WINZER

Frères Grosjean (bio)
Les Granges (bio)
Didier Gerbelle (bio)
Pianta Grossa
Elio Ottin
Le Vrille
Di Barre
Ermes Pavese
Cave du Vin Blanc de Morgex de La Salle
Coenfer (bio)
Chateau Feuillet

Denkt man an Italien, fallen einem tausend Dinge ein: positive und negative. Lukrez und Signor Rossi. Mussolini und die Mafia. Coppi & Bartali. 65 Regierungen in 70 Jahren. Marcello. Verkehrschaos. Das Kleid von Monica Vitti in L’Eclisse und Monica Vitti in diesem Kleid. Arancini. Tardelli 1982.…und so weiter. Bergweinbau in extremis wird in dieser Aufzählung ganz sicher nicht vorkommen. Und doch gibt es kein anderes Land in der Welt, in dem so viele Reben auf so viele Berge verteilt sind: Ätna, Vesuv, Vulture, Taurasi, das Valtellina, Südtirol, die Monte Lessini, der Monte Pollino, der Monte Conero – die Liste an mit Reben bepflanzten Bergen und Bergmassiven ist so lange wie Italien.

Ein paar erste Daten: Exemplarisch für all die Probleme aber auch für das Potenzial, das man mit Weinbau zwischen Felsen verbinden sollte, steht das Aostatal. Die Anbaufläche von 560 Hektar entspricht der von Wien und ist mit Abstand die kleinste unter den italienischen Regionen. Was sich allerdings zurzeit auf dieser Mikrofläche abspielt, ist mehr als nur eine paar Worte wert.

Eingekesselt von Mont Blanc, dem Monte Rosa & Co und verbunden durch den Dora Baltea, dem das Tal auswaschenden Fluss, pflegt man zwischen und gelegentlich auch auf Steinen ein Sammelsurium an autochthonen Rebsorten, dass es in dieser Dichte wohl nirgendwo sonst in Italien und auf der Welt gibt: Petit rouge – mit 189 ha ganz klar die Nummer eins im zweisprachigen Tal – Vien de Nus, Prie Blanc, Fumin, Neyret, Mayolin, Cornalin gibt es einzig und allein zwischen Morgez im Nordwesten und Donnas im Südosten, dazu kommen aber noch überregionale Sorten wie Nebbiolo, Freisa, Barbera und Dolcetto (Piemont), Petit Arvine (Savoyen, Wallis) und ein paar internationale Reben wie Gamay, Chardonnay oder Pinot Noir, die sich an den Hängen des Tales derart wohlfühlen als wären sie seit jeher dort zu Hause.

Das Aostatal mag zwar klein sein, einheitlich ist es allerdings keineswegs. Zwar hat man dem ganzen Tal ohne weitere Unterscheidung DOC-Status verliehen, warum das allerdings so ist, wissen selbst die 100 im Tal arbeitenden Winzer nicht. Auch wenn sich die Geologie ausnahmsweise einigermaßen einheitlich präsentiert, ist es, neben den Rebsorten, vor allem das Klima, das eminente Unterschiede in den Weinen deutlich werden lässt.

Priè Blanc statt Phylloxera: Ganz oben im Nordwesten zwischen Gemsen, Wölfen und Bergziegen, im Blanc de Morgex de la Salle, ist die Zone des Priè Blanc. Priè wächst dort auf 22 Hektar zwischen 800 und 1225 Meter, in einer Höhe also, wo sich sonst bestenfalls Kartoffeln wohlfühlen. Der Reblaus beispielsweise war und ist es dort oben zu unwirtlich, weshalb Morgex zu den wenigen Zonen der Weinwelt gehört, in denen die Reben ohne Unterlagsreben auskommen. Eine Handvoll Winzer keltert daraus stahlige, salzige, florale und kräuterbetonte Weine, zudem laufen erste Experimente mit sprudelnden Versionen.

Hell: Ein paar Kilometer weiter im Süden liegt Enfer d’Arvier, die Hölle von Arvier, eine der vitikulturellen Kernzonen des Aostatals. Protagonist ist diesmal Petit Rouge, eine der ältesten Sorten des Tales und eine die ihr Alter auch durch Qualität (mittelgewichtig, feine Tannine, elegant & fruchtbetont) rechtfertigt. In der Hölle wachsen aber auch fast alle anderen wichtigen Sorten des Aostatals, wobei es das Beste ist, sich durch möglichst alle Varietäten durchzuprobieren. Die roten Mayolet, Fumin und Cornalin sind genauso Pflicht wie die weiße Petit Arvine. Und Chardonnay demonstriert, warum sie zu den großen Terroirsorten der Welt gehört.

Rund um Aosta tut sich wenig Neues. Vien de Nus, eine kühle, von Kräutern durchsetzte rote Sorte, löst Petit rouge als Hauptdarsteller ab. Die Weingärten sind weiterhin steil und steinig und nur im seltensten Fall maschinell bearbeitbar, die Berggipfel im Hintergrund nicht nur ein beeindruckender Anblick, sondern auch eine schützende Wand. Die Weingärten ziehen sich vor allem im Norden des Dora Baltea dahin und akkumulieren so den ganzen Tag über Sonne. Die meisten Weinbauern liefern an die Genossenschaft, ein paar wenige keltern ihre eigenen, oft beeindruckenden Interpretationen.

Picoutener: Im Süden läuft das Tal langsam in Richtung Piemont aus. Es wird (vor allem nachts) wärmer, piemontesische Rebsorten geben sukzessive den Ton an, wobei es sich (wie immer) lohnt, vor allem Picoutener alias Nebbiolo aus Donnas zu probieren.  Der wird, wie auch im quasi benachbarten Carema, in alten Pergolastöcken erzogen und liefert filigrane und delikate Versionen von einer der besten Rebsorten der Welt.

BIO: Waren es bis vor kurzem lediglich drei/vier Winzer (allen voran die Frères Grosjean, Di Barre und Le Vrille), die im Aostatal biologischen Weinbau betrieben, haben seit 2015 eine Handvoll weiterer Winzer Umstellungsprozesse eingeleitet (man pflegte bis vor kurzem in ganzen Tal einen sehr legeren Umgang mit Herbiziden). Den ohnehin oft beeindruckenden aostischen (?) Weinen wird so nicht nur eine zusätzliche qualitative Dimension sondern auch eine profunde ökologische Komponente hinzugefügt.

DIE WINZER AUS DEM AOSTATAL