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Hintergrund

Daniele Ricci meinte einmal, dass es besser sei, Timorasso-Weingärten möglichst alleine zu bearbeiten. Die Sorte ist derartig kompliziert in der Bewirtschaftung, dass Erfahrung und das Wissen um die individuellen Eigenheiten der Rebstöcke guttun. Heute hilft ihm meistens sein diesbezüglich bestens geschulter Sohn Mattia, ansonsten aber ist die Pflege der knapp 30000 Timorassostöcke vorwiegend Chefsache. Daniele kennt Timorasso wie kaum ein anderer, weiß um ihre extreme Wüchsigkeit und Fertilität und ihre oft irritierend frühe Reife und Botrytisanfälligkeit. Er kennt aber auch Antworten auf diese Herausforderungen und die lassen sich Jahr für Jahr auch im San Leto Blu nachvollziehen.

Die Trauben für den San Leto Blu stammen aus einem, in den späten 80er Jahren bestockten Weingarten. Sie werden spät gelesen und über drei Tage mazeriert, wobei der Tresterhut nie durchbrochen wird, um nicht zu viele Gerbstoffe auszulaugen. Einmal abgepresst, wird der Wein in Akazienfässer umgezogen, wo er für ein Jahr weiterreift, ehe er unfiltriert abgefüllt für zwei weitere Jahre in der Flasche seine endgültige Form findet.

Stil

Vielschichtiges und harmonisches Aromaprofil. Lebhafte aber nie aufdringliche Säure kontert einem mürben und feingliedrigen Gerbstoff. Die Textur ist cremig, saftig und weich (ein Freund meinte einmal, dass ihn der San Leto an elsässische Rieslinge denken ließe, wobei unserer Ansicht nach Danieles Wein direkter und stringenter ist). Lang, kompakt und fokussiert, prägen ihn im Abgang gelber Frucht, Steine und Kräuter.

Datenblatt

Rebsorte: 100% Timorasso
Bewirtschaftungsart: biologisch
Weingarten: San Leto
Lese: Per Hand
Vergärung: spontan| wilde Hefen, dreitägige Mazeration ohne Unterstoßen der Trauben
Ausbau: 1 Jahre in gebrauchten Akazienfässern, 2 Jahre in der Flasche
Filtration: nein
SO:< 50mg/l
Alkoholgehalt:  % vol
Verschluss: Naturkork
Trinktemperatur: 10-12 °C
Perfekte Trinkreife: 2018 – 2028

Hintergrund

Im Granato lotet Elisabetta Foradori aus, was Teroldego im Campo Rotaliano zu leisten imstande ist. Der Wein ist ein Gegenentwurf zu ihren eigenen Einzellageninterpretationen Morei und Sgarzon, wo sie dezidiert und detailliert die Vorgaben des Terroirs offenzulegen versucht. Im Granato dagegen räumt sie der Rebsorte mehr Raum ein – und warum auch nicht: Teroldego (das Gold Tirols?) ist wie kaum eine andere Sorte in der Weinbaugeschichte des Trentinos und des angrenzenden Südtirols verankert, aus dem sie heute leider fast verschwunden ist. Dokumente belegen ihre Existenz bereits im 14. Jahrhunderte und DNA-Analysen verweisen auf eine nahe Verwandtschaft mit Syrah, wobei Teroldego die ältere der beiden Sorten ist.

Das Alter der Rebsorte erklärt auch die Tatsache, warum sie sich im Laufe der Jahrhunderte über ganz Italien und bis nach Sizilien verbreitete, wobei sie im Rest der Halbinsel dank ihrer dunklen Farbe und dichten Textur meist Cuvées farblose, anämische Weine aufpeppte.

Dem ganzen Potenzial der Sorte auf den Grund zu gehen, blieb letztlich der großen Winzerin aus Mezzolombardo überlassen. Und sie tat das so überzeugend, dass in ihrem Schatten nicht nur im Trentino eine Renaissance der Sorte stattfand, sondern selbst kalifornische und australische Winzer begannen, ihre Weingärten mit Teroldego zu bestocken.

Der Granato entsteht aus Trauben von 70 Jahre alten Reben, die in den Schwemmlandböden des Campo Rotaliano Wurzeln geschlagen haben. Die Bewirtschaftung der Rebflächen ist seit gut einem Jahrzehnt biodynamisch, die Pflege der Rebstöcke quasi ausschließlich per Hand.

Vergoren wird der Granato spontan in Zementbottichen, der Ausbau danach erfolgt über 15 Monate in 20-40 Hektolitern großen Akazienfässern.

Stil

Gehaltvoll, intensiv, ausdrucksstark – was dem Granato im Vergleich zu den beiden Einzellagenversionen Morei und Sgarzon an Finesse fehlen mag, kompensiert er durch Dynamik und Kraft. Stoffig und engmaschig räumt er rotbeerigen und kräuterigen Aromen Platz ein, die man gemeinhin mit der Sorte identifiziert. Ist trotz seiner Power und Energie elegant. Punktet am Ende mit Druck, Länge und Lebendigkeit.

Datenblatt

Rebsorte: 100% Teroldego
Bewirtschaftungsart: biodynamisch
Weingarten: 70-Jahre alte Weinreben am Campo Rotaliano
Lese: Per Hand
Vergärung: spontan| wilde Hefen, Mazeration über einen Monat
Ausbau: 15 Monate in 20-40 hl großen Akazienfässern
Filtration: nein
SO₂:< 50mg/l
Alkoholgehalt:  12,5 % vol.
Verschluss: Naturkork
Trinktemperatur: 10-12 °C
Perfekte Trinkreife: 2020 – 2035

Miau!
Ah, italienische Katze. Miao.
Ciao, deutsche Katze.
Ein Kätzchenwein?
Schon auch.
Besser als ein Gänsewein.
Oder ein Machowein.
Oder ein Mädchenwein.
Oder ein Oligarchenwein.
Oder ein postmoderner Wein.
Also ein Kätzchenwein. Allerdings mit Tradition. Martin Gojers „Miau!“ ist ein nach der metodo ancestrale vergorener Rosato frizzante. Die metodo ancestrale ist derzeit unter dem Namen Pét-Nat (kurz für pétillant naturel) in aller Munde aber eigentlich eine alte Methode der Schaumweinherstellung.

Martin Gojer verwendet dafür die Trauben 50-Jahre alter Vernatschreben, die er eineinhalb Tage lang mazeriert und in Stahltanks bis zu einem natürlichen Restzuckergehalt von 14 g vergärt. Danach füllt er den Wein in Flaschen ab, wo eine Zweitgärung stattfindet und die Kohlensäure im Miau! entsteht.

Nach einigen Monaten auf der Hefe degorgiert er den Wein und füllt ihn ohne Dosage mit etwas Miau!-Stillwein wieder auf.

STIL – MIAU PRANZEGG

Animierend, einladend, lebendig und rotbeerig. Schießt einem schlagartig Lebensenergie in die Adern. Macht Spaß und soll das auch tun. Unkompliziert, unbeschwert und zudem ein verlässlicher Begleiter, wenn es um den Verzehr deftiger Jausen geht.

Datenblatt

Rebsorte: Vernatsch
Bewirtschaftungsart: biodynamisch
Weingarten: unterschiedliche Weingärten, die alle auf vulkanischem Muttergestein und sandigen Verwitterungsböden basieren.

Vergärung: Martin Gojer verwendet dafür die Trauben 50-Jahre alter Vernatschreben, die er eineinhalb Tage lang mazeriert und in Stahltanks bis zu einem natürlichen Restzuckergehalt von 14 g vergärt. Danach füllt er den Wein in Flaschen ab, wo eine Zweitgärung stattfindet und die Kohlensäure im Miao entsteht.
Nach einigen Monaten auf der Hefe degorgiert Martin Gojer den Wein und füllt ihn ohne Dosage mit etwas Miao-Stillwein wieder auf.
Filtration: nein
SO:< 30 mg/l
Verschluss: Kronenkorken
Trinktemperatur: 8-10°C
Perfekte Trinkreife: ab sofort

Teran ist eine jener autochthonen Rebsorten, die man im lokalen Kontext und mit der kulinarischen Tradition Istriens denken sollte: mit Prosciutto und Gulasch, Jota (dem Eintopf) und Musetto (der Kochwurst), mit der Osmiza (dem Heurigen), der Bora (dem Wind) und dem Winter im Karst. Für sich alleine, auf einem Balkontischchen am Prenzlauer Berg, wäre Teran völlig verloren. Teran braucht Atmosphäre und eine fundierte Begleitung. Schafft man es ihm diese zu geben, wird man ihn nicht nur langsam zu verstehen beginnen, sondern zunehmend Freude an ihm haben. Teran hat immense Energie und eine zupackende, lebhafte Säure. Seine Farbe ist so dunkel, dass er im Karst über lange Zeit das Allheilmittel gegen Blutarmut war. Mit einer ordentlichen Portion önologischer Hilfsmittel könnte man ihm seiner Ecken und Kanten berauben und ihn wie McMurphy in „Einer flog über das Kuckucksnest“ gesellschaftskompatibel machen. Doch das würde ihm auch seines Charakters, seiner Identität und seiner Lebensgeister berauben.

Branko und Vasja Čotar spülen nicht weich. Nie. Nicht bei ihren maischevergorenen Versionen weißer Trauben und erst recht nicht bei ihren beiden Teraninterpretationen.

TERAN 2011

Der stille Teran wird in offenen Holzbottichen für 10 Tage auf den Schalen vergoren und landet danach für 4 Jahre in 1500 Liter Holzfässern, ehe er ungefiltert gefüllt wird.

STIL

Vasja Čotar bezeichnet seinen Teran als nervös und sehr typisch. Das trifft es dann auch schon gut. Hinzu kommen Aromen, die einen Bogen durch den Karst spannen und Kräuter, Steine, Beeren und das Meer suggerieren. Windgegerbt und sehnig beschreibt seinen Körper wohl besser als elegant und muskulös. Gemeinsam mit fetten Würsten verwandelt sich die Nervosität in Ruhe und Gelassenheit.

Datenblatt

Rebsorte: Teran
Bewirtschaftungsart: biologisch
Weingarten: Terra rossa, auf ca. 100 Meter in Meernähe, 7000 Stöcke am Hektar
Lese: Per Hand
Vergärung: spontan | wilde Hefen, 10-tägige Meischegärung in 2000 Liter großen offenen Holzbottichen
Ausbau: 48 Monate in 1500 Liter Holzfässern,
Filtration: nein
SO: ungeschwefelt
Alkoholgehalt: 11,50 % vol
Verschluss: Naturkorken
Trinktemperatur: 10-12 °C
Perfekte Trinkreife: ab sofort – 2030

ČRNA 2009

Der Črna  ist ein, nach der Mèthode traditionelle hergestellter Schaumwein und eine logische Antwort auf die, der Rebsorte innewohnenden Eigenschaften. Auch wenn sich Vater & Sohn Čotar bei der Weinwerdung an Herangehensweisen aus der Champagne orientieren, machen sie doch vieles anders als gemeinhin üblich. Sie lesen spät und bei voller Reife, keltern einen klassischen Rotwein und lassen ihn für fünf Jahre in Holzfässern reifen. Erst dann wird etwas Süßmost (aus Teran) hinzugefügt und die Zweitgärung in der Flasche gestartet, wo sich in den folgenden 12 Monaten eine feine und lebhafte Perlage entwickelt.

STIL

Fleischig, saftig und dunkel. Hat die Power eines wichtigen Rotweins und die Frische und Lebendigkeit eines großen Schaumweins. Wald, Erde und Beeren. Druckvoll, geradlinig, zieht wie eine Rakete seine Bahn in Richtung Gaumen, kompromisslos, einmalig, wie auch der stille Teran eine sichere Nummer mit Prosciutto, Salami und anderen Schweinereien.

Datenblatt

Rebsorte: Teran
Bewirtschaftungsart: biologisch
Weingarten: Terra rossa auf Kalk, auf ca. 100 Meter, in unmittelbarer Nähe zum Meer und zu den Bergen, 7000 Stöcke am Hektar
Lese: Per Hand
Vergärung: spontan | wilde Hefen, 10-tägige Maischegärung in 2000 Liter großen offenen Holzbottichen, nach fünfjährigem Ausbau im Holzfass Zweitgärung über 12 Monate in der Flasche.
Ausbau: 60 Monate in 1500 Liter Holzfässern, 12 Monate in der Flasche
Filtration: nein
SO: ungeschwefelt
Alkoholgehalt: 11,50 % vol
Verschluss: Naturkorken
Trinktemperatur: 10-12 °C
Perfekte Trinkreife: ab sofort – 2030

Seit 1964 betreibt Emidio Pepe sein Weingut in Torano Nuovo in den Abruzzen und was er seither geleistet hat, nötigt der gesamten italienischen Weinwelt Respekt ab. Sein Weingut ist Kult und seine Weine gehören zu den Besten Italiens. Sandro Sangiorgi, die Nummer eins unter den Weinautoren des Landes, widmete ihm vor kurzem eine gut 200-seitige Biographie und schildert darin einen hartnäckigen, tief von den bäuerlichen Traditionen seiner Umgebung geprägten Menschen, der von Anfang seinen eigenen Weg ging und dabei meist die entgegengesetzte Richtung einschlug.

Leicht war das nicht, inkludierte sein Konzept doch schon zu Beginn ein ethisches und handwerkliches Fundament, das vielen Winzern bis heute völlig fremd ist. Er lebte und arbeitete also schon früh in Opposition zu den gängigen Moden, stets davon überzeugt, dass die globalen Weintrends nichts mit den vitikulturellen Wirklichkeiten von Torano Nuovo und den Abruzzen zu tun hätten und nur im seltensten Fall zu einer Verbesserung der Weinqualitäten beitragen würden.

In seinem Keller fanden sich zu keiner Zeit Barriquefässer oder Konzentratoren. Auch für die durchaus sinnvollen Lochtrommeln zum Abbeeren und die Walzen für die pigiatura, das Anquetschen der Trauben, fand er keine Verwendung. Für letztere vertraut er bis heute auf die Kraft seiner Füße (und mittlerweile die seiner Kinder und Enkel), ansonsten setzt er auf traditionelle, ausschließlich in Zement stattfindende Vinifikationen und viel Handwerk.

Als sich seine Töchter 2005 intensiv mit den Methoden der Biodynamik zu beschäftigen begannen, stellten sie fest, dass ihr Vater viele ihrer Herangehensweisen bereits seit Jahrzehnten praktizierte. Sofia Pepe, die mittlerweile das Weingut ganz wesentlich mitleitet, meinte beispielsweise, dass ihr Vater schon immer die Mondphasen bei wesentlichen Entscheidungen im Weingarten wie im Keller berücksichtigte.

15 Hektar in insgesamt acht Weingärten bewirtschaftet man im Weingut Pepe (11 biologisch, 4 biodynamisch) wobei der 86-jährige Emidio noch immer ordentlich mitmischt. Bestockt sind sie mit den traditionellen Sorten der Gegend: Montepulciano d’Abruzzo und Trebbiano d’Abruzzo, vor einigen Jahren ist auch noch etwas Pecorino hinzugekommen.

Vor allem mit seinem Montepulciano sorgt Pepe unter seiner mittlerweile großen Anhängerschaft immer wieder für Aufsehen. Rustikal, mit Ecken und Kanten, ordentlicher Säure, dunklen, erdig-fleischigen Noten und einer, in den Anfangsjahren oft spürbaren Reduktion setzt er auf die Kompetenz seiner Kunden: seine Weine sollten bei sofortigem Konsum möglichst belüften werde; noch besser ist es allerdings, den Wein nicht sofort zu trinken sondern ihn für ein paar Jahre in den Keller zu legen. Er tut das übrigens auch. 350.000 Flaschen finden sich derzeit im Gewölbe unter dem Weingut: 52 Jahrgänge (Stand 2018), die bis ins Jahr 1964 zurückreichen und die man vor Ort auch kaufen kann.

In gewissem Sinne noch spektakulärer ist das, was er aus dem Trebbiano abruzzese macht. Meist als belanglose Banalität abgetan, über die man am besten den Mantel des Schweigens breitet, zaubert Pepe aus ihr einen puristischen, in all seiner Eleganz auch dichten und substantiellen geprägten Weißwein, der einen Grund mehr liefert, warum Emidio Pepe zu den großen Meistern seiner Zunft gezählt werden muss.

Emidio Pepe
Via Chiesa 10
Torano Nuovo
Tel: 0039 0861 856493
info@emidiopepe.com
www.emidiopepe.com

WEINE

Montepulciano d’Abruzzo
Trebbiano d’Abruzzo
Pecorino d’Abruzzo

Die Preise liegen zwischen € 30 und € 50.

Jahresproduktion: ca.80000 Flaschen
Rebsorten: Trebbiano abbruzzese, Montepulciano d’Abruzzo, Pecorino
Rebfläche: 15 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: ja, organisch
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

LINKS

Abruzzen

Hintergrund: Hoch oben im Norden, dort wo das Piemont langsam an die Schweiz klopft, findet sich Bramaterra, eine steinalte Weinenklave, in der seit vielen Hundert Jahren Weinbau dokumentiert ist. Bevor Bramaterra 1979 zur DOC erklärt wurde, nannte man den Wein der Region „Vino dei Canonici“ und bezog sich damit auf die große Popularität, die er unter Kirchenleuten besaß – nie ein schlechtes Zeichen. Bramaterras Reben – stets eine Kombination aus größtenteils Nebbiolo und ein wenig Croatina und Vespolina – wurzeln in einer hügeligen Topographie auf ca. 400 Metern in  stark eisenhaltigem Untergrund, über den sich eine marine Sandschicht gelegt hat. Die Gegend ist relativ kühl, ein Aspekt, der sich dann auch wie ein roter Faden durch die Weine von Carlo, Giacomo und Cristiano zieht.

Der Bramaterra 2014 wurde in Zementzisternen spontan vergoren und danach über zwei Jahre in gebrauchten Barriques gelagert, um letztlich nochmals über vier Monate in Zementzisternen sein Gleichgewicht zu finden.

Stil: Kühl, saftig, animierend und dabei doch kompakt, stoffig und gehaltvoll – im Grunde genau das, was man sich unter einem klassischen und hochklassigen Nebbiolo vorstellt. Die Aromen schlagen einen Bogen von Rosen und Thymian bis zu Kirschen und Gewürznelken. Am Gaumen packt das Tannin zu, doch bleibt der Wein stets zugänglich, mürbe und rund. Lebendigkeit, Geradlinigkeit und nachhallende Frucht- und Pfeffernoten prägen den Abgang.

Datenblatt

Rebsorte: 70% Nebbiolo, 20% Croatina, 10% Vespolina
Bewirtschaftungsart: biologisch
Weingarten: auf ca. 400 Meter in  stark eisenhaltigem Untergrund, über den sich eine marine Sandschicht gelegt hat
Lese: per Hand
Vergärung: spontan     | wilde Hefen in Zementzisternen
Ausbau: 2 Jahre im gebrauchten Barriques, 6 Monate in Zement
Filtration: nein
SO: < 50mg/l
Alkoholgehalt:  12,5 % vol
Verschluss: Naturkork
Trinktemperatur: 15-17 °C
Perfekte Trinkreife: 2020 – 2028

HINTERGRUND

Der Elso ist ein Herzenswein von Daniele Ricci. Er ist Ulisse, dem Großvater mütterlicherseits gewidmet, der von allen Elso genannt wurde. Elso war, laut Daniele, ein Großmeister in der Vinifizierung von Croatina und zeigte dem damals jungen Winzer, wie er mit der notorisch komplizierten Rebe, die stets zu viele Blätter und zu wenige Trauben produziert, umgehen sollte. Er lehrte ihn Geduld: zuerst im Weingarten, wo die Trauben für gewöhnlich erst im späten Oktober reif werden und danach im Keller, wo man am besten nicht in Monaten und auch nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten kalkulieren sollte. Der gegenwärtige Jahrgang des Elso stammt aus dem Jahr 2008 und steht gerade am Anfang seiner Entwicklung.

Croatina ist, wie man sich bereits denken kann, kein Wein für einen Kindergeburtstag. Sie hat Gerbstoffe, die ihre nahe Verwandtschaft mit Nebbiolo ohne Umschweife kundtun. Holz – möglichst 500 oder 1000 Liter-Fässer – steht ihr gut. Da ihre Anthocyane nicht leicht oxidieren, ist ihre Farbe selbst nach Jahren der Fass- und Flaschenlagerung tiefdunkel und da sie – wie Sangiovese – zur Reduktion neigt, tut ihr gelegentlicher Luftkontakt nur gut.

Croatina ist alles andere als eine einfach zu handhabende Sorte, doch kann sie in den richtigen Händen zu wirklich umwerfenden Ergebnissen führen.

STIL

Dicht, kraftvoll und intensiv mit ausdrucksstarken, dunklen Aromen. Im Mund geht es ordentlich zur Sache, der Gerbstoff ist fordernd und macht Druck und auch der Alkohol hat ein gewichtiges Wort mitzureden. Wobei letzterer nicht nur von den Tanninen und der tiefen Frucht, sondern auch von einer pulsierenden Säure aufgefangen wird. Das Finale ist trocken, warm und nachhaltig.

Den Elso von Daniele Ricci gibt es bei vinonudo

Datenblatt

Rebsorte: 100% Croatina
Bewirtschaftungsart: biologisch
Weingarten:
Lese: Per Hand
Vergärung: spontan      | wilde Hefen
Ausbau: mehrere Jahre in gebrauchten 500- und 1000 Liter Fässern
Filtration: nein
SO:< 50mg/l

Hintergrund

Der Pinot Grigio Fuoripista (abseits der Piste) ist ein Alternativentwurf zum gängigen Bild der im Trentino omnipräsenten Sorte. Nicht banal und belanglos, sondern profund und gehaltvoll wird Pinot Grigio hier gekeltert. Der Fuoripista entstand in Kooperation mit Marco Devigili, der im sandigen, von Dolomitenkieseln durchsetzten Campo Rotaliano biodynamischen Weinbau betreibt. 

Ausgebaut wird der Fuoripista in spanischen Tonamphoren (Tinajas), die bei Elisabetta Foradori kein önologisches Trendobjekt darstellen, sondern als Mittel zu dem Zweck eingesetzt werden, möglich authentisch ihre Idee von Wein wiederzugeben. In ihrem Keller finden sich mittlerweile Dutzende davon. Anders als die meisten anderen Winzer gräbt sie ihre Amphoren nicht in der Erde ein, sondern belässt sie, in ein Gerüst montiert, in direktem Luftkontakt.

Die ganzen Trauben des Pinot Grigio verbringen darin acht Monate, in denen sie langsam und in aller Ruhe ihre Aromen, Farbstoffe, Säuren und Tannine freigeben. Nach acht Monaten wird der Wein aus den Amphoren geholt und ungefiltert und mit minimaler SO-Beigabe gefüllt.

Stil

Manchmal lohnt es sich auch ein paar Worte über die Farbe eines Weines zu verlieren. Die ist im Fuoripista ein sattes, leicht ins Rosa changierendes Gold und verdankt sich der langsamen Auslaugung in der Schale sitzender Farbstoffe. Von dort extrahiert wurden zudem Aromen, die überraschen und den gewohnten Rahmen sprengen. Die zurückhaltende Säure wird von kompaktem Gerbstoff kompensiert, der insgesamt für eine feste und griffige Struktur sorgt. Der Gesamteindruck ist lebendig und dynamisch, das Finish aromatisch, warm und saftig.

