Teil 2 über eine der missverstandsten Familien der Welt

– Lambrusco Maestri

Toppt den Grasparossa bezüglich Dunkelheit und Gerbstoff. Maestri findet sich vor allem in der Ebene und den ersten Apenninhügeln zwischen Reggio Emilia und Parma. Reinsortige Lambrusco Maestri gibt es nur wenige, doch werden eine ganze Menge spannender Interpretationen produziert, in denen die Sorte ein gewichtiges Wort mitzureden hat. Im Verbund mit der Grasparossa beispielsweise gibt sie eine rustikale, pulsierende und aggressive Antwort auf die maßvollen, ausgeglichenen und zurückhaltenden Salamino und Sorbara. Alle vier gehören zur Lambruscofamilie, doch könnten die sensorischen Unterschiede zwischen ihnen kaum größer sein. Exzellente Versionen gibt es, wie bereits erwähnt, gleich mehrere. Allen voran der Neromaestri (70% Maestri und 30% Grasparossa) von Roberto – nomen est omen – Maestri von der Azienda Quarticello, der Pozzoferrato von Storchi oder der Lambrusco Fermente der Agricola La Collina.

 

– Lambrusco Marani

In der Ebene rund um Reggio Emilia zu Hause. Immerhin die drittwichtigste Sorte in Sachen Quantität, wobei mir bislang noch keine wirklich atemberaubende Interpretation davon untergekommen ist.

 

– Lambrusco Fiorano

Fiorano kennt man vor allem als private Teststrecke für Ferrari-Boliden, die kleine Stadt südlich von Modena ist aber auch Namensgeber eines Mitglieds der Lambrusco-Familie. Dank seiner großen Beeren ist Lambrusco Fiorano bisweilen auch unter der Namen Lambruscone (das Suffix -one verweist auf etwas Gewichtiges/Großes) bekannt. Da sie nicht besonders robust ist und folglich anfällig für alle mögliche Krankheiten, hat sie trotz ihrer exzellenten Qualitäten bei den Winzern keinen allzu guten Stand. Claudio Plessi lässt sich davon nicht irritieren und keltert aus ihr den Lambruscaun, einen balsamischen, kirschfruchtigen, würzigen und nur leicht perlenden Wein.

 

– Lambrusco Barghi

Wie schon beim Lambrusco Fiorano gibt es auch vom Lambrusco Barghi kaum reinsortige Versionen, die eine, die ich kenne, hat es allerdings in sich. Der Rio degli Sgoccioli stammt aus den Weingärten von Vanni Nizzoli (Cinque Campi), einem der besten Winzer der Emilia und etwas südlich von Reggio Emilia beheimatet. Zwar wurde die Sorte seit jeher als qualitativ äußerst hochwertig angesehen und auch aufgrund ihrer Resistenz gegen Botrytis und ihres generell hohen Zuckergehalts hochgeschätzt, doch wurden ihr ihre dicke Schale und folglich ihr geringer Saftertrag zum Verhängnis. Heute ist sie fast ausgestorben. Vanni Version riecht nach Unterholz und Kirschen, ist saftig und einladend, hat griffige Tannine und eine lebhafte Perlage und macht Druck am Gaumen und darüber hinaus.

 

– Lambrusco Montericco

Ein Klassiker vergangener Zeiten in der Gegend rund um Albinea. Findet sich heute leider nur noch sporadisch. Schuld daran dürfte die relativ hohe Säure haben. Fließt heute meines Wissens nur noch in Cuvèes ein z.B. in den exzellenten Sottobosco von Ca’de Noci.

