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Antonio Perrino ist Garagenwinzer. Er war es schon, bevor man im Bordeaux den Begriff aufgriff, ihn seiner eigentlichen Bedeutung beraubte und daraus eine Marketingidee und Kommunikationsstrategie formulierte und sie, konsequent wie immer im Bordeaux, umsetzte.

An Perrino zogen diese Ideen vorbei wie die aufkonzentrierten und schwarzen Merlots, die man ab den 90er Jahren auch rund um seine Heimat in Dolceacqua/Ligurien immer öfter kelterte. Er setzte weitere  auf seinen klösterlichen und blassen Rossese, einen der erhabendsten, filigransten und raffiniertesten Rotweine Italiens. Und auf seinen Vermentino, der sich ebenso konsequent wie sein roter Bruder, den überregionalen Trends verweigerte.

Antonio mazeriert den Vermentino über fünf Tage. Doch – und hier zitiere ich mal die Worte anderer, die treffender nicht sein könnten – „ist die Mazeration nicht dazu gedacht, dem Wein Tannin und ein schweres Chassis mit auf den Weg zu geben, sondern hat vielmehr die Funktion die Geschmacksnuancen zusätzlich zu betonen“ (Castagno & Co.: Vini da Scoprire).

Das bisschen Gerbstoff im Wein ist so mürb und fein, dass man es kaum wahrnimmt – für die Struktur hauptverantwortlich ist eine Mischung aus mineralischer Substanz und Säure, die dem Wein Druck und Zug gibt und Kräuter, Steine und Salz ohne Schlenker in Richtung Gaumen trägt. Dort und ein bisschen weiter unten bleiben sie dann für die nächsten Minuten.

Ausgebaut wird über ungefähr 18 Monate in nicht allzu großen Holzfässern, wobei Antonio, anders als seine französischen Kollegen, zu 100% auf gebrauchtes Holz setzt.

Den Testalonga Bianco gibt es bei Vino nudo in Wien für € 19,90

Ganze 2,2 Hektar bewirtschaften Giuseppe Ferrua und seine Frau Giovanna Tronci in den Hügeln nördlich von Lucca (DOC Colline Lucchesi), wobei Wein nur ein kleiner Bestandteil des 20 Hektar großen Anwesens ist – Olivenöl kommt ein ähnlicher Stellenwert zu, der Rest ist Wald und ein Agriturismo, dessen Zimmer in dicken, altehrwürdigen Mauern aus dem 18. Jahrhundert untergebracht sind. Die Fabbrica di San Martino ist ein Rückzugsort, eine Enklave der Ruhe, die neben Giuseppe Ferruas Familie auch noch ein paar Esel, Bienen, Katzen und Rinder beherbergt.

Weingärten: Letztere haben auch für die Weingärten Bedeutung, liefern sie doch den Dung für das Präparat 500, das den biodynamischen Prinzipien gemäß zur Aktivierung der Bodenfruchtbarkeit eingesetzt wird. Und biodynamische Prinzipien werden auf San Martino intensiv gelebt. So verwendet man zum einen die diversen Präparate zur Stärkung der Pflanzen und des Bodens, zum anderen arbeitet man im Garten wie im Keller auch nach den kalendarischen Vorgaben der Biodynamik. Das kommt den bisweilen sehr alten Rebstöcken zu Gute, die in sandig geprägten Böden wurzeln und trotz der eher geringen Speicherfähigkeit ausreichend Nährstoffe akkumulieren können. Das Klima ist mediterran geprägt, wobei es an Regen nicht mangelt, ein Umstand, der die Hänge von Giuseppe oft in ein dunkles Grün verwandelt. In den Gärten wachsen – oft durchbrochen von Olivenbäumen – durchwegs autochthone Sorten, allen voran, wie könnte es anders sein, Sangiovese. Der bildet die Basis für die beiden Rotweine, den Arcipressi Rosso, der zudem Ciliegiolo, Colorino, Canaiolo, Malvasia Nera, Aleatico enthält.

Keller & Weine: Gelesen wird stets per Hand, wobei unreifes oder faules Material direkt am Stock selektiert wird, vergoren wird spontan, der Ausbau passiert im Edelstahl mit der Intention einen leichten und lebendigen Wein zu keltern. Der macht Spaß, liefert jedoch nur die Einleitung für den Fabbrica di San Martino Rosso, der strukturiert, dicht, fokussiert und vielschichtig sicher zu den besten roten Interpretationen der nördlichen Toskana gehört. Ausgebaut wird über 2 Jahre in 1000 Liter Holzfässern, gefiltert und geschönt wird gar nicht, geschwefelt kaum.

