fabbrica di san martino 2Die Vermentinostöcke von Giuseppe Ferrua sind biodynamisch bewirtschaftet und erstrecken sich vom Anwesen (wer in der Nähe von Lucca eine Unterkunft sucht, sollte unbedingt in der Fabbrica absteigen) bis hinunter an die Waldgrenze. Giuseppes Rebzeilen sind isoliert (weit und breit nur Wald und Oliven) und schauen in Richtung Süden. Das – könnte man befürchten – hat keinen negativen Einfluss auf die Struktur des Weines: der Weingarten liegt relativ hoch und ist nebenbei bestens durchlüftet von Winden, die den Apennin runterpfeifen. Zwar findet sich der Vermentino in sandigem Untergrund, doch wurzeln die alten Stöcke tief und haben folglich kein Problem, Wasser und Nährstoffe aufzunehmen. Insgesamt resultiert das in einem Wein, der unaufgeregt und ruhig, Substanz und Tiefe mit Saftigkeit und einer cremigen Textur verbindet. Der Alkohol ist generell gemäßigt – auch bei seinen anderen Weinen. Gelbe Fruchtnoten und Kräuternoten komplettieren das Bild.

Ps: weitere zwei bis drei Jahre im Keller schaden nicht; dann sollte man langsam daran denken, den Bianco auch zu trinken.

Zu kaufen gibt es den Bianco in der Casa Caria, Schottenfeldgasse, 1070 Wien

Die angestammte Heimat der Ansonica sind zwar die beiden toskanischen Inseln Elba und Giglio (wo Francesco Carfagna mit dem Altura – nicht in unseren Breiten erhältlich – die beste Variation der Rebsorte überhaupt keltert), allerdings hat die Rebsorte in den letzten Jahrzehnten auf dem gegenüberliegenden Küstenstreifen ebenfalls wurzeln geschlagen. Der Untergrund ist ähnlich sandig, das darunterliegende Gestein vor allem vulkanisch. Carlo Parentis Interpretation liegt fünf Tage auf der Maische, was schon deswegen Sinn macht, da die Ansonica notorisch mit Säureproblemen zu kämpfen hat und der derart akkumulierte Gerbstoff den Wein in die richtigen Bahnen lenkt, ihm also Struktur und Geradlinigkeit verleiht. Und Aromen: die manifestieren sich vor allem in mediterranen Kräutern, Salzigkeit und intensiver gelber Frucht. Balanciert, lebendig und saftig. Vergoren wird spontan, der Ausbau findet über 8 Monate zu 50% in Tonneaux und zu weiteren 50% in Edelstahltanks statt.

ps: der 2014 sollte aufgrund der grundsätzlich hohen Säure des Jahrgangs noch mehr Spannung und Energie haben.

Hard Core. Malbo Gentile gehört zu der illustren Runde an Rebsorte, die eine Schale haben, die auch als Baumrinde durchgehen könnten (Malvasia di Candia Aromatica, Aglianico und natürlich auch Nebbiolo sind ein paar mehr). Woher das gentile (freundlich, nett) im Namen stammt, steht in den Sternen, aber es gab ja auch Claudio Gentile (der Eisenfuß von Juventus) und der strafte seinen Namen auch Lügen.

Malbo Gentile ist eine alte Sorte, die doch erst in jüngster Zeit langsam wieder Fuß fasst. Zwar gibt es Aufzeichnungen über ihren Anbau aus dem 18. Jahrhundert, doch verschwand sie danach völlig von der Bildfläche, ehe sie 1960 im Istituto di Stato per l’agricoltora e l’Ambiente – Persolino wiederentdeckt wurde.

Hinter einem verdreckten alten Schild mit dem Namen „Amabile di Genova“ (ein weiterer Euphemismus) fand sich eine Sorte, die sich nach genauerer Überprüfung als Malbo Gentile herausstellen sollte. Es vergingen weitere 30 Jahre, ehe man eine erste Vinifikationen mit getrockneten Trauben durchführte und feststellte, dass sich hinter der Sorte immenses Potenzial befand. Danach ging es zwar nicht Schlag auf Schlag, doch fanden sich immerhin eine Handvoll Winzer, die sich an der Rebe probieren wollten und zwar sowohl in der Emilia wie in der Romagna (insgesamt gibt es heute 10 ha), wobei sich schnell herausstellte, dass sich die Rebsorte in den beiden Regionen am Stock völlig unterschiedlich entwickelte. Üppig und dicht in der Emilia, rachitisch und lose in der Romagna. Ian d’Agata, Verfasser der italienischen Rebsortenbibel Native Grapes of Italy (die wirklich jeder, der sich nur irgendwie für Wein, Italien oder beides interessiert, besitzen sollte) führt das auf die unterschiedlichen Böden zurück, die in der Emilia üppig und fruchtbar und in der Romagna karg und kalkig sind. Resistent und robust ist sie da wie dort. Als es 2002 vom Sommer bis in den Herbst hinein in Strömen regnete, faulten sämtliche Weingärten weg, einzig die mit Malbo bestockten, fühlten sich selbst im Regen wohl.