 

Weitere Lambruscosorten, über die ich bisher allerdings kaum Bescheid weiß, sind

Lambrusco Viadanese (rund um Mantua)
Lambrusco Oliva
Lambrusco di Corbelli
Lambrusco Benetti

Paulo Ghiddi vereint auf seinem 7 Hektar großen Weingut bei Castelvetro di Modena gleich mehrere Professionen: er praktiziert vorrangig als Winzer, ist aber zudem noch als Hotelier (ein kleiner Agriturismo), Getreide- & Gemüsebauer (Dinkel, Gerste, Artischoken), Essigproduzent (Aceto Balsamico) und Gastwirt tätig. Er arbeitet seit der Steinzeit der offiziellen Zertifizierung biologisch und keltert Weine, die sich zwar vorwiegend lokalen Traditionen gelegentlich aber auch Vorlieben von Paolo verdanken. So hat er neben die in der Zone omnipräsente Lambruscovariante Grasparossa und Trebbiano di Spagna auch ein wenig Cabernet Sauvignon und Chardonnay gepflanzt und dabei den Schmähungen diverser Kollegen widerstanden. Vinifiziert wird allerdings so wie sich das für diesen Teil der Emilia gehört. Einer ersten Gärung in Zement oder Stahl folgt eine Zweitgärung in der Flasche und folglich Weine, die allesamt ordentlich sprudeln und schmecken.

WEINE: Richtig spannend und gut wird es dabei gleich beim ersten Wein, dem Matris Album, einer nach der methode ancestrale vinifizierten Cuvèe aus Trebbiano di Spagna, mit mikroskopischen Anteilen Garganega und Chardonnay. Voluminös, ausladend und üppig kontert sie spät aber dafür nachhaltig mit Säure und punktet am Gaumen wie in der Nase vor allem mit hefigen Noten, Kamille und Minze. Die Nummer zwei der Matris Rubellum, ein ebenfalls flaschenvergorener Rosato, ist straff und zurückhaltend, die ist Textur elegant und kühl, die Hefearomen weichen floralen Noten. Die Nummer drei im Matristrio ist der Matris rubrum, in dem ebenfalls Grasparossa den Ton angibt, allerdings nicht allein – unterstützt wird er von Uva Tosca und dem bereits erwähnten Cabernet Sauvignon – (im einstelligen Prozentbereich). Der hat – zumindest aromatisch – eher wenig zu melden, sorgt allerdings dafür, dass der ohnehin nicht tanninarme Grasparossa nochmals zusätzlich Rückgrat bekommt. Die Aromen sind dunkel und saftig, die Struktur ist, dank einer sehr lebhaften Perlage, animierend und der Körper ist kraftvoll aber elegant.

ps: Paolo Ghiddi hat in Form der Podere Cervarolo quasi einen Untermieter – das kleine, eben erst gegründete Weingut von Andrea della Casa vinifiziert seine Weine im Keller von San Polo. Wer also in die Gegend aufbricht, bekommt am Hof von Paolo die Weine von gleich zwei ausgezeichneten Winzern zu probieren.

Azienda San Polo
Via San Polo 5
Castelvetro di Modena
Tel: +39 348 0738343
info@agrisanpolo.it
www.agrisanpolo.it

WEINE

Matris album
Matris rubellum
Matris rubrum

Die Weine kosten ab Hof um die € 8 (2017).

Jahresproduktion: ca.30000 Flaschen
Rebsorten: Trebbiano di Spagna, Garganega, Lambrusco grasparossa, Uva Tosca, Cabernet sauvignon
Rebfläche: 7 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: ja
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: ja

Via Malafrasca 216 –  San Casciano in Val di Pesa, Florenz
Telefon: 329.3253058 Dario –  339.3770699 Matteo
E-mail: laginestrafarm@gmail.com
www.laginestra.toscana.it

WEINE

Sant’ellero
Jun
Sangio Panza
La Vale del Vento
Habemus
Chioccia (Trebbiano)

Die Weine kosten ab Hof zwischen 10-18 Euro.

La Ginestra ist Mitglied bei den Vignaioli Artigiani Naturali

La Ginestra ist vielmehr als nur ein Weingut. Es ist zuallererst eine Idee, an deren Verwirklung man sich 1978 gemacht hat. Damals lieh sich eine Gruppe junger Menschen das Land eines enteigneten Adeligen südlich von Florenz, um dort alternativen Lebensentwürfe Realitität werden zu lassen. Vom ursprünglichen Kollektiv ist zwar heute niemand mehr dabei, La Ginestra gibt es allerdings noch immer – betrieben von zwei Urgesteinen, die in den 80er Jahren in das Projekt einstiegen und einem guten Dutzend junger Leute aus unterschiedlichsten Ländern und Kontinenten.

