DAS WEINGUT

Es gibt nicht viele Leute, die dem Land ihrer Kindheit und Jugend so verbunden sind wie Elisabetta Montesissa. Das lässt sich in ihrem Fall nicht nur in Worten bemessen. Viel offensichtlicher wird es anhand der Tatsache, dass sie sich jedes Wochenende ins Auto oder in den Zug setzt und von Rom, wo sie bei Campagna Amica – einer landwirtschaftlichen Vereinigung zur Aufwertung lokaler Produkte – arbeitet, ins Val Chero in den äußersten Westen der Emilia aufbricht. 500 Kilometer hin, 500 Kilometer zurück, um ihren Eltern bei der Herstellung und Vermarktung von drei Weinen zu helfen, die basierend auf dem Gedankengut der Naturweinszene, eine vergangene Sensorik wiederbeleben.

Wobei sich schon ihre Eltern und Großeltern den Avancen der Agroindustrie größtenteils zu entziehen wussten. Die vergärten ihre Weine – allesamt Frizzante, wie es der Tradition der Region entspricht – bis in den November hinein, ehe die Hefen – bei noch vorhandenem Restzucker – aufgrund der zunehmend tiefen Temperaturen ihre Arbeit einstellten. Im Frühjahr filterten sie dann, ehe sie die Weine in Flaschen füllten, wo sie bei steigenden Temperaturen zu Ende gärten. Das Filtern lässt Elisabetta mittlerweile wieder weg, ansonsten ist fast alles gleichgeblieben. 

Wie im Keller zollen Elisabetta und ihre Eltern auch im Weingarten der Geschichte der Region Tribut. Die vier wichtigsten Sorten Piacenzas – Malvasia di Candia Aromatica, Ortrugo, Barbera und Bonarda – sind auch bei ihnen die Protagonisten, ergänzt von ein paar Reihen Syrah und ein paar alten autochthonen Sorten der Region. Erzogen werden sie im Guyot Piacentino, das einen sehr kurzen Rebschnitt vorsieht und die spätere Lesemenge schon vorab reduziert. Die Weingartenarbeit ist zertifiziert biologisch und geschieht größtenteils per Hand.

Die Weine 

Buonissima: Einer der großen Schaumweine der Emilia. Aus Malvasia di Candia Aromatica und Ortrugo gekeltert. Aufgrund einer zehntägigen Mazeration der Schalen mit Ecken und Kanten, fordernd aber doch auch animierend und einladend. Hat trotz seines geringen Alkohols ordentlich Kraft und Substanz. Öffnet sich einem breiten Aromaspektrum aus Kräutern, Zitrusfrüchten und  reifem Steinobst. Lebhaft und strukturiert bis zum Gaumen. Reift mit Sicherheit blendend.

Rosissima: Rosé-Frizzante aus Barbera und Bonarda. Nach dem Salasso-Prinzip hergestellt. Dabei wird der unter dem Druck der aufeinanderliegenden Trauben abfließende Most aufgefangen und vergoren. Die Zweitgärung findet wiederum in der Flasche statt. Hat eine lebhafte Säure, Grapefruit und Beerennoten. Fürs flotte Wegtrinken gedacht.

Rio Mora: Nochmals Frizzante aus Barbera und Bonarda, diesmal allerdings in rot. Im Grunde genommen ein klassischer Gutturnio, der allerdings nicht als solcher deklariert ist. 15 Tage auf der Maische. Zweitgärung in der Flasche (rifermentato), danach noch ein Jahr zur Reifung in der Flasche. Dunkel, fruchtbetont, würzig, fleischig. Eher weiches Tannin. Lebhafte Säure. Sehr direkt und geradlinig. Wie so oft in der Emilia, vor allem auch als Essensbegleiter gedacht. 

Den Rio Fratta (Syrah, Barbera, Bonarda) habe ich noch nie probiert.

