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Ca‘ de Noci: Gheppio 2011

Ca de Noci WeineDie Winter werden wärmer, auch im Apennin. Was für die meisten von uns letztlich Statistik und abstrakter Gesprächsstoff bleibt, hat für Alberto Masini von Ca‘ de Noci eminente Bedeutung und direkte Konsequenzen. Beredtes Beispiel dafür sind ein paar Cabernet-Reben, die statt in der Erde zu wurzeln auf der Terrasse liegen und künftig als Brennholz dienen werden. Der ganze Cabernet Weingarten wurde im letzten Winter Opfer der Scaphoideus titanus, der amerikanischen Rebzikade, die seit neuestem ihr Unwesen auch in Regionen treibt, in der es ihr früher zu kalt gewesen wäre. Warum sich das Insekt ausgerechnet Cabernet Sauvigon für seine Attacken ausgesucht hat und Malbo Gentile, Spergola und Lambrusco in Frieden lässt, steht in den Sternen, Fakt ist jedoch, dass Ca‘ de Nocis exzellenter Gheppio in Zukunft ohne Cabernet auskommen wird.

Der Jahrgang 2011 ist also einer der letzten Möglichkeiten, einen der besten Rotweine der Emilia noch in seiner Ursprungsversion zu trinken. Drei Jahre in alten Holzfässern und ein weiteres Jahr in der Flasche haben langsam aber sicher die Ecken und Kanten, die Cabernet im Verbund mit Malbo Gentile liefert, abgeschliffen, ohne dass dabei jedoch Struktur und Tannin verloren gegangen wären. Farblich ist er dunkel wie die Seele des Scaphoideus titanus, sensorisch kombinieren sich dunkle Beeren mit Unterholz und Erde. Der Körper ist dicht und konzentriert, die Textur saftig. Der Gheppio wirkt trotz zweier grundsätzlich sperriger Rebsorten, offen und lebendig, was u.a. mit der Tatsache zusammenhängt, dass Ca‘ de Noci generell nicht schwefelt, dafür aber auf kerngesundes Traubenmaterial zurückgreift. Potenzial für ein gutes Jahrzehnt ist trotzdem (oder gerade deswegen) vorhanden.

Gheppio

REBSORTEN: Cabernet sauvignon, Malbo gentile und ein paar autochthone Sorten
WEINGÄRTEN:  15 Jahre alte Reben auf Kalk-Ton Böden – Ertrag ca. 3000 kg/ha
VINIFIKATION: wilde Hefen, 12 Tage Mazeration
AUSBAU: 36 Monate in alten Holzfässern (auf der Feinhefe)
Alkohol: 14,5%
ungeschwefelt

solfiti naturali attesi inferiori a 30 mg/l

Hard Core. Malbo Gentile gehört zu der illustren Runde an Rebsorte, die eine Schale haben, die auch als Baumrinde durchgehen könnten (Malvasia di Candia Aromatica, Aglianico und natürlich auch Nebbiolo sind ein paar mehr). Woher das gentile (freundlich, nett) im Namen stammt, steht in den Sternen, aber es gab ja auch Claudio Gentile (der Eisenfuß von Juventus) und der strafte seinen Namen auch Lügen.

Malbo Gentile ist eine alte Sorte, die doch erst in jüngster Zeit langsam wieder Fuß fasst. Zwar gibt es Aufzeichnungen über ihren Anbau aus dem 18. Jahrhundert, doch verschwand sie danach völlig von der Bildfläche, ehe sie 1960 im Istituto di Stato per l’agricoltora e l’Ambiente – Persolino wiederentdeckt wurde.