Datenblatt

Rebsorte: Pinot Grigio
Bewirtschaftungsart: biodynamisch
Weingarten: Campo Rotaliano, Sand & Dolomitenkiesel
Lese: Per Hand
Vergärung: spontan      | wilde Hefen, in spanischen Tinajas
Ausbau: 8 Monate auf den Schalen in spanischen Tinajas (Amphoren)
Filtration: nein
SO:< 30 mg/l
Alkoholgehalt: 12,5%
Verschluss: Naturkorken
Trinktemperatur: 10-12 °C
Perfekte Trinkreife: 2018 – 2030

Hintergrund

Hoch oben, auf gut 500 Metern, wurzeln in kreideweißen Böden die Reben für den Calcareus. Entfernt am Horizont tut sich das Meer auf, Lampedusa ist nicht weit, Tunis näher als Neapel. Es sind alte Kulturlandschaften, die sich hier über die Hügel und Bergrücken spannen. Griechische Siedler hinterließen keine 10 Kilometer entfernt das Valle dei Templi, das Tal der Tempel, die größte archäologische Ausgrabungsstätte Europas. Mit der Errichtung griechischer Kolonien ging auch stets Weinbau einher und fand folglich auch rund um Agrigento schon vor mehr als 2000 Jahren statt. Ob dabei bereits etwas derart Spektakuläres wie der Calcareus der Brüder Gueli dabei herauskam, wagen wir zu bezweifeln. Schon deswegen, weil wir glauben, dass der Wein auch für heutige Maßstäbe die Latte extrem hoch legt und definitiv zu den aufregendsten Rotweinen der Insel zählt.

Grund dafür ist neben der behutsamen und meist manuellen Weingartenarbeit der drei Brüder ein Klima, das Wärme mit Wind kombiniert und den Reben ein balanciertes und langsames Wachstum ermöglicht. Der an manchen Stellen schneeweiße Boden, dem der Wein seinen Namen verdankt und ein ausgeklügeltes Erziehungssystem (Tendone) tun ein übriges.

Der Calcareus wird wie auch der Erbatino über 6-8 Tage spontan in Zementzisternen vergoren und danach noch für weitere 40-50 Tage auf den Schalen belassen. Der Ausbau erfolgt in gebrauchten 220-Liter Fässern über 24-30 Monate.  Der Wein wird vor der Füllung weder gefiltert noch geschwefelt, bewahrt sich aber dennoch eine bestechende Klarheit und Präzision.

Stil

Elegant, kühl, präzis: Wer auf die Hitze des sizilianischen Südens hofft, sollte zu einer anderen Flasche greifen. Der Calcareus ist ein Kind seines Terroirs und das vereint Kalk und der Höhe geschuldete Tag-Nacht-Unterschiede, die dazu führen, dass der Wein nicht nur profund und dicht ist, sondern auch noch stringent und kompakt. Die Säure ist wie stets bei gut gemachtem und authentischem Nero d’Avola lebendig, das Finale trotz der straffen und engmaschigen Textur unbeschwert und animierend.

Rebsorte: 100% Nero d’Avola
Bewirtschaftungsart: biologisch
Weingarten: Hanglage auf 450-550 Meter Seehöhe in Scintilìa. Kühle Winde und Tendone, ein Pergola-ähnliches Erziehungssystem relativieren die intensive Sommerhitze. Kalk- Gipsböden.
Pflanzdatum der Reben: 2000
Lese: Per Hand in 25 Kilo fassende Kisten, Ende September
Vergärung: spontan     | wilde Hefen in Zementzisternen, 40 tägige Mazeration
Ausbau: 24-30 Monate in zweit- oder drittbefüllten 220-Liter Fässern, 6 Monate Flaschenreife
Filtration: nein
SO: ungeschwefelt, unter 20 mg/l Gesamtschwefel
Alkoholgehalt: 13,50 % vol
Verschluss: Naturkorken
Trinktemperatur: 16-18 °C
Perfekte Trinkreife: ab sofort – 2030

U’ Russu 2015

Hintergrund: In den 1990er Jahren hatte Nero d’Avola seinen Popularitätshöhepunkt, der paradoxerweise Hand in Hand mit seinem qualitativen Tiefpunkt einherging. Zu unfassbar niedrigen Preisen überschwemmten Nero d’Avola-Versionen, die sich nicht einmal zum Strecken von Saucen eigneten, die Supermärkte der Welt. Irgendwann hatten das auch die leidenschaftlichsten Billigtrinker verstanden und Nero d’Avola wanderte aus den Aktionsregalen palettenweise zurück nach Sizilien. Und dort blieben sie auch. Damit war es fürs erste vorbei mit dem Boom der Sorte und die Reputation war dermaßen im Eimer, dass man wiederum zwei Jahrzehnte brauchte, um sie wieder einigermaßen geradezubiegen. Mitverantwortlich für die Wiederauferstehung des Nero d’Avola waren unter anderem die Brüder Gueli, die bislang ungekannte Seiten der Rebsorte aufdeckten und zeigten, dass man aus Nero d’Avola auch Weine keltern kann, die elegant, profund und dynamisch erstaunlich präzis von ihrer Herkunft erzählen können.

Der U Russu stammt von diversen Weingärten rund um das Weingut in Grotte, wird per Hand gelesen und über 6-8 Tage spontan in 2000 Liter großen Zementzisternen vergoren. Danach wird er in kleinere Zementbehältnissen umgezogen, wo er bis zum darauffolgenden Mai lagert, ehe er ungefiltert und ungeschwefelt gefüllt wird und für ein halbes Jahr weiterreift.

Stil

Dunkel, lebhaft und intensiv. Mediterran, erdig und dunkelfruchtig. Der U Russu mag zwar der Einstiegswein von Gueli sein, doch lässt er sich das nicht wirklich anmerken. Die Textur ist dicht und stoffig, das Tannin ist samtig, die Säure animierend aber bestens eingebunden.

Datenblatt

Rebsorte: 80% Nero d’Avola + 20% alte autochthone Sorten
Bewirtschaftungsart: biologisch
Weingarten: Diverse leicht abfallende Lagen auf 450-550 Meter Seehöhe rund um Grotte (Provinz Agrigento/Sizilien) Kühle Winde und Tendone, ein Pergola-ähnliches Erziehungssystem relativieren die intensive Sommerhitze. Kalk- und Tonböden.
Lese: Per Hand in 25 Kilo fassende Kisten
Vergärung: spontan     | wilde Hefen, in 2000 Liter großen Zementzisternen
Ausbau: 7 Monate in vetrifiziertem Zement
Filtration: nein
SO: ungeschwefelt
Alkoholgehalt: 13,50 % vol
Verschluss: Naturkorken
Trinktemperatur: 16-18 °C
Perfekte Trinkreife: ab sofort – 2026

EGESTA

Hintergrund & Herkunft
Der Egesta gehört zweifellos zu den originellsten und besten Weinen Siziliens. Er besteht zu 100% aus der weißen Grillo, einer Sorte, die man wie kaum eine andere mit Sizilien verbindet, die aber anscheinend gar nicht von der Insel stammt. Sie dürfte vielmehr erst nach dem Vernichtungsfeldzug der Reblaus in Sizilien ausgepflanzt worden sein, hat danach aber speziell im Westen das Kommando unter den Rebsorten der Region übernommen. Sie ist seit über einem Jahrhundert elementarer Bestandteil des Marsala und zudem für einen Gutteil der trockenen Weißweine rund um Trapani und Alcamo verantwortlich.
Aldo keltert aus ihr eine Version, die seinesgleichen auf der Insel sucht und die nichts mit den gängigen, oft banalen und meist von Zitrus- und Maracujanoten dominierten Weinen zu tun hat. Von jungen Reben aus dem sich nahe am Meer befindlichen Weingarten Pietrarinosa Ende August gelesen, selektiert er die besten Trauben und vergärt sie, ohne sie davor gepresst zu haben, spontan in einem Edelstahltank. Dort bleibt der Wein mitsamt Schalen und Kernen für die nächsten sechs Monate und wird, nachdem ihm alles an Aromen, Gerbstoff und Säuren auf natürliche Weise entnommen wurde, sanft abgepresst und sofort gefüllt.

Stil
Die Farbe des Weins suggeriert herbstliche, gelbbraune, von der Sonne ausgeblichenen Felder – Sizilien im Spätsommer, wenn man so will. Die Sonne schmeckt man auch im Wein und – nachdem wir hier gerade in Bildern und Vergleichen erzählen– auch das Meer. Kurz: der Egesta offeriert Wärme und suggeriert Salz, hinzu kommen dann aber auch noch Macchiaaromen und eine bestens eingebundene, alles andere als störende, Andeutung von flüchtiger Säure. Der Körper birgt Substanz, ist allerdings nie ausladend oder gar fett. Das Tannin hält sich, trotz der langen Maischestandzeit, zurück und bietet mit der erstaunlich lebhaften Säure ein perfektes Gleichgewicht.

Datenblatt

Rebsorte: Grillo
Bewirtschaftungsart: biologisch
Weingarten: Pietrarinosa, Kalk- & Tonböden
Lese: Per Hand
Vergärung: spontan | wilde Hefen, 6 Monate Kontakt mit den Schalen in Edelstahltanks
Ausbau: 6 Monate im Edelstahl, 3 Monate in der Flasche
Filtration: nein
SO₂: 10 mg/l bei der Füllung, freies SO₂: 7 mg/l, Gesamt-SO₂: 15 mg/l
Alkoholgehalt: 12,5 % vol.
Säure: 6 g/l
Verschluss: Naturkorken
Trinktemperatur: 10-12 °C
Perfekte Trinkreife: ab sofort – 2028
Flaschenformat: 0,75 l

Den Egesta von Aldo Violo gibt es bei www.vinonudo.at

Urban Plattner – Weingut In Der Eben
Unterplatten 21 / Ritten
39053 Kardaun
www.indereben.com
Tel.: +39 0471 365120

Jahresproduktion: ca.12000-15000 Flaschen
Rebsorten: Sauvignon blanc, Gewürztraminer, Roter Malvasier, Vernatsch
Rebfläche: 3,5 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Urban Plattners Weinhof In der Eben liegt gut versteckt in einer Hangsenke auf der steilen Sonnenseite des Ritten. Immer wieder von Wald durchzogen, erstrecken sich rund um das Weingut drei Hektar Weingärten, die klimatisch vom mediterranen Bozner Talkessel bei gleichzeitig kühler Ventilation durch die Bergwinde geprägt sind. Porphyr-Untergrund liefert das Fundament für ein Rebsortenquintett, das neben den beiden lokalen Protagonisten Vernatsch & Roter Malvasier auch noch Platz für Merlot, Sauvignon blanc und Gewürztraminer lässt. Die Bewirtschaftung ist seit 1993 biologisch, seit Urban 2012 den Weinhof von seinem Vater übernommen hat, werden zudem biodynamische Prinzipien angewandt. Die dadurch erreichte Balance im Weingarten ergibt perfektes Traubenmaterial, das Urban mit minimalistischem aber präzisem Handwerk in große Weine mit Tiefe, Ruhe und Finesse übersetzt.

WEINE

Sauvignon
Gewürztraminer
Roter Malvasier
Sankt Anna
Sankt Anna R
Freistil

Die Preise liegen zwischen € 13 und € 20. In Deutschland gibt es die Weine vom Weingut In der Eben in der enoteca italiana

Urban Plattner ist Mitglied bei Freistil


Thomas Niedermayr, Hof Gandberg
Schulthauserweg, 1
39057 Eppan an der Weinstraße
www.thomas-niedermayr.com
t: +39 340 82 42 495

Jahresproduktion: ca.15000 Flaschen
Rebsorten: Bronner, Souvignon gris, Solaris, Weißburgunder, PIWI-Cabernets
Rebfläche: 5 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Thomas Niedermayr beschreitet eigene Wege. Rund um seinen Hof Gandberg, oberhalb von Eppan, wurzeln in tiefen Kalkschotterböden mit Bronner, Solaris, Souvignon gris & Co. pilzwiderstandsfähige Rebsorten: von milden südlichen Luftmassen genauso beeinflusst wie vom alpinen Klima der Eislöcher, legt er deren Potenzial kompromisslos offen. Seine markanten Interpretationen  sind die logische Konsequenz eines schon vom Vater initiierten, ökologisch verantwortungsvollen Betriebskreislaufes, der neben biologischem Weinbau auch noch Obst- & Gemüseanbau und Tierhaltung umfasst. Im Keller setzt Thomas auf Beobachtung, Erfahrung und Feingefühl. Unaufgeregt und sorgsam begleitet er seine Weine durch den Vinifikationsprozess. So entstehen ausdrucksstarke Raritäten abseits des Mainstreams, die ungeschminkt & authentisch ihre Herkunft auf den Punkt bringen.

WEINE

T.N. 14 Solaris
T.N. 04 Bronner
T.N. 16 Souvignier gris
T.N. 99 Sonnrain
T.N. 76 Weissburgunder
T.N. 06 Abendrot
T.N. 11 Gandfels

Die Preise liegen zwischen € 15 und € 25. Thomas Niedermayrs Weine gibt es in Ö, D und der CH derzeit noch nicht. In Südtirol bekommt man sie entweder direkt bei ihm (nach Voranmeldung) oder aber im Meraner Weinhaus, bei Pur Südtirol, Diether Karadar, Egater und  Haidacher.

Thomas Niedermayr ist Mitglied bei Freistil

Wenn Gradoli heute eines der Zentren der vitikulturellen Avantgarde Italiens darstellt, so liegt das unter anderem an Personen wie Andrea Occhipinti.

Kurze Geschichte des Weinguts

Andrea lernte die kleine Stadt am nördliche Ufer des Lago di Bolsena, dem größten Vulkansee Europas, während seines Landwirtschaftsstudiums an der Universität des nahegelegenen Viterbo kennen. Beeindruckt von der Umgebung und seiner Geschichte beschloss Andrea erst, die Region zum Thema seiner Magisterarbeit zu machen und ein paar Jahre später, genauer im Jahr 2004 selbst in die Region zu ziehen und Winzer zu werden. Er fand ein fünf Hektar großes Stück Land auf 450 Meter Seehöhe, das bereits mit Aleatico und Grechetto rosso (Sangiovese) bestockt war.

Die natürlichen Voraussetzungen, die sich den beiden traditionellen Sorten der Gegend und ihrem Winzer bieten, sind ziemlich einmalig. Entscheidende Bedeutung hat dabei einmal mehr der Boden. Der basiert auf Asche, Lapillen, erbsengroßen vulkanischen Gesteinsfragmenten und Bimsstein. Im Verbund mit einem ausgewogenem Klima, das im Sommer selten zu heiß und im Winter kaum zu kalt wird, gibt er den Weinen eine originäre Textur und Aromatik mit auf den Weg, die nachdrücklich die Bedeutung von Terroir auf den Punkt bringt.

Das wussten auch schon die Mönche, die hier über hunderte Jahre hinweg Weinbau betrieben. Die Tuscia – wie die Gegend rund um den Lago di Bolsena heißt – war aufgrund ihrer Nähe zu Rom stets Kirchenland und somit in den Händen oft weinaffiner Brüder. Die von ihnen gelegten Weinbautradition der Gegend geriet jedoch nach ihrem Abzug im ausgehenden 19. Jahrhundert schnell in Vergessenheit und erfuhr erst in den letzten Jahren wieder eine Renaissance.

WEINE

Andrea Occhipinti folgt mit seinen Weinen den vorgetretenen Spuren. Er arbeitet seit jeher biologisch im Weingarten und setzt im Keller neben Stahl vor allem auf alte Zementzisternen und Tonamphoren. Er vergärt spontan, mazeriert eher kurz und begnügt sich mit maximal eineinhalbjährigen Ausbauzeiten. Er filtert grob und schwefelt minimal. Sein Repertoire umfasst mittlerweile siebenWeine, wobei der Friccicarello, ein in der Flasche vergorener Aleatico-Frizzante der letzte Neuzugang ist und animierend, süffig und fruchtbetont einen guten Prolog für die weiteren Weine bildet.

Aleatico ist auch der alleinige Protagonist für vier weitere Weine: den Alter Ego, der das Gesicht der roten Traube als Weißwein vinifiziert widerspiegelt, dabei vor allem gelbfruchtige Aromen in den Mittelpunkt rückt und den exzellenten Alea Rosa, der eine elegante, weiche und rotfruchtige Brücke hin zum Alea Viva schlägt. Vierzehn Tage auf der Maische und 18 Monate im Zement addieren zu den klassischen Kirschnoten des Aleatico auch noch Weihnachtsgewürze und Pfeffer und eine warme und einladende Textur. Der vierte Aleatico im Bunde ist der Montemaggiore, der süß ins Glas kommt und den Weihnachtskeksaspekt noch zusätzlich verstärkt.

Aleatico als gleichgestellter Partner neben Grechetto rosso findet sich Rosso arcaico, wobei sich das arcaico vor allem der Ausbaumethode in der Amphore verdankt. Die weiche Textur des Aleatico wird hier von der immanenten Frische und Lebendigkeit des Grechetto rosso ergänzt, rote Frucht und Kräuter bestimmen das Aromaprofil. Ganz für sich alleine tritt der Grechetto rosso im La Caldera auf: über 18 Monate im Zement ausgebaut manifestiert sich in ihm eine saftige Textur, ein dichter, warmer und etwas ausladender Körper und eine Aromatik, die sich neben reifer Frucht vor allem über Kräuter und Unterholznoten definiert.

Andrea Occhipinti

Stada Comunale Monte Maggiore snc – 01010 Gradoli
Tel: +39 0633249347/+39 335 5789773
www.occhipintiagricola.it
info@occhipintiagricola.it

WEINE

Friccicarello (Aleatico frizzante)
Alter Ego (Aleatico – weiß)
Alea Rosa (Aleatico rosé)
Alea Viva (Aleatico)
Montemaggiore (Aleatico süß)
La Caldera (Grechetto rosso)
Rosso arcaico (Grechetto Rosso/Aleatico in der Amphore)

Die Preise der Weine liegen zwischen € 10 und € 18 (2017)

Andrea Occhipintis Weine gibt es bei Del Fabro in  Wien

LINKS

Latium

Andrea Occhipinti ist Mitglied bei Vinnatur, Vignaioli artigiani naturali und nimmt außerdem alljährlich an den Manifestation von Livewine, La Terra Trema und Vinnatur teil

Jahresproduktion: ca.20000 Flaschen
Rebsorten: Aleatico, Grechetto rosso
Rebfläche: 5 ha
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Maurizio Altea und Adele Illotto sind die beiden Köpfe hinter dem nach ihnen benannten Weingut in Serdiana (IGT Sibiola), 20 Kilometer nördlich von Cagliari. Beide sind diplomierte Landwirte und professionelle Verkoster, die ihrer Begeisterung für die Sensorik ab 1992 auch noch die vitikulturelle Praxis folgen ließen. Wurde anfangs lediglich für den Hausgebrauch produziert, füllten die beiden ab dem Jahr 2000 in Flaschen ab und nachdem Adele 2004 ihre Ausbildung in Weinbau und Önologie abgeschlossen hatte, wurde es richtig ernst.

ZWISCHEN WILDEM FENCHEL UND WERMUT

Insgesamt 5 Hektar Rebfläche gehören den beiden heute, hinzu kommen noch 2 Hektar Olivenhaine in Seneghe nahe Oristano. Umzingelt sind die Reben von Hecken aus wildem Fenchel und Wermut, hinter denen sich eine Flora aus Myrten und wilden Pistazien, Korkeichen und Wacholder auftut. Das Land ist sanft gewellt, die Böden bestehen vorwiegend aus tiefen schichten Kalkmergel. Gewirtschaftet wird seit jeher biologisch, wobei man darauf Acht gibt, möglichst wenig Kupfer zu verwenden (was, angesichts der extrem trockenen Bedingungen auf Sardinien zugegebenermaßen einfacher ist, als beispielsweise in Rheinhessen).

Serdiana ist – wie auch der große Rest Sardiniens – steinaltes Rebland, dessen Traditionen sich auch im Sortenspiegel und in den Erziehungssystemen (alberello) von Altea Illotto wiederfindet: Nuragus, Nasco, Moscato, Monica, Carignano, Muristellu führen tief in die vitikulturelle Geschichte Sardiniens zurück und auch Vermentino und Cannonau gibt es auf der Insel seit gut 700 Jahren. Der Ertrag ist sowohl bei Weiß,- wie auch bei Rotweinen niedrig, was  vor allem damit zu tun hat, dass man kaum düngt und nicht bewässert.

DIE WEINE

Nachdem beide (wie auch ich) davon überzeugt sind, dass Hefen eine elementare Rolle in der Repräsentation von Terroir spielen, verzichtet man auf Reinzuchthefen und vergärt spontan. Ausgebaut wird ausnahmslos in Stahl, geschönt und gefiltert wird bei keinem Wein, während sich der Gesamtschwefel meist bei ca. 40g/l befindet.

Der Schwerpunkt von Altea Illotto liegt auf den Weißweinen, in denen man salzig, mandelig, kräuterig und warm die Insel schmeckt. Vor allem im Bianco, der fast zur Gänze aus Nasco gekeltert wird und warm und weich den Prolog für den Papilio gibt, in dem – dicht, kraftvoll und fordernd – Nuragus die Hauptrolle spielt (assistiert von Vermentino & Nasco). Der Altea rosso ist eine Cuvèe aus den oben erwähnten alten autochthonen Sorten der Insel und ein fantastisches Beispiel dafür, dass auch warme und alkoholreiche Weine Balance, Vitalität und Trinkfluss haben können.

Via Don Minzoni, 12 – 09040 Serdiana (CA) Sardegna – Italia
Tel/Fax 0783 70306 – Cell. 339 6773628 – 339 1260519 | Skype: maurizio.altea – Skype: adele.illotto | Mail: info@alteaillotto.it |  www.alteaillotto.it

WEINE

Altea bianco (Nasco (80%), Vermentino, Nuragus)
Papilio (Nuragus (90%), Vermentino, Nasco)
Altea rosso (Cannonau, Monica, Carignano, Muristellu)
In fundo (süß – Moscato)

Die Weine kosten ab Hof zwischen 10 und 15 Euro. Im deutschsprachigen Raum sind sie derzeit nicht erhältlich.

Besuche am Weingut sind nach Voranmeldung jederzeit möglich. Beim Kauf von zwei Flaschen Wein (p.P) ist die Verkostung gratis.

Gemeinde: Serdiana(CA)
Rebfläche: 5 ha
Boden: marne calcaree
Höhe: 150 m
Rebsorten: Nasco, Nuragus, Vermentino,  Cannonau, Carignano, Monica, Muristellu
Reberziehungssysteme: alberello, guyot
Pflanzdichte: 4000 Stöcke/ha
Behandlungen: Kupfer und Schwefel
Dünger: Gründüngung
Art der Lese: Handlese
Zertifizierung: biologisch (ICEA)

Teil 2 über eine der missverstandsten Familien der Welt

– Lambrusco Maestri

Toppt den Grasparossa bezüglich Dunkelheit und Gerbstoff. Maestri findet sich vor allem in der Ebene und den ersten Apenninhügeln zwischen Reggio Emilia und Parma. Reinsortige Lambrusco Maestri gibt es nur wenige, doch werden eine ganze Menge spannender Interpretationen produziert, in denen die Sorte ein gewichtiges Wort mitzureden hat. Im Verbund mit der Grasparossa beispielsweise gibt sie eine rustikale, pulsierende und aggressive Antwort auf die maßvollen, ausgeglichenen und zurückhaltenden Salamino und Sorbara. Alle vier gehören zur Lambruscofamilie, doch könnten die sensorischen Unterschiede zwischen ihnen kaum größer sein. Exzellente Versionen gibt es, wie bereits erwähnt, gleich mehrere. Allen voran der Neromaestri (70% Maestri und 30% Grasparossa) von Roberto – nomen est omen – Maestri von der Azienda Quarticello, der Pozzoferrato von Storchi oder der Lambrusco Fermente der Agricola La Collina.

 

– Lambrusco Marani

In der Ebene rund um Reggio Emilia zu Hause. Immerhin die drittwichtigste Sorte in Sachen Quantität, wobei mir bislang noch keine wirklich atemberaubende Interpretation davon untergekommen ist.

 

– Lambrusco Fiorano

Fiorano kennt man vor allem als private Teststrecke für Ferrari-Boliden, die kleine Stadt südlich von Modena ist aber auch Namensgeber eines Mitglieds der Lambrusco-Familie. Dank seiner großen Beeren ist Lambrusco Fiorano bisweilen auch unter der Namen Lambruscone (das Suffix -one verweist auf etwas Gewichtiges/Großes) bekannt. Da sie nicht besonders robust ist und folglich anfällig für alle mögliche Krankheiten, hat sie trotz ihrer exzellenten Qualitäten bei den Winzern keinen allzu guten Stand. Claudio Plessi lässt sich davon nicht irritieren und keltert aus ihr den Lambruscaun, einen balsamischen, kirschfruchtigen, würzigen und nur leicht perlenden Wein.

 

– Lambrusco Barghi

Wie schon beim Lambrusco Fiorano gibt es auch vom Lambrusco Barghi kaum reinsortige Versionen, die eine, die ich kenne, hat es allerdings in sich. Der Rio degli Sgoccioli stammt aus den Weingärten von Vanni Nizzoli (Cinque Campi), einem der besten Winzer der Emilia und etwas südlich von Reggio Emilia beheimatet. Zwar wurde die Sorte seit jeher als qualitativ äußerst hochwertig angesehen und auch aufgrund ihrer Resistenz gegen Botrytis und ihres generell hohen Zuckergehalts hochgeschätzt, doch wurden ihr ihre dicke Schale und folglich ihr geringer Saftertrag zum Verhängnis. Heute ist sie fast ausgestorben. Vanni Version riecht nach Unterholz und Kirschen, ist saftig und einladend, hat griffige Tannine und eine lebhafte Perlage und macht Druck am Gaumen und darüber hinaus.

 

– Lambrusco Montericco

Ein Klassiker vergangener Zeiten in der Gegend rund um Albinea. Findet sich heute leider nur noch sporadisch. Schuld daran dürfte die relativ hohe Säure haben. Fließt heute meines Wissens nur noch in Cuvèes ein z.B. in den exzellenten Sottobosco von Ca’de Noci.

 

Weitere Lambruscosorten, über die ich bisher allerdings kaum Bescheid weiß, sind

Lambrusco Viadanese (rund um Mantua)
Lambrusco Oliva
Lambrusco di Corbelli
Lambrusco Benetti

Paulo Ghiddi vereint auf seinem 7 Hektar großen Weingut bei Castelvetro di Modena gleich mehrere Professionen: er praktiziert vorrangig als Winzer, ist aber zudem noch als Hotelier (ein kleiner Agriturismo), Getreide- & Gemüsebauer (Dinkel, Gerste, Artischoken), Essigproduzent (Aceto Balsamico) und Gastwirt tätig. Er arbeitet seit der Steinzeit der offiziellen Zertifizierung biologisch und keltert Weine, die sich zwar vorwiegend lokalen Traditionen gelegentlich aber auch Vorlieben von Paolo verdanken. So hat er neben die in der Zone omnipräsente Lambruscovariante Grasparossa und Trebbiano di Spagna auch ein wenig Cabernet Sauvignon und Chardonnay gepflanzt und dabei den Schmähungen diverser Kollegen widerstanden. Vinifiziert wird allerdings so wie sich das für diesen Teil der Emilia gehört. Einer ersten Gärung in Zement oder Stahl folgt eine Zweitgärung in der Flasche und folglich Weine, die allesamt ordentlich sprudeln und schmecken.

WEINE: Richtig spannend und gut wird es dabei gleich beim ersten Wein, dem Matris Album, einer nach der methode ancestrale vinifizierten Cuvèe aus Trebbiano di Spagna, mit mikroskopischen Anteilen Garganega und Chardonnay. Voluminös, ausladend und üppig kontert sie spät aber dafür nachhaltig mit Säure und punktet am Gaumen wie in der Nase vor allem mit hefigen Noten, Kamille und Minze. Die Nummer zwei der Matris Rubellum, ein ebenfalls flaschenvergorener Rosato, ist straff und zurückhaltend, die ist Textur elegant und kühl, die Hefearomen weichen floralen Noten. Die Nummer drei im Matristrio ist der Matris rubrum, in dem ebenfalls Grasparossa den Ton angibt, allerdings nicht allein – unterstützt wird er von Uva Tosca und dem bereits erwähnten Cabernet Sauvignon – (im einstelligen Prozentbereich). Der hat – zumindest aromatisch – eher wenig zu melden, sorgt allerdings dafür, dass der ohnehin nicht tanninarme Grasparossa nochmals zusätzlich Rückgrat bekommt. Die Aromen sind dunkel und saftig, die Struktur ist, dank einer sehr lebhaften Perlage, animierend und der Körper ist kraftvoll aber elegant.

ps: Paolo Ghiddi hat in Form der Podere Cervarolo quasi einen Untermieter – das kleine, eben erst gegründete Weingut von Andrea della Casa vinifiziert seine Weine im Keller von San Polo. Wer also in die Gegend aufbricht, bekommt am Hof von Paolo die Weine von gleich zwei ausgezeichneten Winzern zu probieren.

Azienda San Polo
Via San Polo 5
Castelvetro di Modena
Tel: +39 348 0738343
info@agrisanpolo.it
www.agrisanpolo.it

WEINE

Matris album
Matris rubellum
Matris rubrum

Die Weine kosten ab Hof um die € 8 (2017).

Jahresproduktion: ca.30000 Flaschen
Rebsorten: Trebbiano di Spagna, Garganega, Lambrusco grasparossa, Uva Tosca, Cabernet sauvignon
Rebfläche: 7 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: ja
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: ja

Timorasso ist eine alte Sorte und dabei doch ein neues Phänomen. Bevor die Reblaus ihr Unwesen in den Weinbergen Italiens trieb, war sie vor allem im Südpiemont, in der Südlombardei und selbst in der Region um Genua weit verbreitet. Weggefressen von dem mikroskopischen Insekt war ihr danach eine Auferstehung fürs erste nicht gegönnt. Ein Grund dafür wird wohl der gewesen sein, dass sie im Weingarten nicht besonders pflegeleicht war: im Frühjahr verrieselte sie gerne und im Herbst wuchsen in ihren Trauben nicht nur unterschiedlich große Beeren, sie reiften auch oft noch zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Die Reblaus war folglich ein willkommener Anlass sie einfach zu vergessen.

IN DER HEIMAT DES CAMPIONISSIMO Doch passierte das Vergessen glücklicherweise nicht kollektiv: speziell in den Colli Tortonesi, einer bis heute tief bäuerlich geprägten Region und Heimat von Fausto Coppi, dem größten aller großen campionissimi, die Italiens Radsportwelt hervorbrachte, ignorierte man das Ignorieren und setzte weiterhin auf die eigenwillige Sorte. 1929 beispielsweise bestockten Carlo und Clementina Ricci ihre Weingärten in San Leto mit Timorasso, aus denen ihr Enkel Daniele heute einen Weißwein keltert, auf den sie mit Sicherheit stolz sein würde. Die Riccis waren allerdings viel zu leise und bescheiden, um die Sorte auf der Weinlandkarte Italiens zu positionieren. Dieses Verdienst kommt Walter Massa zu, der ein paar Kilometer weiter seit nunmehr zwanzig Jahren ein paar Weine keltert, die mit klarer aber eindringlicher Stimme  vom Potenzial des Timorasso erzählen: keine einfachen Weine, doch Weine, die ins Detail gehen und bei aller Stringenz und Geradlinigkeit am Gaumen doch auch Räumlichkeit und Tiefe erzeugen.

SENSORIK: Die stabile Achse des Timorasso ist seine Säure, weshalb ihn manche Kritiker recht voreilig mit Riesling vergleichen. Doch zum einen wirkt die Säure sensorisch anders, zum anderen kann man die fruchtige Aromatik des Rieslings im Timorasso lange suchen (zumindest in den Versionen von Daniele Ricci, Walter Massa, Valli Unite oder Andrea Tirelli). Dafür finden sich Mandeln, weiße Blüten, Kräuter und eine Menge Steine, die pauschal unter dem Schlagwort Mineralität laufen. Gut und behutsam vinifiziert (gesunde Beeeren, spontan vergoren und mit Geduld in großen Holzfässern ausgebaut) reift Timorasso über Jahre und Jahrzehnte  – Daniele Riccis 2004er San Leto hatte im Jahr 2017 noch immer eine quasi körperverwandelnde Saftigkeit und Frische.

Ein paar Timorassi:

Daniele Ricci: San Leto (einer der besten Weißweine Italiens)
Daniele Ricci: Terre di Timorasso (einfacher gestrickt aber noch immer exzellent)
Daniele Ricci: Giallo di Costa (auf der Maische vegoren)
Walter Massa: Sterpi (ein bisschen fett für meinen Geschmack)
Walter Massa: Costa del vento (topp)
Andrea Tirelli: Derthona Timorasso
Valli Unite: Dertona Timorasso

Claudio Plessi ist eine der großen Figuren im biologischen Weinbau der Emilia. Das wissen selbst in der Emilia die wenigsten, was vor allem daran liegt, dass Claudio zwar seit den 70er Jahren immer wieder große Projekte initiiert, sich dabei aber selbst weitgehend zurücknimmt. Folglich sind wir uns erst vor kurzem bei einer dem Lambrusco gewidmeten Verkostung in Vignola erstmals über den Weg gelaufen, wo er eine Handvoll sprudelnder Weine ausschenkte, die sich nicht nur qualitativ von denjenigen der anderen unterschieden. Auch was er einschenkte, sprengte den üblichen Kanon.

Wir starteten mit dem Ruzninteina, einem reinsortigen Ruggine, zu Deutsch „Rost“, einer alten Sorte aus dem Modenese, die ihren Namen ihrer tieforangen Farbe verdankt und nach Trockenfrüchten, Heu und Hefe schmeckt; machten mit dem Sparglàta, einem 100%igen Spergola weiter und krönten die erste Runde mit dem Tarbianein, seinem brillanten, ein wenig barocken, duftigen und mundfüllenden Trebbiano di Spagna.

Zwar pflegt Claudio – wie es sich für die Gegend gehört – die Tradition moussierender Weine, doch belässt er es bei all seinen Weinen bei einem feinen Prickeln, das zwar, ähnlich dezent wie der Winzer, im Hintergrund für Struktur sorgt, anderen Attributen (Aroma, Säure & Textur) allerdings die Bühne überlässt.

Die zweite Runde läutete Claudio mit dem Tàsca Rosato ein. In Rebsorten übersetzt bedeutet das Uva Tosca, in Aromen Kirschen und Unterholz. Uva Tosca ist eine seit ein paar hundert Jahren im emilianischen Apennin beheimatete Sorte, die sich kälte- und frostresistent bis auf 700 Meter hinaufzieht und filigrane, unbeschwerte und aromatisch subtile Weine ergibt, vorausgesetzt man keltert sie so wie Claudio (Vittorio Grazianos exzellenter Smilzo ist ein weiteres Beispiel). Danach wurde es dunkelrot und das heißt in dieser Ecke Italiens Lambrusco grasparossa, die intensivste, kräftigste und forderndste der vielen Lambruscovarianten. Claudios Interpretation macht diesbezüglich keine Ausnahme. Das Tannin ist präsent aber fein, die Aromen sind dunkel (Beeren, Balsam, Erde) und die Struktur ist klar und animierend. Der Wein heißt übrigens Tiepido, eine Referenz an den kleinen Bach, der an seinem Weingarten in Castelnuovo Rangone vorbeifließt und dafür mitverantwortlich ist, dass Claudio auch in den heißesten aller Sommer (2017) nicht bewässert.

Die dritte Runde nahmen wir dann bei Flavio Cantelli in Angriff, dem Eigentümer des Weinguts Maria Bortolotti. Claudio und Flavio bilden eine Art Winzerkollektiv, wobei sie nicht nur die gleichen Ideen vertreten (beide haben die Carta degli intenti dei Vignaioli Arigianali Naturali unterzeichnet), sondern sich auch einen Keller teilen. Was sich allerdings unterscheidet sind die Rebsorten und die Region. Flavios Weingut in Zola Pedrosa befindet sich zwar nur 15 Kilometer von Claudios Weingarten entfernt, doch ist man dort bereits in den Colli Bolognesi und folglich in einer zwar topographisch ähnlichen, ampelographisch allerdings völlig anderen Welt. Flavios wichtigste Sorte ist Pignoletto und statt Lambrusco und Uva Tosca hat er Barbera, der in den bolognesischen Hügeln bereits seit dem 12. Jahrhundert dokumentiert ist und aus dem er einen der besten Rotweine der Emilia keltert – doch davon ein andermal.

Die dritte Runde eröffnete Claudio mit dem Tarbian, seines Zeichens Trebbiano modenese und einer seiner allerbesten und den ausnahmslos sehr guten Weinen. Der Tarbian bleibt als einziger Weißwein für ein paar Tage auf der Maische (Claudio meint, die Sorte verlange danach), was ihm – laut Claudio – zusätzlich Struktur, Substanz und Aromen gibt. Er ist weich und rund, mit einer feinen Perlage und einem Aromaprofil, das Platz für Blüten, Zitrusfrüchte, Salz und Hefe lässt. Unter all den raren Sorten, die wir sukzessive durchprobieren, ist dann auch eine dabei, die noch rarer ist, als alle anderen zuvor und von der Claudio meint, dass er wohl weltweit der Einzige wäre, der sie vinifizieren würde. Der Caveriòl ist zu 100% Festasio, Rot und elegant, mit feinen Tanninen, milder Perlage, reifer roter Frucht und, wie so oft bei ihm, einem erdigen Unterton. Das letzte Wort in der dritten Runde gehört aufs Neue einem Lambrusco: diesmal der Spielart aus Fiorano, dem Ort, wo von Zeit zu Zeit Formel I Boliden die Weingärten beschallen. Der Lambruscaun ist dunkel und fleischig, ein wenig bitter und vielleicht der einzige unter Claudios Weinen, der in einer Cuvèe besser aufgehoben wäre. Doch das widerspräche seiner Idee, die Bandbreite und den Charakter marginalisierter Rebsorten aufzuzeigen – wie eigenwillig sie auch bisweilen sein mögen..

Die vierte Runde trugen wir vor kurzem in Claudios Weingarten aus – zwischen dunklen, reifen Trauben und ganz ohne Wein. Dafür erzählte mir Claudio von seinem Leben als Winzer, dass 1958 als Sechsjähriger begann, als seine Eltern einen ersten Weingarten (Belussi) kauften und er in der Bütte mit den Füßen über die Beeren stampfte. Damals verkaufte man den Großteil der Trauben noch an die Genossenschaft in Settecani und kelterte aus dem Rest Flaschen für den Hausgebrauch.

Mit 18 verabschiedete er sich fürs erste vom tagtäglichen Landleben, studierte in Reggio Emilia Landwirtschaft und forschte danach in Parma und Piacenza weiter. Nicht nur über Wein, sondern auch über alte Olivenarten in der Emilia (die ihn bis heute intensiv beschäftigen), autochthone Kirschensorten und über Hühnerrassen rund um Modena. Daneben blieb noch ausreichend Zeit um sich politisch dort zu positionieren, wo das Herz schlägt, aktiv in der Arbeiteravantgarde mitzuarbeiten und Präsident des Radio Cooperativa Modenese, einem Piratensender zu werden. Bereits als Professor für Landwirtschaft wurde er einer der Vorreiter der biologischen Bewegung der emilia und war 1987 einer der Gründerväter von Il Salto, einem Konsortium biologisch und biodynamisch produzierender Landwirte.

1986 übernahm er den 1958 gepflanzten Hektar, 2004 pflanzte er dann in die Ebene rund um sein Elternhaus 3,5 Hektar mit jenen Reben, die heute das Fundament für seine einmalige Serie an Schaumweinen bilden. Sämtliche Reben stehen in der Ebene, auf einem Gemisch aus Ton und Kalk, über das sich eine feine Sandschicht gelegt hat. Zwischen den Rebzeilen wächst, was wachsen will, gewipfelt wird grundsätzlich nicht, das gelegentliche Zuviel an Blätter entfernt er manuell. Die Lese ist für emilianische Verhältnisse spät, doch weiß er um die Qualität und Resistenz seiner Trauben.

Im Keller läuft alles nach eingespielten Regeln ab. Die Weine werden, je nach Sorte, gar nicht, kurz oder etwas länger mazeriert, spontan vergoren und ohne Temperaturkontrolle in Stahltanks ausgebaut. Gefiltert wird nicht, geschwefelt schon (ca. 30mg/l) Die Zweitgärung findet in der Flasche statt, degorgiert wird nicht.

Claudios Mission ist noch nicht zu Ende. In den letzten Jahren pflanzte er noch eine weitere Sorten aus (Grappello), mit der er demnächst sein ohnehin schon imposantes Sortiment weiter vergrößern wird. Einer fünften Runde steht also nichts im Wege.

Ps: Claudio Plessi tritt seit kurzem auch gelegentlich öffentlich in Erscheinung: beispielsweise schenkt er seine Weine bei der großen Kulturweinverkostung in Fornovo und bei den Zusammenkünften von Emilia sur li aus und wer weiß, vielleicht wird es seine Weine auch irgendwann im deutschsprachigen Raum zu kaufen geben. Lohnen würde es sich allemal.

Claudio Plessi
Stradello Monari 11, Castelnuovo R. (MO)
Telefono: 366.3955807
E-mail: claudioplessi@gmail.com

WEINE

Ruzinteina (Ruggine)
Tarbianein (Trebbiano di Spagna)
Tarbian (Trebbiano modenese)
Sparglata (Spergola)
Tàsca rosato (Uva tosca)
Tiepido (Lambrusco grasparossa)
Caveriòl (Festasio)
Lambruscaun (Lambrusco di Fiorano)
Sgavàta (Sgavetta)

Die Preise der Weine liegen zwischen € 9 und € 16 (2017)

Claudio Plessi ist Unterzeichner der Carta d’intenti dei Vignaioli Artigianali Naturali  und Mitglied bei Emilia sur li.

Jahresproduktion: ca.15000 Flaschen
Rebsorten: Trabbiano di Spagna, Trebbiano modenese, Spergola, Ruggine, Lambrusco grasparossa, Lambrusco di Fiorano, Sgavetta, Festasio, Grappello, Uva Tosca
Rebfläche: 4 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: ja, alle paar Jahre
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja – am Weingut Bortolotti und nach Voranmeldung
Wohnmöglichkeit: nein

Podere Cervarola
Via per Castelvetro/Villabianca

WEINE

Rondinina (rosato frizzante – Lambrusco Grasparossa)
Cenerino (rosso frizzante – Lambrusco Grasparossa)

Jahresproduktion: ca.4000 Flaschen
Rebsorten: Lambrusco Grasparossa, ausgepflanzt wurden zudem Trebbiano modenese, Trebbiano di Spagna und Occhio di gatto
Rebfläche: 1 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: nein
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Andrea della Casa gehört zu jener mutigen Truppe an Winzern, die ihren alten Job an den Nagel gehängt und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Nach Jahren als technischer Zeichner hat sich Andrea nochmals auf die Schulbank gesetzt, Landwirtschaft studiert, um sich danach – gemeinsam mit seiner Partnerin Raffaella Caselli einen Hektar Land an der Peripherie von Castelvetro di Modena zu kaufen.

Idee: Bestockt war der Weingarten bereits mit alten Lambrusco-Grasparossa-Reben, neben die die beiden auch noch Trebbiano modenese, Trebbiano di spagna und Occhio di gatto, autochthone Sorten aus der Region gesetzt haben. Zum einen, weil sie von ihrer Qualität überzeugt sind (und wer je die Trebbianoversionen von Vittorio Graziano und Claudio Plessi probiert hat, weiß, dass sie damit nicht falsch liegen), zum anderen, weil sie zu der wachsenden Anzahl von Weinbauern zählen, die Landwirtschaft (und eben auch Weinbau) und die Konservierung und Diversität lokaler Sorten auch als Kulturauftrag verstehen.

Wer mit einer solcher Haltung Reben pflanzt bzw. rekultiviert, arbeitet für gewöhnlich auch im Weingarten bewusst und sorgfältig und folglich wundert es nicht, dass Andrea und Raffaela von Anfang ihre kleine Rebfläche biologisch bewirtschafteten. Auch beim Ertrag setzen die beiden auf Mengen, die ihnen die Möglichkeit geben, hohe Qualitäten zu produzieren. Statt mit den industrieüblichen 15000 Kilo am Hektar begnügt man sich mit 4000-5000. Und das schmeckt man.

Mit dem Jahrgang  2016 gibt es nun die beiden ersten, mit der gleichen Intention vinifizierten Weine: die erste Gärung fand dabei in Zementzisternen statt, die zweite (mit dem noch vorhandenen Restzucker der Erstgärung) in der Flasche (methode ancestrale) – auf das Degorgieren verzichtete man genauso wie aufs Filtern, 5 mg Sulfit auf die Maische sind die einzige Konzession ans italienische Lagerhaus.

WEINE: Der Rondinina ist ein geradliniger, erdiger Rosato, der allerdings schnell auch noch ein paar Beerennoten in den Talon wirft und die zwei, drei Gramm Restzucker zu viel, mit lebhafter Säure auffängt. Richtig Substanz hat dann der Cenerino, der nach 6 Tagen auf den Schalen ausreichend Tannin hat, um dem Wein Struktur, Charakter und Richtung zu geben und außerdem noch einen fleischigen Unterton, der bestens zur dunklen Frucht passt. Da die beiden naheliegenderweise nicht warten wollten, gibt es den Cenerino schon jetzt, wobei man keinen Fehler macht, wenn man ein paar Flaschen davon im Keller verstaut.

Die Weine gibt es meines Wissens nur ab Hof. Das wird sich mit Sicherheit ändern: wer sich aber zurzeit in der Ecke aufhält, sollte die Gelegenheit nutzen und bei den beiden vorbeischauen.

Sardinien, meinen die Sarden, sei ein Kontinent für sich. Das mag für all jene, die vom Festland rüber auf die 24000 qkm große Insel schauen, maßlos übertrieben klingen, ist man allerdings erstmal dort, kann man dieser Einschätzung allerdings einiges abgewinnen. Vermutlich war diese Wahrnehmung vor ein paar Jahrzehnten (und Jahrhunderten sowieso) noch wesentlich ausgeprägter, als man sich, fernab vom Festland und vom Fernseher, zumindest in weiten Teilen des Landes auf sardisch unterhielt und ansonsten in Dialekten, die oft mehr französische als italienische Anklänge hatten.

Die geographische Sonderstellung mitten im Mittelmeer und die topographische Konstellation der Insel sorgten jedenfalls dafür, dass es in vielen Teilen der Insel Einflüsse von außen nur selten gab. Setzte sich jedoch irgendwann ein Habitus durch, dann blieb er auch, wurde weiter kultiviert und irgendwann auch Bestandteil sardischer Identität. Kulinarisch spiegelt sich das in einer völlig eigenständigen Esskultur wider, die zwar gelegentliche Überschneidungen mit der italienischen Küche aufweist, meist jedoch ganz eigene Wege eingeschlagen hat (wer wissen will, was es mit Casu marzu, Bottarga, Fregula, Casizol oder Su porceddu auf sich hat, dem sei die exzellente deutschsprachige Seite: www.sardinien-auf-den-tisch.eu empfohlen: HP weiß wirklich, was in Sardinien vor sich geht und vor sich gegangen ist). Vitikulturell sieht das nicht anders aus.

Seit gut 3000 Jahren wird auf Sardinien Wein gekeltert, länger als irgendwo sonst im heutigen Italien. Verantwortlich dafür dürften zuallererst die Phönizier gewesen sein, die nicht nur Cagliari gründeten, sondern auch ein paar Rebstöcke in die Böden der Insel setzten. Sollte es sich dabei tatsächlich um Nuragus und Malvasia gehandelt haben – wie nicht nur eingefleischte Sarden, sondern auch seriöse Ampelographen behaupten –  wären die beiden auch heute noch gerne kultivierte Sorten, die mitunter ältesten der Welt. Etrusker, Punier, Römer, Byzantiner, Araber und Spanier machten damit weiter und sorgten zudem auch immer wieder für neue Anpflanzungen. Auf das Konto der Spanier geht beispielsweise Monica, lokal auch Mora di Spagna genannt, die heute in Punkto Quantität drittwichtigste Sorte der Insel, vor allem aber Cannonau, international besser bekannt unter den Namen Grenache oder Garnacha. Cannonau dürfte im Zuge der Eroberung Algheros 1354 durch Peter IV von Aragon nach Sardinien gebracht worden sein. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie dann langsam ihren Siegeszug über die gesamte Insel angetreten; 7700 Hektar Rebfläche legen davon Zeugnis ab.

Auch wenn der Weinbau auf Sardinien aufgrund der meist sandigen Böden und der oft chronischer Trockenheit nie einfach gewesen sein dürfte, gab es abgesehen vom frühen Mittelalter keine Phase in der steinalten Geschichte der Insel, in der Wein nicht eine eminente Rolle gespielt hätte. Das führte neben einer beeindruckenden Bandbreite autochthoner und bis heute angebauter Reben (Pascale, Bovale, Torbato, Nieddera, Cagnulari, Barbera sarda, Girò, Nasco, Granazza – ganz fantastisch ist Giuseppe Sedilesus Perda Pintà, ein 16,5%es Weißweinkoloss, das trotz des atemberaubenden Alkohols unfassbarerweise Spaß macht und sogar Trinkfluss hat – Muristellu, Semidano…) auch zur Etablierung eigener Erziehungssysteme und Weinstilistiken. Vernaccia di Oristano beispielsweise ist ein unter Florhefe reifender sherryähnlicher Wein, dem allerdings kein Alkohol beigesetzt wird und der klassisch oxidative Noten (Mandeln, Trockenfrüchte) mit etwas Restsüße kombiniert. Malvasia di Bosa wird ebenfalls seit Jahrhunderten gekeltert, wobei man sich bei seiner Produktion seit jeher alle stilistische Optionen offen gelassen hat. Das hat dazu geführt, dass jeder Winzer seine eigene Herangehensweise hat  – mit dem einzigen gemeinsamen Nenner, dass Malvasia di Bosa immer süß ist. Den besten keltert übrigens Giovanni Battista Columbu, dem Jonathan Nossiter in seinem Film Mondovino ein kleines Denkmal gesetzt hat und von dem man in Sardinien sagt, dass er, der neben seiner Tätigkeit als Winzer auch für den Partito sardo d’Azione arbeitete, der einzige sardische Politiker war, der nach seiner politischen Karriere noch im selben Haus wohnte wie davor.

Auch wenn rote Sorten in Sardinien mit 69% Rebfläche ganz klar den Ton angeben, ist es doch dem weißen Vermentino di Gallura vorbehalten, als einzigem Wein DOCG-Status zu genießen. Wie auch in anderen Regionen Italiens ist das nur bedingt nachvollziehbar. Zum einen, weil es zumindest meiner Ansicht nach keine wirklich herausragenden Beispiele dafür gibt (wobei ich gestehe, dass ich auch nicht alle relevanten Vermentini kenne), zum anderen, weil es Regionen gibt, die es sich ebenfalls (oder eben mehr) verdient hätten.

Allen voran die Cannonau-Hochburgen rund um Mamoiada, einem kleinen, auf 650 Metern gelegenem Ort, in dem zwar extrem alkoholische aber eben auch strukturierte, komplexe und ausbalancierte Weine gekeltert werden. Diese Balance zwischen immensem Alkohol und erstaunlichem Trinkfluss, die nicht nur in Mamaoiada sondern auf der ganzen Insel ein einigender Nenner zu sein scheint, hat mehrere Gründe: zum einen verweist man gerne auf die unzähligen alten Rebstöcke, die an die Trockenheit gewöhnt sind, tief wurzeln, für eine ausreichende Nährstoffversorgung und folglich auch für Gleichgewicht sorgen. In vielen Regionen – unter anderem rund um Mamoiada – findet man zudem Weingärten auf 700 Metern und mehr, was zu ordentlichen Tag-Nacht-Unterschieden und weiterführend zu kühl strukturierten Weinen führt. Ein dritter und ebenfalls wesentlicher Faktor ist der Wind – der bläst Tag und Nacht über die Insel und tut das seine, um den Weinen eine erstaunliche Leichigkeit einzuhauchen.

Wind sollte im Verbund mit der Trockenheit eigentlich auch Anreiz für nachhaltigen Weinbau sein, doch davon spürt man, zumindest zurzeit noch, sehr wenig. Gerade einmal ein knappes Dutzend Winzer hat sich biologischer Bewirtschaftung verschrieben, wobei sich auch in Mamoiada zwei exzellente Beispiele dafür finden. Giovanni Montisci und Giuseppe Sedilesu setzen nicht nur auf pestizidfreien Weinbau, sie arbeiten auch im Keller entsprechend weiter und machen beide eine Palette an exzellenten Weinen – in ihrem Schatten keltern zudem Giampietro Puggioni und Giampaolo Paddeu erstklassige Cannonau.

Aber auch im Nordwesten und im Süden der Insel trifft man auf Winzer, mit denen man sich genauer beschäftigen sollte. Unter den Radikalen Sardiniens bzw. den wenigen, die im Weingarten auf Kultur statt auf Chemie und im Keller auf Handwerk statt auf Hochtechnologie setzen, gehört die Tenuta Dettori völlig zurecht zu den bekanntesten. Ihre Weine sind komplex und kompromisslos, getreue Abbilder ihrer natürlichen Voraussetzungen und ihrer Sorte. Dieselbe Herangehensweise verfolgt 80 Kilometer nördlich von Cagliari, in Nurri, Gianfranco Manca von Panevino, der wuchtige und oft wilde Weine keltert – extreme aber lohnenswerte Gegenentwürfe zu den Weinen vieler Winzer und Genossenschaften, die zwar auf autochthone Sorten setzen, diesen jedoch durch konventionelle Methoden im Weingarten und einem übertechnisierten Ansatz im Keller Charakter und Originalität rauben.

LINKS

www.sardinien-auf-den-tisch.eu: HP Bröckerhoffs erstklassiger Blog über die kulinarische Seite Sardiniens (deutsch)

WINZER

Tenuta Dettori
Panevino
Giuseppe Sedilesu
Giovanni Montisci
Giovanni Battista Colombu
Paddeu
Giampietro Puggioni
Altea Illotto
Cantina Gostolai
Giuseppe Pusceddu
Pusole
Tanca Gioia

EIN PAAR EMPFEHLUNGEN

Weiß 

Sedilesu: Perda Pintà (Granazza)
Dettori: Dettori bianco (Vermentino)
Panevino: Cacadie (NURAGUS – SEMIDANO – VERMENTINO – VERNACCIA – MALVASIA – NASCO – TZAKKARREDDA)
Panevino: Alvas (Retallada, Vernaccia, Nuragus, Seminano, Vermentino, Malvasia, Nasce)
Altea Illotto: Papilio (Nuragus (90%), Vermentino, Nasce)
Orro: Vernaccia di Oristano
Columbu: Malvasia di Bosa Alvarega

Rot

Sedilesu: Mamuthone (Cannonau)
Sedilesu: S’Annada (Cannonau)
Dettori: Tenores (Retagliadu Nieddu – Cannonau storico)
Dettori: Chimbanta (Monica)
Dettori: Ottomarzo (Pascale)
Montisci: Cannonau Riserva Barrosu
Montisci: Cannonau Riserva Franzisca
Paddeu: Mineddu (Cannonau)
Panevino: Pikadè (Monica-Carignano)
Panevino: Boxi e Croxiu (Monica-Carignano)
Puggione: Mamuthone (Cannonau)
Gostolai: Nepente Riserva d’Annunzio (Cannonau)
Pusceddu: Meigamma Primo (Muristellu 90%, CS 10%)
Pusceddu: Meigamma secondo (Cannonau)
Pusceddu: Meigamma Terzo (Carignano)
Pusole: Cannonau di Sardegna

Sardische Rebsorten

Sardinien verfügt über ein immenses Repertoire an tridtionellen und autochthonen Rebsorten. Im deutschsprachigen Raum hat man es meistens mit Cannonau zu tun, wer allerdings auf der Insel sollte sich auch durch den Rest, allen voran Carignano, Bovale und Monica, probieren.

Rote Sorten

Cannonau
Monica
Pascale
Bovale
Carignano
Barbera sarda
Nieddera
Girò
Cagnaluri
Muristellu
Caddiu
Caricagiola

Weiße Sorten

Vermentino
Nuragus
Vernaccia di Oristano
Malvasia
Semidano
Granazza
Torbato
Nasco
Tzakkarredda
Retallada
Albaranzeuli
Arvesinadu
Alvarega

 

Andrea Tirelli lebt in Montale Celli in den Colli Tortonesi an der vinographischen Peripherie des Piemonts eingeklemmt zwischen zwei Legenden. Direkt über ihm in Castellania wurde der große Fausto Coppi geboren, direkt unter ihm werkt Walter Massa an seinem Ruf der beste Winzer der Colli Tortonesi zu sein – er war definitiv ihr Pionier. Andrea siedelte 2002 in die Hügel südlich von Tortona und setzte dort die Arbeit fort, die sein Onkel Jahrzehnte davor begonnen hatte. Die Intention freilich ist seine eigene und die basiert vor allem darauf, die natürliche Gegebenheiten so präzise wie möglich wiederzugeben und orignelle und doch auch zugängliche Weine zu kreiieren.

Dafür hat er genau sechs Hektar zur Verfügung, wobei bislang nur vier davon mit Reben bestockt sind. Dass es dabei nicht bleiben muss, demonstrierte Andrea vor kurzem, als er beschloss, eine brachliegende Fläche mit Timorasso, eine der besten und gleichzeitig unbekanntesten weißen Rebsorten des nördlichen Italiens, zu bestocken. Der Untergrund, aus dem ansonsten Barbera, Dolcetto, Freisa und Cortese wachsen, besteht größtenteils aus Ton, wobei sich immer wieder kalkige Abschnitte dazwischen legen. Zwischen 250-300 Meter hoch gelegen, ist das Klima schon eher auf der frischeren Seite, wobei die Reben generell der Sonne, wenn sie denn scheint, in süd-süd-westlicher Exposition ausgeliefert sind.

Der Ansatz von Andrea ist jener klassischer Naturweinwinzer und das war so, seit er von seinem Onkel das Weingut übernommen hat. Er bedient sich biodynamischer Ideen ohne bisher zertifiziert worden zu sein, neben den Rebreihen finden sich Obstbäume und dazwischen ein Meer an Kräutern und Pflanzen. Die Erträge sind minimal (alljährlich produziert er zurzeit 10000 Flaschen) und die Lese findet genau dann statt, wann die Trauben am besten schmecken und nicht wann der Refraktometer ausschlagt oder die analytischen Werte perfekt sind.

Andreas Selbstverständnis ist verankert in einer dem Landstrich verpflichteten Tradition. Früher waren die Colli Tortonesi geprägt von kleinen Höfen. Die Hänge waren mit Trauben und Obstbäumen bepflanzt und auch wenn das heute nicht mehr so ist und die meisten Bauern ihre paar Trauben an die Genossenschaften abliefern und viele der Obstbäume einem um sich greifenden Wald gewichen sind, gibt es doch noch (oder besser gesagt wieder) ein paar wenige (Wein)bauern, die in dem alten auch den neuen Weg sehen: Valli Unite oder Daniele Ricci sind große Beispiele, Andrea ist ein weiteres.

Im Keller setzt er diese Philosophie fort. Die Weine, die dort entstehen, wurden wie einst lange mazeriert, Tannine und Säure spürt man und gerade das macht ihre Substanz und Authentizität aus. Die Gärung startet spontan, Temperaturkontrolle gibt es keine, der Ausbau erfolgt zumeist in Zement oder Holz und, das ist von entscheidender Bedeutung, mit großer Gelassenheit und Langsamkeit.

Andrea Tirelli

15050 Costa Vescovato (Alessandria)
Frazione Montale Celli
Via XX Settembre 4
Tel.: 0039 0131/838172
mobil: 0039 340/2326134
vinotirelli@libero.it

WEINE

Nibirú (Dolcetto)

Terrapura (Barbera)

Muntá (Cortese)

Jahresproduktion: 7000 Flaschen
Rebsorten: Barbera, Dolcetto, Freisa, Cortese, Timorasso
Rebfläche : 4 Hektar
Manuelle Lese: ja
Dünger: ja
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biodynamisch: nicht zertifiziert
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: ja

Enzo Marcolini ist ein lebhafter, seinem Berg und seinen Rebstöcken zutiefst verbundener Mann. Für den Berg, den Monte Caro, opferte er seine Karriere als Fotograf und folgte seinem Wunsch in und mit der Natur zu arbeiten. Das war 1989, also vor knapp 30 Jahren und die Begeisterung, die Enzo bis heute vermittelt, legt den Schluss nahe, dass er diese Entscheidung nicht bereut.

Der Monte Caro liegt in Mezzane di Sotto, im Osten des Valpolicella. Seine Hänge sind steil, bisweilen terrassiert und basieren auf Kalk und zwar in solchen Mengen, dass sich bis zu Enzos Plan, dort Reben anzupflanzen, niemand fand, der gewillt war, in seine Erde auch nur irgendetwas zu kultivieren (unter der einheimischen Bevölkerung galt der Monte Caro als „sassaia“ – als Steinhaufen, von dem man besser die Finger ließ).

Weiße Gesteinsbrocken liegen folglich quer durch die Weingärten verstreut und drücken nicht nur dem Landschaftsbild sondern auch den Weinen ihren Stempel auf. Insgesamt sieben Hektar besitzt Enzo am Monte Caro, der größte Teil davon ist, wie üblich im Valpolicella, mit Corvina bestockt, den Rest machen Corvinone, Rondinella und ein wenig Cabernet aus, dem Enzo sechs Rebreihen gewidmet hat, als sich die Sorte gerade am Gipfel ihrer Popularität befand.

Die Weingärten schauen allesamt in Richtung Südosten und sind – mit Ausnahme des Cabernets und ein paar Reihen Corvina (Guyot) – in unterschiedlichen Pergolasystemen (der traditionellen Pergola veronese und einer Pergolavariante aus dem Trentino) erzogen. Das hat den doppelten Vorteil, dass man abends keine oder nur wenig Sonne hat und zudem in den Pergolen über eine ausreichende Beschattung und Belüftung verfügt. Die Weine akkumulieren folglich einen Tick weniger Zucker, verfügen dafür aber über eine etwas höhere Säure, zwei Faktoren, die vor allem dem Amarone und dem Valpolicella superiore zu Gute kommen.

Gearbeitet wird biologisch, unzertifiziert, was vor allem der Skepsis gegenüber den laschen Kellerrichtlinien der EU geschuldet ist. Eigene Weine keltert man übrigens erst seit 2014, davor wurden die Trauben verkauft. Erst mit dem Eintritt und dem Drängen seiner beider Kinder Giorgio und Emanuela entschloss sich Enzo auch zum letzten Schritt, was sich definitiv als weise Entscheidung herausgestellt hat.

Er bzw. Giorgio, der im Keller das letzte Wort hat, vinifizieren ohne allzu große Eingriffe – man reguliert die Temperatur und schwefelt vor der Füllung – sieht man davon ab, dass man bei der Herstellung von Amarone durch das Appassimento natürlich immer interveniert. Ein paar außergewöhnliche Entscheidungen seien trotzdem kurz erwähnt: zum einen baut man sämtliche Weine – einmalig im Valpolicella – im Stahltank aus, was, vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass man erstmal schauen wollte, wie alles funktioniert, bevor man besinnungslos in neue Holzfässer investiert. Zum zweiten verzichtet man auf den Ripasso, einen Weinstil, den Enzo als famose Marketingidee betrachtet, der ihn aber ansonsten nicht interessiert.

Dafür legt er auf die Basis viel Wert, den einfachen Valpolicella 2016, der ziemlich genau so ausfällt wie man sich klassische Valpolicella vorstellt: er ist leicht und luftig aber nicht banal, fruchtig aber nicht nur, ausbalanciert, geradlinig, agil und belebend. Die Vermutung, dass die Paprika- und Minzaromen auf die Kappe des Cabernet gehen, bestätigen sich nicht. Das läge am Corvinone, erklärt Emanuela, die sich um die Verkostung kümmert, der – zumindest in ihrem Terrain – ebenfalls zu intensiven Kräuter- und Paprikaaromen imstande sei. Der Valpolicella Superiore 2015 ist mit teilweise getrockneten Trauben vinifiziert, gehaltvoller, dichter und aromatischer. Die Frucht wirkt süßer, wobei am Gaumen wiederum fast klösterliche Strenge eintritt. Das Tannin zeigt seine Krallen, doch macht gerade das Spaß. Der Amarone ist  kompakt und animierend, was zum einen am Jahrgang (2014) zum anderen am Stahltank liegen mag. Er ist jedenfalls erstaunlich frisch und bekömmlich, auch wenn die Frucht dunkel und süß und der Körper substantiell ausfällt. An Corvinone und seine sensorischen Ausprägungen (Paprika, Eukalyptus, Minze) mangelt es auch hier nicht. Die Textur ist wie schon beim Superiore widerspenstig, das Tannin packt zu und liefert einen erfreulichen Gegenentwurf zu den oft weichgespülten Versionen vieler anderer Winzer und auch die Säure spielt einen strengen und nicht unbedeutenden Part.

Wenig bekannt, gehören die Marken zu den spannendsten Weinregionen Italiens – schon deswegen, weil man hier auf relativ wenig Fläche große Weißweine und exzellente Rotweine findet. Letzteres ist in Italien fast zur Selbstverständlichkeit geworden, ersteres ist dagegen weiterhin eine Seltenheit.

Die Marken beginnen kurz vor Pesaro und ziehen sich, eingeklemmt zwischen Apennin und Adria, über knapp 200 Kilometer bis nach Ascoli Piceno. Dazwischen fließen in fast regelmäßigen Abständen kleine Flüsse in Richtung Meer, an deren Hängen konsequent und oft unter idealen Voraussetzungen Wein angebaut wird. Richtig spannend wird es erstmals um Jesi und Cupramontana, wo in einer dahinrollenden Hügellandschaft im Landesinneren der Marken Verdicchio den Ton angibt.

Verdicchio ist das vielleicht beste Rebsorte, die Italien in Sachen weiß zu bieten hat. Sie liefert, vorausgesetzt man geht sorgsam mit ihr um, Weine mit Struktur, Fülle, Lebendigkeit und einem komplexen Aromaprofil, dass generell mit Blütennoten und filigraner Frucht punktet, es gleichzeitig aber auch schafft, den „genius loci“ im Wein widerzuspiegeln. Steine kann man also gelegentlich genauso dazu addieren wie Kräuter oder Zitrusaromen. Verdicchio schafft es sogar einigermaßen unbeschadet mit neuem Holz umzugehen, wobei die besten Ergebnisse für gewöhnlich in großen Fässern entstehen. Eine zweite Verdicchio-Bastion findet sich rund um Matelica (beide Regionen haben DOCG-Status, wobei die besten Versionen wie so oft IGTs sind), wobei aufgrund der mikroklimatischen Voraussetzungen die Weine Matelicas sowohl eine höhere Säure wie auch eine höhere Alkoholgradation aufweisen, kurz die profunde Alternative zur Eleganz von Jesi bilden.

Zwischen den beiden Verdicchio-Zonen und mit Blick auf die Adria (die südlich von Ancona erstmals richtig schön wird) liegt der Monte Cònero, ein eindrucksvoller Felsklotz auf dem sich vor allem Montepulciano (im Verbund mit Sangiovese) wohl fühlt. Das Meer gibt hier klimatisch den Ton an, es ist wärmer als im Landesinneren, der Wind aus dem Norden bleibt meist am Bergrücken hängen und die Exposition der Rebflächen tendiert gnadenlos in Richtung Süden. Das Resultat sind opulente Weine, denen es relativ oft an der nötigen Balance mangelt (wobei ich bester Dinge bin, dass sich auch hier in nächster Zeit einiges ändern wird).

Weiter im Südwesten, dort wo es langsam aber stetig und immer steiler den Apennin hinaufgeht, findet sich eine jener Rebsorten-Enklaven, auf die man in Italien immer wieder stößt – in dem Fall dreht es sich um Vernaccia Nera, einer roten Sorte, die rund um das Dorf Serrapetrona konsequent kultiviert wird und aus der man tiefdunkle, gewichtige von Blüten und Beeren geprägte SCHAUM-Weine keltert. Erstaunlich ist dabei nicht nur, dass man bei der Vinifikation auf sprudelnde Weine setzt, ebenso überraschend ist die Tatsache, dass 40% der Beeren luftgetrocknet sein müssen. In der Zwischenzeit keltert man – vermutlich aus ökonomischen Gründen – auch stille Versionen, die ebenfalls strukturiert und fruchtintensiv und insgesamt ziemlich beeindruckend sind.

Der südliche Teil der Marken ist das Hoheitsgebiet des Pecorino. Der stand zwar immer im Schatten des Verdicchio, in den letzten Jahren hat man in der Gegend um Offida jedoch zunehmend versucht, sein ganzes Potenzial auszuloten. Entscheidend ist es durch eine entsprechende Reduzierung der Erträge, den richtigen Biotypus, geeignete Expositionen und eine späte Lese die teils extrem hohen (Apfel-)Säurewerte in den Griff zu bekommen. Pecorino hat generell relativ intensive Kräuternoten, die oft an Birnen und Apfelaromen gekoppelt sind. Der Körper ist für gewöhnlich schlank, die Alkoholgradationen sind dafür jedoch oft erstaunlich hoch.

Ganz unten im Süden, an der Grenze zu den Abruzzen – liegt mit dem Piceno eine Region, deren Wein – nicht ganz zu Unrecht – über Jahrzehnte hinweg belächelt wurde. Man setzte auf Menge und das geht auch unter besten Voraussetzungen meist auf Kosten des Geschmacks. In den letzten 15 Jahren hat sich jedoch unter der Ägide von Marco Casolanetti vom Weingut Oasi degli Angeli (die rote Nr.1 in den Marken und eines der besten Weingüter Italiens) eine Gruppe an Winzern darangemacht, den Spieß umzudrehen und ausdrucksstarke Weine in geringer Auflage zu keltern. Man räumt Experimenten Platz ein, arbeitet biologisch oder konvertiert gerade und setzt mit immer größerem Erfolg auf die Expressivität von Montepulciano, Sangiovese und Pecorino.

WINZER

La Distesa
La Marca di San Michele
Fattoria di San Lorenzo
Ca’Liptra
Col di Corte
Andrea Felici
Fiorano
La Valle del Sole
Paolini e Stanford Winery
Pievalta
Vigneti Vallorani
La Staffa
Bucci
Pievalta
Fontorfio
Valter Mattoni
Clara Marcelli
M.L. Allevi – Vini Mida
Maria Pia Castelli
Oasi degli Angeli
Aurora
Poderi San Lazzaro
San Savino
Fiorano
Alberto Quacquarini

Rote Bastionen finden sich in Italien seit den Tagen, als die Griechen in Kalabrien den Krimisa kelterten, ihn über das Ionische Meer schipperten und ihn, u. a. ihren Olympiasiegern als Geschenk überreichten. In der Zwischenzeit gibt es hunderte rote Hochburgen, teils mit internationaler Reputation (Barolo, Montalcino & Co) teils mit immerhin lokaler Bedeutung (Vulture, Ovada, Dogliani, Conerò etc.). Es gibt aber auch orange Epizentren (allen voran der Karst und der Collio im Norden und die Colli Piacentini weiter im Süden), sprudelnde (Prosecco, Franciacorta, Lambrusco) süße (Marsala, Valpolicella, Gambellara) und sogar rosafarbene (Abruzzen).

Im Verhältnis dazu, tut man sich WEISS vergleichsweise schwer. Orte, mit dem Renommee von Barolo & Co. sucht man vergebens. Potenzial wäre freilich vorhanden und gelegentlich dürfte das auch ausgeschöpft worden sein. Im Soave beispielsweise, wo man bis in die fünfziger Jahre große Weine gekeltert haben dürfte, ehe die Industrie übernahm und den Qualitätsgedanken durch biedere Profitgedanken ersetzte. Vor ca. 20 Jahren setzte glücklicherweise wieder ein Umdenken ein, dass allerdings noch zu Ende gedacht werden muss.

Gelegentlich muss man aber erst anfangen, den natürlichen Voraussetzungen vollends gerecht zu werden. Im Aostatal beispielsweise finden sich Bedingungen, die besser kaum sein könnten – kühles Klima, spannende oft autochthone Sorten, ideale Böden und Exposition – doch nur im seltensten Falle die Bereitschaft, auf die chemischen Optionen im Weingarten und die invasiven Manipulationen im Keller zu verzichten. Besser spät als nie schlagen erste Winzer in Italiens kleinster Provinz jedoch seit kurzem neue, nachhaltigere Wege ein.

Der Collio, das Eisacktal, die Gegend rund um Avellino – die Liste mit potenziell großen Terroirs ließe sich über Seiten hinweg fortsetzen (das es potenziell große Terroirs sind, beweisen auch immer wieder einzelne Winzer). Ganz hoch oben auf dieser Liste sollte auch ein Ort stehen, der in der Weinwelt noch immer fast unbekannt ist. Cupramontana liegt 30 Kilometer westlich von Ancona, im Herz der Marken. Verdicchio – von vielen Ampelographen und Kritikern als beste weiße Rebsorte Italiens ausgemacht – gibt hier den Ton an, Kalk bildet die geologische Basis. Corrado Dottori von La Distesa der mit dem Gli Eremi den bis heute besten Wein der Gegend und einen der besten Italiens produziert, meinte einmal das Cupramontana das Chablis Italiens sein könnte (will man das?), wenn… ja wenn… man das Potenzial auch wirklich ausschöpfen würde. In seinem Schatten haben sich nun einige Winzer darangemacht, Corrados Hypothese in die Tat umzusetzen. La Marca di San Michele keltert mit den Passolento und dem Capovolto zwei Versionen, die sowohl der Sorte wie auch der Umgebung gerecht werden. Di Giulia produziert mit dem Grottesco und dem Gentile ebenfalls zwei Weine, mit denen man Spaß haben, sich aber auch längere Zeit beschäftigen kann.

Seit kurzem gesellt sich zu diesem Trio auch noch Ca’liptra dazu, ein kleines Weingut, das sich aus Giovanni Loberto, Roberto Alfieri, Agostino Pisani und Antonella Traspadini zusammensetzt, einem Quartett, das in verschiedensten Funktionen bei anderen Winzern (Dottori, Pievalta, Colonnara) gesehen hat, wie man gute und exzellente Weine macht. Mit dem Kypra keltert man nun seit ein paar Jahren einen Wein, der einen Grund mehr liefert, Cupramontana in der Hierarchie italienischer Weißweinzonen hoch oben anzusiedeln. Die Basis bilden 40jährige Verdicchioreben und der schon erwähnte Kalksockel, durch den sich zudem ein paar Gipsadern ziehen. Die Exposition weist nach Osten. Da man sich genau über dem Cesola, einem unweit von Copramontana entspingendem Wildbach befindet, verfügt man zudem über ein – speziell im Sommer – regulierendes Mikroklima. Im Weingarten wird konsequent biologisch gearbeitet, im Keller setzt man anfangs auf wilde Hefen und verzichtet auf eventuelle Gärhilfen. Ausgebaut wird über 9 Monate in Zement, danach wird gefiltert, geschwefelt und gefüllt.

Das Resultat ist kühl, präzis und animierend. Die Aromen decken, wie so oft bei gutem Verdicchio, vor allem das florale und gelbfruchtige Spektrum ab. Die Säure packt zu und sorgt für Spannung, Vitalität und Zug. Die Textur ist saftig und kompakt. Der pH liegt bei 3,2, die Säure bei 6,5‰ der Alkohol bei 13,5 und was sich analytisch recht ausbalanciert liest, sorgt auch sensorisch für Ausgewogenheit. Ein paar Jahre Flaschenreife tun mit Sicherheit gut.

Autozertifikation Kypra: angefertigt von Ca’liptra für die (brillante) mailändische Organisation La Terra Trema 

Jahrgang: 2015

Weingarten

Name des Weingartens: Vigna Bassa
Boden: Kalk-Gips
Exposition: süd-ost
Höhe: 350-250 Meter.

Rebsorte: Verdicchio
Unterlagsrebe:
Erziehungssystem: doppelter Guyot
Mittleres Rebstockalter: 40 Jahre
Pflanzdichte (Reben/ha): 3500
Ertrag pro Rebstock (kg/pianta): 1,2
Hektarertrag (kg/ha): 5000

Behandlungen (Art und Häufigkeit): Schwefel und Kupfer – mit einem Abstand von ein bis zwei Wochen zwischen den Spritzungen (abhängig von den Niederschlägen)
Dünger: kein Dünger
Lesebeginn: 2. September
Art der Lese: manuell, in 15 kg Kisten
Zukauf von anderen Winzern: nein
Zertifizierung (biologisch, biodynamsich): nein
Zusätzliche Informationen: In Umstellung auf biologische Bewirtschaftung

Önologie

Rebeln: mit kleinem Rebler
Presse: hydraulische Presse
Vergoren in: Zement
Mazeration: keine Mazeration
Sulfite (Menge und Zeitpunkt der Zugabe): vor der Füllung. 60 mg\L Gesamt SO2 
Verwendung von Reinzuchthefen: nein
Methoden zur Stabilisierung des Weins: keine
Filter (wenn ja, welche): ja, Karton
Klärung (wenn ja, wie): mit Bentonit

Ausbau in Zement (Dauer): 9 Monate
Weitere Flaschenreife: 2 Monate
eventuelle Korrekturen: nein

Verhältnis Trauben/Wein (%): 50%

Produzierte Flaschen: 5000
Flaschentyp: Burgund
Verschluss: Kork

Verwendung der Trester: werden im Weingarten ausgebracht

Chemische Charakteristika

Alkohol: 13,5 % 
Säure (g/l): 6,5
Ph: 3,2
Freier Schwefel (mg/l bei der Füllung): 15
Gesamtschwefel (mg/l bei der Füllung): 60 mg/L

Antonio Perrino ist Garagenwinzer. Er war es schon, bevor man im Bordeaux den Begriff aufgriff, ihn seiner eigentlichen Bedeutung beraubte und daraus eine Marketingidee und Kommunikationsstrategie formulierte und sie, konsequent wie immer im Bordeaux, umsetzte.

An Perrino zogen diese Ideen vorbei wie die aufkonzentrierten und schwarzen Merlots, die man ab den 90er Jahren auch rund um seine Heimat in Dolceacqua/Ligurien immer öfter kelterte. Er setzte weitere  auf seinen klösterlichen und blassen Rossese, einen der erhabendsten, filigransten und raffiniertesten Rotweine Italiens. Und auf seinen Vermentino, der sich ebenso konsequent wie sein roter Bruder, den überregionalen Trends verweigerte.

Antonio mazeriert den Vermentino über fünf Tage. Doch – und hier zitiere ich mal die Worte anderer, die treffender nicht sein könnten – „ist die Mazeration nicht dazu gedacht, dem Wein Tannin und ein schweres Chassis mit auf den Weg zu geben, sondern hat vielmehr die Funktion die Geschmacksnuancen zusätzlich zu betonen“ (Castagno & Co.: Vini da Scoprire).

Das bisschen Gerbstoff im Wein ist so mürb und fein, dass man es kaum wahrnimmt – für die Struktur hauptverantwortlich ist eine Mischung aus mineralischer Substanz und Säure, die dem Wein Druck und Zug gibt und Kräuter, Steine und Salz ohne Schlenker in Richtung Gaumen trägt. Dort und ein bisschen weiter unten bleiben sie dann für die nächsten Minuten.

Ausgebaut wird über ungefähr 18 Monate in nicht allzu großen Holzfässern, wobei Antonio, anders als seine französischen Kollegen, zu 100% auf gebrauchtes Holz setzt.

Den Testalonga Bianco gibt es bei Vino nudo in Wien für € 19,90

Weingut: Alberto Carretti und Claudia Ianelli betreiben im Val Ceno, eine halbe Stunde südlich von Parma eines der spannendsten Projekte im emilianischen Weinbau. Alberto kaufte Pradarolo, eine historische Villa, 1971 und verwandelte sie 1989 in ein Weingut, das sich dem Anbau einheimischer Sorten widmet und dabei auf alte Kulturtechniken setzt (vor allem im Keller). Die sukzessive erschlossenen Weingärten liegen zwischen 250 und 500 Meter in einer Gegend, die zunehmend gebirgig, sowohl geologisch wie auch klimatisch vom Apennin geprägt ist – wobei durch verschiedene Täler und wie durch ein Kanalsystem auch fortwährend Meereswinde in die Weingärten blasen.

Insgesamt umfasst Pradarolo 60 Hektar Land, wobei nur fünf davon dem Weinbau gewidmet sind. Der Rest besteht größtenteils aus Wald, in dem, in den vergangenen Jahrhunderten viel Adel auf der Jagd nach adäquatem Abendessen unterwegs war. Die fünf kultivierten Hektar sind vor allem mit Malvasia di Candia Aromatica bestockt, einer der spannendsten weißen Sorten, wenn es um die Produktion mazerierter Weine geht. Ergänzt wird der Rebsortenspiegel von Barbera und Croatina, Klassikern der Gegend, die ein paar Kilometer weiter im Westen die Basis für den Gutturnio bilden.

Weine: Im Weingarten wird seit jeher biologisch gearbeitet, wobei vor allem versucht wird die Diversität im und über dem Boden so breit und vielfältig wie möglich zu gestalten. Handarbeit und individuelle Rebstockpflege haben oberste Priorität. Das Resultat sind perfekte Trauben für eine Batterie an Weine, die quer durch die Stile die Messlatte hoch legt. Absolut fantastisch ist der Vej Metodo classico, der Schaumwein von Pradarolo, ein Monument an Aromen, Kraft und Intensität. Die Herstellungsart ist dabei so ungewöhnlich wie wegweisend für die generellen Intentionen von Pradarolo: der Grundwein, ein reinsortiger Malvasia di Candia Aromatica wird über 60 Tage mazeriert und nach einer kurzen Reifezeit in Zement und Stahl ohne Filtration und vor allem auch ohne Schwefel in die Flasche gefüllt, wo er über weitere 24 Monate auf der Hefe reift. Danach wird er degorgiert und pas dosé verkorkt. Entkorkt schmeckt und riecht der Vej nach Rosen, Beeren und Zitrusfrüchten, ist unglaublich druckvoll, hat ordentlich Gerbstoff und Säure und ist dabei so ausgewogen wie man sich das nur wünschen kann.

Ähnlich spektakulär ist der stille Vej, der ebenfalls aus Malvasia di Candia aromatica gekeltert wird und je nach Jahrgang, zwischen drei und neun Monaten auf der Maische bleibt (der lange Maischekontakt erklärt sich übrigens daraus, dass Alberto auf die natürlichen Abwehrkräfte der Traube setzt und die Antioxidantien in der Schale entsprechend nutzen will – er verzichtet folglich auf jegliche Additiva). Das mag extrem klingen, ist es bisweilen auch; der ausgedehnten Zeit mit den Schalen folgen 16 Monate im Fass und danach bis zu 7 Jahre in der Flasche – auch das hängt vom Jahrgang ab. Der Wein ist zwar auch danach noch fordernd, doch bieten sich für alle, die sich darauf einlassen, neben den zupackenden Tanninen und der lebhaften Säure, ein Potpourri an Aromen, das an der Oberfläche balsamisch und fruchtig ist, dahinter allerdings noch Platz für zusätzliche Entdeckungen lässt.

Der Velius ist die rote Antwort auf seine orangen Versionen – 90 Tage bleiben Barbera (90, gelegentlich auch 100%) und Croatina (max. 10%) auf der Maische, ehe sie für 15 Monate in große Holzfässer wandern. Danach wird gefüllt, wobei die minimale Reifezeit in der Flasche bei sechs Monaten liegt, die tatsächliche aber eigentlich stets bei ein paar Jahren. Der Alkohol ist quer durch die Jahrgänge erstaunlich unterschiedlich (zwischen 12-14%), die Säure fordernd (weshalb sich der Velius speziell als Essensbegleiter bestens macht), die Aromen weisen in eine dunkle Richtung und werden stets von einer – über die Jahre intensiver werdenden Würze begleitet. Je nach Jahrgang kommen für gewöhnlich noch ein paar Weine dazu, die allesamt den Prinzipien der oben beschriebenen Weine folgen und durch die Bank originell, außergewöhnlich und beeindruckend sind.

In der Villa kann man übrigens wohnen und sollten die Bilder auch nur einigermaßen der Wahrheit entsprechen, sollte das recht kommod sein.

Podere Pradarolo
Via Serravalle 80
43040 VARANO DE’ MELEGARI (PR)
tel: 338 61 32 220
tel:  335 23 18 27
email: info@poderepradarolo.com
www.poderepradarolo.com

WEINE

Vej
Pradarolo Bianco
Vej Metodo Classico
Velius
Pradarolo rosso
Libens
Frinire de Cicale
Il Canto del Ciò

Die Preise der Weine liegen zwischen € 15 und € 25 (2017)

Pradarolo ist Mitglied bei Emilia sur Li und nimmt außerdem alljährlich an der Manifestation in Fornovo (Vini dei Vignaioli) teil

Jahresproduktion: ca.20000 Flaschen
Rebsorten: Malvasia di candia aromatica
Rebfläche: 5 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: ja

Sergio Arcuri
Via Roma Vico III, 3
Cirò Marina, Calabria
Tel: 328 0250 255
http://www.vinicirosergioarcuri.it
info@vinicirosergioarcuri.it

Geschichte: Das Weingut von Sergio Arcuri mag zwar jung sein, Weinbau auf seinen 4 Hektar Rebflächen wird allerdings schon seit 1880 betrieben. Damals pflanzte sein Urgroßvater Peppe die ersten Gaglioppostöcke in den Sand von Cirò, dem steinalten Mittelpunkt kalabresischer Weinkultur. Sechs Jahrzehnte lang kümmerte sich Peppe um seine Reben, in seinen letzten Lebensjahren oft begleitet von seinem Enkel Peppe II., dem Vater von Sergio. Peppe II. blieb dem Weinbau treu, anfangs jedoch nicht als Winzer sondern als „INNESTATORE“ – als Veredler. Er pfropfte im ganzen Land Edelreiser auf Unterlagsreben, „hunderte Hektar“, meint Sergio, ehe er im Jahr 1973 beschloss, nicht mehr für andere, sondern für sich zu arbeiten und Winzer zu werden. Bis ins Jahr 2009, als Sergio und sein Bruder Francesco das Ruder in die Hand nahmen, kelterte er ausschließlich Fassweine, wobei die Fässer eigentlich Zementzisternen waren.

Weingarten: Mit denen arbeitet Sergio auch heute noch, wobei er im Keller mittlerweile auch Alternativen hat. Auch in die Weingartenphilosophie hat Sergio nur bedingt eingegriffen. Er hegt und pflegt weiterhin die 1948 und 1980 im alten alberello gesetzten Gaglioppostöcke (7000 Reben am Hektar), hat aber jüngere Reben in ein moderneres, leichter zu bearbeitendes Reberziehungssystem gepflanzt. Auch die Umstellung auf zertifizierte biologische Landwirtschaft ist neu, wobei man dank der extrem trockenen Witterung auch früher kaum Chemikalien verwendet hat.

Keller: Unumschränkte und einzige Protagonistin in den Weingärten von Sergio ist die Gaglioppo. Aus ihr keltert er mittlerweile drei Weine: den Marinetto, einen Rosato, der salzig, rotbeerig und trotz ordentlicher Substanz recht animierend den Hals hinunterrinnt und dem Ruf des Gaglioppo als formidabler Rosésorte gerecht wird. Den Aris, der von den Trauben der älteren Rebstöcke produziert wird und nach spontaner Gärung in einem alten Zementbecken (von denen es in Kalabrien noch eine ganze Menge gibt) 18 Monate in Zementzisternen und 6 weitere in der Flasche verbringt, ehe er nach einer dezenten Schwefelung gefüllt wird. Säure und Gerbstoff strukturieren den Wein und sind insofern von eminenter Bedeutung, da sie den Alkohol ausbalancieren.Unterholz und rote Frucht dominieren das Aromabild. In speziellen Jahren gibt es dann auch noch den Più Vite, eine Riserva, die meist noch etwas mehr Fleisch am Körper hat, was nicht immer zwingend positiv sein muss. Entscheidend ist auch hier die Gerbstoff-Säure-Alkohol Balance und wenn die passt, dann hat man es mit einem Wein zu tun, der streng, straff, salzig und intensiv, nicht ganz zu Unrecht als Barolo des Südens bezeichnet wird.

WEINE

Il Marinetto (Rosé) –
Aris
Più Vite

Die Preise der Weine liegen zwischen € 6 und € 20 (2017)

LINKS

Kalabrien

Jahresproduktion: ca.15000 Flaschen
Rebsorten: Gaglioppo
Rebfläche: 4 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Schmetterlinge: All jenen Ignoranten zu Liebe, die keine Ahnung von Entomologie haben und folglich nicht wissen, was es mit dem Namen Ausonia auf sich hat, sei hier in aller Kürze gesagt, dass der Euchloe Ausonia ein Schmetterling ist, der vor allem in Nordafrika zu Hause ist, sich aber gelegentlich auch bis in die Abruzzen vorwagt. Er ist ausgesprochen hübsch und insofern eine adäquate Wahl für die Benennung eines Weinguts. Schmetterlinge sind überhaupt ein roter Faden, wenn man sich durch die Weinwelt von Simone Binelli und Francesca Lodi trinken will. Die drei Weinlinien sind nach Parnassius apollo (weiß), Papilio machaon (rosa) und Gegenes nostradamus (rot) benannt, drei weiteren Schmetterlingsarten, die man in den Weingärten der beiden findet. Die werden nicht nur ihretwegen seit 2014 biodynamisch bewirtschaftet, sondern auch weil Simone und Francesca davon überzeugt sind, dass sie nur so ein entsprechendes Gleichgewicht zwischen Rebstock und Boden aufrechterhalten können.

Geburt: Ausonia ist ein junges Projekt, ins Leben gerufen von zwei Quereinsteigern, die irgendwann nicht mehr als Apotheker (Simone) und Ingenieurin (Francesca) arbeiten wollten. Mit Hilfe von Simones Vater (einem leidenschaftlichen Entomologen) erstand man 2011 12 Hektar Land in Atri, einer seit Urzeiten besiedelten Ecke zwischen Adria und Gran Sasso, also zwischen 0 und 3000 Meter Seehöhe. Ausonia befindet sich auf ca. 250 Meter und ist vom Osten von Meereswinden und vom Westen von Bergwinden geprägt. Bevor die beiden 2012 so richtig loslegten, absolvierte Simone ein Önologiestudium an der Universität Florenz, das ihm vor allem zeigte, wie er nicht arbeiten wollte. Er beendete es trotzdem erfolgreich, beschloss aber – anders als generell unterrichtet – im Weingarten biologisch und im Keller im Sinne inoffizieller Naturweinrichtlinien zu arbeiten (er ist Mitglied bei Vinnatur).

Weine: Die Rebsorten sind die Klassiker der Zone, Montepulciano gibt den Ton an, wird aber paritätisch von Trebbiano d’Abruzzo begleitet und auch noch von Pecorino ergänzt. Die meisten Stöcke wachsen in alten Pergolen, eine Erziehung, die durch die immer wärmer werdenden Sommertemperaturen und die entsprechende Beschattung, die sie bietet, ideal zu sein scheint. Die Böden basieren auf Ton und Kalk und werden dann bewässert, wann es regnet. Man beobachtet viel, hört auf das, was einem die Umgebung erzählt und versucht das, was das Land vorgibt, im Wein erlebbar zu machen.

Dafür setzt man auf spontane Gärung, biologischen Säureabbau, keine Mazeration und, was ein bisschen schade ist, konsequent auf Stahl. Der Trebbiano reift ein knappes Jahr darin und riecht danach sympathisch nach Blüten und frischen Äpfeln, der Pecorino ist intensiver, anspruchsvoller und dichter und befördert Kräuternoten, Heu und Zitrusaromen in die Nase. Aus dem Montepulciano keltert man ganz klassisch einen Cerasuolo (Rosato), der nach 10 Stunden auf der Maische ausreichend Farbe und Struktur gewonnen hat, um Ribisel und Veilchen mit ein wenig Gerbstoff und einer animierenden Säure zu kombinieren. In Rot gibt es gleich zwei Versionen, wobei kein Weg am Montepulciano Colline Teramane vorbeiführen, den nicht nur Stahl, sondern auch Holz formt und der reife Fruchtaromen mit den typischen Lakritznoten des Montepulciano vereint.

Azienda Agricola Ausonia
C.da Nocella,
64032 Atri (TE)
Phone: +39 085 9071026,
Mobile:+39 340 232 9860
www.ausonia.it

WEINE

Apollo Trebbiano d’Abruzzo
Apollo Cerasuolo d’Abruzzo
Apollo Montepulciano d’Abruzzo
Machaon Abruzzo Pecorino
Nostradamus Montepulciano d’Abruzzo

Die Preise der Weine liegen bei € 10 der Colline Teramane kostet € 18

Jahresproduktion: ca.50000 Flaschen
Rebsorten: Trebbiano, Pecorino, Montepulciano
Rebfläche: 12 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Aglianico ist vermutlich eine der großen Sorten Italiens. Sie hat Tannin und Säure, Kraft und Aromen, Vitalität und Dichte und die Fähigkeit ziemlich präzise von ihrem Ort zu erzählen. Und doch bleibt es bei einem vermutlich, da es gerade einmal eine Handvoll Weingüter gibt, die dem Potenzial der Sorte gerecht zu werden scheint. Zu oft setzt man auf pure Power, späte Lesen, viel Alkohol und viel zu viel Holz. Das ergibt dann im besten Fall konzentrierte, warme, saftige und wuchtige Weine (der Poliphemo von Luigi Tecce ist dafür ein gelungenes Beispiel), viel öfter jedoch hat man es mit plumpen, ausladenden, umharmonischen und alkoholischen Monstren zu tun, die selbst im tiefsten Winter keinen Spaß machen. Oft tut man gut daran, sich mit den Einstiegsweinen zu begnügen, da sie – meist  unfreiwillig – weniger konzentriert gelesen werden,  in alten Holzfässern oder in Zementbottichen landen und so auf eine einfache aber einladende Art von der leiseren aber lebendigeren Seite des Aglianico erzählen.

Winzerin: Elisabetta Musto Carmelitano gehört zu den wenigen Winzerinnen, die sich den leiseren Tönen der Sorte verschrieben hat. Aufgewachsen zwischen den Getreidefeldern und Rebstöcken der Großeltern, hat sie seit nunmehr gut 10 Jahren das Ruder in der Hand. Auf dem dezidiert biologischen Kurs, den sie seither steuert, wird sie von ihrem Bruder Luigi und ihrem Vater Francesco begleitet und gelegentlich greift auch noch Fortunato Sebastiano ein, ein Önologe, der ihr bei der Umstellung auf biologische Bewirtschaftung (zertifiziert seit 2011) mit Rat und Tat zur Seite stand. Vier Hektar stehen ihr insgesamt zur Verfügung, allesamt an den Ausläufern des Vulture gelegen, einem erloschenen Vulkan im Norden der Basilicata und das mit Abstand spannendste Terroir einer nicht nur vitikulturell vernachlässigten Region. Der Untergrund besteht zum größten Teil aus einer rötlichen Tonart, das Klima ist heiß und trocken und der Enthusiasmus von Elisabetta, aus diesen Voraussetzungen das Beste zu machen, ist groß und leidenschaftlich.

Weine: Insgesamt keltert die noch immer sehr junge Winzerin fünf Weine, wobei der Aglianco mit vier unterschiedlichen Interpretationen eindeutig den Ton angibt. Daneben hat sie aber auch einen Weißwein im Programm, über den man durchaus ein paar Worte verlieren kann.  Der Maschitano Bianco ist ein reinsortiger Moscato, der zwar mit Aromen nicht geizt, sie allerdings nur sukzessive und in dezenter Dosierung freisetzt. Der Körper ist saftig und dicht, die Textur griffig und lebendig. Vergoren wird, wie auch bei den Rotweinen, spontan, ausgebaut wird in Zement, gefiltert und geschönt wird nicht (dito Rotweine). Der Maschitano rosso setzt auf Frucht und Trinkfluss und ist die leichteste und einfachste der vier Aglianicoversionen. Aus einem schon völlig anderen Holz geschnitzt, ist der Serra del Prete (meiner Meinung nach der beste ihrer Weine), der unbeschwert, kompakt und druckvoll, Rauch, Pfeffer und rote Fruchtnoten geradlinig und ohne Schlenker über den Gaumen trägt. Ausgebaut wird erst ein halbes Jahr in Stahl und danach ein weiteres halbes Jahr in Zement. Der Pian del Moro stammt aus knapp 100 Jahre alten Aglianicostöcken der gleichnamigen Riede, hat Kraft und Körper, bündelt sie allerdings bestens durch ausreichend Säure und Gerbstoff. Die Textur ist stoffig, die Aromen sind intensiv und vielschichtig. Ein wenig Geduld tut gut. Ausgebaut wird teils in Zement, teils in 500 Liter fassenden Holzfässern.

Beeindruckend, weil konzentriert und mit ordentlich Fleisch auf den Knochen, aber eben trotzdem mit Trinkfluss und Fokus sind die gelegentlichen Versionen des Etichetta Bianca Aglianicos, eine Art Special Edition, die nur in besonderen Jahren gekeltert wird. Die Etichetta Bianca wird über 12 Monate in Zement ausgebaut und ungeschwefelt gefüllt, ist saftig, substantiell und strukturiert mit dichtgewobenen, dunklen Aromen.

Musto Carmelitano

Via Pietro Nenni, 23 85020 Maschito
Telefono e Fax +39 097 233312
Mobile +39 388 6069526 (Elisabetta)
Mobile +39 3285777201 (Luigi)
info@mustocarmelitano.it
www.mustocarmelitano.it

WEINE

Maschitano Bianco (€12)
Mascitano Rosso (€12)
Serra del Prete (€ 15)
Pian del Moro (€ 18)
Etichetta Bianca (€ 35)

ungefähre Preise 2017

Musto Carmelitano ist, so tragisch das auch sein mag, im deutschsprachigen Raum nicht erhältlich

LINKS

Basilicata

Musto Carmelitano ist Mitglied bei Vinnatur

Jahresproduktion: ca.20000 Flaschen
Rebsorten: Moscato, Aglianico
Rebfläche: 4 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Mariapaola di Cato

Via Colle della Fonte 14
67030 Vittorito (AQ)
Telefon: 3491227903
E-mail: vinicoladicato@alice.it

WEINE

Eugenos Lazzari Felici Malvasia
Eugenos Lazzari Felici Rosato
Nonno Mariano (Montepulciano)

LINKS

Abruzzen

Jahresproduktion: ca.4000 Flaschen
Rebsorten: Malvasia, Montepulciano
Rebfläche: 1 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja (seit 2014)
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Weingut: Alles begann mit Nonno Mariano. Der setzte nach den Raubzügen der Reblaus, die auch vor den Höhen und Hängen der Abruzzen nicht Halt machte, wieder Reben in die Böden rund um Vittorito, einem kleinen Dorf in der Nähe von L’Aquila. Die werden heute von Mariapaola di Cato gepflegt, der Großenkelin, die nach einem weinfernen Studium ihrem Bürojob adieu sagte, um sich fortan mit Montepulciano und Malvasia zu beschäftigen. Ein einziger kleiner Hektar steht ihr derzeit dafür zur Verfügung – der befindet sich auf 400 Meter Höhe mit Blick auf Berge, die nochmals 2000 Meter höher sind und das Klima (kühle Winde, deutliche Tag-Nacht unterschiede) wie auch die Böden (ein von Steinen durchsetztes, karges Kalk-Ton-Gemisch) seit jeher beeinflussen. Dem Montepulciano verleiht das die notwendige Struktur, richtig spannend ist aber der Malvasia, der Körper, Säure, Aromen und Trinkfluss vereint und zeigt, warum das Valle Peligna vor allem für seine weißen Interpretationen geschätzt wird. Seit 2005, als noch ihr Vater für den Weingarten verantwortlich war, wird biologisch (seit 2014 ist man auch zertifiziert) gearbeitet, mit der Übernahme durch Mariapaola wurde dann auch die Herangehensweise im Keller entsprechend naturalisiert.

Man vergärt spontan und setzt auf natürliche Klärprozesse. Der Malvasia Eughenos Lazzari Felici bleibt für drei Tage auf den Schalen, ehe die paar hundert Liter abgepresst und in Glasbehältern fertig vergoren und gelagert werden. Das befördert letztlich Blüten und Steinobstaromen in die Nase, Salz und Steine auf den Gaumen und nur weil der Wein gerade mal 12% Alkohol hat, heißt das noch lange nicht, dass man es mit einem dünnen Federspiel zu tun hat. Daneben gibt es noch regelmäßig den Eughenos Lazzari Felici Rosato aus Montepulciano, der nach einem Tag auf der Maische spontan und ohne Temperaturkontrolle (in der Höhe gärt der Wein ohnehin langsam) vergoren wurde. Geklärt, geschönt und gefiltert wird nicht, allerdings zweimal umgezogen, damit der Wein zumindest einigermaßen trubstoffrei im Auge des Konsumenten schwimmt. Schmecken tut der Eughenos Lazzari Felici (what a name) nach roten Früchten und Zimt, der Körper ist rund, die Textur einladend. Im Normalfall gibt es auch noch einen dunkelroten Montepulciano, den Nonno Mariano, doch hängt das immer auch vom Jahrgang ab – der wird, wenn alles passt über 12 Monate im Holz ausgebaut weder geschönt noch gefiltert und danach noch für ein paar Jahre in der Flasche gelassen. Montepulciano ist und bleibt Montepulciano und liefert folglich ausladende dunkle Aromen (Lakritze, Pfeffer, dunkle Beeren) und spart auch nicht mit Wucht und Kraft.

MONTEPULCIANO: Es gibt Rebsorten, auf die ich immer gut verzichten konnte. Nero d’Avola beispielsweise.  Oder Lagrein.  Barbera. Besonders leicht fiel es mir aber bei Montepulciano d’Abruzzo. Die überkonzentrierten, überambitionierten, überreifen, meist überholzten Versionen wurden für gewöhnlich von unambitionierten, undefinierbaren, flachen, sperrigen und letztlich belanglosen Banalitäten ergänzt, die zwar oft einen Gegenpol bildeten, die Sorte aber auch nicht einladender machten. Aber so wie ich in der Zwischenzeit brillante Antworten auf Nero d’Avola (Gueli, Mortellito und COS), Lagrein (Pranzegg, Nusserhof) und Barbera (Trinchero, Bera, Auriel) gefunden habe, weiß ich in der Zwischenzeit auch, dass es richtig gute Montepulciano gibt. Einen der besten macht Praesidium.

DAS WEINGUT: Praesidium, das waren früher vor allem Enzo und Lucia Pasquale, die das Weingut 1988 gründeten, heute sind es vor allem Ottaviano und Antonia, ihre Kinder. Bewirtschaftet werden insgesamt 5 Hektar in Prezza im Valle Peligna, einer Ecke, die selbst für die ohnehin ruhigen Abruzzen entschleunigt wirkt. Links und rechts steigen die Montagne del Morrone und die Montagne del Maiella auf, zwei Bergmassive, die beim Giro d’Italia oft die Spreu vom Weizen trennen und auf dessen Kuppen und Kämmen auch im Juni noch Schnee liegt.

TERROIR: Praesidiums Montepulciano wurzelt im brettlebenen Talgrund auf 400 Meter Höhe, ist aber doch eminent von seiner Umgebung beeinflusst. Die Blüte ist spät, die Lese ebenfalls und findet für gewöhnlich erst in der zweiten Oktoberhälfte statt. Der Boden ist zwar vom Schwemmland des durch das Tal fließenden Sagittario geprägt, das darunter liegende Gestein ist allerdings felsig und stark kalkhaltig. Obwohl die Bedingungen alles andere als einfach scheinen, weisen schon Chroniken aus dem 18. Jahrhundert Prezza und das benachbarte Bugnara als ideale Standorte für die Sorte aus.

Enzo Pasquale wusste jedenfalls genau, was er tat, als er vor dreißig Jahren die paar Hektar kaufte und damit die Rebfläche seiner Eltern und Großeltern um ein paar Hektar aufstockte. Er beschäftigt sich seit nunmehr über 60 Jahren mit der Sorte und die Leidenschaft und Sorgfalt, die er dafür aufbringt, hat er auch seine beiden Kinder weitergegeben. Die bewirtschaften in einer Zeit, in der alles zertifiziert sein muss, damit es auch geglaubt und gekauft wird, ihr Weingut nun auch offiziell biologisch – laut Ottaviano machte es sein Vater auch nicht anders, nur halt ohne fortwährende Kontrolle. Der Ansatz ist dabei sowohl im Weingarten wie auch im Keller ein handwerklicher und, was schön ist, einer, in dem zumindest im Wortschatz von Ottaviano auch immer wieder das Wort Kultur auftaucht – er sieht Wein als das, was es ist, nämlich als ein Produkt, das aus der Interaktion zwischen Mensch und Natur entsteht – kein Naturwein, ein Kulturwein. Er lenkt beispielsweise den Ertrag über den Rebschnitt, begrünt seine Böden vorwiegend mit Saubohnen, setzt auf eine relativ rigorose Grünlese, manuelle Lese und auch sonst viel Handarbeit.

DIE WEINE: Im Keller, der sich in einer, in den Berg getriebenen Höhle am höchsten Punkt von Prezza befindet, wird dann versucht genau das, was die Weine draußen beeinflusst auch entsprechend im Wein erfahrbar zu machen. Für den Montepulciano setzen sie auf spontane Vergärung im Stahltank und einen zweijährigen Ausbau in gebrauchter französischer und slawonischer Eiche, während der man gelegentlich das Fass streichelt und den Schwund auffüllt. Danach wird ungefiltert und mit einer undramatischen Dosis SO₂ gefüllt und weitere sechs Monate gewartet bis der Wein auf den Markt kommt. Der ist dann für gewöhnlich saftig, konzentriert und engmaschig, hat Tannin, das man spürt und Säure, die den Wein recht schnörkellos in Richtung Gaumen lenkt. Er ist gewichtig, aber auch, wenn man das jemals über einen Montepulciano sagen kann, einigermaßen elegant. Die Frucht ist dunkel aber frisch, der Abgang ist lang, druckvoll und dicht. Spektakulär ist auch noch der zweite Wein von Praesidium, ein Cerasuolo, über dessen Farbe sich jeder Pinot freuen würde und von dem die Alten in Prezza sagen, dass man ihn früher immer so gemacht hat – ein Mittelding zwischen Rotwein und Rosato, rotbeerig, saftig, druckvoll, animierend und fleischig.

Und dann gibt es noch den Ratafìa, einen Likör aus Montepulciano und Kirschschnaps, der zur Bergwelt der Abbruzzen gehört wie Kutteln zu Rom oder Milzbrote zu Palermo. Ratafia schmeckt fantastisch. Wer Schokolade dazu essen will, kann das tun.

Colombaia ist ein relativ junges Projekt, das in den 1970er Jahren in den Hügeln des Colle Val d’Elsa etwas südlich von Florenz seinen Ursprung hat. Obwohl man sich relativ nahe an San Gimignano befindet, ist man vielmehr den Traditionen des Chianti verpflichtet, ohne auch nur einen Wein zu keltern, der den Namen der Region trägt. Dante Lomazzi, Winzer in dritter Generation und seine Partnerin Helena Variara, haben sich bereits 2006 von den Fesseln der DOC & DOCG-Regulative befreit und keltern seither Weine (IGT), die ihre Vorstellung von der Gegend und ihrem Terroir widerspiegeln. Dabei setzt man auf Sorten, die seit jeher in der Gegend angebaut werden, allen voran Sangiovese aber auch Colorino, Malvasia nera, Canaiolo, Trebbiano und Malvasia bianco. Schon 2003 hat man begonnen, einen der vier Hektar biodynamisch zu bewirtschaften, ab 2005 hat man dann das ganze Weingut umgestellt und aus einer invasiven Monokultur eine blühende und gartenähnliche Polykultur kreiert. Fünf Weine haben darin ihre Wurzeln, wobei man bei Colombaia vor allem zwischen jungen und alten Weingärten unterscheidet.

WEINE: Letzterer ist die Basis für ihren Colombaia Rosso Toscano, der in Zementbottichen spontan vergoren wird – da diese in die Erde eingegraben sind, kommt es zu einer natürlichen Temperaturkontrolle. Nach der Gärung wird der Wein für 18-24 Monaten in große Holzfässer umgezogen und das war es dann für gewöhnlich auch – gefiltert wird grundsätzlich, geschwefelt nur dann, wenn man es für notwendig hält. Beim Colombaia Vigna Nuova geht man ganz demokratisch genauso vor, was letztlich dazu führt, dass sich zwar beiden Weine von Anfang offen (kein Schwefel), ausgewogen und vital präsentieren, sich allerdings in punkto Aromen in unterschiedliche Richtungen aufmachen.

Auch wenn die Latte durch die beiden Rotweine hoch gelegt ist, ist der vielleicht spannendste Wein von Colombaia die weiße Cuvèe aus Trebbiano und Malvasia, die klar, druckvoll, dicht, zupackend, gelbfruchtig und steinig zeigt, was passiert, wenn man kerngesunde Trauben für ein paar Tage mit Butz und Stingl vergärt.  Seit nicht allzu langer Zeit beschäftigen sich die beiden auch mit alten Schaumweintechniken und haben mittlerweile zwei nach der methode ancestral gekelterte Weine im Programm, die sich mit Sicherheit lohnen – ich kenne sie allerdings (noch) nicht.

COLOMBAIA 2009

Lage/Böden: Lehm und Kalk
Rebsorte: Sangiovese, Colorino, Malvasia Nera, Canaiolo
Mazeration: ja
Hefen: wilde
Gärung: ohne Temperaturkontrolle
Ausbau: in 26-hl Holzfässern für 18 Monate
Schönung: nein
SO₂ total: 28mg/l
Gefiltert: nein

Dichtung: warm, intensiv, dicht und mit einer ordentlichen Portion Pfeffer, dunkle Beeren und Würze. Im Mund ist das alles nicht viel anders, allerdings wird es hier sehr druckvoll, Sangiovese für Erwachsene, das Tannin ist präsent und die Säure dito, der Körper ist kompakt uns saftig und insgesamt ist das alles sehr beeindruckend lang und jung.

Wahrheit: Colombaia ist eine Idylle. Die Weingärten liegen zu Füßen eines wunderschönen Anwesens und fallen recht elegant den Hang hinab. Die Bestockung ist dicht, der Boden belebter als ein Zoo. Sangiovese gibt in diesem Utopia den Ton an, alte Weggefährten stehen ihr zur Seite: Colorino. Malvasia Nera und Canaiolo, allesamt autochtone Sorte der Zentraltoskana. Der Ausbau fand über 36 Monate in 26hl-Fässern statt, für weitere 6 Monate geht es dann noch in die Flasche, das wars dann auch. Gefiltert wird nicht, geschönt auch nicht, nur vor der Füllung gab es 28 mg/l Schwefel.

Colombaia
Località Mensanello, 24
53034 Colle di Val d’Elsa
Tel: 0039 393 36 23 742
www.colombaia.it

Besuche bitte NACH VORANMELDUNG

Colombaia ist Mitglied bei Renaissance des Terroir Italia

WEINE

Colombaia Rosso Toscano
Colombaia Rosso Vigna Nuova
Colombaia Bianco Toscano
Colombaia Bianco ancestral
Colombaia Rosato ancestral

Die Preise der Weine liegen zwischen € 15 und € 20 (2016)

Schonmal vorab. Calogero, Giuseppe und Davide Gueli keltern fantastische Weine. Mit die besten Rotweine Siziliens. Nicht aus Nerello mascalese und folglich nicht vom Ätna, sondern – man mag es kaum glauben – aus Nero d’Avola, einer Sorte, die einen im Normalfall eher zu Wasser als zum Wein greifen lässt. Gründe dafür gibt es gleich einige: drei talentierte Winzer – die Söhne von Vincenzo Gueli, der 1986 das Weingut in Grotte, in der Nähe von Agrigento gründete – die im Weingarten wie im Keller eine Menge richtiger Entscheidungen getroffen haben und treffen. Und ein Terrain, das offensichtlich wie gemacht für Nero d’Avola zu sein scheint. Zwischen 450 und 550 Meter gelegen – angesichts dessen, dass man nicht allzu weit vom Meer entfernt ist, also mitten in den Bergen – baut man auf ein kühles Klima und zwei unterschiedliche Bodenstrukturen, Kalk (Calcareaus) und Gips (Erbatino), die zwei sich deutlich voneinander unterscheidende Weine hervorbringen.

In den Weingärten, die sich in Hängen über das Weingut hochziehen, wird biologisch gearbeitet. Die Reben – eine jener durchdachten Entscheidungen, für die schon Vincenzo verantwortlich war – werden in Tendone, einer Pergolavariante erzogen, was angesichts der Sonneneinstrahlung und Sommertemperaturen im Süden Siziliens definitiv Sinn macht (die Leute, die einem in den diversen Wein-Fortbildungskursen immer wieder eintrichtern wollen, dass man in Pergolen keine ordentlichen Weine machen kann, sollten sich mal mit dem Calcareaus von Gueli auseinandersetzen – oder aber, nur um die Ausnahme der Regel zu bestätigen, mit dem Amarone von Ca‘ la Bionda). Die Pflanzdichte liegt bei 1000 Stöcke am Hektar, der Ertrag – jetzt wird es richtig wild – bei 10 Kilo/Stock. Eine weitere, ganz wesentliche Entscheidung, war und ist die Wahl diverser Nero d’Avola Biotypen im Weingarten, die keine einheitlichen sondern höchst unterschiedliche Rebstöcke und Beeren hervorbringen und folglich für eine entsprechende Diversität innerhalb des Rebmaterials sorgen – das bringt natürlich nur dann was, wenn man seine Rebstöcke bestens kennt.

Im Keller setzt man anfangs auf Zement und wilde Hefen. Nach der Gärung bleiben die Schalen weitere 2-3 Wochen mit dem Wein in Kontakt, ehe bei einem ersten Umzug in kleine Holzfässer das erste und einzige Mal geschwefelt wird. Zwei bis drei Jahre bleiben die Weine im Holz, danach wird ungefiltert und ohne weitere Schwefelzugabe gefüllt.

Der Calcareaus (den ich besser kenne als den Erbatino) öffnet sich für gewöhnlich nur langsam, doch wirft er dann sukzessive würzige, fein fruchtige, rotbeerige und steinige Noten in den Talon, wobei es – und das ist ungewöhnlich für die Sorte – nie aufdringlich wird. Im Gegenteil. Hat man den Wein erstmal im Mund wird es immer geradliniger und präziser. Zwar hat man es mit einem durchaus samtigen Körper zu tun, doch zum einen verleihen ihm ordentlich zupackende Tannine einen guten Gripp, zum anderen ist es die Kombination aus Klima und Kalk, die ihn in ein strukturierendes Korsett schnürt und ihn druckvoll,  kompromisslos und ohne Schwenker in Richtung Gaumen befördern. Dort setzen sich dann für die nächste halbe Stunde Aromen fest, die warm, salzig und mediterran ein schlüssiges und saftiges Finale bilden. Viel besser geht es nicht – zumindest für mich. Den Erbatino habe ich zwar ebenfalls in bester Erinnerung, doch trinke ich ihn lieber nochmals bevor ich irgendeinen Unsinn schreibe.

Azienda Agricola Gueli
Via G. Di Vittorio 22, 92020 Grotte (AG) – Italia
Davide Gueli +39 320 2633268
Giuseppe Gueli +39 328 3420183
www.gueli.it

WEINE

Calcareus

Erbatino

Die Preise der Weine liegen bei ca. € 18 (2017)

Im deutschsprachigen Raum hat die Weine meines Wissens niemand, man kann sie aber in Italien via Meteri oder Vini Sud bestellen.

LINKS

Sizilien

Jahresproduktion:
Rebsorten: Nero d’Avola
Rebfläche: 10 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Andrea Zanfei ist zwar kein Winzer klassischen Schlags, das ändert aber nichts daran, dass er Weine keltert, die klassisch und paradigmatisch für eine Region stehen. In seinem Fall und in dem seiner Frau Valeria Baldini Libri, der eigentlichen Besitzerin des Weinguts ist das das Chianti Rufina, jener Hügelkette im Osten von Florenz, das heute (und eigentlich immer schon) eindeutig im Schatten des Chianti Classico steht. Der große Unterschied zwischen Rufina und dem Classico ist – laut Andrea – das spezielle Mikroklima in Rufina, das eminent durch den Sieve, den die ganze Region durchziehenden Fluss geprägt ist. Zum einen ist es dadurch meistens recht feucht, zum anderen, ergeben sich daraus, ziemlich spürbare Tag-Nacht Unterschiede. Die kommen im Fall von Andrea und Valeria vor allem Canaiolo (ihre Lieblingssorte), Sangiovese, Colorino, Trebbiano und Malvasia zu Gute, die seit über 40 Jahren in den insgesamt 10 Hektar Weingärten wurzeln und seit 20 Jahren biodynamisch bewirtschaftet werden. Seit 1997, dem Jahr als Valeria das Weingut übernahm und Andrea seinem Job als Geschichts- und Philosophieprofessor auch noch den des Winzers hinzufügte. Anfangs half ihnen Leonello Anello, ein Önologe, später wussten sie auch selbst, was wann und warum zu tun ist. Im Weingarten sowieso, aber auch im Keller.

Dort setzen die beiden auf a. wilde Hefen & spontane Vergärung, b. den Verzicht von jeglichen Additiven außer SO₂ vor der Füllung, c. Zement und d. Holz. Mehr Zement als Holz. Letzteres sehen einzig der Chianti Rufina, dem 90% Sangiovese feine Blüten und Fruchtaromen verleihen und der Padronale, ebenfalls hauptanteilig Sangiovese, doch ein wenig fülliger, runder und ausladender. Im Zement landet dagegen der Podernovo, den 40% Canaiolo in eine fleischige und saftige Richtung lenken und der Canestrino, eine Cuvèe aus Trebbiano und Malvasia, die wieder einmal zeigt, warum es Sinn macht, gewisse Weißweine auf den Schalen zu vergären. Speziell der Trebbiano gewinnt dadurch an Substanz und Tiefe, an Aromintensität und Dynamik.

ps: Cerreto Libri ist Mitglied bei Renaissance del Terroir Italia.

pps: bei Cerreto Libri weiß man auch ganz genau, wie man Grappa brennt und Olivenöl herstellt

ppps: Außerdem kann man bei Cerreto Libri wohnen, was angesichts der Tatsache, dass man es mit einer 220 Jahre alten toskanischen Villa zu tun hat, ein Erlebnis sein sollte.

Fattoria Cerreto Libri

Valentina Baldini Libri
Via Aretina 96
50065 Pontassieve (FI)
Tel. 055/8314528
Fax 055/3909840
fattoria@cerretolibri.it
www.cerettolibri.it

WEINE

Chianti Rufina
Padronale
Podernovo
Canestrino

Die Preise der Weine liegen zwischen € 12 und € 18 (2017)

Ceretto Libri ist Mitglied bei Renaissance del Terroir 

Jahresproduktion: ca.15000 Flaschen
Rebsorten: Sangiovese, Colorino, Canaiolo, Malvasia, Trebbiano
Rebfläche: 10 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: ja

Ganze 2,2 Hektar bewirtschaften Giuseppe Ferrua und seine Frau Giovanna Tronci in den Hügeln nördlich von Lucca (DOC Colline Lucchesi), wobei Wein nur ein kleiner Bestandteil des 20 Hektar großen Anwesens ist – Olivenöl kommt ein ähnlicher Stellenwert zu, der Rest ist Wald und ein Agriturismo, dessen Zimmer in dicken, altehrwürdigen Mauern aus dem 18. Jahrhundert untergebracht sind. Die Fabbrica di San Martino ist ein Rückzugsort, eine Enklave der Ruhe, die neben Giuseppe Ferruas Familie auch noch ein paar Esel, Bienen, Katzen und Rinder beherbergt.

Weingärten: Letztere haben auch für die Weingärten Bedeutung, liefern sie doch den Dung für das Präparat 500, das den biodynamischen Prinzipien gemäß zur Aktivierung der Bodenfruchtbarkeit eingesetzt wird. Und biodynamische Prinzipien werden auf San Martino intensiv gelebt. So verwendet man zum einen die diversen Präparate zur Stärkung der Pflanzen und des Bodens, zum anderen arbeitet man im Garten wie im Keller auch nach den kalendarischen Vorgaben der Biodynamik. Das kommt den bisweilen sehr alten Rebstöcken zu Gute, die in sandig geprägten Böden wurzeln und trotz der eher geringen Speicherfähigkeit ausreichend Nährstoffe akkumulieren können. Das Klima ist mediterran geprägt, wobei es an Regen nicht mangelt, ein Umstand, der die Hänge von Giuseppe oft in ein dunkles Grün verwandelt. In den Gärten wachsen – oft durchbrochen von Olivenbäumen – durchwegs autochthone Sorten, allen voran, wie könnte es anders sein, Sangiovese. Der bildet die Basis für die beiden Rotweine, den Arcipressi Rosso, der zudem Ciliegiolo, Colorino, Canaiolo, Malvasia Nera, Aleatico enthält.

Keller & Weine: Gelesen wird stets per Hand, wobei unreifes oder faules Material direkt am Stock selektiert wird, vergoren wird spontan, der Ausbau passiert im Edelstahl mit der Intention einen leichten und lebendigen Wein zu keltern. Der macht Spaß, liefert jedoch nur die Einleitung für den Fabbrica di San Martino Rosso, der strukturiert, dicht, fokussiert und vielschichtig sicher zu den besten roten Interpretationen der nördlichen Toskana gehört. Ausgebaut wird über 2 Jahre in 1000 Liter Holzfässern, gefiltert und geschönt wird gar nicht, geschwefelt kaum.

Dieser Ansatz minimalster Interventionen lässt sich auch auf die beiden Weißweine übertragen, den Arcipressi Bianco (saftig, bekömmlich, vital) und den Fabbrica di San Martino Bianco, mit dem Giuseppe, die Möglichkeiten von Vermentino und Trebbiano auslotet. Die Textur ist dabei eher weich, saftig und konzentriert, die Aromen sind vor allem gelben Früchten und von Kräutern geprägt.

Abgerundet wird das Sortiment von einem mehr als ernsthaften Rosé (reinsortig Sangiovese), dessen einziger Nachteil darin besteht, dass ihn meistens die Gäste des Agriturismo mehr oder weniger paritätisch unter sich aufteilen. Die Fabbrica di San Martino ist demeterzertifiziert und Mitglied bei Renaissance del Terroir und Lucca biodinamica.

Fabbrica di San Martino

Frazione San Martino/Lucca
Via Pieve Santo Stefano 2511
Tel:+39 0583 394284
E-Mail: info@fabbricadisanmartino.it
www.fabbricadisanmartino.it

Weine

Arcipressi bianco
Arcipressi Rosso
Fattoria di San Martino Bianco
Fattoria di San Martino Rosso
Rosé

Jahresproduktion: 12000 Flaschen
Rebsorten: Sangiovese, Canaiolo, Ciliegiolo, Malvasia Nera, Aleatico; Vermintino, Trebbiano Toscano
Rebfläche: 2,5 Hektar
Manuelle Lese: ja
Dünger: ja
Pflanzenschutz: biodynamisch, Kupfer und Schwefel
Biodynamisch zerifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: ja

Manche Rebsorten schaffen den Sprung über die lokalen Grenzen hinaus, anderen gelingt das nicht, wobei nicht immer klar ist, woran das liegen mag. Spergola hat eine feine Aromatik, die klassisch vergoren an weiße Blüten erinnert. Vinifiziert man auf der Maische kommen oft noch Orangenschalen und Gewürznelkenaromen dazu. Dazu hat sie eine animierende und lebendige Säure, die sie vor allem für Schaum- und Süßweine prädestiniert. Die Grenze der Emilia hat die Sorte trotzdem nie èberschritten – und eigentlich gibt es sie nur rund um Scandiano. Daran hat auch die Tatsache nichts geändert, dass – laut Ian d’Agata – Bianca Capello, einst Großfürstin der Toskana ein bekennender Fan war und auch nicht, dass Matilde von Canossa einst Papst Gregor VII eine Flasche vermachte. All das ist ein wenig schade und macht doch nicht allzu viel aus, denn immerhin gibt es mit Ca’de Noci (die Riserva dei Fratelli gehört definitiv zu den ganz großen Schaumweinen Italiens) und Cinque Campi ein Gespann an Winzern, die seit Jahren das ganze Potenzial der Rebsorte offenlegen – und so viel man hört, auch dafür gesorgt haben, dass die Rebsorte von einer neuen Generation an Winzern wieder zunehmend ausgepflanzt wird (u.a. Denny Bini von La Cipolla)

Best of Spergola

Ca’de Noci: Querciole (frizzante)
Ca’de Noci: Riserva dei Fratelli (spumante)
Ca’de Noci: Notte di Luna (still – Cuvèe aus Moscato, Malvasia & Spergola)
Cinque Campi: Bora Lunga
Cinque Campi: L’Artiglio (spumante)

Ca‘ de Noci: Gheppio 2011

Ca de Noci WeineDie Winter werden wärmer, auch im Apennin. Was für die meisten von uns letztlich Statistik und abstrakter Gesprächsstoff bleibt, hat für Alberto Masini von Ca‘ de Noci eminente Bedeutung und direkte Konsequenzen. Beredtes Beispiel dafür sind ein paar Cabernet-Reben, die statt in der Erde zu wurzeln auf der Terrasse liegen und künftig als Brennholz dienen werden. Der ganze Cabernet Weingarten wurde im letzten Winter Opfer der Scaphoideus titanus, der amerikanischen Rebzikade, die seit neuestem ihr Unwesen auch in Regionen treibt, in der es ihr früher zu kalt gewesen wäre. Warum sich das Insekt ausgerechnet Cabernet Sauvigon für seine Attacken ausgesucht hat und Malbo Gentile, Spergola und Lambrusco in Frieden lässt, steht in den Sternen, Fakt ist jedoch, dass Ca‘ de Nocis exzellenter Gheppio in Zukunft ohne Cabernet auskommen wird.

Der Jahrgang 2011 ist also einer der letzten Möglichkeiten, einen der besten Rotweine der Emilia noch in seiner Ursprungsversion zu trinken. Drei Jahre in alten Holzfässern und ein weiteres Jahr in der Flasche haben langsam aber sicher die Ecken und Kanten, die Cabernet im Verbund mit Malbo Gentile liefert, abgeschliffen, ohne dass dabei jedoch Struktur und Tannin verloren gegangen wären. Farblich ist er dunkel wie die Seele des Scaphoideus titanus, sensorisch kombinieren sich dunkle Beeren mit Unterholz und Erde. Der Körper ist dicht und konzentriert, die Textur saftig. Der Gheppio wirkt trotz zweier grundsätzlich sperriger Rebsorten, offen und lebendig, was u.a. mit der Tatsache zusammenhängt, dass Ca‘ de Noci generell nicht schwefelt, dafür aber auf kerngesundes Traubenmaterial zurückgreift. Potenzial für ein gutes Jahrzehnt ist trotzdem (oder gerade deswegen) vorhanden.

Gheppio

REBSORTEN: Cabernet sauvignon, Malbo gentile und ein paar autochthone Sorten
WEINGÄRTEN:  15 Jahre alte Reben auf Kalk-Ton Böden – Ertrag ca. 3000 kg/ha
VINIFIKATION: wilde Hefen, 12 Tage Mazeration
AUSBAU: 36 Monate in alten Holzfässern (auf der Feinhefe)
Alkohol: 14,5%
ungeschwefelt

solfiti naturali attesi inferiori a 30 mg/l

Novaia, das Weingut von Marcello Vaona und seiner Cousine Cristina, schlägt einen gelungenen Spagat zwischen vitikultureller Moderne und Tradition. Wobei der erste Eindruck ganz auf Vergangenheit gepolt ist, was vor allem an dem beeindruckenden alten Gemäuer liegt, in dem sich früher das ganze Weingut befand und heute das Lager und der Verkostungsraum untergebracht sind.

Die Villa stammt aus dem 15. Jahrhundert, die Familie von Marcello und Cristina hat sich im 18. Jahrhundert in Marano niedergelassen: das kleine Dorf ist eine der kühlsten Ecken im Valpolicella, dass hier auf bis zu 500 Meter ansteigt und aufgrund der kühlen Nächte und der frischen Winde, die aus den Monte Lessini durchblasen, ideale Bedingungen für strukturierte Weine bietet.

Der erste Vaona, der das erkannte, war Paolo, der Ende des 19. Jahrhunderts damit begann, seine Weingärten mit Corvina & Corvinone, Oseleta, Molinara, Rondinella und Turchetta vollzupflanzen. Damals noch in der traditionellen Pergola Veronese, die später teilweise von seinen Enkeln, Cesare und Gianpaolo, den Eltern der heutigen Besitzer durch moderne Guyot-Erziehungen ersetzt wurde.

Trotz des sukzessive wachsenden Erfolges dehnten die Vaonas die Rebflächen nie sonderlich aus. Man setzte auf die Familie und beließ es bei sieben Hektar. Die drei Crus, aus denen Marcello und Cristina ihre Lagenamarone keltern, befinden sich allesamt in unmittelbarer Umgebung des Weinguts – und weisen dabei doch völlig unterschiedliche mikroklimatische und geologische Charakteristika auf. Folgerichtig keltert man auch drei unterschiedliche Weinstile von den drei Lagen, wobei Le Balze, der kalkreichste der drei Weingärten, dem Amarone gewidmet ist. Erfreulich und gleichzeitig erstaunlich ist die Tatsache, dass man auch dem oft geschmähte Valpolicella mit der vulkanisch geprägte Riede I Cantoni eine singuläre Lage widmet und diese auch separat vinifiziert. Der dritte Cru, Le Novaje, ist für Recioto reserviert, der – wie so oft im Valpolicella – zwar einer der großen Weine des Weinguts istund doch, aufgrund seiner Süße, von niemanden gekauft wird (was Marcello zwar bedauert, andererseits aber auch meint, dass man ohnehin so wenig davon produziert, dass er auch so, bei Familienfesten und Feiern, ausgetrunken wird.)

Die große Zäsur, die von der bisher letzten Generation der Vaona-Familie getätigt wurde, war die konsequente und kompromisslose Umstellung auf biologischen Weinbau, den man (Marcello ist treibende Kraft des Veroneser Vereins TerraViva) auch zunehmend in der Umgebung zu propagieren versucht und der Bau eines modernen und ausladenden Kellers, in dem man auch ausreichend Platz für die diversen Trocknungsprozesse der Trauben hat.

Neben den drei Einzellagen vinifiziert Novaia auch noch einen einfachen Valpolicella, der jede Pasta aufwertet. Einen strukturierten, lebhaften aber doch profunden Ripasso, der viel Frucht mit noch mehr Würze vereint. Und den Corte Vaona, einen Amarone, dessen Trauben aus den unterschiedlichsten Weingärten von Novaia stammen und der zwar nicht die Konzentration und Intensität des Le Balze teilt, dafür mehr Trinkfluss besitzt.

I Clivi ist ein relativ neues Projekt auf alter Erde. Als Ferdinando Zanusso und sein Sohn Mario 1994 beschlossen sich in den Colli Orientali niederzulassen, bekamen sie mit einem prächtigen Steinhaus auch gleich noch acht Hektar Weingärten dazu, die das Anwesen umgeben. Die Konsequenzen waren weitreichend.

Schnell stellten die beiden fest, dass die Rebstöcke (vor allemTokai, Malvasia, Verduzzo und MerlotRibolla setzte er später selbst dazu) steinalt (bis zu 80 Jahre) und nebenbei in guter Verfassung waren. Damit sich das nicht änderte, im Gegenteil das natürliche Gleichgewicht für die Stöcke sich zusätzlich verbessern würde, stellten sie sofort auf biologischen Weinbau um und entwickelten sehr früh ein gedankliches Fundament für die Konzeption ihr Weine. Dabei ging es ihnen von Anfang um die Spiegelung einer jahrhundertealten Weinbautradition, die seit jeher den Collio entscheidend prägte. Um das Terroir so sprechen zu lassen, wie sie sich das vorstellten, minimierten sie die ohnehin durch die alten Rebstöcke niedrigen Erträge (selten mehr als 2000 kg/Hektar), verzichteten auf jede Form chemischer Spritzmittel, und setzten dafür naheliegenderweise auf wilde Hefestämme bzw. Spontanvergärung, Minimalstintervention und vor allem viel Zeit. Ihre Weine liegen normalerweise zwei Jahre auf der Feinhefe im Edelstahltank (er möchte keinen „manipulierenden“ Holzeinfluss), wo sie in aller Ruhe ihre Aromaketten bilden und sonst nichts tun. Geschönt wird nicht, gefiltert genauso wenig, jegliche Art von Additiva mit Ausnahme einer Minimenge SO₂ sind verpönt.

Nachdem Ferdinando und Mario erste erfolgreiche Schritte in ihren Weingärten in Brazzano di Cormons gesetzt hatten, kamen noch ein paar Hektar in Corno di Rossazo dazu, die zwar nur ein paar Kilometer Luftlinie entfernt sind und doch ganz andere Weine liefern – es ist kühler und steiler dort oben und das wirkt sich auch auf die 70-Jahre alten Tokai-Stöcke aus, von denen Mario meint, dass ihre aromatische Basis vor allem auf Lakritze und Petrol beruht während die Weine in den Colli Oriental Anis und Kräuter vermitteln. Allen gemein ist allerdings extremePräzision, Klarheit, eine natürliche Dichte (zwei Jahre auf der Hefe) und Bekömmlichkeit, die Ferdinandos und Marios Intention optimaler Essensbegleiter absolut gerecht werden.

brazanI CLIVI FRIULANO BRAZAN: Der Friulano (Tocai) Brazan stammt von der gleichnamigen drei Hektar großen Riede, die sich zwar nur ein paar Kilometer vom Weingut aber doch in einer anderen Weinbauregion – dem Collio – befindet. Laut Mario Zanussi gibt es keine geologischen, sehr wohl allerdings klimatische Unterschiede zu seiner anderen Lage, Galea, die sich rund um das Weingut im Collio Orientale del Friuli befindet. Fundament für beide ist Flysch, ein marines Sedimentgestein, das – so zumindest meine Vermutung – ein wesentlicher Grund für die strenge und geradlinige Textur ist. Asketisch sind beide Weine, wobei der Brazan in Sachen Kühle, Präzision und Klarheit Alleinsteinungsstatus genießt (nicht nur gegenüber dem Galea sondern gegenüber allen friulanischen Weinen, die ich kenne). Die Nase suggeriert Kräuter, Gras, Koriander, weißer Pfeffer und Kreide, alles Mögliche, nur keine Frucht. Die kann man auch am Gaumen lange suchen und eventuell wird man am Ende auch ein paar Grapefruit – und Zitrusnoten wahrnehmen. Die Textur ist direkt, dynamisch und druckvoll, das Aromaprofil subtil und komplex. Wer auf der Suche nach mineralischen Weinen ist, wird definitiv fündig. Der Körper vermittelt Leichtigkeit ohne dabei schlank zu sein, der Abgang ist lang, kühl und stringent. Das Potenzial ist, trotz stets niedriger Gradation, mit Sicherheit enorm.

Maurizio Donadi war einmal ein junger talentierter Önologe. Heute ist er noch immer ziemlich jung, talentiert sowieso, nur den Önologen hat er über Bord geworfen. Es hat einige Zeit gedauert, um sich der Dogmen zu entledigen, die man ihm über Jahre hinweg eingetrichtert hat. Auslöser für seine Metamorphose war ein halbtägiger Lehrgang  über biodynamische Landwirtschaft, ein weiteres Schlüsselerlebnis seine konsultative Tätigkeit für Alessandro Sgaravatti vom Castello di Lispida, wo biodynamischer Weinbau mit den Methoden Masanobu Fukuokas kombiniert wird, was in wenigen Worten darauf hinausläuft, dass der Natur das erste und letzte Wort überlassen wird.

Er adaptierte diese Methoden auf eine Handvoll alter Familien-Weingärten, deren Überreste er in San Polo di Piave langsam wieder rekultivierte und begann dort Weine zu keltern, die zwar jeder Lehrmeinung widersprechen (er nennt sie önologische Katastrophen), dafür extrem gut schmecken. Ein paar Kilometer südlich des Prosecco-Kernlandes gelegen, nahm er sich eines Weinstils an, bei dem Lehrmeinungen ohnehin schonungslos demonstieren, was passiert, wenn man ihnen blind folgt, und interpretierte ihn völlig neu.

Sein erster Wein war naheliegenderweise ein Prosecco, Methode ancestral, und wie der Name schon andeutet, meilenweit von den Autoenklaven der regionalen Industrieproduktion entfernt. Das führt – da der Wein nicht degorgiert wird und sich die Hefen letzten Endes am Flaschengrund wiederfinden (colfòndo) – zwar zu einer für alle sichtbaren Trübung, doch eben auch zu einem einladenden Aromaprofil (Äpfel, weiße Blüten) , das man in den gängigen Prosecchi der Region lange suchen kann.

Maurizios großes Meisterwerk und der zurzeit vielleicht beste Prosecco überhaupt ist sein Prosecco Anfora, den er in kleinen Mengen in großen Flaschen abfüllt – es gibt ihn nur in Magnums, was dezent darauf verweist, dass man ihn reifen lassen sollte. 15 Tage auf der Maische in einer 4000 Liter Amphore bilden die Basis, danach wird gepresst und in kleinen Amphoren ausgebaut. Der Rest läuft wie schoon beim Prosecco colfòndo ab, das Resultat ist allerdings um einiges profunder: neben Blüten, Salz, Brot und Zitrusfrüchten hat man es vor allem mit einer Textur zu tun, die dicht, konzentriert und saftig ist und mächtig Druck in Richtung Gaumen macht.

Neben den beiden weißen Schaumweinen, gibt es auch noch – der Tradition des Piave folgend – eine rote Version, die zu hundert Prozent auf Raboso beruht. Blüten und rote Frucht kontern dabei einer der Rebsorte immanenten Säure, die sie für Schaumweine prädestiniert und sie zudem zu einem exzellenten Essensbegleiter rustikaler Gerichte macht. Abgerundet wird das sprudelnde Repertoire von einem simplen Rosso, der dank fünfzigprozentigem Cabernet Sauvignon Anteil Kräuter- und Johannisbeeren in den Aromatalon beisteuert, der zudem von den klassischen Blütennoten des Raboso geprägt ist (die anderen fünfzig Prozent).

Ciliegiolo mit Zweigelt zu vergleichen ist natürlich schon deswegen ungerecht, weil keine Rebsorte gerne mit Zweigelt verglichen wird. Zum anderen natürlich auch, weil Ciliegiolo auf das Konto der Natur geht und nicht auf das eines ideologisch halbseidenen Professors, der auch noch die Unverfrorenheit besaß, seiner Kreuzung auch seinen Namen zu geben. Andererseits: wie hätten die alten Ostarrichis wohl Zweigelt genannt, wenn sich St.Laurent und Blaufränkisch in freier Wildbahn gefunden hätten? Sie hätten die Trauben gekeltert, ihre Nasen reingehängt und während die meisten vermutlich darüber diskutiert hätten, wie schade es sei, dass erst in ferner Zukunft Reinzuchthefen und Sterilfilter erfunden werden würden, hätte ein unverschämter Traditionalist eventuell in lässigem althochdeutsch CHIRSA gerufen und damit die Kirsche und folglich die Ciliegia gemeint. Womit ein erster, komplizierter Kreis geschlossen ist.
Abgesehen von den Aromen tauchen noch weitere Parallelen auf, die den Vergleich zumindest rechtfertigen. Beide Sorten sind dunkelfarbig und werden gerne in Cuvées als Farbgeber verwendet. Beide neigen zu üppiger Produktion, weshalb gut wasserdurchlässige Böden und alte Rebstöcke (mit ihren zwangsläufig niedrigeren Erträgen) für richtig gute Qualitäten fast eine Grundvoraussetzung darstellen. Die Säure hält sich bei beiden in Grenzen, weshalb sich bei beiden kühle Lagen durchaus positiv auswirken können. Und letztlich – auch wenn man das bei beiden Rebsorten lange kaum für möglich hielt – liefern beide in den richtigen Händen, richtig gute Weine.
Dem Ciliegiolo dichtete man lange Zeit die Legende an, dass ihn Pilger aus Santiago di Campostella in die Toskana gebracht hätten und lässt man Legenden lange genug leben, werden sie auch irgendwann zur Wahrheit, weshalb dem Ciliegiolo auch heute noch in manchen Teilen der Toskana das Attribut di Spagna angehängt wird. Seine eigentlich Heimat scheint jedoch in der Maremma zu liegen, ein Elternteil dürfte Sangiovese sein (über die Parallelen zwischen Blaufränkisch und Sangiovese könnte man auch einmal nachdenken). Während in der Küstenebene eher üppige und verwaschene Interpretationen gekeltert werden (und seit den 80er Jahren auch zunehmend verschwinden), sind die Versionen aus den gleich darauf anschließenden, Hügeln extrem spannend. Die Frucht wird immer präziser und klarer, die Struktur dynamischer und frischer und das Tannin griffiger. Zudem gesellen sich florale Noten und eine feine Würze, die mit den Jahren immer dominanter wird. Und auch wenn Ciliegiolo hauptsächlich als Partner für den Sangiovese herhalten muss, gibt es in der Zwischenzeit auch ein paar wenige reinsortige Varianten, die man unbedingt ausprobieren sollte.

Ganz grossartig  sind der San Lorenzo von Sassotondo (bio) und den Ciliegiolo von La Busattina (biodynamisch).
Den Sassotondo gibt es u.a. bei http://www.il-vinaio.de/ und www.elceller24.de

den La Busattina Ciliegiolo gibt es bei La Busattina

antonio perrinoRossese ist sensibel, filigran, subtil und hat einen Körper wie ein tuberkulöser Intellektueller. Ihre Farbe ist so transparent wie Kontaktlinsen und heller als Blut, nach ein paar Jahren wechselt sie in ein rostfarbenes Orange. Sie altert miserabel, oxidiert viel zu schnell und macht nur Arbeit. Dass es insgesamt also nur knapp 80 ha davon gibt, ist nachvollziehbar. Dass daraus trotzdem ein paar der besten italienischen Rotweine Italiens gekeltert werden, ist zumindest erklärungsbedürftig.

Rossese spiegelt wie kaum eine andere Sorte ihr Terroir (puuuuh aber stimmt halt). Und das ist mehr als spektakulär. Die 80 ha Rebfläche, die kurz nach dem Krieg angeblich noch bei 600-700 ha lag, befindet sich ausschließlich in den Steilhägen Westligurien, nahe der Grenze zu Frankreich. Das Meer ist stets in Sichtweite, doch mag der Rossese, wie könnte es anders sein, das Meer und sein Klima nicht. Er mag es alpin, besser gesagt, subalpin. Alles was über 600 Meter hoch ist, lässt ihn schwindeln. Zwischen 400 und 599 Meter fühlt er sich wohl und ist dieses Kriterium erst mal erfüllt und ist der Boden dann auch noch ein gut wasserdurchlässiges Kalk-Sand-Gemisch, wird es richtig spannend. Dann kann man sukzessive in eine Welt eintauchen, die Salz und Steine miteinander kombiniert und in guten Momenten auch noch Rosen, Preiselbeeren, Erdbeeren und mediterrane Kräuter dazuaddiert. Die Tannine sind generell weich, die Säure ist es nicht. Aber sie ist halt auch nicht unangenehm, sondern genau in dem Ausmaß vorhanden, dass sie den Weinen ihren ganz elementaren Kick mit auf den Weg geben. Wer beizeiten an guten Pinot denkt, braucht sich nicht zu schämen.

Gepflanzt wurde Rossese angeblich schon von den Griechen. Oder von den Etruskern. Ganz sicher ist man sich diesbezüglich eigentlich überhaupt nicht. Und um die Sache noch zusätzlich zu verkomplizieren, habe ein paar Ampelologen vor ein paar Jahren rausgefunden, dass sich die Rossese die ihre DNA mit der provencalischen Tibouren teilt. Sie könnte folglich auch aus Frankreich eingewandert sein.

Nicht ganz so wackelig scheint das Terrain bezüglich der historischen Anhängerschaft des Rossese zu sein. Andrea Doria, der legendäre genuesische Kapitän, nach dem in späteren Jahren Italiens Version der Titanic (dasselbe Schicksal) benannt wurde, motivierte damit seine Truppe, Papst Paul III versüßte sich nach eigenen Worten den Lebensabend damit und Napoleon schickte vorsichtshalber ein paar Fässer davon in seine bevorzugten Pariser Tavernen. Die haben auch heutzutage wieder ein paar Exemplare davon eingebunkert.

Rossese ist zwar Tibouren, allerdings ist Rossese nicht unbedingt gleich Rossese. Die oben angesprochene Diva ist Rossese di Dolceacqua, es gibt aber auch noch die Rossese di Campochiesa, die allerdings sowohl morphologisch wie auch sensorisch ziemliche Unterschiede aufweist und mit dem Rossese di Dolceacqua nicht mithalten kann. Dann gibt es sinnigerweise auch noch eine weiße Version, Rossese Bianco, eine Mutation und ein nettes Oxymoron, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe, wie sie schmeckt.

Wer richtig guten – den besten – Rossese trinken will, sollte sich an Antonio Perrinos Testalongainterpretation versuchen. Rossese di Dolceacqua ist zwar keine ONE-MAN-BAND, allerdings setzt Antonio Maßstäbe, an denen sich alle anderen bisher abarbeiten. Antonio hat 50 Jahre Erfahrung in den mitunter steilsten Lagen Liguriens in den Knochen und das schmeckt man. Salz & Steine, Steine & Salz und dazwischen Pfeffer, Thymian, rote Beeren, eine lebendige aber extrem feine und filigrane Textur, Trinkfluss und eine unglaubliche Länge. Dekantieren sollte man nicht, da zu viel Luft ausnahmsweise eher schadet.

Abgesehen von Antonios 110 Punkte-Wein (den man übrigens bei vinonudo in Wien für knapp €20 bekommt) sollte man sich auch noch über folgende Rossese di Dolceacqua hermachen, die allerdings derzeit im deutschsprachigen Raum noch unauffindbar sind:

 

Tenuta Selvadolce (ebenfalls fantastisch, biodynamisch)

Danila Pisano (bio)

BioVio (bio)

Ein Grund, warum auf der Maische vergorene Weißweine (vulgo Oräntschwains) so richtig Spaß machen können, ist der, dass sie Rebsorten ins Rampenlicht rücken, die davor ein paar Lichtjahre davon entfernt standen. Malvasia beispielsweise und Grauburgunder  und für Traminer aller Art sollte man eine Maischestandzeit überhaupt verpflichtend einführen.

Schaut man über die Kärntner Grenzen ins Friaul & nach Slowenien gibt es noch ein paar Sorten mehr, die weiß so interessant sind wie eine Kricketmatch, orange jedoch adäquate Begleiter durch eine Arsenalpartie abgeben würden.

Tokaj Friulano beispielsweise, der aber – den Raunzerei der Ungarn sei Dank – heute nicht mehr so heißen darf. Wobei schon Goethe mit ihm anstieß und man erstmal das Ungarische mit dem Italienischen verwechseln muss – aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, weshalb die EU eine ihre essentiellsten Entscheidungen zugunsten der Ungarn gefällt hat.

Egal. Jetzt heißt der Tokaj eben nur noch Friulano oder manchmal auch Jakot, was von rechts nach links gelesen wiederum Tokaj ergibt (sollte sich die Einwohner des Veltlins, die Veltliner, irgendwann durchringen und gegen die Verwechslungsgefahr mit dem Grünen Veltliner klagen, wären die adaptierten Lösungsvarianten entweder VG oder Reniltlev Renürg oder eben Weinviertel DAC – in Österreich denkt man voraus).

Jakot/Friulano/T…i ist in seiner weißen Variante in den meisten Fällen ein mittelgewichtiger Langweiler, der immerhin Kräutern den Vorzug gegenüber allzu viel Frucht gibt. Das passt ganz gut zu Fisch und sitzt man gerade in Grado und hat nichts Besseres zu tun, macht man nichts falsch, wenn man beides kombiniert. Man könnte freilich auch ins Auto steigen und zu Stanko Radikon, Dario Princic, Franco Terpin, Aleks Klinec, Ronco Severo oder Nando aufbrechen und Jakot probieren, wie ihn reife, mazerierte, spontan vergorene bisweilen auf der Maische vergorene Trauben ergeben, die sich über Jahre im Holzfass ausbalanciert und Aromen akkumuliert haben, in denen sich zwar auch ein paar Kräuter aber auch erdige, fruchtige, fleischige und jedenfalls & immer immens saftige Noten gefunden haben.Hat man solche erstmal probiert, ist die Idee mit dem Fisch in Grado allerdings für immer gestorben.

Mazerierte Jakot haben nichts mit ihren weißen Brüdern zu tun und dringen in Welten vor, die davor eben ein paar Lichtjahre entfernt lagen. Abgesehen von ihrer Farbe stellen sie auch in punkto Gerbstoff, Säure, Aromen, Dichte, Lebendigkeit und Lebensdauer jeweils positive Kontrapunkte dar und wer bisher die Finger davon gelassen hat, sollte das schleunigst nachholen. Fulminant waren in den letzten Wochen vor allem der Jakot von Stanko Radikon(Friaul) – trotz seiner 8-jährigen Ausbauzeit lebendig, jugendlich und frisch wie der Charakter des Winzers und der Jakot von Aleks Klinec (Slowenien), der – substantiell, kraftvoll, dicht & engmaschig – zwar gerbstoffmäßig keine Kompromisse eingeht aber auch nicht für Kinder gekeltert wurde.

Mit ein Grund, warum sich Goethe in Sizilien so wohl fühlte, ist neben den Zitronen (kennst du das Land, wo die Zitronen blühn…) und Orangen (… im dunklen Laub die Gold-Orangen glühn uswusf) eventuell dem Inzolia zuzuschreiben. Angeblich war der Dichterfürst der Rebsorte während seiner sizilianischen Episode alles andere als abgeneigt, in welcher Version er ihn auch getrunken haben mag – zur Auswahl standen damals klassisch weiße Versionen und Marsala, dessen Geburtsstunde 1773 schlug und in dem Inzolia einen nicht unbedeutenden Part spielt. Inzolia ist ebenfalls ein Kind Siziliens, doch hat sich die Rebsorte teils anonym teils synonym auch über andere Inselwelten Italiens ausgebreitet – zuerst war es Sardinien (Ansonica), später dann Elba (Ansonica) und Giglio, wo heute die vermutlich spektakulärste Version eines „Ansonaco“ gekeltert wird (Altura-Carfagna)).

Auch an der toskanischen Küste hat Ansonica/Inzolia eine zweite Heimat gefunden, wobei sich speziell im Val di Cornia ein paar exzellente Beispiele finden. In den letzten Jahren hat Ansonica/Inzolia zunehmend für Furore gesorgt, was vor allem mit seinen maischevergorenen Versionen zu tun hat. Die Rebsorte hat generell wenig Säure und musste – um sie frisch und lebendig in die Flasche zu kriegen – meistens vor der physiologischen Reife gelesen werden. Mazeriert man den Wein schafft man ein zusätzliches strukturgebendes Element und kann folglich auf die perfekte Reife der Sorte warten. Tut man das bekommt man zum ein Potpourri aus verschiedensten Aromen (von Kräuter über Mandeln bis Steinobst) und Weine, denen es weder an Körper noch an Trinkfluss und Struktur mangelt.

Hard Core. Malbo Gentile gehört zu der illustren Runde an Rebsorte, die eine Schale haben, die auch als Baumrinde durchgehen könnten (Malvasia di Candia Aromatica, Aglianico und natürlich auch Nebbiolo sind ein paar mehr). Woher das gentile (freundlich, nett) im Namen stammt, steht in den Sternen, aber es gab ja auch Claudio Gentile (der Eisenfuß von Juventus) und der strafte seinen Namen auch Lügen.

Malbo Gentile ist eine alte Sorte, die doch erst in jüngster Zeit langsam wieder Fuß fasst. Zwar gibt es Aufzeichnungen über ihren Anbau aus dem 18. Jahrhundert, doch verschwand sie danach völlig von der Bildfläche, ehe sie 1960 im Istituto di Stato per l’agricoltora e l’Ambiente – Persolino wiederentdeckt wurde.

Hinter einem verdreckten alten Schild mit dem Namen „Amabile di Genova“ (ein weiterer Euphemismus) fand sich eine Sorte, die sich nach genauerer Überprüfung als Malbo Gentile herausstellen sollte. Es vergingen weitere 30 Jahre, ehe man eine erste Vinifikationen mit getrockneten Trauben durchführte und feststellte, dass sich hinter der Sorte immenses Potenzial befand. Danach ging es zwar nicht Schlag auf Schlag, doch fanden sich immerhin eine Handvoll Winzer, die sich an der Rebe probieren wollten und zwar sowohl in der Emilia wie in der Romagna (insgesamt gibt es heute 10 ha), wobei sich schnell herausstellte, dass sich die Rebsorte in den beiden Regionen am Stock völlig unterschiedlich entwickelte. Üppig und dicht in der Emilia, rachitisch und lose in der Romagna. Ian d’Agata, Verfasser der italienischen Rebsortenbibel Native Grapes of Italy (die wirklich jeder, der sich nur irgendwie für Wein, Italien oder beides interessiert, besitzen sollte) führt das auf die unterschiedlichen Böden zurück, die in der Emilia üppig und fruchtbar und in der Romagna karg und kalkig sind. Resistent und robust ist sie da wie dort. Als es 2002 vom Sommer bis in den Herbst hinein in Strömen regnete, faulten sämtliche Weingärten weg, einzig die mit Malbo bestockten, fühlten sich selbst im Regen wohl.

Neben immensem Tannin hat die Rebsorte auch ordentliche Säure und definiert sich vor allem über dunkle Aromen. Die Voraussetzungen für eine große Sorte sind folglich vorhanden, wobei es in letzter Instanz dann vor allem um die Handschrift des Winzers geht. Vergärt man temperaturunkontrolliert und lässt somit eine volle Extraktion der Gerbstoffe zu oder greift man vorsichtshalber ein. Wie lange lässt man den Wein in Kontakt mit den Schalen und welche Gebinde wählt man? Fragen, die glücklicherweise völlig unterschiedlich beantwortet werden und folglich eine erstaunliche Bandbreite an Stilen offerieren. Jenseits reinsortiger Vinifikationen gibt es gerade in der Emilia auch einige exzellente Lambruschi, die durch ein paar Prozent Malbo immens an Struktur, Saftigkeit und Gerbstoff gewinnen.

Die besten:

Vittorio Graziano: Sassocuro (ein Monument, dunkel, dicht & steinig und doch mit einem immensen Trinkfluss versehen. Kostet ab Hof um die € 15 – rar; wo es ihn sonst noch gibt, weiß ich nicht)

Cinque Campi: Le Marcone (dunkel, pfeffrig, offen und unheimlich vital – der zugänglichste Malbo, den ich kenne – in Wien, in der Casa Caria erhältlich)

Denny Bini La Cipolla: Grecale 45 (ordentlich Gerbstoff aber auch viel Frucht, intensiv und kraftvoll – Ausbau im Stahl)

Vigne dei Boschi: Settepievi (eine Herausforderung. Hier wird der Sorte ihr ganzes Potenzial entlockt. Schwierig, da der Gerbstoff ordentlich Dampf macht. Warten wird wohl das Beste sein.)

 

Daneben lohnen sich die Lambruschi (mit ein wenig Malbo) von La Collina (Fermente – super), Denny Bini, Cinque Campi & Vittorio Graziano.

Filippo Filippi bei der Garganegalese

Filippo Filippi bei der Garganegalese

In Italien gibt die Region den Protagonisten und die Rebsorte ist lediglich Bestandteil des restlichen Ensembles. Ruhm und Renomèe gebühren folglich vor allem Barolo und Montalcino und nicht Nebbiolo und Sangiovese, die ihren Part allerdings meist exzellent spielen.

Manchmal ist es aber auch besser sich als Sorte hinter einer Region verstecken zu können, vor allem dann, wenn die Region unter Weinkritikern ungefähr denselben Ruf genießt wie Ed Wood unter Filmkritikern. Setzt man einem Kenner des Fachs einen Soave vor, kann man sich fast sicher sein, dass er das als Affront auffassen wird – Ausnahmen bestätigen freilich die Regel. Schenkt man dagegen Garganega ein, wird er eventuell sogar Interesse heucheln, da man unbekannten Dingen zumindest kurzfristig Aufmerksamkeit schenken sollte, bevor man über sie herzieht. Nun ist Soave eben immer auch Garganega, meist zu 100% und wer sich die Mühe macht, sich durch das erstaunlich breite Repertoire der Lagensoaves (der alten Kernzone des Soave) zu trinken, wird schnell feststellen, dass das keine Mühe macht und erst recht kein Affront ist. Guten Winzern und der Garganega sei Dank – die sollte man halt möglichst nicht in die fruchtbare Ebene setzen, kunstdüngen, totspritzen und 15000 Kilo Ertrag/Hektar davon erwarten (was leider viel zu oft getan wurde), sondern in vulkanische oder Kalkböden und mit 10000 Kilo weniger Ertrag rechnen. Tut man das und verfügt man nebenbei noch über alte Rebstöcke – was gerade in der klassischen 1000 Hektar umfassenden Kernzone über Soave oft der Fall ist – bekommt man Qualitäten in die Flasche, die nicht nur verblüffen sondern auch verdeutlichen, warum das Soave vor nicht einmal 70 Jahren als Chablis Italiens bezeichnet wurde.

Garganega reift spät und je höher oben man sich befindet desto später wird es. Lange Vegetationsphasen bauen zusätzliche Aromen auf, hinzu kommt ein natürlicher Säuregehalt, der näher am Riesling als am Veltliner liegt. In Italien ist man sich zumindest in Winzerkreisen über die Qualitäten der Sorte im klaren, weshalb sie nicht nur in Soave sondern auch in Gambellara und im Bianco di Custoza die erste Geige spielt. In Sizilien fungiert die Garganega als Grecanico und hat dabei durchaus Bedeutung – gleich vier Appellationen (Alcamo, Delia Nivolelli, Contessa Entellina und Contea di Scalafani) probieren das beste aus der Sorte rauszuholen.

Soave classico wird für gewöhnlich im Edelstahl oder Zementzisternen ausgebaut, die gehaltvolleren Lagenvarianten landen ganz gerne in gebrauchten Holzfässern. Ernsthafte Soave reifen zudem blendend und sollten – will man wirklich der Essenz der Weine nahekommen für 5-7 Jahre (je nach Jahrgang) weggelegt werden. Für die Interpretationen aus Gambellara gilt übrigens Gleiches, wobei dort noch ein paar exzellente maischevergorene Versionen hinzukommen (Maule, Spillare), die zeigen, dass ein wenig Gerbstoff der Sorte zusätzliche Dimensionen (und Aromen) verleihen kann. In beiden Orten – den Hochburgen der Sorte – wird übrigens auch Recioto, eine Süßweinvariante aus traditionellerweise im Wind getrockneten Trauben hergestellt.

Garganega sind ihrer miesen Reputation wegen viel zu billig.

10 Garganega, die man probieren sollte.

Cantina Filippi: Castelcerino (Soave)

Cantina Filippi: Vigne di Bra (Soave)

Corte Zanuso: Soave classico

La Capuccina: San Brizio (Soave)

Balestri Valda: Sengialta (Soave)

Suavia: Monte Carbonare (Soave)

La Biancara: Pico (Gambellara)

La Biancara: Sassaia (Gambellara)

Davide Spillare: Bianco Rugoli Vecchie Vigne (Gambellara)

Giovanni Menti: Monte del Cuco (Gambellara)

Italien verfügt zwar über ein fast unerschöpfliches Reservoir an Rebsorten, es gibt allerdings schon Gründe, warum manche kaum noch vorhanden, andere dagegen omnipräsent sind. Sangiovese war und ist die am häufigsten angebaute Rebsorte in Italien und auch wenn sie ursprünglich angeblich aus der Romagna stammt, steht sie doch quasi synonym für die besten Weine der Toskana. Jenseits ihrer eminenten regionalen Unterschiede gibt es einige Attribute, die der Sorte immanent sind. Sangiovese ist sensibel. Zu viel Hitze mag sie nicht, regnen sollte es allerdings ebenfalls möglich wenig. Anders als Merlot, den man in jeden Kartoffelacker setzen kann, sofern sich darin genug Ton befindet, wurzelt Sangiovese am liebsten in der Höhe und in Kalk. Für die Winzer sind das nicht die einzigen Schwierigkeiten, die sich auftun können.

sangiovese (1)Sangiovese treibt früh aus, ist folglich spätfrostgefährdet und trägt generell, wenn man nicht entscheidende vitikulturelle Maßnahmen setzt, viel zu viel Trauben. Das dürfte wohl auch der ganz wesentliche Grund gewesen sein, warum Sangiovese erst sehr spät in der Riege der besten Sorten akzeptiert wurde. Lange wurde – anstatt die Quantitäten runterzufahren – zudem versucht, die unreifen Ecken und grünen Kanten durch die Beigabe anderer Rebsorten zu glätten. Erst hatte man die verwegene Idee, dass mit dem weißen Trebbiano hinzuschustern, später dann (und leider bis heute viel zu oft) sollten Cabernet und vor allem Merlot der Sorte ihre Rustikalität austreiben. Die rührte jenseits der gerade erwähnten Ertragsexplosionen oft auch von dem Umstand her, dass Sangiovese zuckermäßig genau dann perfekte Reife erreicht, wenn sie in Sachen Phenole noch nicht so weit ist.

Eine weitere Grundkonstante ist die grundsätzlich packende Säure, die – hat man sie denn im Griff – ein grundlegend positives Charakteristikum der Sorte ist. Sie trägt die (möglichst) filigranen Aromen weit über den Gaumen und sorgt dafür, dass sich Sangiovese nicht nur schluck- sondern glas- und in idealen Fällen auch kübelweise trinken lässt. Die fette Küche der Hügel puffert sie außerdem und zu guter Letzt sorgt sie im Verbund mit den nicht zu knappen Gerbstoffen dafür, dass sie in guten Jahren (und in den Händen guter Winzer) blendend reift. Zumindest meistens. Das Terroir spielt schon auch noch eine Rolle und das ist in der Toskana beim besten Willen nicht überall gleich ist und zeitigt reichlich unterschiedliche Ergebnisse.

Am schwierigsten sind die Bedingungen in der Maremma. In der Gegend um Scansano aber auch um Bolgheri  tendiert Sangiovese dazu zuviel Zucker und folglich auch zuviel Alkohol zu akkumulieren. Die Tatsache, dass man ihn gerade in diesen beiden Ecken gerne cuvetiert (Merlot) und nebenbei auch noch ins kleine Holzfass steckt, macht die Sache nicht leichtfüßiger und radiert zudem die subtilen Aromen aus. Sangiovese ist definitiv eine Sorte, die in großen Fässern ihre besten Beispiele hervorbringt. Essentiell sind zudem möglichst kühle Nächte und ein langer Herbst, der die Feinheit der Aromen und die Lebendigkeit der Säure betont. Montalcino ist prinzipiell eine solche Ecke und die Tatsache, dass man die Brunelli erstmal vier Jahre ins Fass (möglichst groß) steckt, fördert zusätzlich die Eleganz. Auch in den Hügeln und Tälern, die sich vom Tyrrhenischen Meer in Richtung Osten ziehen, passen die Bedingungen meist, während im Chianti viel von den Expositionen und Mikroklimata abhängt.

Grundsätzlich sollte man in keinem vinophilen Keller Sangiovese missen und weil ich mich gerade in den letzten Wochen einigermaßen engagiert durch die Sorte getrunken haben, anbei 10 Sangiovese, die ich gerne wieder hätte. Die Reihenfolge ist willkürlich, alle 10 lohnen sich und da es langweilig ist 8 Brunelli zu listen und man auch nicht jeden Tag 50 Euro für einen Wein ausgeben sollte, sind auch günstigere Varianten aus weniger bekannten Regionen gelistet (wobei die Jahrgänge 08, 10 und 13 diejenigen Weintrinken begünstigt, die es lieber straff, elegant und lebendig haben, während 09, 11 und 12 diejenigen zufriedenstellen sollte, die es gerne üppig, kräftig und weich haben.)

Le Boncie: Le Trame (Chianti)
Le Chiuse: Brunello di Montalcino
Al Podere di Rosa: Chiesino (Colli Lucchesi)
Massavecchia: La Querciola (Maremma)
Fabbrica di San Martino: Rosso (Colli Lucchesi)
I Mandorli: Vigna del Sughero (Suvereto)
Bacchereto: Terre a Mano (Carmignano)
Campi Nuovi: Montecucco Sangiovese (Montecucco)
La Busattina: Tettereetee (Maremma)
Stella di Campalto: Rosso di Montalcino
Montesecondo: Tin, Rosso Anfora (Chianti)


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