Dieser Ansatz minimalster Interventionen lässt sich auch auf die beiden Weißweine übertragen, den Arcipressi Bianco (saftig, bekömmlich, vital) und den Fabbrica di San Martino Bianco, mit dem Giuseppe, die Möglichkeiten von Vermentino und Trebbiano auslotet. Die Textur ist dabei eher weich, saftig und konzentriert, die Aromen sind vor allem gelben Früchten und von Kräutern geprägt.

Abgerundet wird das Sortiment von einem mehr als ernsthaften Rosé (reinsortig Sangiovese), dessen einziger Nachteil darin besteht, dass ihn meistens die Gäste des Agriturismo mehr oder weniger paritätisch unter sich aufteilen. Die Fabbrica di San Martino ist demeterzertifiziert und Mitglied bei Renaissance del Terroir und Lucca biodinamica.

Fabbrica di San Martino

Frazione San Martino/Lucca
Via Pieve Santo Stefano 2511
Tel:+39 0583 394284
E-Mail: info@fabbricadisanmartino.it
www.fabbricadisanmartino.it

Weine

Arcipressi bianco
Arcipressi Rosso
Fattoria di San Martino Bianco
Fattoria di San Martino Rosso
Rosé

Jahresproduktion: 12000 Flaschen
Rebsorten: Sangiovese, Canaiolo, Ciliegiolo, Malvasia Nera, Aleatico; Vermintino, Trebbiano Toscano
Rebfläche: 2,5 Hektar
Manuelle Lese: ja
Dünger: ja
Pflanzenschutz: biodynamisch, Kupfer und Schwefel
Biodynamisch zerifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: ja

Antonio Perrino ist eine jener mythischen Figuren im italienischen Weinbau, die jeder kennt, von der jedoch nur die wenigsten jemals einen Wein getrunken haben. Gründe dafür gibt es gleich mehrere: zum einen hat er gerade einmal sieben kleine Fässer, in denen seine komplette Produktion lagert. Anders ausgedrückt sind das 2100 Flaschen, was selbst für einen Garagenwinzer eine mikroskopische Menge ist.

Winzer seit 1961: Perrino, der seine Weine unter dem Label Testalonga verkauft (womit auch geklärt sein dürfte, woher Craig Hawkins den Namen für seine exzellente Weinserie hat), hat nie Anstalten gemacht, daran etwas zu ändern. Er keltert seit 1961 Wein. Den einen Hektar Weingarten, den er in der Arcagna, einer wild abfallenden Lage in der Nähe von Dolceacqua, bewirtschaftet, hat er seit damals nicht vergrößert. Womit man beim zweiten Grund wäre: Dolceacqua ist zwar wunderschön, liegt aber völlig abseits vitikultureller Trampelpfade oder (wein)kritischer Aufmerksamkeiten im äußersten Nordwesten Liguriens, gerade einmal einen Steinwurf von der französischen Grenze entfernt. Die beiden Rebsorten, die er dort bewirtschaftet, sind Vermentino und Rossese. Ihre Reputation ist überschaubar, ihre Popularität ebenfalls.

Zwei Weine: Was doppelt schade ist. Vermentino, die wesentlich bekanntere der beiden, entfaltet im Idealfall (Antonio) ein Aromasprektrum, das vor allem mediterrane Kräuter (Thymian, Salbei, Rosmarin) und florale Noten (Ginster, Akazien) in die Nase befördert. Bei Antonios Testalonga-Interpretation kann man auch noch salzige Noten dazuaddieren, Terroiraromen, die sich den steinalten (zwischen 50-100 Jahren) Reben verdanken, die ihre Wurzeln vor allem durch dicke Kalkschichten gesprengt haben.

Den 4000 Hektar Vermentino (3300 Hektar davon in Sardinien) stehen ganze 80 Hektar Rossese gegenüber, die sich allesamt in und um Dolceacqua befinden. Louis Dressner, amerikanischer Importeur mit einem profunden Wissen über italiensiche Nischenweine, nannte Rossese einmal, „the most exciting grape I have never heard of“, und tatsächlich gehört Rossese zu jenem Sammelsurium italienischer Sorten, die es wert sind, (wieder)entdeckt zu werden.

Rossese ist sensibel und kompliziert. Erfahrung und alte Stöcke tun folglich gut – Antonio hat beides. Sein Rossese, den er seit nunmehr 55 Jahren vinifiziert, ist ein Manifest für seine kontinuierliche Pflege und – zumindest meiner Ansicht nach – einer der besten unter den filigranen Rotweinen Italiens: Steine & Salz und dazwischen Pfeffer, Thymian, rote Beeren, eine lebendige aber extrem feine und filigrane Textur, Trinkfluss und eine unglaubliche Länge machen klar, warum der betagte Mann völlig zurecht Kultstatus genießt.

ps: Antonio Perrinos Weine entstehen seit seiner ersten Lese in seiner Garage. Anders als seine Bordelaiser Pendants, hat er immer darauf verzichtet, diesen Umstand marketingmäßig auszuschlachten und ist auch preislich stets in Bereichen geblieben, die seine Weine für jeden erschwinglich machen.