Neben immensem Tannin hat die Rebsorte auch ordentliche Säure und definiert sich vor allem über dunkle Aromen. Die Voraussetzungen für eine große Sorte sind folglich vorhanden, wobei es in letzter Instanz dann vor allem um die Handschrift des Winzers geht. Vergärt man temperaturunkontrolliert und lässt somit eine volle Extraktion der Gerbstoffe zu oder greift man vorsichtshalber ein. Wie lange lässt man den Wein in Kontakt mit den Schalen und welche Gebinde wählt man? Fragen, die glücklicherweise völlig unterschiedlich beantwortet werden und folglich eine erstaunliche Bandbreite an Stilen offerieren. Jenseits reinsortiger Vinifikationen gibt es gerade in der Emilia auch einige exzellente Lambruschi, die durch ein paar Prozent Malbo immens an Struktur, Saftigkeit und Gerbstoff gewinnen.

Die besten:

Vittorio Graziano: Sassocuro (ein Monument, dunkel, dicht & steinig und doch mit einem immensen Trinkfluss versehen. Kostet ab Hof um die € 15 – rar; wo es ihn sonst noch gibt, weiß ich nicht)

Cinque Campi: Le Marcone (dunkel, pfeffrig, offen und unheimlich vital – der zugänglichste Malbo, den ich kenne – in Wien, in der Casa Caria erhältlich)

Denny Bini La Cipolla: Grecale 45 (ordentlich Gerbstoff aber auch viel Frucht, intensiv und kraftvoll – Ausbau im Stahl)

Vigne dei Boschi: Settepievi (eine Herausforderung. Hier wird der Sorte ihr ganzes Potenzial entlockt. Schwierig, da der Gerbstoff ordentlich Dampf macht. Warten wird wohl das Beste sein.)

 

Daneben lohnen sich die Lambruschi (mit ein wenig Malbo) von La Collina (Fermente – super), Denny Bini, Cinque Campi & Vittorio Graziano.

Im Jahr 2006 starteten Ernesto Cattel und Mauro Lorenzon gemeinsam mit ein paar Partnern auf sieben Hektar das Projekt Costadilà. Dafür suchten sie sich mit dem Prosecco eine Region aus, in der es einiges zu beweisen galt: vor allem, dass es möglich ist, dort wirklich guten Wein zu keltern. Costadilà bedeutet übersetzt „der Hang da drüben“, womit Tarzo, ein Dorf mit 50 Einwohnern gemeint war. In den Hängen um und über dem Weingut begannen die beiden sich auf die „Neuentdeckung eines alten Geschmacks“ zu machen. Dafür pflanzten sie neben die im Prosecco omnipräsente Glera auch noch die kaum kultivierten Bianchetta und Verdizo und setzten zudem mit ihrer Herangehensweise einen radikalen Gegenentwurf zu den ansonsten im Prosecco praktizierten Ansätzen.

Von Beginn an bewirtschaftete man die Weingärten nach biodynamischen Prinzipien, konterte der allgegegenwärtigen Monokultur mit üppiger Biodiversität und schloss durch den Anbau anderer landwirtschaftlicher Produkte (die u.a. in der Osteria San Baldo, die ebenfalls auf die Kappe der beiden geht, verwendet werden) und der Haltung von Nutztieren den angestrebten biodynamischen Kreislauf. Die drei zur Zeit bepflanzten Parzellen selbst sind die Basis für drei Weine, die nach der Höhe der jeweiligen Weingärten benannt sind und nicht nur unterschiedlich vinifiziert werden, sondern auch unterschiedlich Terroirs aufweisen. So wachsen der 280sml und der 330sml auf Mergel und Ton, während der 450sml Moränengestein als Basis hat – die Leichtigkeit, Frische, Säure und Lebendigkeit, die ihre bergige Herkunft mit sich bringt, adäquat in die Flasche zu bekommen und dabei möglichst natürliche und authentische Weine zu produzieren, ist das eine Ziel der beiden, durch traditionelle Methoden und eine eigene Handschrift, die vor allem auf einer nicht-interventionistischen Kellerarbeit beruht, ein weiteres.

Ps: Ernesto Cattel hat – nach dem Erfolg von Costadilà – ein weiteres Projekt ins Leben gerufen. Auf der kroatischen Insel Susak (Sansego) ein paar Seemeilen südlich von Triest, ist er gerade (mit den gleichen Methoden wie schon auf Costadilà) dabei den einst regen Weinbau der Insel wieder wachzuküssen.

Im Keller: Wie schon im Weingarten wird auch im Keller vor allem Verzicht geübt. Die Trauben werden per Hand gelesen, gerebelt und gequetscht. Danach wird spontan und ohne Temperaturkontrolle vergoren, wobei die Weine die ganze Zeit über keinen Schwefel sehen. Nach 5 Monaten auf der Hefe, wird der Wein wiederum in Flaschen gefüllt und mit dem Most getrockneter Beeren (desselben Weingartens) wird die Zweitgärung eingeleitet . Degorgiert wird danach nicht mehr, was generell ein wenig Hefetrub (Col Fondo erfreut sich im Prosecco in der Zwischenzeit einer immer grösser werdenden Beliebtheit) in der Flasche verursacht – das sollte niemanden irritieren, eröffnet laut Ernesto Cattel vielmehr die Möglichkeit Prosecco auf drei unterschiedliche Arten zu trinken. 1 LIMPIDO – sauber: dafür muss man den Wein lediglich dekantieren. 2. Der Kompromiss: Man kann die ersten Gläser denjenigen servieren, die den Wein klar trinken wollen und die restlichen Gläser, denjenigen die kein Problem mit ein wenig Trub haben -man kann das natürlich auch allein machen und schauen wie sich der Wein verändert. 3. TORBIDO – trüb (vorher möglichst vorsichtig schütteln).

