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Luciano Saetti lebt in Soliera bei Modena. Jeden zweiten Donnerstag bricht er nach Ferrara – meiner Stadt – auf, parkt seinen Lieferwagen am Rande der Altstadt, holt ein altes Fahrrad daraus hervor und schnürt sich vier Kisten Wein auf einen zusammensgeschweißten Grillrost, eine selbstfabrizierte Spezialkonstruktion, mit der er seinen Lambrusco zu den besten Vinotheken und Trattorien der Stadt bringt.

Luciano liebt Erfindungen. Durch seinen Weingarten, in dem er einzig und allein Salamino, das eleganteste Mitglied der achtköpfigen Lambrusco-Familie hegt und pflegt, fährt er, wenn es denn notwendig ist, mit einem von ihm zusammengebauten Traktor. Salamino, genauer Salamino di Santa Croce, stammt aus der Ebene nördlich von Modena. Hügel, Hänge & Terrassen sucht man dort vergebens. Die Böden bestehen hauptsächlich aus Lehm und Sand, das Klima ist heiß und feucht, kurz: die Bedingungen für gute Weine könnten nicht ungeeigneter sein.

Aber da ist dann auch noch Luciano Saetti und der weiß mit diesen Voraussetzungen seit Jahrzehnten umzugehen. Die alte Tendone-Erziehung, eine Art Pergola hat er in eine bis zu 2,60 Meter hohe Spaliera-Erziehung umgewandelt. Die gibt ihm die Möglichkeit, seine Trauben vor der emilianischen Sonne zu schützen und ihnen doch auch die nötige Luftigkeit zu geben, um nicht permanent mit Peronospora und Botrytis kämpfen zu müssen. Die Böden, in denen jeweils eine Reihe Salamino aus dem Jahr 1964 mit einer Reife aus dem Jahr 1996 abwechselt, werden nicht gedüngt, da der Untergrund ohnehin fruchtbar genug ist. Stark verdünnter Kupfer und Schwefel sind die einzigen Pflanzenschutzmittel, die Luciano verwendet. Und zwar nicht erst seit gestern. Luciano arbeitet seit 1988 so, seit 1998, als er begonnen hat seine eigenen Trauben zu vinifizieren, ist er biologisch zertifiziert.

Der Keller ist ebenfalls ein Meisterwerk der Improvisation. Über einem ausrangierten Tiefkühler hat er ein Holzgitter gelegt, in dem er seine Weine degorgiert. Danach wird die Flasche zugekorkt und drei bis fünf Monate lang weggelegt. Eine Presse sucht man vergebens, Luciano verwendet einzig den frei ablaufenden Most – ein Umstand, der seine Weine zusätzlich feiner und eleganter macht. Außerdem findet man auch keine Säcke voller Bentonit, keine Filteranlage und keinen Schwefel. Lucianos Lambrusco ist so viel Natur, wie das ein Kulturprodukt wie Wein (und Lambrusco im besonderen) eben zulässt.

Rebsorte: Lambrusco Salamino di Santa Croce
Pflanzdatum: 1964 und 1994
Boden: Ebenen nördlich von Modena. Lehm und Sand
Bewirtschaftung: biologisch – mit möglichst wenig Kupfereinsatz
Lesezeitpunkt: Ende September, manuelle Lese
Gärung: spontan, bei etwas über 20°C, dreitägige Mazeration
Ausbau: Edelstahl über ein paar Monate, danach Zweitgärung in der Flasche.
Gefiltert: nein
Geschönt: nein
Schwefel: ungeschwefelt
Alkohol: 11,5%
Preis: ca. €10

LINK: BEST OF LAMBRUSCO

Und das schmeckt man. Sein 2015er Lambrusco Rosso Viola ist filigran, subtil, aromatisch, leicht aber nie banal, im Gegenteil, schwebend aber substantiell. Das trifft sowohl auf das vorwiegend florale, von roten Beerennoten unterstützte Aromaprofil zu wie auf den Körper, der Trinkfluss mit Beharrlichkeit verbindet. Die Textur ist weich und leicht cremig, die Säure ausbalanciert, das Tannin samtig. Wer Lambrusco wieder einmal eine Chance geben will, sollte sich einfach ein paar Flaschen von Lucianos Interpretation besorgen – zu kaufen gibt es seinen Lambrusco(und  auch seinen ähnlich beeindruckenden Rosato Il Cadetto) direkt bei ihm, jeden zweiten Donnerstag in Ferrara und meines Wissens auch bei VINIFERO in Wien.

Ps: Salamino leitet sich wirklich und wahrhaftig von Salame ab. Die hat rund um Modena einige ihrer Hochburgen (wobei es in ganz Italien ca. 250 verschiedene Sorten gibt) und passt auch bestens zu Lambrusco. Den Namen hat die Salamino jedoch nicht aufgrund ihrer kulinarischen Kompatibilität abbekommen, sondern wegen ihrer langgestreckten eher kurzen Form, die frappant an Salamis erinnert.

