In Cristianos Keller2004 übernahm Cristiano 2,2 Hektar alte, in albarello erzogene Primitivo-Weingärten von seinem Opa und machte sich auf den steinigen Weg Primitivo ein neues Gesicht zu verleihen. Dafür schaffte er sich erstaunlicherweise gleichmal ein paar umbrische Amphoren an (die Arbeit eines Freundes) und probierte aus.

Holz, meinte er, hätte dem ohnehin wuchtigen Primitivo noch mehr Gewicht verliehen, er wollte allerdings Leichtigkeit, Eleganz und Frische. Stahl wäre eine Möglichkeit gewesen (er verwendet es für seine Basisweine), der Ausbau in der Amphore war der andere. Heute stehen gut und gerne 25 Amphoren in seinem Keller herum und darin wird nicht nur Primitivo gekeltert sondern auch Verdeca. Ausgebaut wird rot wie weiß übrigens über 12 Monate, manchmal auch länger, je nachdem, ob er die Amphoren für den Folgejahrgang braucht oder nicht.

Struktur und Vitalität sind dann auch die herausragenden Komponenten all seiner Weine, sei es nun der Lamie delle Vigne (ein reinsortiger primitivo) oder auch den IOHA, eine Cuvée aus Negroamaro und Primitivo, der seine 14% bestens hinter dunklen, kühlen Fruchtnoten und mächtig Pfeffer versteckt. Der Kracher des Sortiments ist allerdings der Anfora (2010), der lang, saftig, vielschichtig und lebendig Primitivo auf eine neue Ebene hebt und von dem man, einst unvorstellbar beim Gedanken an die Rebsorte, auch problemlos eine ganze Flasche wegtrinken kann.

Lamie delle Vigne 2012

Dichtung: ein Gegenentwurf zu klassischen Primitivowelten. Und was für einer. Struktur, Säure und Frische dominieren den Wein, kein schlappes, zerkochtes Dörrobst, vielmehr saftige dunkle Fruchtaromen und ordentlich Pfeffer. Kräuter in der Nase und am Gaumen. Druckvoll vom Anfang bis zum Ende. An Alkohol mangelt es nicht (14%-14,5%, doch ist der bestens gepuffert) Ein Bruch mit Erwartungshaltungen, doch einer den man unbedingt probieren sollte.

Wahrheit: Diesen Sommer (2015) vor Ort gelernt: Primitivo ≠Primitivo. Warum auch. In Apulien gibt es genauso klimatische, geologische, pedologische, topographische und was sonst noch für Unterschiede, die sich entsprechend im Wein bemerkbar machen. In Österreich, Deutschland und selbst in Italien kennt man (leider) vor allem die Beispiele aus Manduria (auf quasi ZERO Meter, nahe am Meer, heiß), die schwer und überladen, jeden Schluck zur Tortur werden lassen – der erste ist erschlagend, nach dem fünften hängt man in den Seilen, nach dem siebten liegt man am Boden, nach dem zehnten im Koma.

Primitivo aus Gioia del Colle dagegen basiert auf anderen natürlichen Voraussetzungen und auch wenn es nicht viele Winzer schaffen die Essenz des Ortes (Weingärten bis zu 500 Meter, karge, karstige Kalkböden und Nächte, die selbst im Hochsommer so frisch sind, dass man eine Decke braucht) einzufangen, gibt es doch ein paar phänomenale Beispiele dafür, wie gut Primitivo sein kann. Cristiano Guttarolos Lamie delle Vigne gehört dazu. Der Weingarten ist gut 30 Jahre alt, seit langem biologisch bewirtschaftet und hat – das ist ganz entscheidend – selbst in heißen Jahren niedrige pH-Werte und folglich ausreichend Struktur und Säure. Der Ertrag ist mit 2000-4000 Kilo/ha extrem niedrig; ausgebaut wird der Lamie delle Vigne im Stahl, danach verbringt er weitere Monate in der Flasche. Gefiltert und geschönt wird nicht, geschwefelt erst am Ende und zwar in minimalen Mengen (weniger als 30mg/l Gesamt)