Generell hat man es bei den Schaumweinen von Costadilà mit puristischem, subtilem und überaus lebendigem Prosecco zu tun, der mit seinem steinigen Unterton und kühlen Blütenaromen, die Möglichkeiten der Region nicht nur auslotet sondern neu definiert.

 

450 sml.: Drei Tage auf der Maische verleihen dem 450er eine griffige und stringente Textur, wie man es von klassischen Prosecco kaum gewohnt ist. Schlecht tut ihm das freilich nicht. Jenseits der tragenden Gerbstoffstruktur – die auch das Manko an Säure kompensiert – gesellen sich derart auch noch Aromen hinzu, die das Bild, wie Prosecco sein kann, dramatisch erweitern. Intensive und profunde Frucht kombinieren sich mit steinigen und subtilen Kräuternoten. Trotz all dieser Innovationen bewahrt sich der 450sml seine Leichtigkeit (11,5%) und seinen Trinkfluss.

Filippo Filippi bei der Garganegalese

Filippo Filippi bei der Garganegalese

In Italien gibt die Region den Protagonisten und die Rebsorte ist lediglich Bestandteil des restlichen Ensembles. Ruhm und Renomèe gebühren folglich vor allem Barolo und Montalcino und nicht Nebbiolo und Sangiovese, die ihren Part allerdings meist exzellent spielen.

Manchmal ist es aber auch besser sich als Sorte hinter einer Region verstecken zu können, vor allem dann, wenn die Region unter Weinkritikern ungefähr denselben Ruf genießt wie Ed Wood unter Filmkritikern. Setzt man einem Kenner des Fachs einen Soave vor, kann man sich fast sicher sein, dass er das als Affront auffassen wird – Ausnahmen bestätigen freilich die Regel. Schenkt man dagegen Garganega ein, wird er eventuell sogar Interesse heucheln, da man unbekannten Dingen zumindest kurzfristig Aufmerksamkeit schenken sollte, bevor man über sie herzieht. Nun ist Soave eben immer auch Garganega, meist zu 100% und wer sich die Mühe macht, sich durch das erstaunlich breite Repertoire der Lagensoaves (der alten Kernzone des Soave) zu trinken, wird schnell feststellen, dass das keine Mühe macht und erst recht kein Affront ist. Guten Winzern und der Garganega sei Dank – die sollte man halt möglichst nicht in die fruchtbare Ebene setzen, kunstdüngen, totspritzen und 15000 Kilo Ertrag/Hektar davon erwarten (was leider viel zu oft getan wurde), sondern in vulkanische oder Kalkböden und mit 10000 Kilo weniger Ertrag rechnen. Tut man das und verfügt man nebenbei noch über alte Rebstöcke – was gerade in der klassischen 1000 Hektar umfassenden Kernzone über Soave oft der Fall ist – bekommt man Qualitäten in die Flasche, die nicht nur verblüffen sondern auch verdeutlichen, warum das Soave vor nicht einmal 70 Jahren als Chablis Italiens bezeichnet wurde.

Garganega reift spät und je höher oben man sich befindet desto später wird es. Lange Vegetationsphasen bauen zusätzliche Aromen auf, hinzu kommt ein natürlicher Säuregehalt, der näher am Riesling als am Veltliner liegt. In Italien ist man sich zumindest in Winzerkreisen über die Qualitäten der Sorte im klaren, weshalb sie nicht nur in Soave sondern auch in Gambellara und im Bianco di Custoza die erste Geige spielt. In Sizilien fungiert die Garganega als Grecanico und hat dabei durchaus Bedeutung – gleich vier Appellationen (Alcamo, Delia Nivolelli, Contessa Entellina und Contea di Scalafani) probieren das beste aus der Sorte rauszuholen.

Soave classico wird für gewöhnlich im Edelstahl oder Zementzisternen ausgebaut, die gehaltvolleren Lagenvarianten landen ganz gerne in gebrauchten Holzfässern. Ernsthafte Soave reifen zudem blendend und sollten – will man wirklich der Essenz der Weine nahekommen für 5-7 Jahre (je nach Jahrgang) weggelegt werden. Für die Interpretationen aus Gambellara gilt übrigens Gleiches, wobei dort noch ein paar exzellente maischevergorene Versionen hinzukommen (Maule, Spillare), die zeigen, dass ein wenig Gerbstoff der Sorte zusätzliche Dimensionen (und Aromen) verleihen kann. In beiden Orten – den Hochburgen der Sorte – wird übrigens auch Recioto, eine Süßweinvariante aus traditionellerweise im Wind getrockneten Trauben hergestellt.

Garganega sind ihrer miesen Reputation wegen viel zu billig.

