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Filippo Filippi bei der Garganegalese

Filippo Filippi bei der Garganegalese

In Italien gibt die Region den Protagonisten und die Rebsorte ist lediglich Bestandteil des restlichen Ensembles. Ruhm und Renomèe gebühren folglich vor allem Barolo und Montalcino und nicht Nebbiolo und Sangiovese, die ihren Part allerdings meist exzellent spielen.

Manchmal ist es aber auch besser sich als Sorte hinter einer Region verstecken zu können, vor allem dann, wenn die Region unter Weinkritikern ungefähr denselben Ruf genießt wie Ed Wood unter Filmkritikern. Setzt man einem Kenner des Fachs einen Soave vor, kann man sich fast sicher sein, dass er das als Affront auffassen wird – Ausnahmen bestätigen freilich die Regel. Schenkt man dagegen Garganega ein, wird er eventuell sogar Interesse heucheln, da man unbekannten Dingen zumindest kurzfristig Aufmerksamkeit schenken sollte, bevor man über sie herzieht. Nun ist Soave eben immer auch Garganega, meist zu 100% und wer sich die Mühe macht, sich durch das erstaunlich breite Repertoire der Lagensoaves (der alten Kernzone des Soave) zu trinken, wird schnell feststellen, dass das keine Mühe macht und erst recht kein Affront ist. Guten Winzern und der Garganega sei Dank – die sollte man halt möglichst nicht in die fruchtbare Ebene setzen, kunstdüngen, totspritzen und 15000 Kilo Ertrag/Hektar davon erwarten (was leider viel zu oft getan wurde), sondern in vulkanische oder Kalkböden und mit 10000 Kilo weniger Ertrag rechnen. Tut man das und verfügt man nebenbei noch über alte Rebstöcke – was gerade in der klassischen 1000 Hektar umfassenden Kernzone über Soave oft der Fall ist – bekommt man Qualitäten in die Flasche, die nicht nur verblüffen sondern auch verdeutlichen, warum das Soave vor nicht einmal 70 Jahren als Chablis Italiens bezeichnet wurde.

Garganega reift spät und je höher oben man sich befindet desto später wird es. Lange Vegetationsphasen bauen zusätzliche Aromen auf, hinzu kommt ein natürlicher Säuregehalt, der näher am Riesling als am Veltliner liegt. In Italien ist man sich zumindest in Winzerkreisen über die Qualitäten der Sorte im klaren, weshalb sie nicht nur in Soave sondern auch in Gambellara und im Bianco di Custoza die erste Geige spielt. In Sizilien fungiert die Garganega als Grecanico und hat dabei durchaus Bedeutung – gleich vier Appellationen (Alcamo, Delia Nivolelli, Contessa Entellina und Contea di Scalafani) probieren das beste aus der Sorte rauszuholen.

Soave classico wird für gewöhnlich im Edelstahl oder Zementzisternen ausgebaut, die gehaltvolleren Lagenvarianten landen ganz gerne in gebrauchten Holzfässern. Ernsthafte Soave reifen zudem blendend und sollten – will man wirklich der Essenz der Weine nahekommen für 5-7 Jahre (je nach Jahrgang) weggelegt werden. Für die Interpretationen aus Gambellara gilt übrigens Gleiches, wobei dort noch ein paar exzellente maischevergorene Versionen hinzukommen (Maule, Spillare), die zeigen, dass ein wenig Gerbstoff der Sorte zusätzliche Dimensionen (und Aromen) verleihen kann. In beiden Orten – den Hochburgen der Sorte – wird übrigens auch Recioto, eine Süßweinvariante aus traditionellerweise im Wind getrockneten Trauben hergestellt.

Garganega sind ihrer miesen Reputation wegen viel zu billig.

10 Garganega, die man probieren sollte.

Cantina Filippi: Castelcerino (Soave)

Cantina Filippi: Vigne di Bra (Soave)

Corte Zanuso: Soave classico

La Capuccina: San Brizio (Soave)

Balestri Valda: Sengialta (Soave)

Suavia: Monte Carbonare (Soave)

La Biancara: Pico (Gambellara)

La Biancara: Sassaia (Gambellara)

Davide Spillare: Bianco Rugoli Vecchie Vigne (Gambellara)

Giovanni Menti: Monte del Cuco (Gambellara)

Soave mit dem Fahrrad zu erkunden, birgt Überraschungen. Man nimmt Dinge wahr, die einem im Auto verborgen bleiben. Tote Katzen zum Beispiel, die in einer Art Leichenstarre am Straßenrand liegen und deren Todesursache man irgendwie automatisch mit den weißen Pestizidwolken in Verbindung bringt, die in der Ebene Soaves in besorgniserregendem Takt aus den Pergolen aufsteigen.

