Kalabrien

Hipposthenes (Ringen), Akmatidas (Pentathlon), Aurelios Zopyros (Faustkampf der Junioren) – durch die Bank Sieger in Wettkämpfen der antiken Olympischen Spiele. Als Preis flocht man ihnen einen Kranz aus den Zweigen des Olivenbaums, außerdem gab es Steuervergünstigungen, bürgerliche Ehrenrechte, ein stattliches Begräbnis und Wein. Nicht irgendeinen Wein, versteht sich. Den besten. Aus Cremissa in Enotria, oder in Neu-Italienisch, aus Cirò in Kalabrien.

Goldene Zeiten waren das damals für die Winzer zwischen Ionischem und Tyrrhenischem Meer. Die Griechen schenkten ihn nicht nur ihren besten Athleten ein, sie setzten ihn auch ihren Königen vor. Die Römer hatten zwar keine Olympiasieger, kalabrischen Wein tranken sie trotzdem. Doch irgendwann war Schluss. In den Wirrnissen der Zeitläufte und Fremdherrschaften in Kalabrien verlor sich die Reputation von Enotria und wurde trotz aller möglichen italienischen Renaissancen nie wieder geboren.

Was vermutlich schade ist. Und dann auch wieder nicht. Denn aufgegeben wurde der Weinbau in den Hügeln und Bergwelten der Donnici, in den Küstenebenen des Verbicaro und Condoleo und in Cirò, dem einzigen, heute einigermaßen bekannten Weinbaugebiet, nie. Man – und damit ist die internationale aber auch überregionale & nationale Weinwelt gemeint – ignorierte ihn nur. Und die Kalabrier ignorierten zurück.

Auf 8169 Hektar Rebfläche, die es zur Zeit gibt, machen Chardonnay, Cabernet und Merlot insgesamt überschaubare 275 Hektar aus. Dem steht der Gaglioppo mit profunden 4460 Hektar gegenüber, sekundiert von Magliocco Canino, Nerello Capuccio, Greco Nero & Greco Bianco, Calabrese, Lacrima, Nocera, Mantonico, Prunesta, Marsigliana… die Liste autochthoner Sorten ließe sich noch eine Weile fortsetzen. Angebaut werden diese Sorten in insgesamt 9 DOCs, denen es weder an Tradition noch an Potenzial mangelt. Eingeklemmt zwischen den beiden Meeren passt die Thermik, das Klima ist mediterran aber nicht drückend, an Sonnenstunden mangelt es nicht und für mäßigende Einflüsse und milde Nächte sorgen die Monte Pollini (über 2000 Meter), die Sila und der Aspromonte (fast 2000 Meter). Wegen letzteren würde es sich übrigens schon lohnen nach Kalabrien aufzubrechen, man kann in der Zwischenzeit allerdings auch ruhig der Weine wegen hinfahren.

Die besten mir bekannten Produzenten verteilen sich quer über das Land. Francesco de Franco mit seinem Weingut A’Vita bildet die Avantgarde in Cirò, im äußersten Westen Kalabriens. Der Blick geht also hinaus ins Ionische Meer, die Erde ist je nachdem, ob man sich direkt an der Küste oder weiter im Landesinneren befindet, sandig bzw. ein Cuvèe aus Ton & Mergel. Spricht man von Cirò kann man auch gleich vom Gaglioppo erzählen, der unumschränkten Nr.1 der Zone und eine der besten roten Sorten des Südens. Aufgrund instabiler, zur Oxidation neigender Anthocyane ist Gaglioppo farblich im Bereich maischevergorener Grauburgunder beheimatet. Das hat ihm, in unserer beschränkten, auf Äußerlichkeiten fixierten Welt, natürlich geschadet. Die paar wenigen, die ihm trotzdem eine Chance gaben, wurden mit ordentlich Gerbstoff und Säure belohnt (womit gleich nochmals 50% potenzieller Konsumenten wegfielen), dazu gab es im Idealfall Kräuter, Salz & rote Beeren – alles, für gewöhnlich, recht delikat und auch recht lagerfähig. Für den Idealfall bedarf es wiederum exzellenter Winzer, womit sich der Kreis schließt und wir wieder bei A’Vita wären.

Francesco de Franco keltert auf 8 Hektar quasi ausnahmslos Gaglioppo – biologisch, traditionell, teils im Holz, teils im Stahl, meist rot, gelegentlich auch rosa. Letzteres reiht sich in die immer umfangreichere Riege großer italienischer Rosati, die Rotweine sind ebenfalls brillant und erinnern manche an die Weine vom Ätna. Andere (Ian d’Agata) an leichte Nebbiolos. Anfangs allein auf weiter Flur haben sich neben Francesco in der Zwischenzeit formidable Mitstreiter eingefunden: Sergio Arcuri, Cataldo Calabretta, Assunta dell’Aquila oder Cote di Franze (que bel nome) sollte man allesamt probieren, wenn man in die Gegend kommt oder ihnen bei einer Verkostung oder sonstwo über den Weg läuft.

Aber auch jenseits von Cirò tut sich was. Zwischen den Bergen der Sila und dem Monte Pollino, in einer vitikulturellen Grauzone, haben drei junge Leute vom Weingut L’Acino Mantonico Nero, Magliocco, Guarnaccia Bianca, Greco und Mantonico Pinto in ein paar Hektar Weingärten auf über 600 Meter Höhe gesetzt und keltern daraus, saftige, lebhafte und festgewobene Weine. Giuseppe Calabrese wiederum legt in der Nähe von Cosenza die tabakigen und dunkelbeerigen Attribute von Magliocco frei und beschäftigt sich außerdem mit der Herstellung von Moscato di Saracena, einem steinalten Süßweinverfahren, in dem die Trauben teilweise getrocknet und der Most teilweise gekocht wird. Sein Bianco, eine Cuvèe aus Guarnaccia Bianca und Malvasia gehört zu den wenigen richtig guten Weißweinen Kalabriens. Unweit von ihm macht man bei Spiriti Ebbri mit dem Neostòs Bianco einen weiteren Weißwein (aus Pecorello, Greco Bianco und Mantonico), dem man genauso wie dem roten Pendant (Neostòs Rosso) eine Chance geben sollte. Bleibt der Süden rund um den Aspromonte. Sollte dort irgendjemandem ein guter möglichst biologisch produzierender Winzer über den Weg laufen, würde ich mich freuen, davon zu erfahren.

EIN PAAR EMPFEHLUNGEN

WEISS

A’Vita: Leukò
L’Acino: Chora
Giuseppe Calabrese: Il Bianco
Viola: Bianco Margherita
Spiriti Ebbri: Neostòs

ROT/ROSÈ

A’Vita: Cirò A’Vita
A’Vita. Cirò A’Vita Riserva
Sergio Arcuri: Aris (Cirò)
Cataldo Calabretta: Cirò Rosso Classico Superiore
Vini dell’Aquila: Cirò Rosso Classico
Cote di Franze: Cirò Classico Superiore
L’Acino: Toccomagliocco
Feudo di Sanseverino: Donna Marianna
Stillo: Sileno
Viola: Rosso Viola (Magliocco)
Giuseppe Calabrese: Magliocco

A’Vita: A’Vita rosato
Sergio Arcuri: Il Marinetto rosato

Winzer

A’Vita
Sergio Arcuri
Cataldo Calabretta
Assunta dell’Aquila
Casa Comerci
Cote di Franze
Tenuta del Conte
Stillo
L’Acino
Spiriti Ebbri
Giuseppe Calabrese
Feudo di Sanseverino
Viola