 

Beide Weine gibt es in limitierter Menge bei vino nudo in Wien.

Antonio Perrino “Testalonga”
Via Monsignor Laura 2
Dolceacqua (IM)
Tel. 349 3186881
perrino.testalonga@gmail.com

Rebsorten: Vermentino, Rossese
Rebfläche: 1 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ?
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

WEINE

Bianco (Vermentino).. ca.€20
Rossese di Dolceacqua.. ca.€23

Maddalena Pasquetti

Maddalena Pasquetti

Maddalena Pasquetti ist eine lebhafte, lustige und enthusiastische Frau. Zwar war ich noch nie bei ihr in Suvereto (das wird sich demnächst ändern), allerdings habe ich sie so oft auf Verkostungen und Messen getroffen, dass ich glaube, sie zumindest ein wenig zu kennen. Jenseits ihrer Ausgelassenheit ist sie allerdings auch von Prinzipien getrieben, die sie an den Mann bringen will und dafür bin ich stets ein bereitwilliges Opfer.

Während sie mir letztens (Fornovo 2015) einschenkte, erklärte sie mir parallel dazu auch nochmals die Eckdaten des Weins, Sangiovese in purezza, 100% Vigna alla Sughera, spontanvergoren, keine Enzyme, keine Stabilisatoren, kein Konzentratoren, keine Schönungen, keine Filtration, kein Schwefel – ein großes Nichts also bzw. Sangiovese in purezza eben. Gebrauchte Holzfässer für ein paar Monate sind die logische Konsequenz für den Ausbau. Danach wird er in völlig neutrale Zementtanks umgefüllt, die der Unverfälschtheit und aromatischen Neutralität ihres Ansatzes entsprechen.

Unverfälschtheit oder um es positiver auszudrücken Natürlichkeit ist dann auch das große Schlagwort, das Maddalena gemeinsam mit Andrea Bargiacchi in ihren Weinen verwirklicht sehen will. Dabei hatten sie bei der Planung ihres Weinguts – I Mandorli (die Mandelbäume) gibt es erst seit 2003 – ein akribisches Konzept im Kopf. Sie wollten neue Rebstöcke setzen und zwar auf jahrzehntelang brachliegendem Land, auf unkontaminiertem Territorium, in einer lebendigen, von Mikroorganismen und Biodiversität geprägter Erde.

Der Vigna alla Sughera, benannt nach den Steineichen, die den Weingarten umschließen, ist für seine jungen Jahre ein kräftiger Zeitgenosse, doch rücken ihn klassische Sangiovesesäure, feines Tannin und erdige Aromen ins rechte Lot. Alles in allem ist das alles dicht und druckvoll aber eben auch elegant. Maddalena scheint zudem mit den mineralischen Noten glücklich zu sein und als ich einmal fragte, ob das Val di Cornia, so eine Art Brücke zwischen der Straffheit des Chianti Classico und der Opulenz der Maremma darstellt, findet sie das auch ganz gut. Weil Bolgheri nahe und die Maremma nicht viel weiter entfernt ist, gibt es konsequenterweise auch einen zweiten Weingarten, der ausschließlich aus internationalen Rebsorten besteht, 70% Cabernet Sauvignon und 30% Cabernet Franc, der von Jahr zu Jahr ziselierter, filigraner und geradliniger wird. Die Opulenz der Anfangsjahre weicht stets präziserer und eleganterer Textur.

Dass die Weingarten biodynamisch bewirtschaftet werden sollen, war wesentlicher Bestandteil von Maddalenas Idee und da sich die Rebfläche auf wenige Weingärten beschränkt (der Sangiovese schaut nach Süd-Osten, direkt hinein in die Morgensonne, der Cabernet nach Süd-Westen, hinaus aufs tyrrhenische Meer, zwei kleine Anlagen mit Aleatico und Vermentino ergänzen) hat man auch die Zeit wichtige Arbeiten entsprechend den kosmologischen Konstellationen zu gestalten. Das gehört eben dazu, meint sie und wenn es nichts hilft, schadet es ganz sicher nichts.