10 Garganega, die man probieren sollte.

Cantina Filippi: Castelcerino (Soave)

Cantina Filippi: Vigne di Bra (Soave)

Corte Zanuso: Soave classico

La Capuccina: San Brizio (Soave)

Balestri Valda: Sengialta (Soave)

Suavia: Monte Carbonare (Soave)

La Biancara: Pico (Gambellara)

La Biancara: Sassaia (Gambellara)

Davide Spillare: Bianco Rugoli Vecchie Vigne (Gambellara)

Giovanni Menti: Monte del Cuco (Gambellara)

Vittorios Grazianos Lambrusco Fontana dei Boschi ist reinsortig Grasparossa, die am spätesten reifende Lambruscosorte, dunkel wie die Nacht, mit lebendigem Tannin, kräftiger schwarzer Frucht, erdigen Noten, Eisen und Blut. Dabei bleibt er doch leichtfüßig, belebend, und erfüllt vollends die Idee eines frischen Speisenbegleiters zur emilianischen Herzinfarktküche (Cotecchino, gefüllte Schweinsfüße & Co. – toll aber tödlich). Ein weiteres Meisterwerk Vittorios ist der Sassoscuro, der zu 80% aus Malbo Gentile und zu 20% aus sechs weiteren (teils unbekannten) Rebsorten besteht. Schwarz wie Kohle, mit Aromen, die sich von Kaffee bis Oliven und Lakritze ziehen, zählt er definitiv zu den großen Rotweinen der Region und eigentlich auch Italiens.

Die beiden roten Meisterwerken werden weiß und sprudelnd vom Ripa di Sopravento (Trebbiano und drei unbekannte weiße Sorten) ergänzt, leichtgewichtig und schlank und doch mit profunden Aromen. Die Säure dominiert die Struktur und vermittelt Lebendigkeit. Die stille Variante heißt Tarbianaaz, ist ein Trebbiano modenese und verbringt volle drei Wochen auf den Schalen, was ihm ordentlich Farbe und Gerbstoff, eine strenge Textur und eine primäre Schicht an Kräutern einbringt. Abgerundet wird das Sortiment durch den Smilzo, einen sprudelnden Rosè aus Grasparossa, den Vittorio selbst als simplen Nachmittagswein abtut (was prinzipiell auch kein Nachteil ist), der aber so belebend, bekömmlich, animierend und vital schmeckt, dass man ihn auch problemlos zum Frühstück und eventuell auch am Abend trinken kann.

Denny Binis Weine

Denny Binis Weine

Die Weine von Denny Bini stammen aus biologisch bewirtschafteten Weingärten. Die Erstgärung bei seinen vier Schaumweinen setzt spontan ein und da die Zweitgärung nicht degorgiert wird, finden sich naturgemäß ein paar Trubstoffe. Der totale Sulfitgehalt liegt generell bei ca. 30mg/l, der Alkoholgehalt der Schaumweine liegt selten über 12%.

Der Levante 90 (Malvasia) ist knackig, lebendig, aromatisch und so frisch und druckvoll, dass man endlich glaubt die Alternative zum Nachmittagsbierchen gefunden zu haben. Der Rosato (Rosa dei Venti – Malbo Gentile/ Grasparossa) – wie schon der von Luciano Saetti – ist geschmeidig und saftig und die Alternative zum zweiten Krügel. Danach wird es profunder: der Grasparossa (Ponente 270) kombiniert sich bestens mit einer Zigarre und selbst wenn die fehlt, hat man ein wenig Tabak in Nase und Mund, der Fuso 21 (die Lambruscosorten) ist weich, dicht und rund, der stille Malbo (Maestrale 315) dagegen erdig, ledrig, substantiell, würzig und dicht. Alles total beeindruckend.

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Maestrale 315: Malbo Gentile ist eine der großen Unbekannten in der roten Ampelographie Italiens. Sie wächst einzig zwischen Modena und Reggio Emilia und ergibt Weine, die besser in den Winter als in den Sommer passen.

Dennys Version stammt von kalkdurchsetzten Tonböden, die nach 40 Zentimeter von einer steinigen Schicht abgelöst werden. Die Rebstöcke wurden 2003 gepflanzt und tragen knapp 7000 Kilo am Hektar – das mag viel erscheinen, ist jedoch für die fruchtbaren Verhältnisse der Lambuscoregion am untersten Ende. Vergoren wird spontan, die Mazeration beträgt ca. 3 Wochen, wobei diesbezüglich der Jahrgang sein Wort mitzureden hat. Ausgebaut wird in gebrauchten Barriques, es wird weder gefiltert noch geschönt, geschwefelt wird vor der Füllung (Gesamt ca. 30mg/l). All das ergibt einen Wein, der dunkel wie Teer, Lakritze und Zwetschken ist und auch ein wenig so schmeckt. Da die Malbo Schale dick wie Baumrinde hat, legt sich ganz ordentlich Gerbstoff auf den Gaumen, zu dem sich aber auch noch kräftige Würze, saftige Frucht und ledrige Noten gesellen. In guten Jahren entwickelt er sich locker über 8-10 Jahre.

Ich besuche fast alle Winzer mit dem Fahrrad und bin es gewohnt mich über Anstiege raufzuschinden, mit die Peitsche vor dem Zuckerbrot abzuholen und das völlig ohne religiöse Motive. Zu Emilio Placci allerdings werde ich nie mit dem Fahrrad aufbrechen, es gibt Grenzen und der Weg hinauf nach Il Pratello stellt eine solche dar. Als Emilio 1991, nach dem Tod seines Vaters, der Il Pratello eigentlich als Rückzugsort für Ferien und Wochenende gekauft hatte, auf über 600 Metern Höhe Sangiovesestöcke zwischen Kastanienbäumen und Weidewiesen auspflanzte, möchte ich nicht wissen, was die Nachbarn dachten. Er selbst war sich auch nicht so sicher, was er über sich denken sollte.

il pratello jpgDoch Emilio war eben gelernter Önologe und wenn man einem Önologen ein Stück Land zur Verfügung stellt, dann pflanzt er keine Apfelbäume. Also wurde 1991 das Projekt Bergweinbau in den romagnolischen Hügeln gestartet und wenn man heute seine Sangiovese oder seinen Pinot probiert, dann weiß man, dass das Projekt von Erfolg gekrönt war und zwar von großem. Man mag vom Gambero Rosso, Italiens berühmtestem Weinführer, halten, was man will, drei rote Gläser muss man sich erst verdienen. Emilio Placci verdiente sie sich mehrmals.

