Calafata (Weingut)
San Concordio di Moriano

Calafata (Sitz der COOP)
Piazzale Arrigoni, 2
55100 Lucca
+393667298099
commerciale@calafata.it
www.calafata.it

Calafata

Calafata ist zuallererst ein Weingut – das man allerdings mit ein paar zusätzlichen Attributen versehen darf: biologisch (zertifiziert) & biodynamisch (teils praktiziert) beispielsweise, zwei Wörter, die zumindest für manche (mich) einen fundamentalen Stellenwert haben. Kulturell & Konservierend. Radikal & Innovativ. Entscheidende Bedeutung im Selbstverständnis und in der legalen Formation von Calafata hat allerdings das Wort SOZIAL: Calafata ist eine Cooperativa Agricoltura Sociale, eine soziale landwirtschaftliche Genossenschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, nicht nur exzellente Weine zu keltern, sondern in den Arbeitszyklus Menschen zu integrieren, die, marginalisiert und bisweilen weggesperrt, im gesellschaftlichen Schatten stehen.

ENTSTEHUNG

Calafata ist die Umsetzung einer brillanten Idee, die gleich mehreren Köpfen entsprungen zu sein scheint. Einer der wesentlichen Protagonisten war Lorenzo Citti, ein Nachkommen der Familie del Serre, die über Generationen hinweg im Banksektor von Lucca tätig war (und es noch ist) und im Laufe der Jahre und Jahrhunderte rund um die Stadt Ländereien erworben hat. Eine davon war Maolina, eine Villa mit einem drei Hektar großen Weingarten, dem – laut Saverio Petrilli von der Tenuta Valgiano* – besten von Lucca. Signor Citti selbst verbrachte die Sommermonate seiner Kindheit in und rund um diesen Weingarten und blieb ihm stets verbunden. Im Jahr 2010 kündigte ihm allerdings der letzte Pächter und da sich niemand fand, der den Weingarten und das damit verbundene Weingut unter den bisherigen Konditionen weiterführen wollte, musste er an andere Optionen denken.

Eine davon trat in der Gestalt von Mauro Montanaro an ihn heran, dem zweiten großen Protagonisten. Er unterbreitete Lorenzo Citti ein Projekt, auf das vermutlich nicht viele Grundbesitzer eingegangen wären. Er schlug Lorenzo vor, ihm und zwei Freunden den Weingarten und die Villa samt Keller zu überlassen, um darin eine Einrichtung zu begründen, die nicht nur den Fortbestand des Weingartens sichern, sondern auch einer Handvoll marginalisierter Personen eine Existenz bieten sollte. Lorenzo Citti stimmte zu und Mauro machte sich mit seinen beiden Kumpels und einem, sich auf Entzug befindlichen, Drogenabhängigen an die Arbeit.

SOLIDARITÄT

Obwohl keiner der vier wirklich wusste, wie Weinbau geht, gab es von Anfang an dezidierte Grundsätze. So war es von der ersten Sekunde weg klar, dass man bei Calafata biologisch arbeiten würde. Und zwar – auch das war klar und auch nicht anders möglich  – mit den wenigen Mitteln, die zur Verfügung standen. Um trotz des Mangels an Erfahrung und der rustikalen Technologie, gute und möglichst sehr gute Weine keltern zu können, setzte man sich mit den besten Winzern der Region zusammen, von denen es glücklicherweise gleich mehrere gibt: Gabriele da Prato von der Podere Concori stand ebenso mit Rat und Tat zur Seite wie Giuseppe Ferrua von der Fabbrica di San Martino und der bereits erwähnte Saverio Petrilli.

2011 gab es die erste Lese und abgesehen davon, dass man es – laut Erzählungen – mit zwei ausgezeichneten Weinen zu tun hatte, gab es zusätzliche Überraschungen. Meist ältere Parzellen- und Terrasseneigentümer aus der unmittelbaren Umgebung waren auf das Quartett aufmerksam geworden, fanden Gefallen an dem, was sie taten und fragten an, ob die kleine Kooperative nicht Lust hatte, größer zu werden. So kamen im selben Jahr noch ein verwilderter Olivenhain mit 1200 steinalte Bäumen und im Laufe der Zeit auch noch weitere sieben Hektar Weingärten und vier Hektar Gemüse und Obstgärten hinzu. Man brachte Mauro und seinen Kompagnons Fässer und Zementbottiche zum Reifen der Weine vorbei und unterstützte sie mit den notwendigsten Gerätschaften. Mit den neuen Weingärten wuchs auch das Personal: man rekrutierte aus Entzugskliniken und gab politischen Flüchtlingen die Möglichkeit, bei ihnen zu arbeiten und zu wohnen. Heute sind bei Calafata insgesamt 15 Personen beschäftigt, die jeden Tag Obst und Gemüse ernten und es am Markt verkaufen, Olivenöl produzieren, Honig herstellen und Weine keltern – und zwar richtig gute.

ALTE REBSTÖCKE

Sieben Jahre nach der Gründung kennt Mauro Montanaro jeden Rebstock in seinem Weingarten. Die meisten davon sind alt – haben siebzig Jahre und mehr auf dem Buckel. Ein paar wenige stammen aus einer Zeit als Karl der II. noch Herzog von Lucca und ein vereintes Italien noch ferne Zukunft war. Die Erträge sind gering – selten mehr als 2000 Kilo – den gutgemeinten Rat einiger Nachbarn, die alten Stöcke auszureißen und neue hineinzupflanzen, schlug er dennoch aus. „Maolina“, der alte Weingarten, meint Mauro, „ist ein Kulturgut.“ Knapp 15 Sorten wurzeln in wildem Durcheinander in den kalkdurchsetzten Tonböden: viel Sangiovese aber auch Ciliegiolo, Canaiolo, Colorino, Vermentino, Malvasia Nero & Bianco, Moscato, Trebbiano und noch ein halbes Dutzend anderer Sorten, die man bisher nicht zuordnen konnte.