Sie verwendet die klassischen 500er Präparate: Kamille, Baldrian, Löwenzahn etc. und reichert damit den jungen Boden an, denn und das ist wohl der wichtigste Aspekt in Maddalenas Konzeption, sie glaubt an die Diversität und Naturbelassenheit des Bodens. Und sonst? Sonst beobachtet sie, meint sie. Das ist das wichtigste. Sehen, was passiert – mit den Rebstöcken, den Trauben, dem Boden, dem Laub, mit allem, was den natürlichen Zyklus beeinflusst. Und sie hat den Kopf voll neuer Pläne. 2015 gab es das erste Mal einen Weißwein. Vermentino & Trebbiano, wie es sich für die Region gehört und so erfolgreich bei den lokalen Wirten, dass er auch schon wieder weg ist. Ein rotes Süßweinprojekt ist ebenfalls gelungen (es wird Zeit die Lanze für rot und süß zu brechen – doch davon ein andermal), während ein reinsortiger trockener Aleatico darauf wartet, gefüllt zu werden.

Vigna alla Sughera (2010)

Dichtung: lebendige und frische Nase – kühle Noten kombinieren sich mit Substanz und Subtilität – die Aromen befinden sich in waldigen Tiefen, Unterholz und Erde, Laub und ein paar Blüten werden ergänzt von ein wenig Frucht und pfeffrigen Noten. Das Spektakel beginnt aber erst so richtig am Gaumen, wo der 2010 Jahrgang seine ganze Kühle und Frische ausspielt, sein Tannin und seine Säure publik macht und von Maddalena perfekt ins Glas übersetzt wird.

Wahrheit: Die Vigna alla Sughera (der Weingarten der Korkeichen) ist keine 10 Jahre alt und mit 100% Sangiovese bestockt. Was passiert, wenn die Weingärten älter sind, kann man nur vermuten, Fakt ist jedoch, dass Maddalena mit der gegenwärtigen Version definitiv schon zu den besten Sangiovesewinzerinnen der Region gehört. Die Weingärten sind in mehrfacher Weise geschützt: zum einen durch die Korkeichen, zum anderen aufgrund ihrer Isolation vor konventionell arbeitenden Winzern. Gearbeitet wird biodynamisch und schaut man sich Bilder vom Weingarten an, hat man das Gefühl, dass Biodiversität auch nicht nur ein hingeschupftes Wort ist. Die Gärung ist spontan und findet in Zementtanks statt, der Ausbau erfolgt über 1 Jahr in großem Holz und Zement und dann über 6 Monate in der Flasche. Filtriert und geschönt wird nicht, die SO₂ Beigaben liegen bei 30mg/l.

Vigna al Mare (2009)

Dichtung: Muskulös, massiv, engmaschiges Tannin, ein paar dunkle Beeren, die dann Kräutern Platz machen, elegant, druckvoll, jung toll, älter ganz sicher noch toller, straff, mineralisch, kompakt, elegant, salzig, klar und präzis; lang und durchaus für die Zukunft konzipiert.

Wahrheit: Eine klassische Maremma-Combo, wobei Maddalena allerdings auf den Merlot verzichtet hat – derart kommt der Cabernet Franc besser zu Geltung. Der Weingarten selbst befindet sich auf mit Schiefer durchsetztem Ton auf 280 Metern und schaut in Richtung Sonnenuntergang. Die Erträge sind niedrig – ca. 3000 Kilo am Hektar – die Lese ist manuell, die Gärung spontan… der Ausbau beginnt in französischer Eiche (Allier) und endet in Zementtanks.

fabbrica di san martino 2Die Vermentinostöcke von Giuseppe Ferrua sind biodynamisch bewirtschaftet und erstrecken sich vom Anwesen (wer in der Nähe von Lucca eine Unterkunft sucht, sollte unbedingt in der Fabbrica absteigen) bis hinunter an die Waldgrenze. Giuseppes Rebzeilen sind isoliert (weit und breit nur Wald und Oliven) und schauen in Richtung Süden. Das – könnte man befürchten – hat keinen negativen Einfluss auf die Struktur des Weines: der Weingarten liegt relativ hoch und ist nebenbei bestens durchlüftet von Winden, die den Apennin runterpfeifen. Zwar findet sich der Vermentino in sandigem Untergrund, doch wurzeln die alten Stöcke tief und haben folglich kein Problem, Wasser und Nährstoffe aufzunehmen. Insgesamt resultiert das in einem Wein, der unaufgeregt und ruhig, Substanz und Tiefe mit Saftigkeit und einer cremigen Textur verbindet. Der Alkohol ist generell gemäßigt – auch bei seinen anderen Weinen. Gelbe Fruchtnoten und Kräuternoten komplettieren das Bild.

Ps: weitere zwei bis drei Jahre im Keller schaden nicht; dann sollte man langsam daran denken, den Bianco auch zu trinken.

Zu kaufen gibt es den Bianco in der Casa Caria, Schottenfeldgasse, 1070 Wien


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