Rebsorten

AUTOCHTONE SORTEN

Italien ist ein Paradies für all jene, die Lust haben sich durch die peripheren Großartigkeiten der Weinwelt zu trinken. Die unzähligen geographischen, geologischen und lokalen Besonderheiten, die sich vom Eisacktal bis nach Marsala auftun, werden von einer nahezu unüberschaubaren Bandbreite autochthoner Rebsorten ergänzt, die weltweit einzigartig ist. Die Schätzungen pendeln zwischen 300 und 800, wobei eine Unzahl an Synonymen immer wieder Unterschiede vermuten lässt, wo es keine gibt, andererseits aber Homonyme an die gleiche Sorte denken lassen, man es allerdings mit völlig unterschiedlichen Varietäten zu tun hat. Das nationale Rebsortenregister (Registro nazionale delle varietà di vite) listet in seinem Katalog 511 Sorten auf. Fakt ist jedoch, dass man in Italien in quasi jeder Weinbauregion auf Rebsorten stößt, denen man noch nie davor begegnet ist und die man unbedingt probieren sollte – die Gefahr gelegentlich negative Erfahrungen zu machen, sollte durch die Neugierde auf immer wieder erstaunliche, eigenwillige und beizeiten sensationellen Entdeckungen mehr als kompensiert werden.

Die Beschäftigung vieler italienischer Winzer mit autochthonen Sorten gründet nicht nur in dem Bewusstsein einem kulturellen Auftrag nachzukommen. Sie beruht vor allem auf der Überzeugung aus ihnen Weine keltern zu können, die besser als alle anderen die Beziehung zwischen Geologie, Klima und tradiertem Wissen vermitteln können.

unknown variety

Autochthon ist griechischen Ursprung, wobei man das Präfix „auto“ mit eigen oder unmittelbar übersetzen kann, während kthon ganz einfach Erde bedeutet. Autochthone Sorten verweisen auf ihre Herkunft und erzählen Geschichten, die oft weit in die Vergangenheit zurückreichen. Sie sind tief mit ihrem Ursprungsort verbunden und nur in den seltensten Fällen von ihm zu trennen. An Riesling versuchen sich Winzer weltweit, einzig um dadurch immer wieder aufs Neue den Nachweis zu erbringen, dass er nirgendwo so gut wächst wie an der Mosel. Nebbiolo funktioniert lediglich in Norditalien und das Burgenland und das westliche Ungarn scheinen die prädestinierte Heimat für Blaufränkisch und Furmint zu sein. Und selbst der omnipräsente Chardonnay setzt die Maßstäbe, an denen sich die Weinwelt erfolglos abarbeitet, in seinen eigentlichen Heimat, dem Burgund.

Ein entscheidender Grund dafür sind die Besonderheiten lokaler Terroirs, dem Zusammenspiel aus unzähligen natürlichen den Wein beeinflussenden Komponenten. Lokale Traditionen und das oft über Jahrhunderte akkumulierte Verständnis für die Eigenheiten der Sorte und ihren Platz im territorialen Ökosystem sind weitere wesentliche Faktoren. Die Pflege autochthoner Sorten hat folglich auch einen sozialen Hintergrund: sie sind integraler Bestandteil und authentischer Ausdruck regionaler Kulturen und nicht selten nachdrücklich mit den Identitäten der Menschen verknüpft.

Perricone

Ian d’Agata, einer der eloquentesten Rebsortenforscher des Landes und Verfassen des großartigen Buches Native Wine Grapes of Italy verglich Wein einmal mit einer fortwährenden Reise. Autochthone Sorten gehören dabei oft genug zu den spannendsten Entdeckungen. Sie sind die versteckten Monumente in abgelegenen Gassen, die kleine, vergessene Bucht überfüllter Inseln. Um ihnen auf die Spur zu kommen, muss man gelegentlich in die entgegengesetzte Richtung gehen. Wer sie allerdings erstmal gefunden hat, wird immer wieder zu ihnen zurückkehren.