Ca‘ de Noci: Gheppio 2011

Ca de Noci WeineDie Winter werden wärmer, auch im Apennin. Was für die meisten von uns letztlich Statistik und abstrakter Gesprächsstoff bleibt, hat für Alberto Masini von Ca‘ de Noci eminente Bedeutung und direkte Konsequenzen. Beredtes Beispiel dafür sind ein paar Cabernet-Reben, die statt in der Erde zu wurzeln auf der Terrasse liegen und künftig als Brennholz dienen werden. Der ganze Cabernet Weingarten wurde im letzten Winter Opfer der Scaphoideus titanus, der amerikanischen Rebzikade, die seit neuestem ihr Unwesen auch in Regionen treibt, in der es ihr früher zu kalt gewesen wäre. Warum sich das Insekt ausgerechnet Cabernet Sauvigon für seine Attacken ausgesucht hat und Malbo Gentile, Spergola und Lambrusco in Frieden lässt, steht in den Sternen, Fakt ist jedoch, dass Ca‘ de Nocis exzellenter Gheppio in Zukunft ohne Cabernet auskommen wird.

Der Jahrgang 2011 ist also einer der letzten Möglichkeiten, einen der besten Rotweine der Emilia noch in seiner Ursprungsversion zu trinken. Drei Jahre in alten Holzfässern und ein weiteres Jahr in der Flasche haben langsam aber sicher die Ecken und Kanten, die Cabernet im Verbund mit Malbo Gentile liefert, abgeschliffen, ohne dass dabei jedoch Struktur und Tannin verloren gegangen wären. Farblich ist er dunkel wie die Seele des Scaphoideus titanus, sensorisch kombinieren sich dunkle Beeren mit Unterholz und Erde. Der Körper ist dicht und konzentriert, die Textur saftig. Der Gheppio wirkt trotz zweier grundsätzlich sperriger Rebsorten, offen und lebendig, was u.a. mit der Tatsache zusammenhängt, dass Ca‘ de Noci generell nicht schwefelt, dafür aber auf kerngesundes Traubenmaterial zurückgreift. Potenzial für ein gutes Jahrzehnt ist trotzdem (oder gerade deswegen) vorhanden.

Gheppio

REBSORTEN: Cabernet sauvignon, Malbo gentile und ein paar autochthone Sorten
WEINGÄRTEN:  15 Jahre alte Reben auf Kalk-Ton Böden – Ertrag ca. 3000 kg/ha
VINIFIKATION: wilde Hefen, 12 Tage Mazeration
AUSBAU: 36 Monate in alten Holzfässern (auf der Feinhefe)
Alkohol: 14,5%
ungeschwefelt

solfiti naturali attesi inferiori a 30 mg/l

Manchmal hilft auch Google nichts. Das beruhigt. Die Eingabe von Col Tamarìe hat zwar ganz exakt beeindruckende 123000 Resultate erbracht, davon sind aber nach Durchblättern der ersten paar Seiten 122999 Seiten völlig belanglos. Auf einer Seite finden sich allerdings ein paar Informationen. Der Col Tamarìe ist ein Frizzante (das wusste ich auch schon – ich hatte ihn im Glas) aus Vittorio Veneto (Kernzone Prosecco). Der Protagonist unter den Rebsorten ist Glera, allerdings unterstützt von gleich vier weiteren Sorten, die man gewöhnlich – wenn man Prosecco und somit Glera trinkt – nicht im Glas hat: Verdiso, Bianchetta, Boschera und Perera. Der Weingarten – seit 2013 bewirtschaftet von  Alberto Dalle Crode (er besitzt einen Hund und einen Traktor – das ist seinem Facebook-Profil zu entnehmen) –  ist 4,5 ha groß und liegt auf 450 Meter auf Moränenböden. Die Bewirtschaftung ist biologisch, die Lese findet im Oktober statt – das der Wein dann trotzdem nur 11,5% Alkohol und eine krachende Säure hat, lässt vermuten, dass er nicht mitten in die Sonne schaut.  Die Trauben bleiben zwei Tage lang in Kontakt mit der Maische und werden dann spontan vergoren. Es wird weder gefiltert noch geschönt auch zu keinem Zeitpunkt geschwefelt. Die Gärung wird in der Flasche zu Ende geführt (methode ancestral), degorgiert wird nicht.

Das alles ergibt einen Wein, der alles, was es an Proseccovarianten gibt – mit Ausnahme der großartigen Weine von Costadilà – wegschießt. Die Aromen liegen ganz eindeutig auf der fruchtigen/zitronigen Seite, doch kommen auch noch steinige und hefige Aromen dazu. Erfreulich ist aber vor allem der Trinkfluss, die Säure, Lebhaftigkeit, Saftigkeit und sensorische Tiefe, die ihn definitiv zu einem der besten Frizzante aus dem Veneto macht.

