (meistens Lambrusco aber auch Pinot Nero und Barbera), weiß (Malvasia, Trebbiano, Sauvignon) und orange (Alberto Carretti von der Podere Pradarolo keltert mit dem Vej, einen der spannendsten Schaumweine Italiens). Danach beginnt die große Zone des Lambrusco, wobei Lambrusco nicht gleich Lambrusco ist. Im Gegenteil. Lambrusco ist eine achtköpfige Familie, deren Mitglieder so unterschiedlich sind wie Groucho, Harpo und Karl Marx. Ergänzt wird die Region außerdem um Spergola, die still richtig gut, sprudelnd noch besser sein kann. Abgeschlossen wird die Emilia von den Colli Bolognesi und auch dort gluckst, perlt und gurgelt es. Schuld daran hat die Pignoletto, die man ebenfalls seit Urzeiten in der Flasche zu Ende gären lässt und von der es seit kurzem auch wieder ein paar lohnenswerte Versionen gibt (Gradizzolo, Bortolotti, Orsi).

Mit dem Jahr 2016 haben nun 25 Winzer ihre Kräfte gebündelt und EMILIA SUR LÌ ins Leben gerufen. Abseits ihrer Herkunft (Emilia) teilen sie weitere Gemeinsamkeiten: sie werden allesamt biologisch oder biodynamisch bewirtschaftet und im Keller spontan vergoren, ehe eine Zweitgärung (ancestral oder champenoise) in der Flasche stattfindet. Einziges Additiv ist SO₂.

Gelegentlich finden auch Verkostungen der zwei Dutzend Winzer statt und wer wissen will, wo zurzeit die mitunter besten, spannendsten und originellsten Schaumweine Italiens gekeltert werden, sollte unbedingt daran teilnehmen. ENTSPRECHENDE DATEN FINDEN SICH ENTWEDER HIER ODER HIER ODER HIER.

WINZER

Az. Agr. Gaetano Solenghi
Soc. Agr. Casè
Tenuta vitivinicola Croci
Az. Agr. Camillo Donati
Az. Agr. Crocizia
Podere Pradarolo
Az. Agr. I Cinque Campi
Az. Agr. il Farneto
Az. Agr. Podere Cipolla
Az. Agr. Podere Magia
Az. Agr. Quarticello
Az. Agr. Storchi
Az. Vinicola Ca‘ de Noci
Le Barbaterre
Angol d’amig Il vino con Diogene
Az. Agr. Claudio Plessi
Az. Agr. Luciano Saetti
Bergianti vino
Cantina Vittorio Graziano
Az. Agr. Gradizzolo
Az. Vitivinicola Maria Bortolotti

Die Vignaioli Artigiani Naturali sind eine 2016 gegründete, 35 Winzer umfassende Gruppe, deren Mitglieder aus ganz Italien stammen. Transparenz der Produktionskriterien und eine entsprechende Kommunikation haben oberste Priorität. Zwar setzt man auf einigende Prinzipien im Weingarten und Keller, hinzu kommt aber auch ein kultureller Anspruch, der die Diversität und Eigenheiten der einzelnen Regionen und Subregionen betont. Im Weingärten wird entweder biologisch oder biodynamisch gearbeitet.

Unter dem Ausdruck NATURALE versteht man bei den Vignaioli Artigiani Naturali ein kulturelles, philosophisches und spirituelles Konzept, dass die Beziehung zwischen Mensch und Natur in den Mittelpunkt rückt. Entscheidende Bedeutung in diesem Konzept hat die Vergärung mit wilden Hefen – dieser Prozess einer natürlichen Transformation von Most in Wein wird als Brücke zwischen der Arbeit im Weingarten und der im Keller angesehen und steht ganz wesentlich für die Einzigartigkeit des jeweiligen Jahrgangs und des spezifischen Terroirs.

PRINZIPIEN

Die Kernpunkte des Programms:

  • die Trauben stammen allesamt aus biologischer oder biodynamischer Landwirtschaft (auch selbst-zertifiziert) und werden per Hand gelesen (die Mitglieder der Vereinigung akzeptieren Analysen auf eventuell Pestizidrückstände oder bezüglich der Sulfitwerte)
  • die Gärung startet spontan und ohne die Verwendung von Reinzuchthefen
  • die Sulfitobergrenze liegt bei 40 mg/l, unabhängig davon wie hoch der Restzuckergehalt ist.
  • die Vinifikation findet ohne Additiva oder önologische Hilfsmittel statt.
  • die Vinifikation erlaubt keine invasiven physikalischen Behandlungen (Umkehrosmosen,Cross-Flow- Filtration, Pasteurisation, Thermovinifikation, Sterilfiltration etc.)

