cesanese-290x290Cesanese ist eine rote Rebsorte, beheimatet im Latium. Nein. Eigentlich ist Cesanese zwei Rebsorten, beide beheimatet im Latium: Cesanese d’Affile und Cesanese Comune, die beide nicht viel mehr miteinander zu tun haben als den gleichen Namen zu tragen und an den gleichen Orten zu wachsen. Um die Verwechslungsgefahr und Verwirrung noch etwas zu erhöhen, gibt es auch drei Appellationen, die sich den Namen teilen. Cesanese del Piglio, Cesanese di Olevano Romano und – ein wenig bösartig – Cesanese d’Affile, wo natürlich auch Cesanese Comune wächst (dass seit kurzem mit dem Cesanese di Castelfranco noch eine dritte eigenständige Variante  lokalisiert wurde, sei zumindest erwähnt – untergekommen ist sie mir bisher allerdings noch nicht). Corporate Identity sieht jedenfalls anders aus. Aber um die geht es den meisten Cesanese-Produzenten ohnehin nicht.

Man erklärt lieber. Erzählt davon, dass d’Affile kleinere Beeren hat und am besten in höheren Lagen wächst, während Comune bessere Erträge ergibt und weniger krankheitsanfällig ist. Nachvollziehbar ist das kaum. Nachdem beide Sorten generell als eine einzige wahrgenommen werden und in Italien ohnehin das Terroir über der Sorte steht, weiß man nie wirklich, welche der beiden Sorten sich nun in den Weinen befindet – oft sind es mit Sicherheit auch beide.

Fakt ist allerdings, dass aus Cesanese brillante Weine gekeltert werden, wobei sie nicht nur farblich, sondern auch aufgrund ihrer Textur und der sensorischen Eigenständigkeit oft stark an Pinot Noir erinnern. Wobei auch – wie beim Pinot – bereits minimale Ortsunterschiede Struktur und Aromaspektrum eklatant zu beeinflussen scheinen.

Auch wenn die Cesanese nicht besonders gut ausreifen, tun ihnen Lagen über 300 Meter gut. Kalk ist der bevorzugte Untergrund, vernünftige Erträge das Fundament für strukturierte, filigrane und subtile Weine. Einziges kleines Minus ist die Tatsache, dass in warmen Jahren, der Alkohol ordentlich in die Höhe gehen kann, wobei die besten Winzer trotzdem ausgewogene und balancierte Weine in die Flasche bringen.  Die Bandbreite der Aromen reicht je nach Jahrgang und Region von Rosenblätter über Kreide und Erde bis zu Zimt, Kirschen & Waldbeeren.

Dass im Hinterhof Roms große Rotweine wachsen, ist zwar heute den wenigsten bekannt – und richtig losgegangen mit der kleinen Renaissance ist es auch erst vor 15 Jahren – vor zweitausend Jahren allerdings wusste man über die potenziellen Qualitäten bestens Bescheid. Angeblich schrieb schon Plinius über die Vorzüge von Cesanese (möglicherweise der damaligen Alveole) und Nerva, einer der weiseren römischen Kaiser ließ sich bei Piglio einen Palast bauen, da ihm die dortige Weine so gut schmeckten.

Im deutschsprachigen Raum sind die Cesanese bisher noch nicht angekommen. Es bleibt also vinophilen Rombesuchern überlassen, sich entweder in einer der in der in der Zwischenzeit nicht zu knappen Weinbars über die Sorten herzumachen oder einfach einen Zug zu besteigen, um in Richtung Süden aufzubrechen.

Mario Macciocca Cesanese Civitella (Piglio)
Mario Macciocca: Monocromo Rosso (Piglio)
Damiano Ciolli: Silene (Piglio)
Damiano Ciolli: Cirsium (Piglio)
La Visciola: Ju Quarto (Piglio)
La Visciola: Priore Mozzatta (Piglio)
Carlo Noro: Collefurno (Piglio)
Berucci: L’Onda (Piglio)
Marco Antonelli: Il Simposio (Olevano Romano)
Cantina Ricardi Reale: Collepazzo (Olevano Romano)
Cantina Ricardi Reale: Neccio (Olevano Romano)
Ribelà: Cesanese

LINKS & QUELLEN

http://www.cesanesedelpiglio.it/

Ian d’Agata: Native Wine Grapes of Italy

Guida ai vitigni d’Italia

Damiano Ciolli oder warum man in Latium auch heute noch gut trinkt

In vielerlei Hinsicht ist Latium und mit ihm Rom und Umgebung eine der Wiegen des Weins. Plinius, Horaz, Ovid, Columella und ihre Worte und Werke zum Thema sind heute Legion. Man analysierte und studierte Wein, diskutierte und schrieb über ihn. Und dass im alten Rom nicht zu knapp Wein floss, ist ohnehin hinlänglich bekannt. Doch woher kam der? Aus der Region? Wenn ja, was ist seit damals passiert? Abgesehen von einer Enklave rund um den Lago di Bolsena (und den großartigen Weine von Le Coste) sind es vor allem Frascati, Est, Est, Est!!! und Orvieto, die man heute mit der Gegend um Rom, meist mit Schrecken, verbindet. Die eigentlich spannendste Ecke der Region ist dagegen kaum bekannt.
Doch wie so oft in Italien lohnt es sich einfach weiter zu probieren und zu schauen, ob sich unter all den Trebbianos, Malvasias und was es sonst noch so in Latium gibt, nicht auch eine Rebsorte befindet, die der Reputation der Region zuwiderläuft.