Emilio Montesissa

Azienda Agricola Montesissa Emilio
Loc. Magnano – Case Biasini, 189 – 29013 Carpaneto P.no (PC)
Tel. +39.0523.850158
email: info@montesissaemilio.it

www.montesissaemilio.it

Cold Facts

Jahresproduktion: ca. 15000 Flaschen
Rebsorten: Malvasia di Candia Aromatica, Ortrugo, Barbera, Bonarda, Syrah
Rebfläche: 10 ha, 5 ha bewirtschaftet
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja, nach Voranmeldung.
Wohnmöglichkeit: nein

Die Weine von Biscaris gibt es vermutlich nirgendwo im deutschsprachigen Raum. Online erhält man sie bei winepoint.it, callmewine.it

Croatina alias Bonarda

Erstmal vorab: Croatina ist eine Rebsorte, aus der exzellente Weine gekeltert werden. Oft unter ihrem herkömmlichen Namen, noch öfter allerdings unter dem Namen Bonarda, unter dem die Sorte im Oltrepo Pavese in der Lombardei und in den Colli Piacentini in der Emilia Romagna bekannt ist. Unglücklicherweise gibt es im Piemont gleichfalls eine Sorte namens Bonarda (meist Bonarda Piemontese genanannt), die wiederum nichts mit Croatina und folglich auch nichts mit den Bonardas aus der Emilia und der Lombardei zu tun hat. Für Verwirrung ist also gesorgt.

Croatina/Bonarda ist in den beiden Regionen weit verbreitet und findet sich zudem seit jeher auch in den südpiemontesichen Colli Tortonesi, wo auch einige ihrer besten Versionen in die Flasche kommen. Die Rebsorte erfreut sich einer nicht unberechtigten Popularität unter biologisch arbeitenden Winzern, da sie recht robust ist und speziell mit Oidium kaum Problem hat. Dank ihrer dicken Schale eröffnet sie den Winzern zudem eine Palette an stilistischen Möglichkeiten. Bereits nach wenigen Tagen abgepresst ergibt sie grundsätzlich sanfte und fruchtige Weine, nach längeren Maischestandzeiten kann sie hingegen recht fordernde und massive Tannine entwickeln, die einem bisweilen etwas Geduld abverlangen (was sich dann allerdings meistens auch bezahlt macht). Während sie in den Colli Tortonesi grundsätzlich solo vinifiziert wird, mehren sich im Oltrepo Pavese die Versionen, wo Croatina zwar oft die erste Geige spielt, jedoch von anderen Rebsorten begleitet wird. In der Emilia ist Croatina dann ausschließlich unter dem Namen Bonarda zu haben und quasi ausnahmslos in Begleitung von Barbera, mit dem sie still aber auch sprudelnd  die Basis für den in der Region allgegenwärtigen Gutturnio stellt. Im Nordpiemont wiederum ergänzt sie bisweilen Nebbiolo, im Valpolicella fließt sie dagegen immer öfter in den Amarone mit ein.

Croatina/Barbera verträgt sich bestens mit Holz, wobei – wie so oft – große oder gebrauchte Fässer die Sorte mehr zu Wort kommen lassen als Barriques. Auch wenn es naheliegenderweise lokale Unterschiede gibt und viele Winzer ihr Handwerk glücklicherweise nach ihren eigenen Ansichten ausüben, haben Weine aus Croatina bei eher mäßiger Säure eine meist nicht zu unterschätzende Gerbstoffstruktur, einen substantiellen Körper und Aromen, die nicht selten dunkle Fruchtaromen, Blütennoten und eine tiefe Würze in den Mittelpunkt rücken.

Eine Auswahl

Daniele Ricci (Colli Tortonesi): Elso – exzellent, 100% Croatina
Daniele Ricci: Matt – die zugänglichere Version, gleichfalls sehr gut und 100%Croatina (vinonudo)
Vigneto Massa (Colli Tortonesi): Pertichetta
Tenuta Belvedere (Lombardia): Croatina La Coccinea
Castello di Stefanago: Croatina

Cuvées
Lino Maga (Oltrepo Pavese): Barbacarlo – ein Monument, einer der großen Rotweine Italiens
La Stoppa (Piacenza): Macchiona
Andi Fausto: (Oltrepo Pavese): Estro
Podere Paradrolo (Parma): Velius
Solenghi (Piacenza): Gutturnio Riserva Battorossa
Cardinali (Piacenza): Nicchio
Vino del Poggio (Piacenza) Navel Rosso

DAS WEINGUT

Früher lief durch das Val Trebbia, dem laut Ernest Hemingway schönsten Tal der Welt, eine „via del sale“, eine Salzstraße. Verpflegung für die Handelsreisenden gab es unter anderem in Travo, wo die Familie Borri eine Osteria hatte. Das Gasthaus gibt es nicht mehr, geblieben sind allerdings drei Hektar Reben, aus denen Andrea Pradelli, ein Diplomlandwirt, gemeinsam mit seiner Mutter Gabriella Borri ein erstaunlich umfangreiches Sortiment an Weinen keltert.  