Weinbau spielt im Konzept von La Ginestra nur eine untergeordnete Rolle. Er ist Teil eines auf Ganzheitlichkeit setzenden Denkweise, in der eine Handlung in die nächste greift und alle Produkte und Leistungen sich gegenseitig ergänzen. La Ginestra besteht aus einem Agriturismo (5 Appartements), einem Restaurant und einem Bauernhof auf dem Schweine gezüchtet und verarbeitet und Hühner artgerecht gehalten werden, wo man Weizen, Hafer, Dinkel und Saubohnen in Rotationswirtschaft anbaut, Olivenöl, Mehl und Honig herstellt, eine Baumschule betreibt und eben auch Reben kultiviert und daraus Wein keltert und Grappa destilliert. 100 Hektar stehen dafür insgesamt zur Verfügung, allesamt biologisch zertifiziert. La Ginestra steht exemplarisch dafür wie Landwirtschaft sein könnte und sollte.

Insgesamt keltert man auf La Ginestra 6 Weine. Da man sich mitten im Chianti befindet, kommt dem Sangiovese tragende Bedeutung zu. Gleich in vier Weinen gibt er ganz alleine den Ton an: im exzellenten, geradlinigen und saftigen La Vale del Vento, im fruchtbetonten, einfach gestrickten und einladenden Sant’ellero und in den ambitionierten, kräftigten und gut strukturierten Versionen Jun und Sangio Panza. Dazu kommt noch eine Cuvèe in dem er zwar die Hauptrolle gibt, allerdings von Cabernet Sauvignon, Alicante und Canaiolo unterstützt wird und wo Kräuternoten, die klassischen roten Fruchtnoten und floralen Nuancen ergänzen. Abgerundet wird das Sortiment von einem gelbfruchtigen, weichen und trinkigen Trebbiano. Sämtliche Weine wurzeln in Alberese, einem Kalk-Mergelgemisch mit einem hohem Calciumcarbonatanteil, ein geologischer Fakt, der für gewöhnlich – und auch bei La Ginestra – eine feingliedrige Grundstruktur der Weine zeitigt. Da auf La Ginestra generell nicht geschwefelt wird, sind die Weine grundsätzlich früh zugänglich und offen.

Pünktlich zur Weihnachtszeit eine Familiengeschichte.

Lambrusco ist zwar kein Dauerthema auf vino e terra, allerdings zugegebenermaßen eines, das mehr Aufmerksamkeit bekommt, als andere. Das hat gleich mehrere Gründe. Zum einen hat vino e terra sein Hauptquartier in Modena, also im Schnittpunkt der drei wichtigsten Lambruscoappellationen, weshalb es quasi tagtäglich die Möglichkeit gibt, sich damit zu beschäftigen. Zum anderen schlägt sich Lambrusco mit einer desaströsen Reputation herum, die zwar durchaus selbstverschuldet sein mag, der jedoch immer mehr handwerklich und biologisch arbeitende Winzer brillante Interpretationen entgegensetzen. Und die gilt es eben immer wieder vorzustellen.

Dem katastrophalen Ruf mag es auch geschuldet sein, dass sich eigentlich niemand außerhalb der Emilia mit Lambrusco auseinandersetzen will. Das führt fast zwangsläufig zu Überraschungen und Missverständnissen. Denn die Welt des Lambrusco ist nicht wirklich einfach zu verstehen. Was sich als banale und süß-klebrige Einheitsplörre im Unterbewusstsein vieler Weintrinker festgesetzt haben dürfte, hat eine lange und durchaus beachtliche Geschichte und ist zudem wesentlich vielschichtiger als gemeinhin angenommen. Auch die gilt es – ein andermal – nachzuerzählen.