Zudem kann man die Steilheit des Geländes im Detail registrieren und staunt über die sich über hunderte Höhenmeter hinziehenden Einzellagen. Bösartig ist dabei die Tatsache, dass auch die Winzer direkt in und an ihren Weingärten leben und ganz besonders hart ist dabei die Anfahrt zu Filippo Filippi. Er bewirtschaftet die höchsten Lagen in der ganzen Region (biodynamisch) und das heißt dann auch, dass es von der toten Katze bis zu ihm knapp 300 Höhenmeter und ca. 20 Spitzkehren sind. Die Welt dort oben, ist dann auch eine andere. Nachdem er mich mit etwas Wasser und ein paar Witzen über mein Transportmittel wieder aufgepäppelt hat, besteht er glücklicherweise darauf, mit dem Traktor eine Spritztour an seinen Weingärten vorbei zu machen.

Bis fast 500 Meter ziehen sich hier die Stöcke über die Kuppen, eingebettet in kleine Wäldchen und bestens durchlüftet vom Wind, der über die Hügel bläst. Der bringt auch gleich Regen mit und treibt uns in eine – von Menschen ausgeschlagene – Kalksteinhöhle. Die Terrassenmauern der Weingärten sind daraus gebaut und auch das, aus dem 13. Jahrhundert stammende, Haus der Filippis. Auf Kalk steht auch der Vigneto Monteseroni, einer der weniger weißen kalkigen Einsprengsel im Vulkanland Soaves, steinalte Stöcke, die quasi in einer Blumenwiese wurzeln. Filippo Filippi ist beileibe nicht der einzige, der hier dezidiert biologisch arbeitet, er scheint seine Auffassung von Naturwein jedoch am konsequentesten durchzuziehen.

Er setzt damit zum einen auf all die Vorteile gesunder und vitaler Böden zum anderen arbeitet er auch seinen Vorstellungen konsequent folgend im Keller weiter. Gärtemperaturen werden reguliert, jedoch nur nach oben (mehr als 24°C möchte er dann doch nicht haben), Schwefel in Minimalmengen eingesetzt, die Schwerkraft ersetzt die Pumpen und die Weine mal sechs Monate mal länger (bis zu 18) auf der Hefe gelassen. Filter sind was für Kaffee, nicht aber für Filippis Wein und möchte man kein blaues Auge riskieren, nimmt man das Wort Enzym besser nicht in den Mund. Dafür lohnt es sich, das mit seinen drei Garganega-Einzellagenweinen, den beiden vulkanisch geprägten Castelcerino und Vigne della Brà und dem oben erwähnten Monteseroni zu tun:

Castelcerino 2009 (nicht mehr Soave Classico sondern Schon Soave Scaligeri): „mein Basiswein“, meint Filippo bescheiden und der Wunsch ständig mit solchen Einsteigern zu tun zu haben, keimt auf. Puro und präzis, mineralisch, floral, Orangenzesten, straff, kräftige Säure, die bestens in den dichten Körper passt – kostet irgendwo um die € 8 und ist damit grob unterbepreist.

Monteseroni 2009: Filippos Antwort auf das Chablis, also mal wirklich Feuerstein, Nüsse und Limetten, saftig, dicht und bestens strukturiert, lang, Magnesiumgaumen (oder so ähnlich), salzig und ausklingend ein wenig Grapefruit. Toll. Übrigens € 9 und damit genauso viel zu billig.

Vigne della Brà 2009: kräftiger und üppiger als seine Kollegen allerdings noch lange nicht barock. Mandeln und Blüten. Und haufenweise Kräuter. Kompakt und lebendig, druckvoll, eindrucksvoll straff, mit Zug zum Gaumen, lang und Potenzial² (Garganega reift übrigens fantastisch, Potenzial bedeutet hier 10 Jahre +).

Das war es aber noch nicht. An Filippos dickem Holztisch stehen noch zwei eigentümliche Spezialitäten. Als erstes ist da der reinsortige Trebbiano di Soave (einer von zwei, die es in Soave noch gibt) von der Lage Turbiana aus 80 Jahre alten Stöcken, die – da Pergola-erzogen – dick wie Baumstämme wirken.

Turbiana 2008: Trockenfrüchte, nussig und Honig in der Nase, erstaunlich trocken am Gaumen, konzenriert, straff und exotisch, sehr eigen

Und dann ist da noch die Garganega Spätlese 2007: erstmal drei Monate mazeriert, danach 36 Monate im Stahl, Honig und Marillen, nussig und kalkig, salzig und Orangen, die Femme fatale in Filippos Programm, kokett und kühl (jedenfalls mit Stil), und natürlich wiederum zu billig für so eine Diva

Fazit: Filippos Weine sind durch die Bank topp, die Abfahrt nach Soave danach herrlich.


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