Emilios großer Vorteil von der ersten Sekunde weg war, dass es auf seinen Wiesen und Hainen jahrzehntelang keinen Ackerbau gegeben hatte, also auch keine Kunstdünger oder Pestizide ausgebracht worden waren, biologischer Weinbau also in völlig unkontaminierter Umgebung stattfinden konnte; zudem waren seine Flächen gegenüber denen anderer Winzer durch weite Wiesen und Wälder voll Kastanien geschützt.

Sangiovese war Emilios erste Wahl. Zum einen ist die Sorte ohnehin in den Hügeln heimisch, zum anderen zieht sich durch die Gärten von Il Pratello Galestro, also der gleiche kalkige Untergrund wie er auch in den klassischen Sangiovese-Regionen der Toskana zu finden ist. Und für Sangiovese scheinen Emilios Hügel wie gemacht zu sein. Die Höhe betont nochmals zusätzlich Gerbstoff und Säure, die Frucht ist glasklar und nie welk, die Weine bersten vor steinigen Noten, kurz das Aromaprofil und die Struktur seiner drei Sangiovese könnte perfekter nicht sein. Il pratelloDass Pinot Noir ebenfalls ins Spiel kommt, wäre vermutlich auch dann passiert, wenn Emilio kein Önologe gewesen wäre (ich kenne keinen Weinbauern, der die Rebsorte nicht gerne anpflanzen würde), die Kühle und der Kalk machten seine Pflanzung fast zur Verpflichtung. Malbo Gentile, dunkel und würzig, wächst ebenfalls blendend, ob Cabernet so eine gute Idee war, wage ich zu bezweifeln.

Die Weine landen nach spontaner Vergärung in kleinen und großen gebrauchten Holzfässern und bleiben dort auch für nicht zu kurze Zeit. Eingriffe physikalischer (abgesehen vom Umpumpen des Weins) oder chemischer Natur finden in dieser Zeit nicht statt, gefiltert, geklärt und geschönt wird nicht, geschwefelt schon aber nicht viel.

Über Emilios Philosophie sollte man auch noch ein paar Worte verlieren: in aller Kürze ist sie geprägt von einem Vertrauen in kleine Strukturen, in Traditionen und dem Bewusstsein, dass eine zunehmende Globalisierung der Diversität und Vielfalt der Weinwelt nicht allzu gut tut. Dass er allerdings keineswegs ein eigenbrötlerischer Passatist ist, beweisen seine stets willkommenen newsletter, die bisweilen eintreffen und dazu einladen, sich vielleicht doch mal in Auto zu setzen, um sich auf Il Pratello Steinpilze, Gnocchi, Würste, Wildschweine, Kastanien und vor allem Sangiovese vorsetzen zu lassen.

Zu Il Pratello gehört ein kleiner Agriturismo. Zudem ist Il Pratello eines der sechs Mitglieder der Bioviticultori.

Soave mit dem Fahrrad zu erkunden, birgt Überraschungen. Man nimmt Dinge wahr, die einem im Auto verborgen bleiben. Tote Katzen zum Beispiel, die in einer Art Leichenstarre am Straßenrand liegen und deren Todesursache man irgendwie automatisch mit den weißen Pestizidwolken in Verbindung bringt, die in der Ebene Soaves in besorgniserregendem Takt aus den Pergolen aufsteigen.

Zudem kann man die Steilheit des Geländes im Detail registrieren und staunt über die sich über hunderte Höhenmeter hinziehenden Einzellagen. Bösartig ist dabei die Tatsache, dass auch die Winzer direkt in und an ihren Weingärten leben und ganz besonders hart ist dabei die Anfahrt zu Filippo Filippi. Er bewirtschaftet die höchsten Lagen in der ganzen Region (biodynamisch) und das heißt dann auch, dass es von der toten Katze bis zu ihm knapp 300 Höhenmeter und ca. 20 Spitzkehren sind. Die Welt dort oben, ist dann auch eine andere. Nachdem er mich mit etwas Wasser und ein paar Witzen über mein Transportmittel wieder aufgepäppelt hat, besteht er glücklicherweise darauf, mit dem Traktor eine Spritztour an seinen Weingärten vorbei zu machen.

Bis fast 500 Meter ziehen sich hier die Stöcke über die Kuppen, eingebettet in kleine Wäldchen und bestens durchlüftet vom Wind, der über die Hügel bläst. Der bringt auch gleich Regen mit und treibt uns in eine – von Menschen ausgeschlagene – Kalksteinhöhle. Die Terrassenmauern der Weingärten sind daraus gebaut und auch das, aus dem 13. Jahrhundert stammende, Haus der Filippis. Auf Kalk steht auch der Vigneto Monteseroni, einer der weniger weißen kalkigen Einsprengsel im Vulkanland Soaves, steinalte Stöcke, die quasi in einer Blumenwiese wurzeln. Filippo Filippi ist beileibe nicht der einzige, der hier dezidiert biologisch arbeitet, er scheint seine Auffassung von Naturwein jedoch am konsequentesten durchzuziehen.