Es ist nie zu spät oder fürchtet euch nicht, wie die Freunde vom „Weinskandal“ predigen, war das Motto des gestrigen Tages. Also habe ich Mama ins Auto gepackt und wir sind hoch in die Colli Euganei, hinauf zu Marco Buratti gefahren, den wohl radikalsten Proponenten des Naturweins jenseits des Sausals (und Karl Schnabels phänomenale Interpretation des Begriffs). Und siehe da: Neugierde siegte über die Angst und das obwohl es bei Marco aussah, als hätte eine Bombe in Haus und Keller eingeschlagen! Am Ende des Tages verließ meine Mama La Farnea, Marcos Weingut, bewaffnet mit 12 Flaschen ungeschwefeltem Merlot, einem Berg Kakis, einem Tokaj-Experiment und dem Versprechen wiederzukommen.

2014-10-31 15.21.41Am Anfang des Tages kämpften wir uns die Serpentinen der Colli Euganei hinauf, einem geologischen Sonderfall inmitten der Po-Ebene. Mitten im Flachland erheben sich gut und gerne 20 Vulkankegel, die eigentlich schon für sich einen Besuch wert wären, die man aber doch gerne rechts liegen lässt, vermutlich weil man mit den an ihrem Fuße liegenden Thermen von Abano und Montegrotto Siechtum, Gebrechen und den letzten Urlaub der Urgroßeltern verbindet. Mag alles wahr sein, dahinter freilich öffnen sich ein paar Quadratkilometer, die vollgepflastert sind mit klassischen Osterien, Olivenbäumen, runtergekommenen Kastellen und Villen, alten Kirchen, Petrarcas Geburtshaus und eben auch einer guten Handvoll Bio- und Naturweinwinzer, von denen Marco in seiner konsequenten Radikalität nochmals herausragt.

Bis gestern hatte ich nur von seinen Weinen gehört, er selbst verweigert sich jeder Naturweinveranstaltung. Auf emails hatte er nie geantwortet, Telefonanrufe nicht beantwortet gegen unsere brutale Überrumpelung war er dann allerdings chancenlos. Er hat es uns nicht übelgenommen, vermute ich. Wir bekamen eine zweistündige Führung durch das Chaos und Fassproben des neuen Jahrgangs und plauderten über Sulfite beziehungsweise über die Tatsache, dass er keine verwendet – nie. Und es auch nie getan hat. Er ist da recht dezidiert und nicht besonders tolerant – so vertritt er die These, dass man das Wort Naturwein nur dann in den Mund nehmen sollte, wenn sich außer Trauben nichts, aber auch gar nichts anderes im Wein befindet. Das hat ihm nicht nur Freunde beschert, im Gegenteil. Er ist ein Solitär in den Hügeln und darüber hinaus. Verbündete ortet er im Lazio bei Gianmarco Antonuzi von Le Coste (ganz großartig) und bei Angiolino Maule von La Biancara im Veneto, den er zwar als Winzer schätzt als Organisator von vinnatur allerdings weniger – der mache dort zu viele Kompromisse und die sind seine Sache nicht.

Vom ersten Wein vor 10 Jahren bis heute, war die einzige größere Anschaffung für den Keller, jenseits der Fässer und Betonzisternen eine Pumpe, mit der er die verschiedenen Chargen seiner Weine zusammenführt. Allzu oft muss er auch die nicht verwenden, da er auf zwei Hektar maximal 5000 Kilo Trauben liest. Die Presse hat er vom Großvater eines Freundes und den Bottich dazu vermutlich vom Großvater des Großvaters. Aber genug der Familienbanden.

Marco macht Wein von Trauben. Basta. Das schmeckt. Und zwar richtig gut. Die Frage, warum er gerade Merlot angepflanzt hat, ist blöd und er versteht sie auch nicht wirklich und die Antwort ist so unpopulär wie entwaffnend. Weil er Merlot liebt! Aus. Und Cabernet. Und überhaupt Frankreich.

So sehr er Frankreich verehrt, so sehr raunzt er über Italien. Man hinke, so Marco überall hinterher. In Frankreich gäbe es hundert Winzer, die schwefelfreie Weine produzieren, in Italien sieben; Önologen werden in Frankreich angeblich seit den 1950er Jahren ausgebildet, in Italien erst seit 2001. Er selbst belegte damals den Studienzweig, nachdem er zuvor 20 Jahre als Koch geackert hatte. 2004 war es dann aber doch vorbei mit der Theorie, er erstand seine zwei Hektar Vulkanland in Villa di Teolo und hat dort neben Merlot auch noch Cabernet, Pattaresca, Malvasia, Moscato giallo e rosa und Tokaj ausgepflanzt.

Aus denen keltert er eine Palette, die schwer beeindruckt.  Während es für mich gerade die beiden weißen Interpretationen sind – mazeriert, aromatisch, federleicht und doch profund – sackt meine Mutter wie schon erwähnt ein Dutzend Flaschen Merlot – den „L’Arietta“ ein. Dazu gibt es noch einen Wein bei dem totale Einigkeit herrscht. Marco produziert einen „Vin de Soif“ (aaah, Francia), den L´Ombra, einen Durstlöscher oder ums treffender zu formulieren, einen Saufwein, der so angenehm, leicht und lebendig daherkommt, dass es absolut gerechtfertigt erscheint, dass er ihn in eineinhalb Liter Flaschen füllt.


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