Hinter einem verdreckten alten Schild mit dem Namen „Amabile di Genova“ (ein weiterer Euphemismus) fand sich eine Sorte, die sich nach genauerer Überprüfung als Malbo Gentile herausstellen sollte. Es vergingen weitere 30 Jahre, ehe man eine erste Vinifikationen mit getrockneten Trauben durchführte und feststellte, dass sich hinter der Sorte immenses Potenzial befand. Danach ging es zwar nicht Schlag auf Schlag, doch fanden sich immerhin eine Handvoll Winzer, die sich an der Rebe probieren wollten und zwar sowohl in der Emilia wie in der Romagna (insgesamt gibt es heute 10 ha), wobei sich schnell herausstellte, dass sich die Rebsorte in den beiden Regionen am Stock völlig unterschiedlich entwickelte. Üppig und dicht in der Emilia, rachitisch und lose in der Romagna. Ian d’Agata, Verfasser der italienischen Rebsortenbibel Native Grapes of Italy (die wirklich jeder, der sich nur irgendwie für Wein, Italien oder beides interessiert, besitzen sollte) führt das auf die unterschiedlichen Böden zurück, die in der Emilia üppig und fruchtbar und in der Romagna karg und kalkig sind. Resistent und robust ist sie da wie dort. Als es 2002 vom Sommer bis in den Herbst hinein in Strömen regnete, faulten sämtliche Weingärten weg, einzig die mit Malbo bestockten, fühlten sich selbst im Regen wohl.

Neben immensem Tannin hat die Rebsorte auch ordentliche Säure und definiert sich vor allem über dunkle Aromen. Die Voraussetzungen für eine große Sorte sind folglich vorhanden, wobei es in letzter Instanz dann vor allem um die Handschrift des Winzers geht. Vergärt man temperaturunkontrolliert und lässt somit eine volle Extraktion der Gerbstoffe zu oder greift man vorsichtshalber ein. Wie lange lässt man den Wein in Kontakt mit den Schalen und welche Gebinde wählt man? Fragen, die glücklicherweise völlig unterschiedlich beantwortet werden und folglich eine erstaunliche Bandbreite an Stilen offerieren. Jenseits reinsortiger Vinifikationen gibt es gerade in der Emilia auch einige exzellente Lambruschi, die durch ein paar Prozent Malbo immens an Struktur, Saftigkeit und Gerbstoff gewinnen.

Die besten:

Vittorio Graziano: Sassocuro (ein Monument, dunkel, dicht & steinig und doch mit einem immensen Trinkfluss versehen. Kostet ab Hof um die € 15 – rar; wo es ihn sonst noch gibt, weiß ich nicht)

Cinque Campi: Le Marcone (dunkel, pfeffrig, offen und unheimlich vital – der zugänglichste Malbo, den ich kenne – in Wien, in der Casa Caria erhältlich)

Denny Bini La Cipolla: Grecale 45 (ordentlich Gerbstoff aber auch viel Frucht, intensiv und kraftvoll – Ausbau im Stahl)

Vigne dei Boschi: Settepievi (eine Herausforderung. Hier wird der Sorte ihr ganzes Potenzial entlockt. Schwierig, da der Gerbstoff ordentlich Dampf macht. Warten wird wohl das Beste sein.)

 

Daneben lohnen sich die Lambruschi (mit ein wenig Malbo) von La Collina (Fermente – super), Denny Bini, Cinque Campi & Vittorio Graziano.

Vittorios Grazianos Lambrusco Fontana dei Boschi ist reinsortig Grasparossa, die am spätesten reifende Lambruscosorte, dunkel wie die Nacht, mit lebendigem Tannin, kräftiger schwarzer Frucht, erdigen Noten, Eisen und Blut. Dabei bleibt er doch leichtfüßig, belebend, und erfüllt vollends die Idee eines frischen Speisenbegleiters zur emilianischen Herzinfarktküche (Cotecchino, gefüllte Schweinsfüße & Co. – toll aber tödlich). Ein weiteres Meisterwerk Vittorios ist der Sassoscuro, der zu 80% aus Malbo Gentile und zu 20% aus sechs weiteren (teils unbekannten) Rebsorten besteht. Schwarz wie Kohle, mit Aromen, die sich von Kaffee bis Oliven und Lakritze ziehen, zählt er definitiv zu den großen Rotweinen der Region und eigentlich auch Italiens.