Das Lambrusco, also die geographische Zone zwischen Bologna und Parma, hat seinen Namen von einer Rebsortenfamilie, die in sich nicht nur extrem heterogen ist, sondern auch heute noch aus immerhin 15 Mitgliedern besteht – vor 200 Jahren waren es doppelt so viel. Wie viele es vor 2000 Jahren waren, steht in den Sternen – Fakt ist jedoch, dass es die Lambruscofamilie damals bereits gab, was sie zur vermutlich ältesten unter den oft sehr alten Rebsortenfamilie Italiens macht. Es war also Zeit genug vorhanden, um sich – bei allen genetischen Übereinstimmungen, die es gab und gibt – entsprechend auseinander zu entwickeln. Das Lambrusco ist heute ein Sammelsurium an Rebsorten mit eigenen morphologischen, physiologischen aber auch sensorischen Attributen und wer in die Gegend aufbricht oder zu Hause eine Flasche aufmacht, sollte sich der Tatsache bewusst sein, dass zwischen Lambrusco Grasparosso und Lambrusco Sorbara geschmacklich ungefähr so viel Ähnlichkeit besteht wie zwischen Cabernet Sauvignon und Pinot noir. Es lohnt sich folglich die unterschiedlichen Mitglieder der Familie genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die vier Wichtigsten:

Lambrusco di Sorbara

Südlich von Modena beheimatet. Weit und breit keine Erhebung. Dafür flache Sandböden und viel Luftfeuchtigkeit, die ideale Umgebung für Tomaten, Pfirsichbäume und …  Sorbara. Trotz bisweilen tropischer Verhältnisse (es kann im Sommer über Monate hinweg sehr heiß werden) kann man aus Sorbara im Idealfall elegante, zarte, ätherisch-leichte und duftige Weine keltern.

Bergianti produziert einen exzellenten reinsortigen Sorbara, Paltrinieri macht ebenfalls eine gelungene Version.

Lambrusco Salamino: Elegant, cremig, dunkle rote Beeren, Blütennoten, weich, sanft und einnehmend: zumindest würde ich ungefähr so Luciano Saettis Lambrusco Salamino beschreiben: den besten, den ich kenne. Die kurze und zylindrische Form der Traube führte dazu, dass ein paar betrunkene Bauern (oder Ampelographen) darin eine Salami erkannten – womit ihr etymologisches Schicksal besiegelt war.

Salamino findet sich vor allem in der Ebene zwischen Carpi und Modena. Satte 4000 Hektar sind damit bestockt, meist auf Sand, Schlick oder Ton. Es bedarf also viel Feingefühl und Erfahrung auf Seiten der Winzer, um die Finessen der Sorte aufzudecken.

Luciano Saetti produziert neben seinem Lambrusco auch noch einen exzellenten Rosato, den Il Cadetto. Ebenfalls ausgezeichnet ist der Ferrando von Quarticello. Dunkelfruchtigr, kraftvoller aber immerhin gut strukturiert ist der Albone von der Podere Il Saliceto. Bergianti, ein junges Weingut nahe Carpi tendiert mehr in die Richtung Saettis und macht aus Lambrusco Salamino (und 20% Lambrusco di Sorbara) den eleganten, dynamischen und rotbeerigen Bergianti rosso.

Lambrusco Grasparossa: Muskulös, saftig, dunkelfruchtig und kompakt. Grasparossa ist die forderndste und intensivste Lambruscovariante. Sie hat ordentlich Tannin und eine strukturierende Säure und wenn alles richtig gemacht wird (und es gibt eine ganze Menge an Winzern, die mittlerweile genau wissen, was sie tun), bekommt man einen Wein ins Glas, der nicht für ein farbliches Spektakel sorgt (dunkelblau mit violettem Schaum) sondern als Gesamtkunstwerk punktet. Wobei – anders als beim Salamino oder Sorbara – nicht Eleganz sondern Kraft und Konzentration das letzte Wort haben. Ich vermute auch, dass sich Grasparossa über Jahre hinweg sehr positiv entwickelt, weshalb ich erste Flaschen eingemottet habe.  Grasparossa findet man vor allem in den Hügeln südlich von Modena.