Er setzt damit zum einen auf all die Vorteile gesunder und vitaler Böden zum anderen arbeitet er auch seinen Vorstellungen konsequent folgend im Keller weiter. Gärtemperaturen werden reguliert, jedoch nur nach oben (mehr als 24°C möchte er dann doch nicht haben), Schwefel in Minimalmengen eingesetzt, die Schwerkraft ersetzt die Pumpen und die Weine mal sechs Monate mal länger (bis zu 18) auf der Hefe gelassen. Filter sind was für Kaffee, nicht aber für Filippis Wein und möchte man kein blaues Auge riskieren, nimmt man das Wort Enzym besser nicht in den Mund. Dafür lohnt es sich, das mit seinen drei Garganega-Einzellagenweinen, den beiden vulkanisch geprägten Castelcerino und Vigne della Brà und dem oben erwähnten Monteseroni zu tun:

Castelcerino 2009 (nicht mehr Soave Classico sondern Schon Soave Scaligeri): „mein Basiswein“, meint Filippo bescheiden und der Wunsch ständig mit solchen Einsteigern zu tun zu haben, keimt auf. Puro und präzis, mineralisch, floral, Orangenzesten, straff, kräftige Säure, die bestens in den dichten Körper passt – kostet irgendwo um die € 8 und ist damit grob unterbepreist.

Monteseroni 2009: Filippos Antwort auf das Chablis, also mal wirklich Feuerstein, Nüsse und Limetten, saftig, dicht und bestens strukturiert, lang, Magnesiumgaumen (oder so ähnlich), salzig und ausklingend ein wenig Grapefruit. Toll. Übrigens € 9 und damit genauso viel zu billig.

Vigne della Brà 2009: kräftiger und üppiger als seine Kollegen allerdings noch lange nicht barock. Mandeln und Blüten. Und haufenweise Kräuter. Kompakt und lebendig, druckvoll, eindrucksvoll straff, mit Zug zum Gaumen, lang und Potenzial² (Garganega reift übrigens fantastisch, Potenzial bedeutet hier 10 Jahre +).

Das war es aber noch nicht. An Filippos dickem Holztisch stehen noch zwei eigentümliche Spezialitäten. Als erstes ist da der reinsortige Trebbiano di Soave (einer von zwei, die es in Soave noch gibt) von der Lage Turbiana aus 80 Jahre alten Stöcken, die – da Pergola-erzogen – dick wie Baumstämme wirken.

Turbiana 2008: Trockenfrüchte, nussig und Honig in der Nase, erstaunlich trocken am Gaumen, konzenriert, straff und exotisch, sehr eigen

Und dann ist da noch die Garganega Spätlese 2007: erstmal drei Monate mazeriert, danach 36 Monate im Stahl, Honig und Marillen, nussig und kalkig, salzig und Orangen, die Femme fatale in Filippos Programm, kokett und kühl (jedenfalls mit Stil), und natürlich wiederum zu billig für so eine Diva

Fazit: Filippos Weine sind durch die Bank topp, die Abfahrt nach Soave danach herrlich.

Dichtung: Intensiv, kraftvoll und erdig. Kein Wein für einen Kindergeburtstag. Dass man die Flasche theoretisch trotzdem locker alleine packen würde, liegt daran, dass Tannin und Säure brillant puffern. Der Nebbiolo riecht schon strukturiert, ein paar Beeren, ein paar mediterranen Kräutern wechseln mit dunkler Noten ab (Erde, Moos). Die Kühle des Jahrgangs belebt zusätzlich, erdige Aromen tragen ihn über den Gaumen. Lang und wie jeder gute Barolo, der erst 6 Jahre am Buckel hat, jung.

Wahrheit: Am liebsten hätte ich jeden Tag ein paar Gläser Nebbiolo. Oder Flaschen. Ist nicht: zum Trost gibt es immerhin gelegentlich ein Glas von Eugenio Bocchinos Nebbiolo La Perucca – den kann man definitiv zu den fünf besten Nebbioli zwischen den ZONEN zählen. Die Zonen? Barolo und Barbaresco. Von Eugenio Bocchinos Weingarten La Perucca kann man, ist man gut in Form, einen Stein nach Barbaresco rüberwerfen. Hilft alles nichts. La Perucca schmeckt zwar wie Barbaresco (und viel besser als viele, die ich von dort kenne) ist aber bloß ein Nebbiolo d’Alba. Tut prinzipiell nichts zur Sache, kostet halt nur die Hälfte und da einer der Gründe, warum es Barolo nicht auf Tagesbasis gibt der Kostenfaktor ist, sei der Preis (€ 24 bei vinonudo.at) eben mal erwähnt. La Perucca basiert vor allem auf Lehm, Kalk und Sand, die Pflanzdichte liegt bei 5000 Stöcken pro Hektar bei einem durchschnittlichen Ertrag von 1kg/Stock. Gepflanzt wurde der Weingarten 1995 auf 280 Meter Höhe, seit einigen Jahren wird er konsequent biodynamisch bearbeitet, wobei auch die alljährlichen Kupfermengen kontinuierlich abnehmen. Der Ausbau befindet sich in einer Umstellungsphase. 2008, der Jahrgang, mit dem ich mir meine Abende vertreibe, lag noch in gebrauchten Barriques, seit 2010 landet der Wein in großen slawonischen Eichenfässern. Vinifiziert wird quasi interventionsfrei.