Die Weingärten liegen zwischen 400 und 700 Metern, basieren größtenteils auf Kalkmergel (wie in der Steiermark und im Collio) und exponieren sich in Richtung Süden und Südwesten. Die Bewirtschaftung erfolgt fast überall per Hand und ist generell biologisch, wobei man sich nicht zertifizieren lassen will, da im Jahr 2008 die meisten Reben der, von der amerikanischen Rebzikade verbreiteten Flavescenza Dorata zum Opfer gefallen sind, gegen die – im Fall des Falles – nur Insektizide helfen.

Die daraufhin stattfinden Neuauspflanzungen nutzte Andrea, um neben die Klassiker der Region –  Bonarda, Barbera, Malvasia di Candia Aromatica, Ortrugo, Moscato Bianco, Sauvignon Blanc und Trebbiano – auch die aus Bonarda und Barbera gekreuzte Rebsorte Ervi auszusetzen, aus der er mittlerweile den Don Dante, einen intensiv-würzigen und  körperreichen Rotwein keltert.

Im Keller wird grundsätzlich spontan vergoren, nicht filtriert und wenig bis gar nicht geschwefelt. Die Trester werden zu Grappa weiterverarbeitet.

Weine (eine kleine Auswahl, ich kenne bei weitem nicht alle)

Mappale 25: Sauvignon Blanc. Das ist weniger ungewöhnlich, als es scheint. Sauvignon ist in Parma und Piacenza seit gut 200 Jahren zu Hause und macht sich erstaunlich gut. Weniger kräuterig als sonst, dafür gelbfruchtig, straff und konzentriert.

MaSrà: Rifermentato, ergo Zweitgärung in der Flasche. Hauptanteilig Ortugo, unterstützt von ein wenig Malvasia und Sauvignon Blanc. Einige Tage Maischestandzeit, weder geschönt noch gefiltert. Sympathisch, einladend, leicht. Mit ordentlich Säure und schönem Druck am Gaumen.

Zerbina: Malvasia di Candia Aromatica, Moscato Bianco, Sauvignon Blanc. Eine Tage auf der Maische, danach Ausbau über 1 Jahr im Stahltank. Ungefiltert und ungeschönt. Trockenfrüchte, Laub, Zitrus. Gehaltvoll und dicht, dabei jedoch kühl und strukturiert.

Don Dante: gelungenes Experiment. Andrea ist einer der ganz wenigen Winzer weltweit sein, der sich Ervi (was für ein trostloser Name), dieser Kreuzung aus Bonarda und Barbera, ernsthaft annimmt. Nach einem Jahr im Tonneaux ist der Don Dante pfeffrig und rotbeerig, üppig, dicht und konzentriert, ein Monument, kraftvoll und eindringlich.

Tenuta Borri

Andrea Pradelli
loc. Margherita, 29020 Travo PC
info@tenutaborri.it
+39 338 469 3571
www.tenutaborri.it

Cold Facts

Jahresproduktion: ca. 15000 Flaschen
Rebsorten: Ortrugo, Malvasia di Candia Aromatica, Sauvignon Blanc, Moscato Bianco, Trebbiano Romagnolo, Barbera, Bonarda, Ervi
Rebfläche: 3,5 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: nein
Direktverkauf: ja, nach Voranmeldung.
Wohnmöglichkeit: nein

 

DAS WEINGUT

Andrea Cervini macht in Statto, am Eingang zum Val Trebbia Wein – einem historischen Ort in önologischer wie auch in militärischer Hinsicht. Von ersterem erzähle ich weiter unter. Von letzterem zeugt der Elefant auf Andreas Flaschenetiketten, ein bildlicher Verweis auf Hannibals Sieg gegen den römischen Konsuls Tiberius Sempronius Longus im Jahr 218 v. Chr. an der Trebbia, einem vom Apennin herabströmenden Nebenfluss des Po. Bei dieser Schlacht vernichtete Hannibal zwar die Armee seines Kontrahenden, gleichzeitig verlor er allerdings auch 36 seiner 37 Kampfelefanten – mit dem letzten sollte er dann triumphal in Arezzo einreiten. 