Das Original findet man HIER

DIE MITGLIEDER

Abruzzo
Colle San Massimo
Ludovico Enzo
Basilicata
Az. Agr. Camerlengo
Calabria
Az. agr. Diana Biagio
Campania
Az. Agr. Casebianche
Az. Agr. Cantina dell’Angelo
La cantina di Enza
Salvatore Magnoni
Il Cancelliere Azienda Vitivinicola
I Cacciagalli
Podere Veneri Vecchio
Emilia Romagna
Claudio Plessi
Podere Pradarolo
Maria Bortolotti
Lazio
Az. agr. Palazzo Tronconi
Cantina Ribelà
Il Vinco
Podere Orto
Occhipinti Andrea
Piemonte
Tenuta Grillo
Az. agr. Vitivinicola Saccoletto
Az. Agr. Carussin
Az. Agr. Cascina Zerbetta
Tirelli Andrea
Puglia
Tenuta Macchiarola
Sicilia
Dos Tierras
Bruno Ferrara Sardo
Vini Enò-trio di Nunzio Puglisi
Toscana
Podere Casaccia
Al Podere di Rosa di Giuli Paolo
Cooperativa La Ginestra
La Busattina
Podere Borgaruccio – Terre del Ving
Umbria
Podere Fontesecca
Fattoria Mani di Luna

Ich habe vor kurzem Clark Smiths Buch Postmodern Winemaking gelesen. Smith schwört auf Mikrooxidation und künstliche Alkoholreduzierung bei seinen Weinen – das muss man nicht mögen aber immerhin macht er auch kein Geheimnis daraus. Gleichzeitig widmet er sich in einem Kapitel aber auch dem „Nonsense natural wine“. Viel Nonsense lässt sich darin nicht finden, im Gegenteil, irgendwann hat man das Gefühl, dass Clark diese Weine eigentlich ganz gerne trinkt. Was das eher mäßige Resümee spannend macht, ist dann allerdings eine wirklich interessante Frage, die sich CS stellt: Why are there no rules for natural wine?

Tja, WHY? Es gibt Regeln für Bioweine, biodynamische Weine, für koschere und konventionelle Weine, einzig Naturweine stehen ohne einen Katalog aus Gesetzen und Regeln da. Die Anarchisten unter uns mögen das richtig gut finden und die Neoliberalen sowieso, dezidierte Naturweinwinzer allerdings sollten über diese Tatsache eher bestürzt sein.

Lässt man die letzten Jahre kurz Revue passieren, wird man selbst als Freund konventioneller Weine nicht umhin können zuzugeben, dass die Naturweinnische für eine Menge spannender Momente maßgeblich entscheidend war. Naturweinwinzer sind ein experimentierfreudiger Menschenschlag, eine Avantgarde, die – so paradox das klingen mag – oft auf weit zurückliegende Traditionen zurückgreift und diese entweder wieder schmeckbar macht oder aber neu interpretiert. Einige dieser Innovationen wurden in der Zwischenzeit stillschweigend und manchmal auch recht laut von konventionellen Winzern übernommen (dagegen spricht nichts, im Gegenteil) und bisweilen hat man die Gelegenheit auch gleich genutzt, um sich das Wort natürlich auszuborgen. Das ist schon etwas heikler, da ein bisschen Maischegärung oder ein Betonei einen Wein zwar oft spannender aber nicht wirklich natürlicher machen, da es  allerdings keine Regeln und  Gesetzgebungen gibt, spricht dagegen naturgemäß auch nichts.

