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Unter den Vulkanen

Alles Quereinsteiger. Winzer wie Reben. Die Colli Euganei sind eine steinalte Weinbauregion, in der schon die Römer zechten – und doch sind sie nach einer ausgiebigen Tiefschlafphase gerade erst in den letzten Jahren wiederentdeckt worden.

Paolo Brunello steht in seinem Weingarten am Monte Cecilia und sammelt Muscheln auf. Gelegentlich fänden sich auch Seepferdchen, meint er. Und Haifischzähne. Der Monte Cecilia ist einer von gut 50 grünen Kegeln, den topographischen Manifesten vulkanischer Eruptionen, die einst wie Inseln aus dem Meer geragt haben müssen. Heute hat sich das Meer an die Küste bei Chioggia und Venedig zurückgezogen, die Colli Euganei, die Euganeischen Hügel, tauchen jedoch weiterhin inselgleich und ähnlich unverhofft aus der völlig platten Ebene ein paar Kilometer südlich von Padua auf. Sie liefern das Heilwasser für die Thermalquellen von Abano und Montegrotto und immer öfter auch den Wein für deren Bars und Hotels.

„Früher haben uns die Hoteliers ignoriert“, erzählt Paolo, „die Restaurants haben Weine aus dem Piemont und der Toskana auf die Karte gesetzt und wenn Gäste nach venetischen Weinen gefragt haben, hat man ihnen Soave und Amarone eingeschenkt.“ Das hat sich in den letzten Jahren zunehmend geändert. Verantwortlich dafür sind ein gutes Dutzend Winzer, die ihrem einmaligen Terroir auf den Grund gehen und die Wahrnehmung der lokalen Gastronomie auf ihr unmittelbares Hinterland gelenkt haben.

Paolo Brunellos Weingut, die Vignale di Cecilia, liegt eingekesselt zwischen zwei Hängen hinter der kleinen Ortschaft Baone. Reben setzte hier erstmals sein Großvater. Paolo selbst hatte mit Weinbau vorerst nichts zu tun, war Cellist und tourte mit Orchestern rund um den Globus.  „Da ich allerdings nicht die ganze Zeit unterwegs war, beschloss ich die ruhigeren Phasen zu nutzen, um mich als Winzer zu versuchen. Ich begann mich sukzessive mit der Geologie der Hügel auseinanderzusetzen, versuchte die Auswirkungen der unterschiedlichen Kalkarten auf meine Weine zu verstehen und herauszufinden, wie sich vulkanische Einschlüsse mit meinen Reben vertrugen.“ Gut, wie es scheint. Die Rotweine, meist Cuvèes aus Sorten französischer Provenienz, sind druckvoll, konzentriert und dunkelfruchtig. Die Weißweine – Tokaj, Garganega und Moscato – vermitteln trotz der bisweilen tropischen Temperaturen in den Hügeln eine ausgeprägte Aromatik, Kühle und Geradlinigkeit – Attribute, die Paolo vor allem seinem speziellen Untergrund zuschreibt. Aus der nebenberuflichen Episode entwickelte sich sukzessive eine Leidenschaft, die 2006 dazu führte, dass die Welt um einen talentierter Musiker ärmer wurde, dafür einen exzellenten Winzer dazugewann.

Die Colli Euganei sind ein geologisches und ästhetisches Ereignis. Vor dreißig Millionen entstanden waren sie in jüngerer Vergangenheit Rückzugsort gestresster venezianischer Dogen und Händlerfamilien, die sich imposante Villen an ihre Hänge bauten. Kühle Winde aus den Hügeln bildeten eine wohltuende Alternative zum sumpfigen Klima der Lagune. Sie streifen auch den Monte Lispida hinunter, dessen vulkanischer Kern das Basismaterial für unzählige Straßen und Plätze Venedigs bildete.