In önologischer Hinsicht historisch ist die Gegend deswegen, weil hier seit knapp 30 Jahren Giulio Armani seinem Handwerk nachgeht, der – gemeinsam mit Elena Pantaleoni von La Stoppa – die Geschicke der Region fast im Alleingang und ziemlich nachhaltig verändert hat. Armani war es auch, der Cervini dazu animierte, aus den Trauben, die er bis dahin weiterverkaufte, eigene Weine zu keltern, was Andrea schlussendlich von 2006 an auch tat. 

Seine Weine tragen folglich auch ein wenig die Handschrift Armanis und lassen sonst vor allem die Reben und das Terroir des Val Trebbia zu Wort kommen: also Malvasia di Candia Aromatica, aus der er eine eindringliche und fordernde maischevergorene Version keltert, Barbera, die er zu einem geradlinigen und dynamischen Tischwein und Essensbegleiter verarbeitet und Bonarda, aus der er gemeinsam mit Barbera, eine profunde und anspruchsvolle Cuvée fabriziert. Die vier Hektar Weingärten bewirtschaftet er biologisch, die Eingriffe im Keller sind marginal aber nachhaltig: so belässt er Rotweine wie Weißweine auch noch bei der Reifung für drei bis sechs Monate in Kontakt mit den Schalen, um auch wirklich alles, was sich an Phenolen und Aromen darin findet, in seine Weine zu extrahieren.

Vino del Poggio Bianco: Eine eindrucksvolle Widerlegung, dass lange mazerierte Weine nichts von ihrer Umgebung erzählen. Wer die Weine von Denavolo, La Stoppa oder Casè kennt, wird nicht lange zögern und diesen Wein nicht nur in die Emilia, sondern gleich mitten ins Val Trebbia platzieren. Aus Malvasia di Candia Aromatica gekeltert, spontan vergoren und erst nach sechs Monaten abgepresst bietet Andreas Bianco Grip, Struktur und Profil wie ein Nebbiolo, eine profunde aber doch elegante Textur und zudem ein erstaunliches Potpourri an floralen, kräuterigen und gelbfruchtigen Aromen. Ungeschwefelt.

Vino del Poggio Rosso: zur Gänze aus Barbera gekeltert. Spontan im Edelstahl vergoren und danach in großen Holzfässern ausgebaut. Rustikal, mit einer nicht zu unterschätzenden Säure ausgestattet. Fokussiert und puristisch. Rotfruchtig. Pfeffrig. Offen und einladend. Exzellenter Essensbegleiter zu emilianischen Schweinereien. Ungeschwefelt.

Vino del Poggio Navel Rosso: Barbera/Bonarda. Kompromisslos fordernd wie auch seine andere beiden Weine. Kein weichgespültes Allerweltsgetränk, vielmehr ein Beleg dafür, was passiert, wenn man die Inhaltsstoffe einer Traube tatsächlich komplett in den Wein transportiert. Nach dreimonatigem Schalenkontakt und einem einjährigen Ausbau im gebrauchten Barrique bietet der Navel erdige Unterholznoten und dunkle Frucht. Die Struktur ist ausgewogen, wobei es weder an Säure noch an Gerbstoff mangelt. Der Körper ist erstaunlich elegant, der Trinkfluss unbeschwert. Ungeschwefelt. Wie alle seine Weine kann man auch den Navel ohne Bedenken für einige Jahre im Keller vergessen.

Andrea Cervini - Il Poggio

Località Poggio Superiore Statto, 6
29020 Travo (PC)

tel. +39.334.1544810
tel. +39.328.3019720
www.poggioagriturismo.com

Cold Facts

Jahresproduktion: ca. 10000 Flaschen
Rebsorten: Malvasia di Candia Aromatica, Barbera, Bonarda
Rebfläche: 4 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja, nach Voranmeldung.
Wohnmöglichkeit: nein
Essmöglichkeit: ja

Die Weine von Andrea Cervini gibt es vermutlich nirgendwo im deutschsprachigen Raum, während man sie online aus Italien bei allen größeren Naturweinhändlern (callmewine, decanto, rollingwine, wineyou) bestellen kann.

