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Im Verkostungsraum des Castello di Lispida

Vinifiziert wird quasi interventionsfrei, es wird weder geschönt, filtiert, geschwefelt oder was einem sonst so einfallen könnte. Dafür landet ein Teil der Tokaiernte in ein paar unterschiedlich großen Amphoren (und das schon seit gut einem Jahrzehnt, also bevor der große Boom einsetzte) bleibt dort für sechs Monate auf den Schalen, wird dann abgezogen und wandert dann wieder zurück in die Amphore. Eine exzellente Ribolla/Tokai Cuvée (Terralba) ergänzt das weiße Sortiment, rot gibt es wie schon erwähnt mineralischen Merlot und (noch besser) eine Merlot/Sangiovese Cuvée, die 18 Monate lang in großen Holzfässern zubringt.

Als krönenden Einstieg ins Sortiment hat das Castello Lispida einen ungefilterten in der Flasche vergorenen und undosierten Tokai Spumante, für den allein es sich schon lohnen würde, in die Colli Euganei aufzubrechen: der ist trüb wie Naturapfelsaft, die Grundtextur ist frisch & knackig,  wobei auch eine leicht steinige Komponente und lebendige präzise Frucht durchkommen, die erstaunlich lang präsent bleiben; einfache, leichte und sommerliche Spumante Version, die weit davon entfernt ist, banal zu sein.

Terralba

Dichtung: Blüten und ein wenig Grapefruit, dicht, durchaus schon auf der kräftigeren Seite ohne ausladend zu sein, salzig, Trockenobst, strukturiert, griffige Gerbstoffnoten begleitet von dezenter Säure, vital, lang, bekömmlich.

Wahrheit: Tokai wird in den Vulkanhügel neben Abano interessanterweise gerne und fast schon traditionell ausgesetzt, da liegt es nahe auch noch die zweite spannende weiße Rebsorte des Friauls dazusetzen: Ribolla Gialla. Beides ergibt einen saftigen, kompakten Wein mit Zitrusaromen und Blütennoten, dem eine einmonatige Mazeration ordentlich Substanz mit auf den Weg gibt. Ausgebaut wird im großen Holz, vergoren spontan und Temperaturkontrolle.

Amfora

Dichtung: Blüten, Orangenschalen, mit der Zeit und Luft kommen zunehmend Kräuter dazu, am Gaumen dicht, gehaltvoll, substantiell und komplex, dabei elegant und komprimiert; druckvoll, guter Trinkfluss; braucht zwar nicht zwingend Zeit, sie tut ihm freilich (wie fast allen, in Amphoren ausgebauten Weinen) gut.

Wahrheit: Der einzige, mir bekannte, Amphorenwein aus dem Veneto, was ein wenig überrascht, ist die Region doch ansonsten ziemlich Avantgarde. Auf Lispida jedenfalls hat die Amphore quasi Tradition, Wein wird darin schon seit gut einem Jahrzehnt gekeltert, man weiß also, was man tut. Prinzipiell ist das nicht allzu viel. Nach 6 Monaten Mazertionszeit in der Amphore wird umgezogen und wieder eingezogen in die Amphore: diesmal ohne Schalen und das für 8 Monate. Das ergibt de facto einen dichten, konzentrierten, komplexen und letztlich brillanten Wein, dem Zeit gut tut und wenn man die nicht hat, zumindest Luft in der Karaffe.

Terraforte

Dichtung: Klar, frisch, präzis und einladend – in der Nase und am Gaumen; erstere wird anfangs von roten Beeren gekapert, die sich ihren Platz dann zunehmend mit mediterranen Kräutern teilen; im Mund geht es saftig, engmaschig und kompakt zur Sache; Sangiovese liefert die Textur, Merlot den Körper; lang und langlebig

Wahrheit: Merlot wurzelt überall in den Colli Euganei, was prinzipiell eher ein Jammer ist (die Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel und wer in die Colli kommt, sollte unbedingt die Merlot von Farnea und Monteforche probieren). Mit Sangiovese ergänzt gewinnen merlotlastige Weine allerdings an Struktur, die Säure zieht an, der Gerbstoff wird kompakter, die warme Weichheit wird doch kühle Sperrigkeit ergänzt. Und so ist der Terraforte dann auch ein extrem einladender, engmaschige, saftiger Wein geworden, der nach 18 Monaten im großen Fass ungefiltert und ungeschwefelt in die Flasche wanderte.