„Doch das war später“, erklärt Alessandro Sgaravatti, der heutige Besitzer des Berges  und des am Fuße gelegenen Castello di Lispida, als sich Venedig langsam dem Festland zuwandte. Davor war das Schloss ein Kloster. Die Mönche widmeten ihre Stunden jenseits des Gebets dem Weinbau, bepflanzten die Ebene und Hänge und dürften recht schnell verstanden haben, dass sie es mit einmaligen Voraussetzungen zu tun hatten. 500 Jahre lang explorierten die Brüder das Gelände, ehe 1792 die Familie Corinaldi, Alessandros Vorfahren, die Zügel in die Hand nahmen. An der vinophilen Ausrichtung des einstigen Klosters änderte sich wenig. Im Gegenteil. Die Corinaldis nutzten ihre weitreichenden Verbindungen und Freundschaften und importierte Edelreiser aus dem schon damals tonangebende Bordeaux. Seit über 200 Jahren wurzeln deshalb quer über die Hügel Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc und erzählen ihre eigenen, euganeischen Geschichten von den mitunter berühmtesten Rebsorten des Welt.  Die sind aufs tiefste mit Trachyt und Basalt verbunden. Das vulkanische Fundament setzt bis heute nicht nur einen geologischen sondern auch sensorischen Kontrapunkt zu den großen Weinen aus Frankreichs Südwesten. Zwar finden sich auch in Alessandros Weinen oft  mediterran-kräuterige und rotbeerige Aromen, doch sind sie zudem von einem rauchigen Unterton geprägt.

Um seinen einmaligen natürlichen Voraussetzungen auf den Grund zu gehen, beschloss der gelernte Mediziner Sgaravatti, völlig neue Wege einzuschlagen. Er adaptierte die landwirtschaftliche Philosophie Masanobu Fukuokas in seinen Weingärten, was in wenigen Worten darauf hinausläuft, dass er der Natur das erste und letzte Wort lässt, Mischkulturen forciert und Schädlinge auf Nützlinge treffen lässt, die ihnen überlegen sind. Er pflanzte Bäume zwischen die Rebreihen, installierte Lebensnischen für Fledermäuse und Nester für Vögel, die sich über potenzielle Insekten hermachen. Er bedient sich Techniken, die sich nicht allzu sehr von denen der mittelalterlichen Mönche unterscheiden dürften. Um seinem ultimativen Ziel, die Boden so deutlich wie möglich sprechen zu lassen, noch näher zu kommen,  ging er auch noch ein paar Schritte weiter zurück in der Geschichte des Weinbaus. So landet ein Teil der Tokajernte in unterschiedlich großen Amphoren, die Alessandro schon 2001 im Schlossboden versenkte, in einer Zeit also, in der man alternativen Ausbaumethoden noch äußerst skeptisch gegenüberstand. Der große Vorteil der Tonamphoren besteht vor allem darin, dass man den Wein völlig unmanipuliert durch seine Reifezeit führt und trotzdem einen natürlichen Luftaustausch zulässt  – und so die Nuancen der Geologie und der Sorte noch klarer einfängt.

Durch winzige Orte und über Serpentinen, vorbei an Olivenbäumen, Petrarcas Grab, blühenden Gärten und alten Kirchen kommt man weiter nach Norden, genauer nach Teolo, wo sich mit der Trattoria dal Sasso eines der besten Restaurants des Veneto befindet. Man kann dort auch die Merlots der Azienda Farnea ordern, dem Weingut von Marco Buratti, der durch seine gelebte Radikalität Alleinstellungsstatus in den Hügeln genießt.

Marco Buratti ist ein Winzer, der Kompromissen kompromisslos gegenübersteht. Er lehnt sie ab. Genauso wie Eingriffe während der Weinwerdung. Er ist da recht dezidiert – so vertritt er die These, dass man das in Weinkreisen zunehmend populäre Wort Naturwein nur dann in den Mund nehmen sollte, wenn sich außer Trauben nichts, aber auch gar nichts anderes im Wein befindet. Marco ist ein Solitär in den Hügeln und doch Teil einer kleinen italienischen Gruppe, die die Grenzen dessen, was ohne Eingriffe im Keller möglich ist, sukzessive auslotet. „Ich verwende meine Trauben. Basta.“ Die Hefen für den Gärstart fänden sich ohnehin im Weingarten oder Keller und den Rest erledigt die Zeit. Zusatzstoffe verwendet er nie und „das schließt auch Sulfite aus.“

Vom ersten Wein vor 10 Jahren bis heute, war die einzige größere Anschaffung für den Keller, jenseits der Fässer und Betonzisternen, eine Pumpe, mit der er die verschiedenen Chargen seiner Weine zusammenführt. Allzu oft muss der einstige Koch auch die nicht verwenden, da er auf zwei Hektar maximal 5000 Kilo Trauben liest. Seine Weine sind extrem individuell, die Aromen oft schwer zuzuordnen und bisweilen mögen sie auch klassischen Erwartungshorizonten zuwiderlaufen. Sie sind aber auch vital und voller Trinkfluss und zudem ein weiterer Puzzlestein im komplexen Terroir der Euganischen Hügel.