 

Es gibt Rebsorten, aus denen sich große oder zumindest eindrucksvolle Weine keltern lassen und andere bei denen das nicht geht, die aber trotzdem – sofern sie denn einen Winzer haben, der sie ernst nimmt und versteht – ganz sympathisch sind. Glera, die Rebsorte, aus der Prosecco fabriziert wird, ist dafür vielleicht das beste Beispiel. Grundsätzlich völlig belanglos, bekommt sie in den richtigen Händen, zumindest ein bisschen Charakter. Ortrugo ist auch so eine Sorte. Anders als Glera wollte sie allerdings auch nie im Mittelpunkt stehen, worauf bereits ihr Name verweist: Erstmals erwähnt wurde sie 1881 im ampelografischen Bulletin des italienischen Landwirtschaftsministerium als Altruga, als „altra uva“ – „andere Traube“ – also diejenige, die im Vergleich zu den übrigen Trauben eine Stufe tiefer stand. 

Angepflanzt wurde sie trotzdem. Weniger um ganz für sich alleine vinifiziert zu werden, sondern um die Malvasia di Candia Aromatica – ohne wenn und aber eine große Rebsorte – zu unterstützen und ihre Wucht und ausladende Aromatik mit ein wenig Subtilität und Finesse zu kombinieren. Dafür eignet sie sich blendend und so fließt sie, als delikater und filigraner Partner, in die mitunter wichtigsten orangen Cuvées der Emilia mit ein.

Da die Malvasia di Candia Aromatica fast ausschließlich in den vier, in Richtung Apennin abzweigenden Tälern Piacenzas (Nure, Arda, Tidone und Trebbia) vorkommt, findet man auch Ortrugo, dessen Schicksal an sie geknüpft ist, fast nur dort. Und weil nicht alle Winzer fortwährend Lust haben, substantielle und nachdrückliche Weine zu keltern, sondern sich manchmal auch mit etwas weniger zufrieden geben, wird sie mittlerweile auch gelegentlich ganz für sich abgefüllt: Fast immer prickelnd, um ihre Leichtigkeit, Lebendigkeit und delikaten Aromen zusätzlich zu unterstreichen. Und fast immer als emilianische Antwort auf Prosecco, mit dem sie es, in ihren besten – flaschenvergorenen – Varianten, auch locker aufnehmen kann.

Ein paar reinsortige Ortrugos

Croci: Lubigo Frizzante
Saccomani: Ortrugo Frizzante
Marco Cordani: Ortrugo Terzolo Frizzante
Davide Valla: Dieci Lune Frizzante
Solenghi: Ortrugo Frizzante
Lusenti: Ciano Frizzante

Ortugo als Partner

Denavolo: Dinavolo (bei vinonudo)
La Stoppa: Ageno
Cascinotta di Rizzolo: Cascinotta
Casè: Casè Bianco
Lusenti: Azzi frizzante

DAS WEINGUT

Marco Cordani ist ein Winzer alten Schlages. Bei Verkostungen, zwischen seinen Kollegen, wirkt er wie aus der Zeit gefallen, ruhig, zurückhaltend und nur dann gesprächig, wenn es um seine Arbeit geht. Die erledigt er seit frühester Jugend tagtäglich nahe der kleinen Ortschaft Carpaneto Piacentino in den Montine di Celleri, wo er die sechs Hektar Weingärten pflegt, die sein Urgroßvater Angelo und sein Großvater Benvenuto angelegt haben. Abgesehen von einem kurzen Intermezzo als Schiffsbauer hat sich Marco Zeit seines Lebens um die Familienreben gekümmert, die sich mit Ausnahme einer kleinen Parzelle Syrah aus den klassischen Sorten des Piacentino zusammensetzen: Barbera und Bonarda (alias Croatina) machen die rote Fraktion aus, Malvasia di Candia Aromatica, Moscato Bianco, Ortrugo und Trebbiano stehen für die weißen und orangen Vinifikation zur Verfügung.

In die Flaschen kommen neben drei Stillweinen (Oracolo, Apogeo & Perigeo) drei Frizzante, die der Tradition entsprechend nach einer Erstgärung in der Flasche mit einem noch vorhandenen Restzuckergehalt überwintern (die Hefen stellen bei entsprechend niedrigen Temperaturen ihre Arbeit ein) und im Frühjahr bereits in die Flasche gefüllt, fertig gären. Der komplette Vinifikationsprozess läuft nach altem Vorbild ab, das heißt, dass weder Reinzuchthefen verwendet werden, noch filtriert oder am Ende der Zweitgärung degorgiert wird. 

Es ist nicht so, dass Marco sich Innovationen völlig verschließen würde – er besucht mehrmals im Kurse und saugt das, was ihn weiterbringt und seiner Konzeption von Wein nicht widerspricht interessiert auf. Manchmal probiert er auch Sachen aus, die er dann wieder bleiben lässt. Mit Reinzuchthefen konnte er sich beispielsweise nicht anfreunden. Er fand den völlig problemlosen Gärverlauf irritierend und das Geschmacksbild seiner Weine austauschbar, banal und identitätslos. Kurz, er erkannte sie nicht wieder und kehrte folglich gleich im nächsten Jahr wieder zu seiner altbewährten Herangehensweise zurück. 

Wer direkt bei ihm vorbeifährt, bekommt auch noch – gleichfalls eine langgehegte und sehr sympathische Tradition honorierend – Weine direkt vom Fass.

Die Weine

Gutturnio Magia Frizzante: Sprudelnde Cuvée aus Bonarda und Barbera, die nach sechstägigem Schalenkontakt spontan vergoren werden. Fantastischer violetter Schaum, dunkle Beerenaromen, würzig, kräftiges Tannin, zupackende Säure, lebhafte Perlage. Profund und doch erfrischend. Passt bestens zu den klassischen Schweinereien aus der Emilia (Prosciutto, Salami).

Labaia Frizzante: Blend aus Malvasia di Candia Aromatica, Ortrugo, Trebbiano und Moscato Bianco. Dreitägiger Schalenkontakt. Mundfüllend und dicht, eindringlich und fordernd, mit gelben Fruchtaromen und spürbaren Kräuternoten. Hat Kraft und Energie. Der Gerbstoff lenkt, die Säure versprüht Dynamik. Sehr, sehr gut.

Ortrugo Terzolo Frizzante: Nach einem unter dem Weingarten dahinlaufenden Bach benannt. Das Gegenteil des Labaia. Subtil und filigran. Zurückhaltend. Von feinen Blütennoten und delikater weißer Frucht geprägt. Schlank und elegant. 

Oracolo: Aus den gleichen Rebsorten wie der Labaia vinifiziert. Wurde gleichfalls, und wie fast immer, wenn Malvasia di Candia Aromatica im Spiel ist, ein paar Tage auf den Schalen belassen. Und das spürt man auch. Die Aromen sind intensiv und nachhaltig und Gerbstoff und Säure machen Druck. Hat Länge und Kraft.

Perigeo: Cuvée aus hauptsächlich Barbera und ein wenig Bonarda. Einmonatiger Schalenkontakt. Danach ein Monat über in Zementzisternen. Massiver Körper, intensive Aromatik. Viel dunkle Frucht und Würze. Dank der, der Barbera stets innewohnenden Säure geradlinig und direkt. Dicht und fokussiert am Gaumen.  

Marco Cordani

Loc. Montine – Celleri
29013 – Carpaneto Piacentino (PC)
Telefono 334-1480999
e-mail: info@marcocordani.it
www.marcocordani.it

Cold Facts

Jahresproduktion: ca. 12000 Flaschen
Rebsorten: Malvasia di Candia Aromatica, Ortrugo, Moscato Bianco, Trebbiano, Barbera, Bonarda
Rebfläche: 6 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja, nach Voranmeldung.
Wohnmöglichkeit: nein
Mitgliedschaft: Emilia sur li

Die Weine von Marco Cordani gibt es vermutlich nirgendwo im deutschsprachigen Raum. Online aus Italien erhält man sie bei www.decanto.it

 

DAS WEINGUT

Bei Claudio Campaner kann man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Der junge Mann, der 2017 seinen Job in Mailand an den Nagel gehängt hat, um seinen landwirtschaftlichen Betrieb „Distina“ zu gründen, verschreibt sich nicht nur dem Wein – er ist auch Schnapsbrenner und ein sehr guter noch dazu.

Geplant hat er sein Projekt Distina schon ein paar Jahr davor, als er sich einen Hektar Rebland in Bacedasco Alto nahe Piacenza kaufte und bei Vittorio Capovilla, einem der besten Brenner Italiens in die Lehre ging. 

Der Hektar Reben, den er sich besorgte und aus dem er heute zwei Frizzante (metodo ancestrale) vinifiziert, wurde 1980 gepflanzt und ist mit einem Sammelsurium autochthoner Sorten bestockt. Neben der rund um Piacenza omnipräsenten Malvasia di Candia aromatica wachsen darin auch Moscato bianco, Marsanne, Barbera und Bonarda. 