Wein ist ein Kulturprodukt und folglich ist kein Wein im eigentlichen Sinne ganz natürlich – Winzer treffen generell Entscheidungen, im Weingarten wie im Keller. Zwischen minimaler und maximaler Intervention gibt es allerdings eine Anzahl von Abstufungen, die von quasi NULL bis zu einem intensiven Einsatz diverser Chemikalien und technologischer Prozesse reichen. Da ein nicht unwesentlicher Teil davon auch in den Kellerrichtlinien der Bioweinverordnung aus dem Jahr 2012 zugelassen ist, Naturweinwinzer allerdings (zumindest in meiner Interpretation) auf Reinzuchthefen, Hefenährstoffe, Schönungsmittel, Enzyme, Chaptalisierung etc. verzichten und Schwefeldioxid nur in geringen Mengen einsetzen, wäre ein eigenes Regulativ für Naturwein eigentlich eine Notwendigkeit.

Was kann man also tun, um zu demonstrieren, dass man als Winzer minimalst interveniert oder aber als Konsument an eine Flasche Wein kommt, an der möglichst wenig manipuliert wurde. Da von offizieller Seite wenig Interesse vorhanden zu sein scheint, am Status Quo etwas zu ändern, ist es vorerst wohl das beste sich kleineren und größeren  Institutionen und Gruppierungen,  die ihre eigenen, teils rigorosen Regeln aufstellen, anzuschließen oder sich an ihnen zu orientieren.

In einer kleinen Serie werden vino e terra & nulldosage die Richtlinien diverser Organisation vorstellen. Den Anfang macht aus gutem Grund VinNatur: Ca. 150 Mitglieder stark, mit schwerem italienischen Einschlag, der jedoch auch 7 Spanier, 25 Franzosen, 2 Portugiesen, 7 Slowenen, 1 Tscheche, 4 Österreicher (Muster, Werlitsch, Tauss, Tscheppe) und seit kurzem immerhin auch 1 Deutscher (Weingut Schmitt) angehören, hat die Vereinigung das vermutlich ausgeklügeltste bzw. nachvollziehbarste Regulativ.

Ich bin kein Übersetzer, insofern bitte ich um ein wenig Toleranz.

 

REGELWERK VinNatur (beschlossen am 15. Juli 2016)

Die Vereinigung VinNatur hat sich die Förderung und Produktion von Qualitätswein mithilfe natürlicher, mit dem Territorium verbundener, Methoden zum Ziel gesteckt.

In Übereinstimmung mit diesem Ziel, ist der von den Mitgliedern von VinNatur produzierte Wein, von einem entscheidenden Charakteristikum getragen: er ist frei von jeglicher Art von Pestiziden. Das wiederum wird durch alljährlich stattfindende Analysen garantiert, die die Vereinigung bei den Weinen ihrer Mitglieder vornimmt.

Alle von den Mitgliedern von VinNatur produzierten Weine stammen ausnahmslos von den Trauben eigener und vom Winzer selbst kultivierter Weingärten, die nach Methoden bewirtschaftet wurden, wie sie in Punkt 1 aufgelistet sind.

Sämtliche von den Mitgliedern von VinNatur produzierten Weine sind nach Kriterien vinifiziert wie sie in Punkt 2 angeführt sind.

  1. Im Weingarten

Die Weingartenbewirtschaftung folgt dem Ziel gesunde Pflanzen zu kultivieren, die bereits prophylaktisch eine erhöhte Resistenz gegen potenzielle Widrigkeiten (Krankheiten, Trockenheit, Mangelerscheinungen) aufweisen. Der Bodenfruchtbarkeit (Biodiversität) und dem ökologischen Gleichgewicht im Weingarten wird folglich entsprechende Aufmerksamkeit geschenkt.

Zugelassene Praktiken:

  • Organische Düngung (Tiermist, Kompost)
  • Begrünung (Gründünger, cover crop)
  • Wilde/autochthone Begrünung
  • Herbstliche Belüftung und Bearbeitung des Bodens mit dem Ziel, dessen Durchlässigkeit und Struktur zu verbessern
  • Mechanische Geräte zur Entfernung von Unkraut, Begrünungen etc.
  • Die Verwendung von Produkten auf Schwefelbasis gegen Oidium (begrenzt auf 60 kg/ha pro Jahr)
  • Die Verwendung von Produkten auf Kupferbasis gegen Peronospora und Eutypiose (max. 3 kg Kupfer/ha pro Jahr) mit dem Ziel diese sukzessive zu minimieren.
  • Die Verwendung von in der Natur vorkommenden Produkten, Stärkungsmittel wie beispielsweise Pflanzenextrakte, Algen, Propoli, Pilze oder antagonistische Mikroorganismen, die es erlauben, den Einsatz von Kupfer und Schwefel zurückzuschrauben oder gänzlich zu ersetzen.
  • Tröpfchenbewässerung in Notfällen
  • Handlese