Wer Lust hat, sich mit Grasparossa zu beschäftigen, sollte auf jeden Fall Vittorio Grazianos Fonte dei Boschi und Claudio Plessis Tiepido probieren. Ganz fantastisch sind auch der Cenerino von der gerade erst ins Leben gerufenen Podere Cervarolo und der Matris rubrum von San Polo. Alle vier Winzer befinden sich nur ein paar Kilometer von Modena entfernt. Weiter im Westen, in den Hügeln südlich von Reggio Emilia gibt es mit dem Libeccio 225 von Denny Bini ebenfalls eine sehr gelungen reinsortige Versionen. In vielen anderen Lambruschi dient Grasparossa als Cuvèepartner und sorgt darin für Farbe, Gerbstoff und Cremigkeit (Ca‘ de Nocis Sottobosco, Quarticellos Despina, Angol d’Amigs Rosso etc.).

 

Vom Rest der Lambruscofamilie wird dann in den nächsten Tagen erzählt:

Lambrusco Maestri
Lambrusco Marani
Lambrusco Fiorano
Lambrusco Barghi
Lambrusco Montericco
Lambrusco Oliva
Lambrusco di Corbelli
Lambrusco Benetti
Lambrusco Viadanese

Die Geschichte von Montesecondo, dem Weingut von Silvio Messana, reicht ins Jahr 1963 zurück. Damals beschloss sein Vater, seinen Besitzungen in Tunesien, wo die Familie damals lebte, noch ein Weingut in der Toskana anzuhängen. Land in den Ausläufern des Chianti Classico war damals günstig. Der Toskana-Tourismus ließ noch ein paar Jahre auf sich warten und mit dem Wein, den man damals produzierte – und meist an die Genossenschaften ablieferte – wurde man auch nicht reich. Silvios Vater setzte dennoch Reben in die Erde, seine Idee in der Toskana Wein zu produzieren, konnte er allerdings nicht umsetzen. Er starb zu früh.

Nachdem Silvio damals in Florenz studierte und der Großteil der Familie weiterhin in Tunesien lebte, blieb ihm nichts anderes übrig, als die Geschäfte fürs erste selbst zu übernehmen. Lust darauf hatte er wenig. Er versuchte das Weingut zu verkaufen. Das funktionierte allerdings nicht wie gewünscht, doch fand er immerhin jemanden, der für ihn die Weingarten bewirtschaftete. So konnte er sich für die nächsten 15 Jahre nach New York verabschieden, wo er zum einen als Musiker zum anderen aber auch als Weinhändler arbeitete.

BIODYNAMIK

Im Jahr 2000 zog er einen Schlussstrich unter Amerika und kehrte in die Toskana zurück. Er hatte, pünktlich zum Jahrtausendwechsel, beschlossen Winzer werden. Die ersten beiden Jahre sammelte er Erfahrungen. Er sprach mit Winzern der Umgebung, pflanzte – wie das damals üblich war – Cabernet Sauvignon neben die schon vorhandenen Sangiovese, Canaiolo und Colorino und kaufte sich sukzessive einen kleinen Keller zusammen. Die große Zäsur fand im Jahr 2003 statt. Der konventionellen Landwirtschaft nicht nur überdrüssig, sondern auch gesundheitlich von ihr angegriffen, besuchte er ein Seminar von Nicolas Jolys über biodynamischen Weinbau in Bologna. Wieder zu Hause angekommen, entsorgte er seinen Giftschrank und startete umgehend mit der Demeter Zertifizierung.