Es ist nie zu spät oder fürchtet euch nicht, wie die Freunde vom „Weinskandal“ predigen, war das Motto des gestrigen Tages. Also habe ich Mama ins Auto gepackt und wir sind hoch in die Colli Euganei, hinauf zu Marco Buratti gefahren, den wohl radikalsten Proponenten des Naturweins jenseits des Sausals (und Karl Schnabels phänomenale Interpretation des Begriffs). Und siehe da: Neugierde siegte über die Angst und das obwohl es bei Marco aussah, als hätte eine Bombe in Haus und Keller eingeschlagen! Am Ende des Tages verließ meine Mama La Farnea, Marcos Weingut, bewaffnet mit 12 Flaschen ungeschwefeltem Merlot, einem Berg Kakis, einem Tokaj-Experiment und dem Versprechen wiederzukommen.

2014-10-31 15.21.41Am Anfang des Tages kämpften wir uns die Serpentinen der Colli Euganei hinauf, einem geologischen Sonderfall inmitten der Po-Ebene. Mitten im Flachland erheben sich gut und gerne 20 Vulkankegel, die eigentlich schon für sich einen Besuch wert wären, die man aber doch gerne rechts liegen lässt, vermutlich weil man mit den an ihrem Fuße liegenden Thermen von Abano und Montegrotto Siechtum, Gebrechen und den letzten Urlaub der Urgroßeltern verbindet. Mag alles wahr sein, dahinter freilich öffnen sich ein paar Quadratkilometer, die vollgepflastert sind mit klassischen Osterien, Olivenbäumen, runtergekommenen Kastellen und Villen, alten Kirchen, Petrarcas Geburtshaus und eben auch einer guten Handvoll Bio- und Naturweinwinzer, von denen Marco in seiner konsequenten Radikalität nochmals herausragt.

Bis gestern hatte ich nur von seinen Weinen gehört, er selbst verweigert sich jeder Naturweinveranstaltung. Auf emails hatte er nie geantwortet, Telefonanrufe nicht beantwortet gegen unsere brutale Überrumpelung war er dann allerdings chancenlos. Er hat es uns nicht übelgenommen, vermute ich. Wir bekamen eine zweistündige Führung durch das Chaos und Fassproben des neuen Jahrgangs und plauderten über Sulfite beziehungsweise über die Tatsache, dass er keine verwendet – nie. Und es auch nie getan hat. Er ist da recht dezidiert und nicht besonders tolerant – so vertritt er die These, dass man das Wort Naturwein nur dann in den Mund nehmen sollte, wenn sich außer Trauben nichts, aber auch gar nichts anderes im Wein befindet. Das hat ihm nicht nur Freunde beschert, im Gegenteil. Er ist ein Solitär in den Hügeln und darüber hinaus. Verbündete ortet er im Lazio bei Gianmarco Antonuzi von Le Coste (ganz großartig) und bei Angiolino Maule von La Biancara im Veneto, den er zwar als Winzer schätzt als Organisator von vinnatur allerdings weniger – der mache dort zu viele Kompromisse und die sind seine Sache nicht.

Vom ersten Wein vor 10 Jahren bis heute, war die einzige größere Anschaffung für den Keller, jenseits der Fässer und Betonzisternen eine Pumpe, mit der er die verschiedenen Chargen seiner Weine zusammenführt. Allzu oft muss er auch die nicht verwenden, da er auf zwei Hektar maximal 5000 Kilo Trauben liest. Die Presse hat er vom Großvater eines Freundes und den Bottich dazu vermutlich vom Großvater des Großvaters. Aber genug der Familienbanden.

Marco macht Wein von Trauben. Basta. Das schmeckt. Und zwar richtig gut. Die Frage, warum er gerade Merlot angepflanzt hat, ist blöd und er versteht sie auch nicht wirklich und die Antwort ist so unpopulär wie entwaffnend. Weil er Merlot liebt! Aus. Und Cabernet. Und überhaupt Frankreich.

So sehr er Frankreich verehrt, so sehr raunzt er über Italien. Man hinke, so Marco überall hinterher. In Frankreich gäbe es hundert Winzer, die schwefelfreie Weine produzieren, in Italien sieben; Önologen werden in Frankreich angeblich seit den 1950er Jahren ausgebildet, in Italien erst seit 2001. Er selbst belegte damals den Studienzweig, nachdem er zuvor 20 Jahre als Koch geackert hatte. 2004 war es dann aber doch vorbei mit der Theorie, er erstand seine zwei Hektar Vulkanland in Villa di Teolo und hat dort neben Merlot auch noch Cabernet, Pattaresca, Malvasia, Moscato giallo e rosa und Tokaj ausgepflanzt.

Aus denen keltert er eine Palette, die schwer beeindruckt.  Während es für mich gerade die beiden weißen Interpretationen sind – mazeriert, aromatisch, federleicht und doch profund – sackt meine Mutter wie schon erwähnt ein Dutzend Flaschen Merlot – den „L’Arietta“ ein. Dazu gibt es noch einen Wein bei dem totale Einigkeit herrscht. Marco produziert einen „Vin de Soif“ (aaah, Francia), den L´Ombra, einen Durstlöscher oder ums treffender zu formulieren, einen Saufwein, der so angenehm, leicht und lebendig daherkommt, dass es absolut gerechtfertigt erscheint, dass er ihn in eineinhalb Liter Flaschen füllt.