Deren Eigenheiten lotet Alfonso Soranzo auf wieder neue Art und Weise aus. Biologisch zertifiziert ist er ebenfalls, doch gilt sein Fokus seit einigen Jahren den Rebsorten, die in den Hügeln wuchsen als hier noch die Mönche schufteten. In einem gemeinsamen Projekt mit der Universität Padua hat er Pattaresca, Turchetta, Corbinona, Marzemina Nera, und Cavrara in die Hänge gesetzt. Die Beschäftigung mit autochthonen Sorten gründet nicht nur in dem Bewusstsein einem kulturellen Auftrag nachzukommen. Sie beruht vor allem auf der Überzeugung aus ihnen Weine keltern zu können, die besser als alle anderen die Beziehung zwischen Geologie, Klima und tradiertem Wissen vermitteln können. Doch was tun, wenn kein tradiertes Wissen mehr vorhanden ist?

„Wir hatten keine Ahnung. Wir wussten weder wie die alten Sorten wachsen würden, noch auf welche Krankheiten sie anfällig sein könnten. Wir probierten aus, kosteten, versuchten im Keller hinter ihren Charakter zu kommen. Der erste Jahrgang war ein Desaster. Der zweite schon ein wenig besser.“ In der Zwischenzeit sind sieben Jahrgänge in der Flasche und jedes Jahr rückt man den Eigenheiten der Sorten ein Stück näher. Rustikale, oft erdige Anklänge finden sich zwar noch immer, doch scheinen sie dem Charakter der Sorten immanent zu sein. Sie werden zudem durch subtile Frucht- und Blütenaromen und von einer Handvoll weiterer Weine ergänzt, die elegant und straff, nicht nur von den Böden sondern auch von der windigen und kühlen Kammlage der Weingärten Zeugnis ablegen.  Der Zufall will es übrigens, dass auch Alfonso Soranzo in seinem vorigen Leben Musiker war. „Französisches Horn“, erzählt er. Gespielt, gearbeitet und gelebt wurde in der Nacht, der Tag gehörte dem Schlaf; das machte er so lange bis er keine Lust mehr auf diesen Rhythmus hatte und sich der Wunsch bildete, statt Hörnern Töne, Trauben Aromen zu entlocken.

Die anfängliche Hilfe eines Önologen braucht er schon lange nicht mehr, auf den Rat älterer Winzer aus der Nachbarschaft hört er allerdings noch immer. Die sind in der Zwischenzeit der Meinung, dass seine Weine so schmecken würden wie sie sie aus ihren Jugend kannten. Nach Erde. Gestein. Mineralisch und salzig. Dem Meer und den Vulkanen entsprungen.

INFOS WINZER – um Voranmeldung wird gebeten

Alfonso Soranzo – Monteforche

Vò, Franzione Zovon

Via Rovarolla, 2005

Tel: +39 333 2376035

soranzo1968@gmail.com

Paolo Brunello – Vignale di Cecilia

Via Croci 14, Baone

Tel: +39 349 3323586

www.vignaledicecilia.it

vignaledicecilia@vignaledicecilia.it

Alessandro Sgaravatti – Castello di Lispida

Via IV Novembre 4

IT- 35043 Monselice

Tel: + 39 0429 780530

www.lispida.com

infos@lispida.com

Marco Buratti – Farnea

Via Farnea, 26

35037 Villa di Teolo

Tel: +39 348 2011919

farnea@hotmail.it

 

TRATTORIA AL SASSO

 

Via Ronco, 11

35037 Castelnuovo, Teolo PD

Telefono: 049 992 5073

 


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