Die beiden roten Meisterwerken werden weiß und sprudelnd vom Ripa di Sopravento (Trebbiano und drei unbekannte weiße Sorten) ergänzt, leichtgewichtig und schlank und doch mit profunden Aromen. Die Säure dominiert die Struktur und vermittelt Lebendigkeit. Die stille Variante heißt Tarbianaaz, ist ein Trebbiano modenese und verbringt volle drei Wochen auf den Schalen, was ihm ordentlich Farbe und Gerbstoff, eine strenge Textur und eine primäre Schicht an Kräutern einbringt. Abgerundet wird das Sortiment durch den Smilzo, einen sprudelnden Rosè aus Grasparossa, den Vittorio selbst als simplen Nachmittagswein abtut (was prinzipiell auch kein Nachteil ist), der aber so belebend, bekömmlich, animierend und vital schmeckt, dass man ihn auch problemlos zum Frühstück und eventuell auch am Abend trinken kann.

Denny Binis Weine

Denny Binis Weine

Die Weine von Denny Bini stammen aus biologisch bewirtschafteten Weingärten. Die Erstgärung bei seinen vier Schaumweinen setzt spontan ein und da die Zweitgärung nicht degorgiert wird, finden sich naturgemäß ein paar Trubstoffe. Der totale Sulfitgehalt liegt generell bei ca. 30mg/l, der Alkoholgehalt der Schaumweine liegt selten über 12%.

Der Levante 90 (Malvasia) ist knackig, lebendig, aromatisch und so frisch und druckvoll, dass man endlich glaubt die Alternative zum Nachmittagsbierchen gefunden zu haben. Der Rosato (Rosa dei Venti – Malbo Gentile/ Grasparossa) – wie schon der von Luciano Saetti – ist geschmeidig und saftig und die Alternative zum zweiten Krügel. Danach wird es profunder: der Grasparossa (Ponente 270) kombiniert sich bestens mit einer Zigarre und selbst wenn die fehlt, hat man ein wenig Tabak in Nase und Mund, der Fuso 21 (die Lambruscosorten) ist weich, dicht und rund, der stille Malbo (Maestrale 315) dagegen erdig, ledrig, substantiell, würzig und dicht. Alles total beeindruckend.

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Maestrale 315: Malbo Gentile ist eine der großen Unbekannten in der roten Ampelographie Italiens. Sie wächst einzig zwischen Modena und Reggio Emilia und ergibt Weine, die besser in den Winter als in den Sommer passen.

Dennys Version stammt von kalkdurchsetzten Tonböden, die nach 40 Zentimeter von einer steinigen Schicht abgelöst werden. Die Rebstöcke wurden 2003 gepflanzt und tragen knapp 7000 Kilo am Hektar – das mag viel erscheinen, ist jedoch für die fruchtbaren Verhältnisse der Lambuscoregion am untersten Ende. Vergoren wird spontan, die Mazeration beträgt ca. 3 Wochen, wobei diesbezüglich der Jahrgang sein Wort mitzureden hat. Ausgebaut wird in gebrauchten Barriques, es wird weder gefiltert noch geschönt, geschwefelt wird vor der Füllung (Gesamt ca. 30mg/l). All das ergibt einen Wein, der dunkel wie Teer, Lakritze und Zwetschken ist und auch ein wenig so schmeckt. Da die Malbo Schale dick wie Baumrinde hat, legt sich ganz ordentlich Gerbstoff auf den Gaumen, zu dem sich aber auch noch kräftige Würze, saftige Frucht und ledrige Noten gesellen. In guten Jahren entwickelt er sich locker über 8-10 Jahre.


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