Gepflegt werden die Rebstöcke fast ausnahmslos per Hand, was zu einer weiteren bemerkenswerten Begleiterscheinung innerhalb des Projekts Calafata geführt hat. Da seine Mitarbeiter durch den täglichen direkten Kontakt mit den Reben bestens über deren Bedürfnissen Bescheid wissen, entwickeln sie sich in oft kurzer Zeit zu Spezialisten im Weingarten und werden – wenn Not am Mann ist – an andere Weingüter verliehen oder wechseln direkt in fixe Anstellungen. Man ist also, meint Mauro zufrieden, „auch zu einem Ausbildungsbetrieb geworden, der die stete Nachfrage nach landwirtschaftlichem Fachpersonal befriedigt und gleichzeitig den Mitarbeitern zusätzliche Perspektiven eröffnet.“

BLICK AUF LUCCA

Maolina ist nach fast allen Seiten hin geöffnet, wovon Rebstöcke wie Arbeiter profitieren. Die leicht östliche Ausrichtung sorgt dafür, dass am Morgen eine frühe Erwärmung der Böden stattfindet, es am Abend allerdings  rechtzeitig kühl wird, um ein adäquates Säure-Zucker-Gleichgewicht in den Trauben entstehen zu lassen. Die Öffnung nach Süden garantiert nicht nur ein perfektes Ausreifen der Trauben sondern auch einen Blick auf Lucca, der vermutlich auch nach dem hundertsten Mal noch motivierend wirkt. Im Westen wiederum liegt, hinter einer nicht allzu hohen Hügelkuppe das Meer, das man zwar nicht sieht, deren Wind aber nicht nur die Menschen, sondern auch die Reben erfrischt. Zu guter Letzt schließen im Norden der Olivenhain und die Villa an, die einstige Sommerresidenz der Familie del Serre, in der sich heute unter anderem der noch immer recht rudimentäre Keller von Calafata befindet.

DIE WEINE

Ein paar Stahltanks und ein paar Zementbottiche nehmen den größten Teil davon ein. Gepresst wird noch immer mit einer alten, händisch betriebenen Korbpresse. In einem angeschlossenen kleinen Arbeitsraum wird gerade Honig etikettiert; in einem Schuppen sind zwei Leute damit beschäftigt eine Palette mit Weinen einzufolieren. Mauro schnappt sich drei Flaschen, spaziert durch den ausladenden Garten und nimmt letztlich an einem Tisch Platz, von dem man auf Maolina, Zypressen und Lucca schaut und sich das Meer zumindest einbilden kann. Ein adäquater Platz, um sich in aller Ruhe mit Calafatas Weinen zu beschäftigen. Der Levato di Gronda, Calafatas straffer, dichter und geradliniger Weißwein, riecht nach mediterranen Kräutern, Steinen und Blüten und räumt diskreten weißen Fruchtnoten erst am Gaumen ein wenig Platz ein. Die Textur ist konzentriert, saftig und  druckvoll und der Abgang lang und leicht salzig. Danach wird es mit dem Scapigliato rot und erstaunlich aromatisch: entscheidend dafür sind ein paar Rebstöcke Moscato nero, Malvasia nero und Ciliegiolo, die mit den üblichen Geschmacksvorstellungen, die man mit Rotweinen verbindet, brechen und vor allem Blütenaromen und feine Gewürznoten suggerieren, die langsam aber doch von immer intensiver werdender roter Frucht unterstützt werden. Als letzten Wein entkorkt Mauro den Levato di Majulina, ein fulminantes Tribut an Calafatas alten Weingarten. Angeführt von den rotbeerigen, leicht erdigen Noten des Sangiovese öffnet sich sukzessive ein üppiges Spektrum an Aromen, das sich in eine saftige, lebendige und profunde Struktur bettet, die auf einem ziemlich perfekten Gleichgewicht aus Säure, Körper und deutlichen aber feinen Tanninen baut.

Wie gut die Weine sind, wird auch unter anderem auch daran deutlich, dass sie in der Zwischenzeit bei Triple A, Italiens wohl bestem Distributor in Sachen Wein gelistet sind. Dass man trotzdem auf dem Boden bleibt, beweist wiederum die Tatsache, dass man auch immer noch Fassweine produziert, die jeden Samstag am Bauernmarkt in Lucca verkauft werden.

WEINE

Levato di Gronda (weiß)
Almare (maischevergoren)
Levato di Majulina (Sangiovese + alte Sorten)
Levato di Redola (Sangiovese)
Scapigliato (aromatische rote Sorten)

Die Preise der Weine liegen zwischen € 10 und € 15 (2017)

Calafata ist Mitglied bei Lucca biodinamica und wird in Italien von Triple A vertrieben

Im deutschsprachigen Raum gibt es bisher niemanden, der Calafata im Programm hat

Jahresproduktion: ca. 15ooo Flaschen
Rebsorten: Moscato, Vermentino, Trebbiano, Malvasia; sangiovese, Ciliegiolo, Colorino, Canaiolo, Malvasia Nera, Moscato Nero etc.
Rebfläche: 10  ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein