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Sergio Arcuri
Via Roma Vico III, 3
Cirò Marina, Calabria
Tel: 328 0250 255
http://www.vinicirosergioarcuri.it
info@vinicirosergioarcuri.it

Geschichte: Das Weingut von Sergio Arcuri mag zwar jung sein, Weinbau auf seinen 4 Hektar Rebflächen wird allerdings schon seit 1880 betrieben. Damals pflanzte sein Urgroßvater Peppe die ersten Gaglioppostöcke in den Sand von Cirò, dem steinalten Mittelpunkt kalabresischer Weinkultur. Sechs Jahrzehnte lang kümmerte sich Peppe um seine Reben, in seinen letzten Lebensjahren oft begleitet von seinem Enkel Peppe II., dem Vater von Sergio. Peppe II. blieb dem Weinbau treu, anfangs jedoch nicht als Winzer sondern als „INNESTATORE“ – als Veredler. Er pfropfte im ganzen Land Edelreiser auf Unterlagsreben, „hunderte Hektar“, meint Sergio, ehe er im Jahr 1973 beschloss, nicht mehr für andere, sondern für sich zu arbeiten und Winzer zu werden. Bis ins Jahr 2009, als Sergio und sein Bruder Francesco das Ruder in die Hand nahmen, kelterte er ausschließlich Fassweine, wobei die Fässer eigentlich Zementzisternen waren.

Weingarten: Mit denen arbeitet Sergio auch heute noch, wobei er im Keller mittlerweile auch Alternativen hat. Auch in die Weingartenphilosophie hat Sergio nur bedingt eingegriffen. Er hegt und pflegt weiterhin die 1948 und 1980 im alten alberello gesetzten Gaglioppostöcke (7000 Reben am Hektar), hat aber jüngere Reben in ein moderneres, leichter zu bearbeitendes Reberziehungssystem gepflanzt. Auch die Umstellung auf zertifizierte biologische Landwirtschaft ist neu, wobei man dank der extrem trockenen Witterung auch früher kaum Chemikalien verwendet hat.

Keller: Unumschränkte und einzige Protagonistin in den Weingärten von Sergio ist die Gaglioppo. Aus ihr keltert er mittlerweile drei Weine: den Marinetto, einen Rosato, der salzig, rotbeerig und trotz ordentlicher Substanz recht animierend den Hals hinunterrinnt und dem Ruf des Gaglioppo als formidabler Rosésorte gerecht wird. Den Aris, der von den Trauben der älteren Rebstöcke produziert wird und nach spontaner Gärung in einem alten Zementbecken (von denen es in Kalabrien noch eine ganze Menge gibt) 18 Monate in Zementzisternen und 6 weitere in der Flasche verbringt, ehe er nach einer dezenten Schwefelung gefüllt wird. Säure und Gerbstoff strukturieren den Wein und sind insofern von eminenter Bedeutung, da sie den Alkohol ausbalancieren.Unterholz und rote Frucht dominieren das Aromabild. In speziellen Jahren gibt es dann auch noch den Più Vite, eine Riserva, die meist noch etwas mehr Fleisch am Körper hat, was nicht immer zwingend positiv sein muss. Entscheidend ist auch hier die Gerbstoff-Säure-Alkohol Balance und wenn die passt, dann hat man es mit einem Wein zu tun, der streng, straff, salzig und intensiv, nicht ganz zu Unrecht als Barolo des Südens bezeichnet wird.

WEINE

Il Marinetto (Rosé) –
Aris
Più Vite

Die Preise der Weine liegen zwischen € 6 und € 20 (2017)

LINKS

Kalabrien

Jahresproduktion: ca.15000 Flaschen
Rebsorten: Gaglioppo
Rebfläche: 4 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Schmetterlinge: All jenen Ignoranten zu Liebe, die keine Ahnung von Entomologie haben und folglich nicht wissen, was es mit dem Namen Ausonia auf sich hat, sei hier in aller Kürze gesagt, dass der Euchloe Ausonia ein Schmetterling ist, der vor allem in Nordafrika zu Hause ist, sich aber gelegentlich auch bis in die Abruzzen vorwagt. Er ist ausgesprochen hübsch und insofern eine adäquate Wahl für die Benennung eines Weinguts. Schmetterlinge sind überhaupt ein roter Faden, wenn man sich durch die Weinwelt von Simone Binelli und Francesca Lodi trinken will. Die drei Weinlinien sind nach Parnassius apollo (weiß), Papilio machaon (rosa) und Gegenes nostradamus (rot) benannt, drei weiteren Schmetterlingsarten, die man in den Weingärten der beiden findet. Die werden nicht nur ihretwegen seit 2014 biodynamisch bewirtschaftet, sondern auch weil Simone und Francesca davon überzeugt sind, dass sie nur so ein entsprechendes Gleichgewicht zwischen Rebstock und Boden aufrechterhalten können.

Geburt: Ausonia ist ein junges Projekt, ins Leben gerufen von zwei Quereinsteigern, die irgendwann nicht mehr als Apotheker (Simone) und Ingenieurin (Francesca) arbeiten wollten. Mit Hilfe von Simones Vater (einem leidenschaftlichen Entomologen) erstand man 2011 12 Hektar Land in Atri, einer seit Urzeiten besiedelten Ecke zwischen Adria und Gran Sasso, also zwischen 0 und 3000 Meter Seehöhe. Ausonia befindet sich auf ca. 250 Meter und ist vom Osten von Meereswinden und vom Westen von Bergwinden geprägt. Bevor die beiden 2012 so richtig loslegten, absolvierte Simone ein Önologiestudium an der Universität Florenz, das ihm vor allem zeigte, wie er nicht arbeiten wollte. Er beendete es trotzdem erfolgreich, beschloss aber – anders als generell unterrichtet – im Weingarten biologisch und im Keller im Sinne inoffizieller Naturweinrichtlinien zu arbeiten (er ist Mitglied bei Vinnatur).

Weine: Die Rebsorten sind die Klassiker der Zone, Montepulciano gibt den Ton an, wird aber paritätisch von Trebbiano d’Abruzzo begleitet und auch noch von Pecorino ergänzt. Die meisten Stöcke wachsen in alten Pergolen, eine Erziehung, die durch die immer wärmer werdenden Sommertemperaturen und die entsprechende Beschattung, die sie bietet, ideal zu sein scheint. Die Böden basieren auf Ton und Kalk und werden dann bewässert, wann es regnet. Man beobachtet viel, hört auf das, was einem die Umgebung erzählt und versucht das, was das Land vorgibt, im Wein erlebbar zu machen.

Dafür setzt man auf spontane Gärung, biologischen Säureabbau, keine Mazeration und, was ein bisschen schade ist, konsequent auf Stahl. Der Trebbiano reift ein knappes Jahr darin und riecht danach sympathisch nach Blüten und frischen Äpfeln, der Pecorino ist intensiver, anspruchsvoller und dichter und befördert Kräuternoten, Heu und Zitrusaromen in die Nase. Aus dem Montepulciano keltert man ganz klassisch einen Cerasuolo (Rosato), der nach 10 Stunden auf der Maische ausreichend Farbe und Struktur gewonnen hat, um Ribisel und Veilchen mit ein wenig Gerbstoff und einer animierenden Säure zu kombinieren. In Rot gibt es gleich zwei Versionen, wobei kein Weg am Montepulciano Colline Teramane vorbeiführen, den nicht nur Stahl, sondern auch Holz formt und der reife Fruchtaromen mit den typischen Lakritznoten des Montepulciano vereint.

Azienda Agricola Ausonia
C.da Nocella,
64032 Atri (TE)
Phone: +39 085 9071026,
Mobile:+39 340 232 9860
www.ausonia.it

WEINE

Apollo Trebbiano d’Abruzzo
Apollo Cerasuolo d’Abruzzo
Apollo Montepulciano d’Abruzzo
Machaon Abruzzo Pecorino
Nostradamus Montepulciano d’Abruzzo

Die Preise der Weine liegen bei € 10 der Colline Teramane kostet € 18

Jahresproduktion: ca.50000 Flaschen
Rebsorten: Trebbiano, Pecorino, Montepulciano
Rebfläche: 12 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Mariapaola di Cato

Via Colle della Fonte 14
67030 Vittorito (AQ)
Telefon: 3491227903
E-mail: vinicoladicato@alice.it

WEINE

Eugenos Lazzari Felici Malvasia
Eugenos Lazzari Felici Rosato
Nonno Mariano (Montepulciano)

LINKS

Abruzzen

Jahresproduktion: ca.4000 Flaschen
Rebsorten: Malvasia, Montepulciano
Rebfläche: 1 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja (seit 2014)
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Weingut: Alles begann mit Nonno Mariano. Der setzte nach den Raubzügen der Reblaus, die auch vor den Höhen und Hängen der Abruzzen nicht Halt machte, wieder Reben in die Böden rund um Vittorito, einem kleinen Dorf in der Nähe von L’Aquila. Die werden heute von Mariapaola di Cato gepflegt, der Großenkelin, die nach einem weinfernen Studium ihrem Bürojob adieu sagte, um sich fortan mit Montepulciano und Malvasia zu beschäftigen. Ein einziger kleiner Hektar steht ihr derzeit dafür zur Verfügung – der befindet sich auf 400 Meter Höhe mit Blick auf Berge, die nochmals 2000 Meter höher sind und das Klima (kühle Winde, deutliche Tag-Nacht unterschiede) wie auch die Böden (ein von Steinen durchsetztes, karges Kalk-Ton-Gemisch) seit jeher beeinflussen. Dem Montepulciano verleiht das die notwendige Struktur, richtig spannend ist aber der Malvasia, der Körper, Säure, Aromen und Trinkfluss vereint und zeigt, warum das Valle Peligna vor allem für seine weißen Interpretationen geschätzt wird. Seit 2005, als noch ihr Vater für den Weingarten verantwortlich war, wird biologisch (seit 2014 ist man auch zertifiziert) gearbeitet, mit der Übernahme durch Mariapaola wurde dann auch die Herangehensweise im Keller entsprechend naturalisiert.

Man vergärt spontan und setzt auf natürliche Klärprozesse. Der Malvasia Eughenos Lazzari Felici bleibt für drei Tage auf den Schalen, ehe die paar hundert Liter abgepresst und in Glasbehältern fertig vergoren und gelagert werden. Das befördert letztlich Blüten und Steinobstaromen in die Nase, Salz und Steine auf den Gaumen und nur weil der Wein gerade mal 12% Alkohol hat, heißt das noch lange nicht, dass man es mit einem dünnen Federspiel zu tun hat. Daneben gibt es noch regelmäßig den Eughenos Lazzari Felici Rosato aus Montepulciano, der nach einem Tag auf der Maische spontan und ohne Temperaturkontrolle (in der Höhe gärt der Wein ohnehin langsam) vergoren wurde. Geklärt, geschönt und gefiltert wird nicht, allerdings zweimal umgezogen, damit der Wein zumindest einigermaßen trubstoffrei im Auge des Konsumenten schwimmt. Schmecken tut der Eughenos Lazzari Felici (what a name) nach roten Früchten und Zimt, der Körper ist rund, die Textur einladend. Im Normalfall gibt es auch noch einen dunkelroten Montepulciano, den Nonno Mariano, doch hängt das immer auch vom Jahrgang ab – der wird, wenn alles passt über 12 Monate im Holz ausgebaut weder geschönt noch gefiltert und danach noch für ein paar Jahre in der Flasche gelassen. Montepulciano ist und bleibt Montepulciano und liefert folglich ausladende dunkle Aromen (Lakritze, Pfeffer, dunkle Beeren) und spart auch nicht mit Wucht und Kraft.

MONTEPULCIANO: Es gibt Rebsorten, auf die ich immer gut verzichten konnte. Nero d’Avola beispielsweise.  Oder Lagrein.  Barbera. Besonders leicht fiel es mir aber bei Montepulciano d’Abruzzo. Die überkonzentrierten, überambitionierten, überreifen, meist überholzten Versionen wurden für gewöhnlich von unambitionierten, undefinierbaren, flachen, sperrigen und letztlich belanglosen Banalitäten ergänzt, die zwar oft einen Gegenpol bildeten, die Sorte aber auch nicht einladender machten. Aber so wie ich in der Zwischenzeit brillante Antworten auf Nero d’Avola (Gueli, Mortellito und COS), Lagrein (Pranzegg, Nusserhof) und Barbera (Trinchero, Bera, Auriel) gefunden habe, weiß ich in der Zwischenzeit auch, dass es richtig gute Montepulciano gibt. Einen der besten macht Praesidium.

DAS WEINGUT: Praesidium, das waren früher vor allem Enzo und Lucia Pasquale, die das Weingut 1988 gründeten, heute sind es vor allem Ottaviano und Antonia, ihre Kinder. Bewirtschaftet werden insgesamt 5 Hektar in Prezza im Valle Peligna, einer Ecke, die selbst für die ohnehin ruhigen Abruzzen entschleunigt wirkt. Links und rechts steigen die Montagne del Morrone und die Montagne del Maiella auf, zwei Bergmassive, die beim Giro d’Italia oft die Spreu vom Weizen trennen und auf dessen Kuppen und Kämmen auch im Juni noch Schnee liegt.

TERROIR: Praesidiums Montepulciano wurzelt im brettlebenen Talgrund auf 400 Meter Höhe, ist aber doch eminent von seiner Umgebung beeinflusst. Die Blüte ist spät, die Lese ebenfalls und findet für gewöhnlich erst in der zweiten Oktoberhälfte statt. Der Boden ist zwar vom Schwemmland des durch das Tal fließenden Sagittario geprägt, das darunter liegende Gestein ist allerdings felsig und stark kalkhaltig. Obwohl die Bedingungen alles andere als einfach scheinen, weisen schon Chroniken aus dem 18. Jahrhundert Prezza und das benachbarte Bugnara als ideale Standorte für die Sorte aus.

Enzo Pasquale wusste jedenfalls genau, was er tat, als er vor dreißig Jahren die paar Hektar kaufte und damit die Rebfläche seiner Eltern und Großeltern um ein paar Hektar aufstockte. Er beschäftigt sich seit nunmehr über 60 Jahren mit der Sorte und die Leidenschaft und Sorgfalt, die er dafür aufbringt, hat er auch seine beiden Kinder weitergegeben. Die bewirtschaften in einer Zeit, in der alles zertifiziert sein muss, damit es auch geglaubt und gekauft wird, ihr Weingut nun auch offiziell biologisch – laut Ottaviano machte es sein Vater auch nicht anders, nur halt ohne fortwährende Kontrolle. Der Ansatz ist dabei sowohl im Weingarten wie auch im Keller ein handwerklicher und, was schön ist, einer, in dem zumindest im Wortschatz von Ottaviano auch immer wieder das Wort Kultur auftaucht – er sieht Wein als das, was es ist, nämlich als ein Produkt, das aus der Interaktion zwischen Mensch und Natur entsteht – kein Naturwein, ein Kulturwein. Er lenkt beispielsweise den Ertrag über den Rebschnitt, begrünt seine Böden vorwiegend mit Saubohnen, setzt auf eine relativ rigorose Grünlese, manuelle Lese und auch sonst viel Handarbeit.

DIE WEINE: Im Keller, der sich in einer, in den Berg getriebenen Höhle am höchsten Punkt von Prezza befindet, wird dann versucht genau das, was die Weine draußen beeinflusst auch entsprechend im Wein erfahrbar zu machen. Für den Montepulciano setzen sie auf spontane Vergärung im Stahltank und einen zweijährigen Ausbau in gebrauchter französischer und slawonischer Eiche, während der man gelegentlich das Fass streichelt und den Schwund auffüllt. Danach wird ungefiltert und mit einer undramatischen Dosis SO₂ gefüllt und weitere sechs Monate gewartet bis der Wein auf den Markt kommt. Der ist dann für gewöhnlich saftig, konzentriert und engmaschig, hat Tannin, das man spürt und Säure, die den Wein recht schnörkellos in Richtung Gaumen lenkt. Er ist gewichtig, aber auch, wenn man das jemals über einen Montepulciano sagen kann, einigermaßen elegant. Die Frucht ist dunkel aber frisch, der Abgang ist lang, druckvoll und dicht. Spektakulär ist auch noch der zweite Wein von Praesidium, ein Cerasuolo, über dessen Farbe sich jeder Pinot freuen würde und von dem die Alten in Prezza sagen, dass man ihn früher immer so gemacht hat – ein Mittelding zwischen Rotwein und Rosato, rotbeerig, saftig, druckvoll, animierend und fleischig.

Und dann gibt es noch den Ratafìa, einen Likör aus Montepulciano und Kirschschnaps, der zur Bergwelt der Abbruzzen gehört wie Kutteln zu Rom oder Milzbrote zu Palermo. Ratafia schmeckt fantastisch. Wer Schokolade dazu essen will, kann das tun.

Azienda Cirelli
Contrada via Colle San Giovanni 1
64032 – ATRI (Teramo)
Tel.: +39 085 8700106
Fax: +39 085.45.14.758
Email: hospitality@agricolacirelli.com
www.agricolacirelli.com

WEINE

Trebbiano d’Abruzzo Anfora

Cerasuolo d’Abruzzo Anfora

Montepulciano d’Abruzzo Anfora

Die Preise der Weine liegen zwischen € 20 – 25 (2017)

LINKS

Abruzzen

Jahresproduktion: ca.30000 Flaschen
Rebsorten: Trebbiano, Montepulciano
Rebfläche: 6 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Fangen wir mal ausnahmsweise mit einem Zitat an: „Während ich Wein mache, stelle ich mir vor ich würde einen Zaubertrank herstellen. Eine Mittel gegen die Traurigkeit, einen Balsam für alte Wunden, ein Getränk das zwar nicht vergessen aber vergeben lässt. Eine existenzielle Äußerung. Meine persönliche Botschaft einer unumschränkten Liebe.“ Die, durchaus ambitionierte, Ansage stammt von Francesco Cirelli und ist man ihm und seinen Weinen erstmal begegnet, würde man die paar Zeilen in Ruhe unterschreiben.

Weingut: Die Azienda Cirelli ist ein Lebensprojekt. Hier fließt die ganze Energie von zwei Personen ein, die zeigen, dass Landwirtschaft auch Leidenschaft bedeuten kann. Neben Francesco ist das seine Frau Michela und was die beiden seit der Gründung 2004 auf die Beine gestellt haben, flößt Respekt ein. Auf 22 Hektar wachsen Oliven- und Feigenbäume, alte Getreidesorten, ein Agriturismo beherbergt Wanderer, Enten watscheln durch die Gegend und Trebbiano und Montepulciano sorgen für die Basis von drei Weinen, die zum Besten gehören, was die Abruzzen zu bieten haben. Das hat gleich mehrere Gründe.

Das Land: Im Schlagschatten des Gran Sasso, Zentralitaliens höchstem Berg und doch nur ein paar Kilometer vom Meer entfernt gelegen, verfügt man über ein Makroklima, das mit seinen Tag-Nacht-Unterschieden tendenziell weiße Rebsorten privilegiert, gleichzeitig aber auch den Montepulciano, die elementare rote Sorte der Region perfekt ausreifen lässt, seiner Wucht und Opulenz jedoch auch Strenge und Straffheit entgegensetzt. Zudem wird die Geradlinigkeit der Weine durch eine geologische Basis forciert, die sich aus Ton, vor allem aber auch Kalk zusammensetzt. Die Bewirtschaftung ist naturgemäß biologisch, hinzu kommt aber auch der leidenschaftliche Versuch den Abläufen der Natur und den Eigenheiten der Rebstöcke auf den Grund zu gehen.

Das alles manifestiert sich in Weinen, die ihren letzten Schliff im Keller bekommen. Entscheidendes Instrumentarien sind dabei ein paar Dutzend toskanischer 800 Liter Amphoren (aus der toskanischen Terracottahochburg Impruneta), die mittlerweile zum Ausbau von sämtlichen Weinen verwendet werden. Wobei  sich Francesco Vinifikationsmethode entscheidend von allen anderen unterscheidet, die ich bezüglich Amphoren kenne. Den Trebbiano maischt er zwar für einen Tag ein, danach wird der Most jedoch abgepresst und ohne Schalen für 9 Monate in die Amphore platziert. Das mag zwar eigenartig klingen, führt letztlich jedoch zu einem Wein, der sich subtil aber bestimmt und mit der Zeit immer deutlicher Blütennoten und Gewürzaromen öffnet, die sich zumindest in meinen Hirn als Anis herausgestellt haben. Gelbe Frucht reiht sich im Hintergrund ein, wobei man davon ausgehen kann, dass sie sich über die Monate und Jahre noch verstärken wird, um dann wiederum irgendwann wieder den Gewürzen den Vortritt zu lassen. Säure, Gleichgewicht, Textur und Trinkfluss passen – reifen, das ist sicher, wird dieser Wein bestens. Ähnlich spannend steht es um den Cerasuolo, die rosa Version des Montepulciano, der ebenfalls nach einem Tag abgepresst und zum Reifen in Amphoren verfrachtet wird. Geradlinigkeit und Trinkfluss kombinieren sich auch hier mit Saftigkeit und einer gewissen Dichte, die aber nie in die Breite geht. Beeindruckend, weil erstaunlich anders, ist der rote Montepulciano, dem es zwar nicht an Kraft und Materie fehlt, aber eben auch nicht an Säure, Tannin und Lebendigkeit. Das relativiert dann auch die Üppigkeit der Aromen, die aber ohnehin ausnahmsweise in eine rote und frische (und nicht dunkle und reife) Fruchtrichtung tendieren. Auch hier macht sich Geduld bezahlt. Abschließend sei ganz kurz gesagt, dass alle drei Weine in ihren Stilistiken zum Besten gehören, was die Abruzzen zu bieten haben.

ps: Alle Weine unterliegen dem Prinzip, „Meno si fa, meglio è – je weniger man macht, desto besser ist es“. Wenn die Weine also erstmal in der Amphore sind, passiert nichts mehr.  Es wird weder geklärt, gefiltert oder geschwefelt.

Schonmal vorab. Calogero, Giuseppe und Davide Gueli keltern fantastische Weine. Mit die besten Rotweine Siziliens. Nicht aus Nerello mascalese und folglich nicht vom Ätna, sondern – man mag es kaum glauben – aus Nero d’Avola, einer Sorte, die einen im Normalfall eher zu Wasser als zum Wein greifen lässt. Gründe dafür gibt es gleich einige: drei talentierte Winzer – die Söhne von Vincenzo Gueli, der 1986 das Weingut in Grotte, in der Nähe von Agrigento gründete – die im Weingarten wie im Keller eine Menge richtiger Entscheidungen getroffen haben und treffen. Und ein Terrain, das offensichtlich wie gemacht für Nero d’Avola zu sein scheint. Zwischen 450 und 550 Meter gelegen – angesichts dessen, dass man nicht allzu weit vom Meer entfernt ist, also mitten in den Bergen – baut man auf ein kühles Klima und zwei unterschiedliche Bodenstrukturen, Kalk (Calcareaus) und Gips (Erbatino), die zwei sich deutlich voneinander unterscheidende Weine hervorbringen.

In den Weingärten, die sich in Hängen über das Weingut hochziehen, wird biologisch gearbeitet. Die Reben – eine jener durchdachten Entscheidungen, für die schon Vincenzo verantwortlich war – werden in Tendone, einer Pergolavariante erzogen, was angesichts der Sonneneinstrahlung und Sommertemperaturen im Süden Siziliens definitiv Sinn macht (die Leute, die einem in den diversen Wein-Fortbildungskursen immer wieder eintrichtern wollen, dass man in Pergolen keine ordentlichen Weine machen kann, sollten sich mal mit dem Calcareaus von Gueli auseinandersetzen – oder aber, nur um die Ausnahme der Regel zu bestätigen, mit dem Amarone von Ca‘ la Bionda). Die Pflanzdichte liegt bei 1000 Stöcke am Hektar, der Ertrag – jetzt wird es richtig wild – bei 10 Kilo/Stock. Eine weitere, ganz wesentliche Entscheidung, war und ist die Wahl diverser Nero d’Avola Biotypen im Weingarten, die keine einheitlichen sondern höchst unterschiedliche Rebstöcke und Beeren hervorbringen und folglich für eine entsprechende Diversität innerhalb des Rebmaterials sorgen – das bringt natürlich nur dann was, wenn man seine Rebstöcke bestens kennt.

Im Keller setzt man anfangs auf Zement und wilde Hefen. Nach der Gärung bleiben die Schalen weitere 2-3 Wochen mit dem Wein in Kontakt, ehe bei einem ersten Umzug in kleine Holzfässer das erste und einzige Mal geschwefelt wird. Zwei bis drei Jahre bleiben die Weine im Holz, danach wird ungefiltert und ohne weitere Schwefelzugabe gefüllt.

Der Calcareaus (den ich besser kenne als den Erbatino) öffnet sich für gewöhnlich nur langsam, doch wirft er dann sukzessive würzige, fein fruchtige, rotbeerige und steinige Noten in den Talon, wobei es – und das ist ungewöhnlich für die Sorte – nie aufdringlich wird. Im Gegenteil. Hat man den Wein erstmal im Mund wird es immer geradliniger und präziser. Zwar hat man es mit einem durchaus samtigen Körper zu tun, doch zum einen verleihen ihm ordentlich zupackende Tannine einen guten Gripp, zum anderen ist es die Kombination aus Klima und Kalk, die ihn in ein strukturierendes Korsett schnürt und ihn druckvoll,  kompromisslos und ohne Schwenker in Richtung Gaumen befördern. Dort setzen sich dann für die nächste halbe Stunde Aromen fest, die warm, salzig und mediterran ein schlüssiges und saftiges Finale bilden. Viel besser geht es nicht – zumindest für mich. Den Erbatino habe ich zwar ebenfalls in bester Erinnerung, doch trinke ich ihn lieber nochmals bevor ich irgendeinen Unsinn schreibe.

Azienda Agricola Gueli
Via G. Di Vittorio 22, 92020 Grotte (AG) – Italia
Davide Gueli +39 320 2633268
Giuseppe Gueli +39 328 3420183
www.gueli.it

WEINE

Calcareus

Erbatino

Die Preise der Weine liegen bei ca. € 18 (2017)

Im deutschsprachigen Raum hat die Weine meines Wissens niemand, man kann sie aber in Italien via Meteri oder Vini Sud bestellen.

LINKS

Sizilien

Jahresproduktion:
Rebsorten: Nero d’Avola
Rebfläche: 10 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Die Gruppe Renaissance des Terroir wurde 2008 in Frankreich ins Leben gerufen. Federführend dabei war Nicolas Joly, einer der bekanntesten Vertreter biodynamischer Bewirtschaftungsmethoden. Eine italienische Gruppe, die unter denselben Statuten und Richtlinien arbeitet, formierte sich wenig später – unter ihnen finden sich eine Vielzahl exzellenter, vor allem toskanischer Winzer (Podere Concori, Fabbrica di San Martino, Montesecondo, Pian d‘Orino etc) aber auch Winzer aus anderen Teilen Italiens (Foradori, Bocchino, La Visciola, Monte dall‘Ora etc). Sie alle eint die Idee, ihr Terroir mittels biologischer oder biodynamischer Bewirtschaftung so präzis und adäquat wie möglich in ihren Weinen nachzuerzählen. Alle Mitglieder folgen dabei einer ziemlich rigorosen CARTA DI QUALITÀ, deren wichtigste Punkte hier nachzulesen sind.

  • Zur Stärkung der Bodenvitalität sind einzig organische Produkte (Kompost) zugelassen. Kunstdünger sind verboten, weil sie den Boden und den Stoffwechsel im Boden ruinieren.
  • Für die Bekämpfung von Krankheiten sind einzig natürliche Produkte zugelassen (der Charta des biologischen Weinbaus folgend). Systemische Pflanzenschutzmittel sind strikt verboten.
  • Genetische manipulierte Pflanzen haben im Weingarten nichts verloren, sind also verboten.
  • Pro Jahr ist die Verwendung von 4kg Kupfer im Weingarten erlaubt.
  • Die Lese erfolgt per Hand und in mehreren Stufen
  • Die Mitglieder sind allesamt entweder biologisch oder biodynamisch zertifiziert
  • Der Einsatz von Reinzuchthefen während der Weinbereitung ist verboten. Gleiches gilt für den Einsatz von Enzymen, Bakterien, Tanninen und anderen Zusatzstoffen (Ausnahme SO₂)
  • Man respektiert die natürliche Substanz des Weins: Cyro-Extraktion, Alkoholentzug oder Aufkonzentrationen (Umkehrosmose etc.) sind verboten.
  • Der Traubenmost und auch der Wein dürfen weder auf- noch entsäuert werden und auch die Zugabe von Zucker ist verboten.
  • Bei der Verwendung von SO₂ folgt man den Richtlinien von ICEA (meines Wissens 100mg/l)
  • Schönungen und Klärungen sind verboten
  • Sterilfiltration (Filter mit weniger als 2 Mikron) sind verboten.

ps: alle mir bekannten Winzer der Gruppe keltern exzellente Weine. Die Wahrscheinlichkeit, dass das auch auf die anderen Mitglieder zutrifft, ist folglich relativ groß.

Die Mitglieder von Renaissaince Italia

1701 Franciacorta
Campinuovi
Casa Belfi
Casa Wallace
Cascina degli Ulivi
Corte Sant’Alda
Cosimo Maria Masini
De Fermo
Denis Montanar / Borc Dodon
Emidio Pepe
Eugenio Bocchino
Fabbrica di San Martino
Fattoria Calcabrina
Fattoria Castellina
Fattoria Cerreto Libri
Fattoria di Bacchereto
Foradori
Francesco Guccione
Fuorimondo
I Cacciagalli
Il Paradiso di Manfredi
La Visciola
Loacker Tenute
Macchion dei Lupi
Monte dall’Ora
Monte dei Roari
Montesecondo
Orsi – Vigneto San Vito
Paolo Francesconi
Pian dell’Orino
Podere Casaccia
Podere Concori
Podere La Cerreta
Poggio Trevvalle
Porta del Vento
San Fereolo
San Polino
Stella di Campalto
Tenuta di Valgiano
Tenuta Migliavacca
Tenuta Selvadolce
Tenute Dettori
Valentina Passalacqua
Villa Terlina

Die Cantina del Barone befindet sich in Cesinali, im Hoheitsgebiet des Fiano, im Süden Avellinos. Ein paar Kilometer weiter im Norden gibt rund um Tufo Greco den Ton an, ein paar Kilometer weiter im Osten übernimmt Aglianico das Kommando. Insgesamt sind das ein paar tausend Hektar Wein, auf denen zwei der wichtigsten weißen Sorten und eine der wichtigsten roten Sorten Italiens ihr Epizentrum haben – bekannt ist das kaum.

Weingut: Die Cantina del Barone ist ein relativ neues Projekt  einer Familie, die seit Generationen Felder rund um Cesinali bewirtschaftet. Antonio Sarno kaufte das Stück Land, in dem seine Reben stehen, in den neunziger Jahren von einem neapolitanischen Baron – was schon mal den Namen erklärt. Insgesamt drei Hektar, die heute vor allem von Luigi, seinem Sohn bearbeitet werden und die ausschließlich mit Fiano bestockt sind, einer Sorte, von der nicht nur Ian d’Agata, der beste Kenner italienischer Rebsorten meint, sie würde die vielleicht beste weiße Sorte Italiens sein – eine Meinung, die ich nicht teile (aber er hat sicher mehr davon getrunken als ich). Wie auch immer.

Fiano: Die Hügel südlich von Avellino sind ideales Territorium für die Sorte, vor allem dann, wenn man straffe, geradlinige, steinige Weine mag, die ohne allzu viel Fruchtbrimborium auskommen. Wurzeln tun die Stöcke in vulkanischen Böden, die zudem von Kalk durchsetzt – eine doppelte Grundvoraussetzung für stringente, aufs Wesentliche reduzierte Weine. Hinzu kommt ein Klima, das auch richtig kalt werden kann und folglich zum einen eigentlich immer ordentliche säurewerte garantiert und zum anderen eine späte Lese.

Die Cantina del Barone ist zwar nicht biologisch zertifiziert, arbeitet aber laut Luigi nach biologischen Richtlinien. Im Keller setzt man erst seit kurzem auf spontane Vergärung aber besser spät als nie. Luigi presst sofort und baut in Stahl aus – was ich bei Fiano nicht zwingend verstehe. Luigi meint, er macht das, um die Frucht zu erhalten – die sich allerdings bei beiden Weinen, dem Fiano di Avellino Paone und auch dem Particella 928 ohnehin eher im Hintergrund aufhält.

Die Weine: Den Paone (nach den Pfauen benannt, die sich der Baron auf den Feldern hielt – was auch sonst?) prägen florale Aromen und Orangennoten und dazu die schon erwähnte geradlinige und kühle Textur, beim Particella, dem anspruchsvolleren der beiden kombinieren sich noch steinige Noten und ein bisschen mehr Körper dazu. Zeit tut beiden Weinen gut und auch wenn ich sie nicht im Olymp italienischer Weißweine ansiedeln würde, sind sie doch allemal ihr Geld (10-15 €) wert.

Zur Cantina del Barone gehört auch ein Bed & Breakfast.

Luigi Sarna
Via Provinciale S. Michele, 87,
83020 Cesinali
Tel: 0039 320 6981706
www.cantinadelbarone.it

WEINE

Fiano Paone
Fiano Particella 928

Die Preise der Weine liegen zwischen € 10 und € 15 (2017)

LINKS

Kampanien

Luigi Sarna ist Mitglied der Gruppe 100%

Jahresproduktion: ca.15000 Flaschen
Rebsorten: Fiano
Rebfläche: 3 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: nein
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

CASÈ

Die Idee Winzer zu werden, kam Alberto Anguissola im Jahr 1992. Sechs Jahre später setzte er sie in die Tat um, als er hoch oben im Val Trebbia 3200 qm Pinot Nero aussetzte. Ein erstes Experiment, dem im Jahr 2000 weitere 7500 qm folgen sollten. Die Wahl der Rebsorte war dabei genauso ungewöhnlich wie der Ort, den er sich für sein Projekt ausgesucht hatte. Das Val Trebbia liegt im nördlichen Apennin. Es beginnt bei Piacenza und endet ziemlich genau dort, wo sich die Emilia mit Ligurien trifft. Alberto wählte für seine Rebflächen brachliegendes Territorium auf fast 600 Meter Höhe, das zum einen von Ton, viel mehr allerdings von Kalk geprägt ist. Weiter unten im Tal finden sich mit La Stoppa und Denavolo zwei weitere exzellente Winzer, so hoch oben wie er hat allerdings keiner der beiden Weingärten. Neben Pinot Nero, der in der Emilia zwar keine Tradition hat, allerdings bestens in diese Ecke passt, setzte er ein paar Jahre später mit Malvasia di Candia Aromatica und Ortrugo auch noch ein paar weiße Sorten, vor kurzem kamen auch noch Bonarda und Barbera hinzu, die beiden Traditionssorten der Colli Piacentini.

Von der ersten Sekunde weg verfolgte Alberto – der in der Zwischenzeit von Diego Ragazzi unterstützt wird – einen kompromisslos biologische Arbeitsweise. Vorrangiges Ziel war es, seinen jungen Reben ein ökologisches Gleichgewicht zu bieten, in dem sie sukzessive natürliche Resistenzen gegen potenzielle Parasiten ausbilden konnten. Er förderte die Biodiversität, in dem er a.) auf Herbizide und Pestizide verzichtete und b.) das wachsen ließ, was ohnehin gewachsen wäre, hätten sich keine Rebstöcke in den Böden befunden. So hat sich im Laufe der Jahre eine Umgebung geformt, die Kräuter und Gräser, Insekten, Vögel und anderes Kleingetier integriert.

Gelesen wird per Hand und in kleinen Kassetten, um die Trauben nicht zu beschädigen, vinifiziert wird spontan, ergo mittels wilder Hefen. Während der Gärung bleibt der Most/Wein ausnahmslos in ständigem Kontakt mit den Schalen – beim Pinot Nero sind das ca. 40 Tage, bei den weißen Sorten 8-10, wobei es dafür traditionelle und praktische Gründe gibt. Zum einen, meint Alberto, wurden die weißen Trauben der Region früher immer mit den Schalen vergoren, zum anderen bildet Gerbstoff auch einen natürlichen Oxidationsschutz, was angesichts der Tatsache, dass Alberto entweder gar nicht oder nur marginal schwefelt, elementare Bedeutung hat. Zu guter Letzt ist vor allem Malvasia di Candia Aromatica maischevergoren auch qualitativ interessanter als sofort abgepresst.

Die beiden wichtigsten Weine von Alberto sind allerdings seine beiden Pinots, der Riva del Ciliegio und der Casè , die, erst einmal fertigvergoren, für 18 Monate in 500 Liter Tonneaux oder gebrauchte Barriques wandern und sukzessive Aromen und Strukturen entwickeln, die alle Attribute großer Cool Climate Pinots in sich tragen.

In letzter Zeit erweiterte Alberto mit dem Casè harusame, einem Spumante Rosato, dem berbéch, einem Rosso frizzante und dem calcaròt, einem einfachen Rotwein sein Sortiment.

„Lambrusco ist der Treibstoff der Futuristen.“ (Filippo Tommaso Marinetti)

„Lambrusco ist der rote Champagner.“ (Arrigo Levi)

„Lambrusco ist ideal, um den Durst zu löschen.“ (Mario Soldati)

Treibstoff, roter Champagner oder Durstlöscher – hilft alles nichts. Lambrusco hat sich in den letzten fünf Jahrzehnten einen Ruf erarbeitet gegen den ein Shitstorm ein warmes Lüfterl ist. Dass man für wenig Geld besser kaum trinken kann, ist in mitteleuropäischen Breiten noch immer ein gut gehütetes Geheimnis. 

Nachdem der Decanter, Englands Vorzeigemagazin in Sachen Wein Ende 2016 meinte, dass 2017 das große Jahr roter Schaumweine schlagen wird, hier 10 Beispiele, die nicht nur Tortellini, Culatello und Zampone aufwerten.

  1. Luciano Saetti keltert in der feuchten Hitze des Tieflands nördlich von Modena einen Lambrusco aus der Rebsorte Salamino, der filigran, aromatisch und subtil seine natürlichen Voraussetzungen völlig auf den Kopf stellt. Biologisch & ungeschwefelt.
  2. Dass Vittorio Graziano eine Person aus Fleisch und Blut und keine Kreation von Fellini ist, mag man kaum glauben. Sein fulminanter, tiefdunkler, profunder und doch erfrischender Fontana dei Boschi aus dem Lambruscomitglied Grasparossa ist dafür jedoch ultimativer Beweis. Sowieso bio.
  3. Cà de Noci gehört seit 1993 zur Naturwein-Avantgarde der Emilia. Gegen die Industrie opponiert wird seit 1993, u.a. mit dem Sottobosco, einer Lambruscocuvèe aus Grasparossa, Malbo gentile, Lambrusco di Montericco, & Sgavetta, die unbeschwert und strukturiert mit dunkler Frucht und feiner Würze punktet. Bio & ungeschwefelt
  4. Marco Rizzoli von Crocizia betreibt hoch oben im parmensischen Apennin Weinbau unter Extrembedingungen (und bisweilen unter Wölfen). Neben exzellenten prickelnden Pinot- und Barberaversionen keltert er auf Kalk aus Maestri, dem dunkelsten Mitglied der Lambruscofamiliy einen saftigen, druckvollen, substantiellen und vitalen Frizzante. Bio.
  5. Denny Binis Etiketten gehören zu den scheußlichsten der Emilia, seine Weine ganz sicher zu den besten. Der Rosa dei Venti ist eine rosa Variante des Grasparossa. Zwei Stunden Mazeration reichen, um ihm nicht nur ansprechend Farbe, sondern auch ein wenig Tannin, Blüten- und Erdbeeraromen mit auf den Weg zu geben. Bio
  6. Camillo Donati könnte der Bruder von Vittorio Graziano sein. Südlich von Parma, zwischen roten Kühen und schwarzen Schweinen keltert er eine Batterie an Schaumweinen, darunter auch einen Lambrusco Maestri. Dunkel wie die Nacht, Brombeeren in der Nase, Kirschen am Gaumen, staubtrocken und laut Camillo nach fünf Jahren Lagerung „zum Schreien“. Bio
  7. Sorbara und Oliva sind zwei weitere Lambruscovarianten und Basis des Stiolorosso von Gabriele Ronzoni. Ergänzt werden die zwei von Ancellotta, einer ebenfalls autochthonen Sorte der Emilia, der den beiden blassen Sorten Farbe einhaucht. Saftig, strukturiert, federleicht und erfrischend. Bio
  8. La Collina ist eine biodynamische Kooperative am Stadtrand von Reggio Emilia, ziemlich genau dort, wo die Peripherie in den Apennin übergeht. Der Lambrusco Frizzante Fermente baut auf Kalk und das schmeckt man. Elegant, erfrischend, intensiv und aromatisch.
  9. Vanni Nizzoli von Cinque Campi ist Demokrat. Sein Sortiment ist paritätisch in Rot und Weiß aufgeteilt. Davon ist wiederum eine Hälfte still, während die andere Hälfte sprudelt. Unter seinen 9 Weinen hat auch der Cinquecampi rosso eine gewichtige Stimme. Staubtrocken und in klassischer Champagnertradition vinifiziert, beißt man hier erstmal auf ein paar feine Tannine, ehe dichte rote Frucht, spürbare Mineralität und lebendige Säure übernehmen. Bio und ungeschwefelt
  10. Man könnte das Ranking natürlich auch umdrehen. Roberto Maestri von Quarticello würde sich auch an ersten Stelle bestens machen. Nicht nur weil sein Name Programm ist (Lambrusco maestri macht 50% der Cuvèe aus) und der Schaum über seinem Lambrusco die schönste Farbe hat, sondern auch weil man hinter konzentrierter aber einladender Frucht und nicht zu knapp Pfeffer auch noch auf einen saftigen, harmonischen, kräftigen und lebendigen Körper trifft. Bio

Mir bekannte Bezugsquellen im deutschsprachigen Raum

Den RossoViola von Luciano Saetti, den Cinquecampi rosso und Denny Binis Rosa dei Venti gibt es bei Vinifero in Wien.

Den Sottobosco führt Vinonudo, ebenfalls in Wien zu Hause.

Den Rest gibt es zurzeit unglücklicherweise nur in Italien – nach Voranmeldung für gewöhnlich ab-Hof und in immer mehr italienischen Vinotheken. Höchste Zeit, dass sich das ändert.

Kleine Anmerkung am Rande. Wenn hier immer wieder von unterschiedlichen Sorten die Rede ist, liegt das daran, dass Lambrusco eine Familie ist, die, wie das bei Familien üblich ist, recht unterschiedliche Charaktere hervorbringt. alle familienmitglieder sind in der Lage, Großes zu leisten.

Die vier wichtigsten sind:

Sorbara (hell, Blütennoten, filigran, rote Beeren)
Salamino (passt perfekt zwischen Sorbara und Grasparossa)
Grasparossa (dunkel, Tannin, gehaltvoll, intensiv)
Maestri (stockdunkel, würzig, konzentriert, dunkle Beeren)

Der Name ist Programm. Alla Costiera, Filippo Gambas Weingut, mag sich zwar im Jahr 2016 im Herzen des Veneto befinden, vor 30 Millionen Jahren, als sich die Colli Euganei, die topographischen Manifestationen vulkanischer Eruptionen erstmals (eine zweite Eruption folgte ein paar Millionen Jahre später) aus dem Meer erhoben, wäre es wohl ungefähr an deren Küste gelegen.

Heikles Terroir: Heute finden sich die das Weingut umgebenden Weingärten von Filippo im äußersten Westen der offiziellen DOC Colli Euganei. Ein paar Meter weiter und man würde in die Zone der Colli Berici fallen, die, auch wenn nur eine 5 Kilometer breite Ebene zwischen den beiden Regionen liegt, doch auf erstaunlich unterschiedliche Traditionen und Rebsorten baut.

Die Weingärten von Filippo liegen fast zur Gänze in dieser Ebene und insgesamt könnten die Bedingungen für hochqualitative Weine definitiv besser und einfacher sein. Anders als in der Hügelwelt der Colli fehlt es an einer, die Weine strukturierenden Thermik: die Tagestemperaturen im Sommer kratzen oft an der 40°C Grenze und – was schwerer wiegt – es kühlt auch nachts nicht richtig ab. Vulkanische Böden, die den Weinen hoch über Vò, Filippos Heimatgemeinde, den Stempel aufdrücken, gibt es bei ihm unten an der Küste nicht. Die Böden sind tiefgründig und fruchtbar, nicht seicht und karg.

Old but gold: Filippo Gamba ist sich der Summe an Negativa durchaus bewusst, fokussiert sich allerdings auf die positiven Faktoren seiner Weingärten. So hat man statt vulkanischen Untergrund ein vor allem auf Kalk basierendes Terrain, was den Weinen selbst in warmen Jahren Straffheit und Strenge mit auf den Weg gibt. Und, für ihn noch wichtiger: ein guter Teil seiner Reben ist alt, bisweilen sehr alt. 70 Jahre und mehr haben diverse Cabernet und Tokaj-Stücke auf dem Buckel und das, meint Filippo völlig zurecht, schmeckt man. Die Beeren der alten Stöcke sind kleiner und die Schalen sind dicker. Die aus dem Boden und der Luft akkumulierten Nährstoffe verteilen sich auf weniger Trauben und intensivieren ihre sensorischen Attribute.

BIO seit 2000 + die Weine: Damit die Stöcke ein entsprechendes Alter erlangen (und vor allem, weil er sich und seiner Familie ein gesundes Umfeld bieten will), arbeitet Filippo seit 2000, seit er die Weingärten von seinem Eltern übernommen hat, zertifiziert biologisch. Seit 2005 verwendet er zudem biodynamische Präparate (nicht zertifiziert). Die roten Rebsorten sind, so wie es die Tradition der Hügel seit knapp 200 Jahren verlangt, international: Merlot, Cabernet & Carmenere bilden das Dreigestirn aus dem Filippo stolze vier Weine keltert, allen voran den Vò Vecchio, einen reinsortigen Merlot, der nach 12 Monaten im großen Holzfass Saftigkeit, Wärme und Substanz mit Pfeffer und roter Frucht vereint. Vergoren wird generell spontan, filtriert wird weder die Basis noch die Spitze der Sortimentspyramide. Tribut an seinen Vater Gerardo zollt er im gleichnamigen Wein, der nach 14 Monaten im Zement fruchtbetont, lebendig und dabei doch kompakt und ausreichend konzentriert daherkommt. Cabernet Sauvignon landet ebenfalls im Zementbottich und wer sich Tabak, Waldbeeren, Pfeffer & Kräuter darin wünscht, wird nicht enttäuscht.

Ergänzt wird das rote Sortiment durch zwei Frizzante (hefig, nussig, gelbe Früchte, animierend) und drei Weißweine. Nach dem Tribut an den Vater gibt es mit dem Agnese auch das entsprechende Pendant für die Mutter: Moscato, glücklicherweise trocken vinifiziert und erstaunlich delikat & subtil, mit einem zwar reichen aber nie ausladenden Spektrum an Aromen. Dichter, profunder und insgesamt substantieller und komplexer ist der Biancone, ein reinsortiger Tai Bianco (ehemals Tokaj) aus den alten Weingärten der Familie, der ebenfalls und für ein knappes Jahr in Zementgebinden ruht und reift.

Filippo Gambas Weine sind zwar nicht Weltklasse aber durch die Bank sehr gut und sie kosten auch nicht die Welt. Im Gegenteil. Wer sich also den Kofferraum mit exzellenten Essensbegleitern für alle Tage vollbunkern will, sollte – sofern er/sie sich denn in der Gegend aufhaltet – auf einen Sprung bei Filippo vorbeischauen.

Ps: mit dem Jahr 2017 wird es einen weiteren Rotwein geben, der anders als seine übrigen Weine nicht aus der Ebene, sondern von einem mit steinalten Rebstöcken bestockten, 400 Meter hoch gelegenen Hang auf vulkanisch geprägten Böden direkt aus den Colli stammt. Man darf und sollte darauf gespannt sein.

WEINE

Agnese Moscato Secco igt del Veneto
Biancone igt Bianco del Veneto
Colli Euganei doc Cabernet Sauvignon
Colli Euganei doc Carmenere
Colli Euganei Rosso doc Gerardo
Colli Euganei Rosso doc Vò Vecchio
Il Fiore della Costiera Passito di Moscato Giallo igt del Veneto
Serprino doc
Spumante Fior d’Arancio docg

Die Preise der Weine liegen zwischen € 6 und € 10 (2016)

Filippo Gamba ist Mitglied bei Vinnatur, GrUVE und nimmt außerdem alljährlich an der Manifestation von La Terra Trema teil

Jahresproduktion: ca.50000 Flaschen
Rebsorten: Moscato, Tai Bianco, Garganega, Merlot, Carmenere, Cabernet Sauvignon
Rebfläche: 7 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Ca‘ de Noci: Gheppio 2011

Ca de Noci WeineDie Winter werden wärmer, auch im Apennin. Was für die meisten von uns letztlich Statistik und abstrakter Gesprächsstoff bleibt, hat für Alberto Masini von Ca‘ de Noci eminente Bedeutung und direkte Konsequenzen. Beredtes Beispiel dafür sind ein paar Cabernet-Reben, die statt in der Erde zu wurzeln auf der Terrasse liegen und künftig als Brennholz dienen werden. Der ganze Cabernet Weingarten wurde im letzten Winter Opfer der Scaphoideus titanus, der amerikanischen Rebzikade, die seit neuestem ihr Unwesen auch in Regionen treibt, in der es ihr früher zu kalt gewesen wäre. Warum sich das Insekt ausgerechnet Cabernet Sauvigon für seine Attacken ausgesucht hat und Malbo Gentile, Spergola und Lambrusco in Frieden lässt, steht in den Sternen, Fakt ist jedoch, dass Ca‘ de Nocis exzellenter Gheppio in Zukunft ohne Cabernet auskommen wird.

Der Jahrgang 2011 ist also einer der letzten Möglichkeiten, einen der besten Rotweine der Emilia noch in seiner Ursprungsversion zu trinken. Drei Jahre in alten Holzfässern und ein weiteres Jahr in der Flasche haben langsam aber sicher die Ecken und Kanten, die Cabernet im Verbund mit Malbo Gentile liefert, abgeschliffen, ohne dass dabei jedoch Struktur und Tannin verloren gegangen wären. Farblich ist er dunkel wie die Seele des Scaphoideus titanus, sensorisch kombinieren sich dunkle Beeren mit Unterholz und Erde. Der Körper ist dicht und konzentriert, die Textur saftig. Der Gheppio wirkt trotz zweier grundsätzlich sperriger Rebsorten, offen und lebendig, was u.a. mit der Tatsache zusammenhängt, dass Ca‘ de Noci generell nicht schwefelt, dafür aber auf kerngesundes Traubenmaterial zurückgreift. Potenzial für ein gutes Jahrzehnt ist trotzdem (oder gerade deswegen) vorhanden.

Gheppio

REBSORTEN: Cabernet sauvignon, Malbo gentile und ein paar autochthone Sorten
WEINGÄRTEN:  15 Jahre alte Reben auf Kalk-Ton Böden – Ertrag ca. 3000 kg/ha
VINIFIKATION: wilde Hefen, 12 Tage Mazeration
AUSBAU: 36 Monate in alten Holzfässern (auf der Feinhefe)
Alkohol: 14,5%
ungeschwefelt

solfiti naturali attesi inferiori a 30 mg/l

I Clivi ist ein relativ neues Projekt auf alter Erde. Als Ferdinando Zanusso und sein Sohn Mario 1994 beschlossen sich in den Colli Orientali niederzulassen, bekamen sie mit einem prächtigen Steinhaus auch gleich noch acht Hektar Weingärten dazu, die das Anwesen umgeben. Die Konsequenzen waren weitreichend.

Schnell stellten die beiden fest, dass die Rebstöcke (vor allemTokai, Malvasia, Verduzzo und MerlotRibolla setzte er später selbst dazu) steinalt (bis zu 80 Jahre) und nebenbei in guter Verfassung waren. Damit sich das nicht änderte, im Gegenteil das natürliche Gleichgewicht für die Stöcke sich zusätzlich verbessern würde, stellten sie sofort auf biologischen Weinbau um und entwickelten sehr früh ein gedankliches Fundament für die Konzeption ihr Weine. Dabei ging es ihnen von Anfang um die Spiegelung einer jahrhundertealten Weinbautradition, die seit jeher den Collio entscheidend prägte. Um das Terroir so sprechen zu lassen, wie sie sich das vorstellten, minimierten sie die ohnehin durch die alten Rebstöcke niedrigen Erträge (selten mehr als 2000 kg/Hektar), verzichteten auf jede Form chemischer Spritzmittel, und setzten dafür naheliegenderweise auf wilde Hefestämme bzw. Spontanvergärung, Minimalstintervention und vor allem viel Zeit. Ihre Weine liegen normalerweise zwei Jahre auf der Feinhefe im Edelstahltank (er möchte keinen „manipulierenden“ Holzeinfluss), wo sie in aller Ruhe ihre Aromaketten bilden und sonst nichts tun. Geschönt wird nicht, gefiltert genauso wenig, jegliche Art von Additiva mit Ausnahme einer Minimenge SO₂ sind verpönt.

Nachdem Ferdinando und Mario erste erfolgreiche Schritte in ihren Weingärten in Brazzano di Cormons gesetzt hatten, kamen noch ein paar Hektar in Corno di Rossazo dazu, die zwar nur ein paar Kilometer Luftlinie entfernt sind und doch ganz andere Weine liefern – es ist kühler und steiler dort oben und das wirkt sich auch auf die 70-Jahre alten Tokai-Stöcke aus, von denen Mario meint, dass ihre aromatische Basis vor allem auf Lakritze und Petrol beruht während die Weine in den Colli Oriental Anis und Kräuter vermitteln. Allen gemein ist allerdings extremePräzision, Klarheit, eine natürliche Dichte (zwei Jahre auf der Hefe) und Bekömmlichkeit, die Ferdinandos und Marios Intention optimaler Essensbegleiter absolut gerecht werden.

brazanI CLIVI FRIULANO BRAZAN: Der Friulano (Tocai) Brazan stammt von der gleichnamigen drei Hektar großen Riede, die sich zwar nur ein paar Kilometer vom Weingut aber doch in einer anderen Weinbauregion – dem Collio – befindet. Laut Mario Zanussi gibt es keine geologischen, sehr wohl allerdings klimatische Unterschiede zu seiner anderen Lage, Galea, die sich rund um das Weingut im Collio Orientale del Friuli befindet. Fundament für beide ist Flysch, ein marines Sedimentgestein, das – so zumindest meine Vermutung – ein wesentlicher Grund für die strenge und geradlinige Textur ist. Asketisch sind beide Weine, wobei der Brazan in Sachen Kühle, Präzision und Klarheit Alleinsteinungsstatus genießt (nicht nur gegenüber dem Galea sondern gegenüber allen friulanischen Weinen, die ich kenne). Die Nase suggeriert Kräuter, Gras, Koriander, weißer Pfeffer und Kreide, alles Mögliche, nur keine Frucht. Die kann man auch am Gaumen lange suchen und eventuell wird man am Ende auch ein paar Grapefruit – und Zitrusnoten wahrnehmen. Die Textur ist direkt, dynamisch und druckvoll, das Aromaprofil subtil und komplex. Wer auf der Suche nach mineralischen Weinen ist, wird definitiv fündig. Der Körper vermittelt Leichtigkeit ohne dabei schlank zu sein, der Abgang ist lang, kühl und stringent. Das Potenzial ist, trotz stets niedriger Gradation, mit Sicherheit enorm.