Aglianico (Kampanien/Basilicata)
Albana (Emilia Romagna)
Albana Nera (Emilia Romagna)
Aleatico (Toskana/Marken/Lazio)
Ancellotta (Emilia Romagna)
Ansonica/Inzoglia (Toskana/Sizilien)
Arneis (Piemont)
Barbera (Piemont)
Barsaglina (Toskana)
Biancolella (Kampanien)
Bosco (Ligurien)
Brachetto (Piemont)
Canaiolo (Toskana)
Cannonau (Sardinien/Veneto)
Carricante (Sizilien)
Catarratto (Sizilien)
Centesemino (Emilia Romagna)
Cesanese (Lazio)
Ciliegiolo (Toskana)
Cococciola (Abruzzen, Molise, Apulien)
Coda di Volpe Bianca (Kampanien/ Apulien/ Sizilien)
Colorino (Toskana)
Cornalin (Aostatal)
Cortese (Piemont)
Corvina (Veneto)
Croatina (Veneto/Lombardei/Piemont/Emilia Romagna)
Dolcetto (Piemont/Ligurien)
Durella (Veneto)
Enantio (Trentino/Veneto)
Erbaluce (Piemont)
Falanghina (Kampanien/Apulien/Lazio)
Famoso (Emilia-Romagna)
Fiano (Kampanien)
Foglia Tonda (Toskana)
Forastera (Kampanien)
Fortana (Emilia-Romagna)
Frappato (Sizilien)
Freisa (Piemont)
Fumin (Aostatal)
Gaglioppo (Kalabrien, Kampanien)
Garganega (Veneto/Sizilien)
Glera (Veneto)
Grechetto (Umbrien/Emiilia-Romagna/Lazio)
Grignolino (Piemont)
Grillo (Sizilien)
Guardavalle (Kalabrien)
Lacrima (Marken, Emilia-Romagna, Toskana, Puglia)
Lagrein (Südtirol/Trentino)
Lambruscofamilie (Emilia Romagna)
Lumassina (Ligurien)
Magliocco (Kalabrien)
Malbo Gentile (Emilia Romagna)
Mantonico Bianco (Kalabrien)
Marzemino (Trentino/Veneto/Emilia-Romagna)
Minutolo (Apulien)
Montepulciano (Abruzzen/Marken/Molise/Lazio/Toskana/Umbrien/Apulien)
Montù (Emilia-Romagna)
Nebbiolo (Piemont/Lombardei/Aostatal)
Negretto (Emilia-Romagna)
Negroamaro (Apulien/Basilicata/Kampanien)
Nerello Capuccio (Sizilien)
Nerello Mascalese (Sizilien)
Nero d’Avola (Sizilien)
Nosiola (Trentino)
Nuragus (Sardinien)
Pascale (Sardinien)
Passerina (Abruzzen/Marken/Lazio)
Pecorino (Marken/Abruzzen/Lazio)
Perricone (Sizilien)
Picolit (Friaul)
Piedirosso (Kampanien/Apulien)
Pignoletto (Emilia-Romagna/Umbrien/Lazio)
Priè (Aostatal)
Primitivo (Apulien/Kampanien)
Pugnitello (Toskana)
Raboso (Veneto)
Refosco (Friaul)
Ribolla Gialla (Friaul)
Rossese (Ligurien)
Ruchè (Piemont)
Sagrantino (Umbrien)
Sangiovese (Toskana)
Schiava (Südtirol)
Schioppettino (Friaul)
Sciascinoso (Kampanien/Lazio)
Spergola (Emilia-Romagna)
Susumaniello (Apulien)
Teroldego (Trentino)
Terrano (Friaul)
Timorasso (Piemont)
Tinitilia (Molise)
Tintore di Tramonti (Kampanien)
Tocai Friulano (Friaul)
Trebbianofamilie (ganz Italien)
Uva di Troia (Apulien)
Verdeca (Apulien)
Verdicchio (Marken)
Verduzzo (Friaul)
Vermentino (Ligurien/Toskana/Sardinien)
Vespolina (Piemont/Lombardei)
Vitovska (Friaul)

LITERATUR

Ian d’Agata: Native Wine Grapes of Italy (das ultimative Standardwerk und überhaupt eines der besten Bücher über Wein)

Native Wine Grapes

Fabio Giavedoni: Guida ai vitigni d’Italia (auch sehr informativ, allerdings auf Italienisch und ohne Empfehlungen)

vitigni d'Italia