Nicht erlaubte Praktiken:

  • Mineral- und Kunstdünger
  • Herbizide oder chemisches Austrocknen (?)
  • Die Verwendung synthetischer oder zytotropischer Schädlingsbekämpfungsmittel
  • Die Verwendung von Phosphonsäure
  • Die Verwendung von Insektiziden
  • Maschinelle Lese
  • Der Anbau von cisgenen oder genetisch manipulierten Reben oder die Verwendung von OGM Derivaten
  1. Im Keller

Erlaubte Praktiken:

  • Spontane Gärung mit wilden Hefen
  • Temperaturkontrolle des Mosts oder Wein, um eine korrekte Entwicklung der Gärung zu garantieren
  • Einzig zugelassenes Additiv während der Weinbereitung ist Schwefeldioxid (entweder in reiner Form oder als Kaliumdisulfit). Der abgefüllte Wein darf bei Weiß-, Schaum- und Süßweinen nicht mehr als 50mg/Liter und bei Rotweinen und Rosè nicht mehr als 30mg/Liter Gesamtschwefel aufweisen. [Jeder Winzer] hat die Verpflichtung die Anwendung von Schwefeldioxid bis zu seiner völligen Aufgabe zu minimieren.
  • Die Verwendung von Luft bzw. Sauerstoff zwecks Anreicherung derselbigen im Wein
  • Die Verwendung von Kohlendioxid, Stickstoff oder Argon, um den Wein vor Luft zu schützen
  • Filtration mit inerten Filtern, deren Poren größer als 5 Mikrometer (Weißweine) und größer als 10 Mikrometer (Rotweine) sind.

Nicht erlaubte Praktiken:

  • Klärung durch Produkte auf Basis von Albumin, Kasein, Bentonit und Pflanzenkohle oder mit pektolytischen Enzymen
  • Die Verwendung von Reinzuchthefen (auch wenn sie im Regelwerk der EU zum biologischen Wein erlaubt sind), Enzyme, Lysozyme oder Milchsäurebakterien
  • Die Verwendung jedweden Additivs mit der Ausnahme von Schwefeldioxid (und innerhalb der Grenzen wie sie im Paragraph oben angeführt sind)
  • Invasive Praktiken, um die dem Wein innewohnenden Charakteristika zu verändern, beispielsweise: Wegnahme/Reduzierung des Alkohols, thermische Behandlungen über 30°C, Aufkonzentration durch Umkehrosmose, Auf- bzw. Entsäuerung, Elektrodialyse und die Verwendung von Ionenaustauschern, Eliminierung von Schwefeldioxid durch physikalische Verfahren, Mikrofiltration

Kontrollplan

Mit dem Ziel die Einhaltung der Produktionskriterien der Mitglieder zu verifizieren, hat VinNatur einen Kontrollplan entworfen, der von einem vom MIPAAF (Landwirtschafts- und Forstministerium) anerkannten Zertifikationsinstitut zur Anwendung gebracht wird.

Identifizierung und Etikettierung

Das primäre Ziel dieses Regelwerks ist die transparente und deutliche Darlegung und Kommunikation der landwirtschaftlichen Techniken und Vinifikationsmethoden für all jene, die eine Flasche Naturwein von [Mitgliedern] von VinNatur kaufen wollen.

Um das zu erreichen liegt es nahe die Produktionsnormen , die jedes Mitglied von VinNatur zu respektieren versucht, durch ein einfaches und wiedererkennbares Symbol deutlich zu machen.

Aus diesem Grund halten wir es für nützlich (sinnvoll), dass jedes Mitglied (unverbindlich) die Möglichkeit hat, auf alle seinen Etiketten folgende Angaben anzubringen:

  • Die Menge an Gesamt-SO₂ (mg/l) zum Zeitpunkt der Abfüllung (von offizieller Stelle durchgeführt)
  • Symbol der Vereinigung

Winzer, die die Auflagen nicht unterschreiben und die Normen im Regelwerk nicht respektieren wollen oder können, werden in Zukunft (ab der Lese 2017) nicht mehr Mitglieder von VinNatur sein.

Mitglied von VinNatur zu sein ist eine Wahl, keine Verpflichtung.


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