Italien verfügt zwar über ein fast unerschöpfliches Reservoir an Rebsorten, es gibt allerdings schon Gründe, warum manche kaum noch vorhanden, andere dagegen omnipräsent sind. Sangiovese war und ist die am häufigsten angebaute Rebsorte in Italien und auch wenn sie ursprünglich angeblich aus der Romagna stammt, steht sie doch quasi synonym für die besten Weine der Toskana. Jenseits ihrer eminenten regionalen Unterschiede gibt es einige Attribute, die der Sorte immanent sind. Sangiovese ist sensibel. Zu viel Hitze mag sie nicht, regnen sollte es allerdings ebenfalls möglich wenig. Anders als Merlot, den man in jeden Kartoffelacker setzen kann, sofern sich darin genug Ton befindet, wurzelt Sangiovese am liebsten in der Höhe und in Kalk. Für die Winzer sind das nicht die einzigen Schwierigkeiten, die sich auftun können.

sangiovese (1)Sangiovese treibt früh aus, ist folglich spätfrostgefährdet und trägt generell, wenn man nicht entscheidende vitikulturelle Maßnahmen setzt, viel zu viel Trauben. Das dürfte wohl auch der ganz wesentliche Grund gewesen sein, warum Sangiovese erst sehr spät in der Riege der besten Sorten akzeptiert wurde. Lange wurde – anstatt die Quantitäten runterzufahren – zudem versucht, die unreifen Ecken und grünen Kanten durch die Beigabe anderer Rebsorten zu glätten. Erst hatte man die verwegene Idee, dass mit dem weißen Trebbiano hinzuschustern, später dann (und leider bis heute viel zu oft) sollten Cabernet und vor allem Merlot der Sorte ihre Rustikalität austreiben. Die rührte jenseits der gerade erwähnten Ertragsexplosionen oft auch von dem Umstand her, dass Sangiovese zuckermäßig genau dann perfekte Reife erreicht, wenn sie in Sachen Phenole noch nicht so weit ist.

Eine weitere Grundkonstante ist die grundsätzlich packende Säure, die – hat man sie denn im Griff – ein grundlegend positives Charakteristikum der Sorte ist. Sie trägt die (möglichst) filigranen Aromen weit über den Gaumen und sorgt dafür, dass sich Sangiovese nicht nur schluck- sondern glas- und in idealen Fällen auch kübelweise trinken lässt. Die fette Küche der Hügel puffert sie außerdem und zu guter Letzt sorgt sie im Verbund mit den nicht zu knappen Gerbstoffen dafür, dass sie in guten Jahren (und in den Händen guter Winzer) blendend reift. Zumindest meistens. Das Terroir spielt schon auch noch eine Rolle und das ist in der Toskana beim besten Willen nicht überall gleich ist und zeitigt reichlich unterschiedliche Ergebnisse.

Am schwierigsten sind die Bedingungen in der Maremma. In der Gegend um Scansano aber auch um Bolgheri  tendiert Sangiovese dazu zuviel Zucker und folglich auch zuviel Alkohol zu akkumulieren. Die Tatsache, dass man ihn gerade in diesen beiden Ecken gerne cuvetiert (Merlot) und nebenbei auch noch ins kleine Holzfass steckt, macht die Sache nicht leichtfüßiger und radiert zudem die subtilen Aromen aus. Sangiovese ist definitiv eine Sorte, die in großen Fässern ihre besten Beispiele hervorbringt. Essentiell sind zudem möglichst kühle Nächte und ein langer Herbst, der die Feinheit der Aromen und die Lebendigkeit der Säure betont. Montalcino ist prinzipiell eine solche Ecke und die Tatsache, dass man die Brunelli erstmal vier Jahre ins Fass (möglichst groß) steckt, fördert zusätzlich die Eleganz. Auch in den Hügeln und Tälern, die sich vom Tyrrhenischen Meer in Richtung Osten ziehen, passen die Bedingungen meist, während im Chianti viel von den Expositionen und Mikroklimata abhängt.

Grundsätzlich sollte man in keinem vinophilen Keller Sangiovese missen und weil ich mich gerade in den letzten Wochen einigermaßen engagiert durch die Sorte getrunken haben, anbei 10 Sangiovese, die ich gerne wieder hätte. Die Reihenfolge ist willkürlich, alle 10 lohnen sich und da es langweilig ist 8 Brunelli zu listen und man auch nicht jeden Tag 50 Euro für einen Wein ausgeben sollte, sind auch günstigere Varianten aus weniger bekannten Regionen gelistet (wobei die Jahrgänge 08, 10 und 13 diejenigen Weintrinken begünstigt, die es lieber straff, elegant und lebendig haben, während 09, 11 und 12 diejenigen zufriedenstellen sollte, die es gerne üppig, kräftig und weich haben.)

Le Boncie: Le Trame (Chianti)
Le Chiuse: Brunello di Montalcino
Al Podere di Rosa: Chiesino (Colli Lucchesi)
Massavecchia: La Querciola (Maremma)
Fabbrica di San Martino: Rosso (Colli Lucchesi)
I Mandorli: Vigna del Sughero (Suvereto)
Bacchereto: Terre a Mano (Carmignano)
Campi Nuovi: Montecucco Sangiovese (Montecucco)
La Busattina: Tettereetee (Maremma)
Stella di Campalto: Rosso di Montalcino
Montesecondo: Tin, Rosso Anfora (Chianti)


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