CESANESE

Cesanese ist zweifellos die spannendste rote Sorte Latiums. Wenig bekannt liefert sie Weine, die geruchlich in ihren besten Ausprägungen an Pinot Noir erinnern, gleichzeitig jedoch auch deutlich süditalienische Charakterzüge in sich trägt.

Cesanese ist eine rote Rebsorte, beheimatet im Latium. Nein. Eigentlich ist Cesanese zwei Rebsorten, beide beheimatet im Latium: Cesanese d’Affile und Cesanese Comune, die beide nicht viel mehr miteinander zu tun haben als den gleichen Namen zu tragen und an den gleichen Orten zu wachsen. Um die Verwechslungsgefahr und Verwirrung noch etwas zu erhöhen, gibt es auch drei Appellationen, die sich den Namen teilen. Cesanese del Piglio, Cesanese di Olevano Romano und – ein wenig bösartig – Cesanese d’Affile, wo natürlich auch Cesanese Comune wächst (dass vor Kurzem mit dem Cesanese di Castelfranco noch eine dritte eigenständige Variante  lokalisiert wurde, sei zumindest erwähnt – untergekommen ist sie mir bisher allerdings noch nicht). Corporate Identity sieht jedenfalls anders aus. Aber um die geht es den meisten Cesanese-Produzenten ohnehin nicht.

Man erklärt lieber. Erzählt davon, dass Cesanese d’Affile kleinere Beeren hat (weshalb sie auch Cesanese piccolo genannt wird)  und am besten in relativ hohen Lagen wächst, während Cesanese Comune bessere Erträge ergibt und weniger krankheitsanfällig ist. Nachvollziehbar ist das kaum. Nachdem beide Sorten generell als eine einzige wahrgenommen werden und in Italien ohnehin das Terroir über der Sorte steht, weiß man nie wirklich, welche der beiden Sorten sich nun in den Weinen befindet – oft sind es mit Sicherheit auch beide.

Fakt ist allerdings, dass aus den beiden Cesanese brillante Weine gekeltert werden, wobei sie nicht nur farblich, sondern auch aufgrund ihrer Textur und der sensorischen Eigenständigkeit oft stark an Pinot Noir erinnern.

Cesanese d’Affile hat bisweilen Probleme, gut auszureifen. Dennoch tun ihm Lagen über 300 Meter gut. Kalk ist der bevorzugte Untergrund, vernünftige Erträge das Fundament für strukturierte, filigrane und subtile Weine. Einziges kleines Minus ist die Tatsache, dass in warmen Jahren, der Alkohol ordentlich in die Höhe schießen kann – die besten Winzer bekommen trotzdem ausgewogene und balancierte Weine in die Flasche. Die Bandbreite der Aromen reicht je nach Jahrgang und Region von Rosenblätter über Kreide und Erde bis zu Zimt, Kirschen & Waldbeeren.

Dass im Hinterhof Roms große Rotweine wachsen, ist zwar heute den wenigsten bekannt – und richtig losgegangen mit der kleinen Renaissance ist es auch erst vor 15 Jahren – vor zweitausend Jahren allerdings wusste man über die potenziellen Qualitäten bestens Bescheid. Angeblich schrieb schon Plinius über die Vorzüge von Cesanese (möglicherweise der damaligen Alveole) und Nerva, einer der weiseren römischen Kaiser ließ sich bei Piglio einen Palast bauen, da ihm die dortige Weine so gut schmeckten.

Im deutschsprachigen Raum sind die Cesanese bisher noch nicht angekommen. Es bleibt also vinophilen Rombesuchern überlassen, sich entweder in einer der in der in der Zwischenzeit nicht zu knappen Weinbars über die Sorten herzumachen oder einfach einen Zug zu besteigen, um in Richtung römisches Hinterland aufzubrechen.

Eine Auswahl

Mario Macciocca Cesanese Civitella (Piglio)
Mario Macciocca: Monocromo Rosso (Piglio)
Damiano Ciolli: Silene (Piglio)
Damiano Ciolli: Cirsium (Piglio)
La Visciola: Ju Quarto (Piglio)
La Visciola: Priore Mozzatta (Piglio)
Carlo Noro: Collefurno (Piglio)
Berucci: L’Onda (Piglio)
Marco Antonelli: Il Simposio (Olevano Romano)
Cantina Ricardi Reale: Collepazzo (Olevano Romano)
Cantina Ricardi Reale: Neccio (Olevano Romano)
Ribelà: Cesanese