Maurizio Donadi war einmal ein junger talentierter Önologe. Heute ist er noch immer ziemlich jung, talentiert sowieso, nur den Önologen hat er über Bord geworfen. Es hat einige Zeit gedauert, um sich der Dogmen zu entledigen, die man ihm über Jahre hinweg eingetrichtert hat. Auslöser für seine Metamorphose war ein halbtägiger Lehrgang  über biodynamische Landwirtschaft, ein weiteres Schlüsselerlebnis seine konsultative Tätigkeit für Alessandro Sgaravatti vom Castello di Lispida, wo biodynamischer Weinbau mit den Methoden Masanobu Fukuokas kombiniert wird, was in wenigen Worten darauf hinausläuft, dass der Natur das erste und letzte Wort überlassen wird.

Er adaptierte diese Methoden auf eine Handvoll alter Familien-Weingärten, deren Überreste er in San Polo di Piave langsam wieder rekultivierte und begann dort Weine zu keltern, die zwar jeder Lehrmeinung widersprechen (er nennt sie önologische Katastrophen), dafür extrem gut schmecken. Ein paar Kilometer südlich des Prosecco-Kernlandes gelegen, nahm er sich eines Weinstils an, bei dem Lehrmeinungen ohnehin schonungslos demonstieren, was passiert, wenn man ihnen blind folgt, und interpretierte ihn völlig neu.

Sein erster Wein war naheliegenderweise ein Prosecco, Methode ancestral, und wie der Name schon andeutet, meilenweit von den Autoenklaven der regionalen Industrieproduktion entfernt. Das führt – da der Wein nicht degorgiert wird und sich die Hefen letzten Endes am Flaschengrund wiederfinden (colfòndo) – zwar zu einer für alle sichtbaren Trübung, doch eben auch zu einem einladenden Aromaprofil (Äpfel, weiße Blüten) , das man in den gängigen Prosecchi der Region lange suchen kann.

Maurizios großes Meisterwerk und der zurzeit vielleicht beste Prosecco überhaupt ist sein Prosecco Anfora, den er in kleinen Mengen in großen Flaschen abfüllt – es gibt ihn nur in Magnums, was dezent darauf verweist, dass man ihn reifen lassen sollte. 15 Tage auf der Maische in einer 4000 Liter Amphore bilden die Basis, danach wird gepresst und in kleinen Amphoren ausgebaut. Der Rest läuft wie schoon beim Prosecco colfòndo ab, das Resultat ist allerdings um einiges profunder: neben Blüten, Salz, Brot und Zitrusfrüchten hat man es vor allem mit einer Textur zu tun, die dicht, konzentriert und saftig ist und mächtig Druck in Richtung Gaumen macht.

Neben den beiden weißen Schaumweinen, gibt es auch noch – der Tradition des Piave folgend – eine rote Version, die zu hundert Prozent auf Raboso beruht. Blüten und rote Frucht kontern dabei einer der Rebsorte immanenten Säure, die sie für Schaumweine prädestiniert und sie zudem zu einem exzellenten Essensbegleiter rustikaler Gerichte macht. Abgerundet wird das sprudelnde Repertoire von einem simplen Rosso, der dank fünfzigprozentigem Cabernet Sauvignon Anteil Kräuter- und Johannisbeeren in den Aromatalon beisteuert, der zudem von den klassischen Blütennoten des Raboso geprägt ist (die anderen fünfzig Prozent).

Fanti

Fanti

Pressano ist einer dieser netten Flecken im Trentino, die sich dann auftun, wenn man das EtschtaIs verlässt und in die Hügel hinauffährt. Gar nicht hoch und in Schlagdistanz zu den Obst-und Weinplantagen in der Ebene tun sich da oben plötzlich gänzlich andere Dorfstrukturen und auch unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema Wein auf. Alessandro Fanti, der Sohn von Giuseppe, dem Namensgeber des Weinguts, ist einer der 10 Köpfe der Dolomitici und wie die anderen einer individuellen und innovativen Weinkultur verpflichtet, deren Konzept dem industrialisiert geprägten Weinbau der Ebene diametral entgegengesteht. Neben einem respektvollen Umgang mit seinen Böden setzt er vor allem auch zunehmend auf die singuläre Vinifizierung seines autochton geprägten Rebmaterials. Nosiola und Incrocio Manzoni (einer seit Jahrzehnten im Trentino angebauten Kreuzung) geben bei den Weißweinen den Ton an Teroldego macht den schon vor langer Zeit ausgesetzten Merlot und Cabernet S. zumindest Konkurrenz.

Da Alessandro fast nur im Garten und weniger im Keller zu finden ist, macht es Sinn kurz auf ein paar Eckdaten zu ersterem einzugehen. Die Gärten ziehen sich über fast 600 Meter die Hänge hinauf, entsprechend heterogen präsentieren sich die Böden, wobei der Megaanteil der Rebstöcke in mit Kalk durchsetzter Tonerde wurzelt. Die Arbeit auf seinen 4 Hektar läuft manuell ab, gedüngt wird gar nicht und gespritzt wird nur im äußersten Notfall ein wenig Kupfer und Schwefel. Der Vitalität der Pflanze wird größte Aufmerksamkeit geschenkt, alte Rebstöcke für die Zukunft sind ein angestrebtes Ziel. Gelesen wird spät und selektiv,die Erträge sind niedrig und mehr als durchschnittlich 16000 Flaschen springen dabei nicht raus. Im Keller wird minimalst interveniert. Angestrebt wird ein kühler, nordischer, mineralischer Stil, lebendig, präzis und langlebig, wobei der Isidor, sein reinsortiger Incrocio Manzoli eine Messlatte für sämtliche Weißweine des Trentino darstellt und auch der Nosiola zeigt, was man aus einer allgemein unterschätzten Rebsorte alles rausholen kann.

Neun Generationen haben den Weg vorgezeichnet, auf dem auch Gianluigi Bera durch sein Leben schreitet. Er ist genau wie seine Vorfahren Weinbauer, hoch oben in den Hügeln bei Asti, genauer in Canelli, einer Zone, die vor allem für seinen Moscato berühmt ist. Seit 1758 pflanzen die Beras dort Reben aus. Heute sind es insgesamt 12 Hektar die damit bestockt sind. Vor allem Moscato (mit Abstand der beste den ich jemals getrunken habe) aber auch Favorita, Arneis und Vermentino für den Arcese, einem brillanten sprudelnden allerdings trockenen Gegenentwurf zum Moscato sowie Barbera und Dolcetto für die drei Rotweine.

Die Weingärten spannen sich über gut zwei Hektar rund um das Weingut und decken alle möglichen Expositionen ab – die Parzellen spannen sich von Süden nach Norden und steuern damit ihren Part zur Persönlichkeit der Wein bei. Ein weiterer Stein im komplexen Mosaik des Bera’schen Terroirs sind die steil abfallenden, kalkdurchzogenen Böden, die seit 1964 (!) biologisch bewirtschaftet werden. Wobei in den späten 90er Jahren, die natürliche Herangehensweisen zusätzlich vertieft wurde. Wesentlich verantwortlich dafür war der Besuch einer Handvoll Winzer aus dem Beaujolais, die – angeführt vom großen Marcel Lapierre – inmitten der Moscato-Industrie auf der Suche nach einem Handwerker alten Schlages war. Gianluigi muss damals knapp über 20 gewesen sein, alt genug, um zum alten Schlag zu gehören und den vinologischen Traditionen der Regionen verbunden zu sein. Und jung genug, um die Ideen und Methoden der französischen Naturweincombo zu verinnerlichen und umzusetzen.

Im Weingarten wird weiterhin rigoros biologisch gearbeitet, wobei er seit ewigen Zeiten nicht mehr düngt und letztlich auf den sukzessiven Humusaufbau vertraut, der sich durch die jahrzehntelange Begrünung ergeben hat. Im Keller arbeitet er konsequent ohne den Einsatz von Chemikalien (ausnahme Schwefel vor der Füllung) oder hochgezüchteter Hefen. Vergoren und ausgebaut wird in Stahl und Zement, wobei er den Weinen , die erforderliche Zeit gibt, um ihr natürliches Gleichgewicht zu finden. Seine fünf Weine zahlen ihm diese Sorgfalt auf filigrane, lebendige, originelle, unaufdringliche und doch extrem nachhaltige Art und Weise zurück. Jenseits der Welten des Nebbiolo (neben denen fast alles verblasst) gehört Gianluigi Bera definitiv zu den ganz großen Winzern des Piemont.


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