In den nächsten 10 Jahren folgte dann ein Schritt auf den nächsten: dabei wurde ihm der Einfluss seines Terroirs immer deutlicher bewusst und die Notwendigkeit es so präzis wie möglich in Wein zu übersetzen. Der Blick zurück in die Geschichte des Chianti Classico gewann folglich ebenso an Bedeutung wie die Erkenntnis seinen Weinen im Keller die Freiheit zu lassen, die sie brauchten, um ihr Potenzial auf den Punkt zu bringen.

CHIANTI WIRKLICH CLASSICO

Er setzte auf klassische Alberello-Erziehung in den Weingärten, spontane Vergärung im Keller und den Ausbau in Zement und Holzbottichen. Er fuhr den Schwefeleinsatz zurück, vertraute auf die natürliche Klärung der Moste und filterte nicht mehr. Und schaffte es damit sukzessive, seinen Weinen immer mehr Identität und Individualität zu verleihen.

Silvios Weine haben mit den meisten zeitgenössischen Versionen, die man aus der Gegend kennt, wenig zu tun. Es sind radikale Gegenentwürfe zu einer verfehlten Vorstellung dessen, was Chianti heute definiert. Den weichgespülten, braven und von internationalen Rebsorten geprägten Versionen vieler Winzer, setzt er Interpretationen entgegen, die puristisch, kühl und geradlinig mit jeder Gefälligkeit dem Chianti-Konsortium gegenüber kompromisslos aufräumen und gerade deswegen dem Konsumenten wieder Trinkfluss und – wenn man sich darauf einlässt – auch Authentizität bescheren.

Silvios Chianti Classico (2015) entsteht aus Sangiovese, Canaiolo und Colorino und wird teils in großen Holzfässern, teils in Zement ausgebaut: er trägt seine Blässe mit Würde, auch deswegen, weil er weiß, dass es nicht um Äußerlichkeiten geht. Erde, Laub und frische rote Fruchtaromen prägen das Aromaprofil, Dynamik, Energie und Vitalität den Gaumen. Die Struktur ist gebündelt und druckvoll, dabei allerdings nie streng. Eleganz weist den Weg.

Dem Chianti Classico zur Seite steht der Montesecondo (2015), ein reinsortiger Sangiovese, der zur Gänze in Zement ausgebaut wird. Klar, geradlinig, feingestrickt und lebhaft zeigt er, dass Sangiovese auch im Basisbereich blendend funktioniert und keine Verstärkung von Cabernet & Co. braucht.

Der Cabernet, den er Anfang der 2000er ausgesetzt hat, spielt die Hauptrolle im Rospo (2014): im Zement ausgebaut setzt er einen Kontrapunkt zu quasi allen Cabernets, die mir je untergekommen sind. Elegant, zurückhaltend und fruchtpräzis schafft er es völlig eigenständige Aroma- und Texturwelten für sich zu reklamieren. Bleibt der TÏN (2013), Silvios Opus Magnum: über 10 Monate in der Amphore ausgebaut ist er die Quintessenz dessen, was Sangiovese im nördlichen Chianti Classico zu leisten und zu repräsentieren vermag. Er ist pulsierend und animierend und dabei doch profund und gehaltvoll. Er ist luftig und zart und dabei doch vollmundig und saftig. Er hat Trinkfluss und doch Aura. Seine Aromen spannen Bögen, die sowohl Frucht wie auch Erdnoten Platz einräumen und sich wohl mit der Zeit noch wandeln werden.

Zu guter Letzt  vinifiziert Silvio auch noch einen weißen TÏN: Die Basis bildet Trebbiano toscano und wie schon das rote Pendant wird auch hier in der Amphore vergoren und ausgebaut. Das Ergebnis ist ähnlich spektakulär. Nach 6 Monaten auf den Schalen hat der TÏN bianco (2014) eine einladende , vibrierende und saftige Textur, enormen Zug und eine gebündelte, gelbfruchtige Direktheit, die sich durch den Mund bis zum Gaumen zieht. Steinige und feinkräutrige Aromen sorgen für zusätzliche Komplexität, eine ausgewogene Säure- und Gerbstoffachse liefern Struktur und gleichzeitig die Garantie für ein langes Leben.


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