Gleich am ersten Tag stellte Claudio die Weingärten auf biologische Bewirtschaftung um. Die Kultivierung der Reben wie auch der mittlerweile hinzugekommenen Obstbäume basiert auf akribischer Handarbeit. Er tendiert zum Perfektionismus, macht folglich alles selbst, beobachtet viel und hat sich im freien wie auch im Keller der Prinzipien der Naturweinbewegung verschrieben.

Die beiden Weine werden nach der metodo ancestrale vergoren, das bedeutet, dass sie noch während der Gärung – bei ca. 25g/Restzucker – in die Flasche gefüllt und darin fertigvergoren werden. Die abgepressten Traubenschalen verwendet er für die Destillation zu Grappa. 

Für das kommende Jahr hat Claudio zudem die Vinifikation von zwei Stillweinen und die Destillation von Bränden aus alten Obstsorten geplant.

Die Weine

Bason: Assemblage aus Barbera und Bonarda, den beiden roten Klassikern der Region. Ungeschönt und ungefiltert, vital und dynamisch. Fleischig, saftig. Ganz dunkle Frucht. Hat Power, nicht zu knapp Säure und Gerbstoff. Macht ordentlich Dampf in Richtung Gaumen.  

Ambra: Malvasia di Candia Aromatica, Moscato Bianco und Marsanne auf den Schalen vergoren. Hat Körper und Charakter, Kraft und Eleganz. Ist dichtgewoben, druckvoll und dank der erstgenannten Rebsorten aromatisch mit einer Tendenz zum Gelbfruchtigen und Floralen. Sehr gut.

Distina

Case Sparse Spedale, 24
Bacedasco Alto – Castell‘Arquato (PC)
Tel:3484294260
info@distina.it

Cold Facts

Jahresproduktion: ca. 5000 Flaschen
Rebsorten: Barbera, Bonarda, Malvasia di Candia aromatica, Moscato bianco, Marsanne
Rebfläche: 2 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja, nach Voranmeldung.
Wohnmöglichkeit: nein
Weitere Produkte: Grappa, Obstbrände (top)

Die Weine von Distina gibt es bei der Enoteca Galli (verschickt in den deutschsprachigen Raum)

DAS WEINGUT

Die Gegend rund um Piacenza ist eine wenig bekannte und ziemlich unerschöpfliche Fundgrube für Freunde handwerklich produzierter Weine. Sie hat mit der Malvasia di Candia Aromatica eine der spannendsten weißen Rebsorten Zentralitaliens zu bieten und mit Ortrugo eine zweite, die gerade dabei ist, ihrem Potenzial gerecht zu werden. Mit dem Gutturnio findet man eine adäquate Antwort auf den Lambrusco und nimmt sich zudem die Freiheit, Barbera und Bonarda (alias Croatina), die beiden dafür verwendeten Sorten auch still auszubauen. Mit Giulia Armani und Elena Pantaleoni von La Stoppa gibt es zwei überragende Persönlichkeiten, die seit mittlerweile drei Jahrzehnten einen – weit vom Mainstream entfernten – Weg weisen und zeigen, was in den zum Apennin hinauflaufenden Tälern alles möglich ist.

2014 haben die beiden Geschwister Luca und Claudia Saccomani gemeinsam mit ihren Familien begonnen, genau diesen Weg einzuschlagen. Im Val d’Arda, genauer in Diolo, haben sie in den letzten Jahren ihre insgesamt 12 Hektar Weingärten offiziell biologisch zertifiziert und damit begonnen ihre Weine auch über die Dorfgrenzen hinaus zu vermarkten. Wobei sie im Grunde genommen genau die auf Handarbeit  und Nachhaltigkeit beruhenden Ideen weiterführen, die schon ihre Eltern konsequent umsetzten. 

Mit Ausnahme des Rosso dei Baroni werden alle ihre Weine nach der Erstgärung im Stahltank ein zweites Mal in der Flasche vergoren – was, je nach Intention zu einer leichten oder etwas stärkeren Perlage führt, die den Weinen Vitalität und Energie verleiht.

So nachhaltig der Ansatz im Weingarten ist, so unverfälscht und naturbelassen ist er auch im Keller. Jenseits der ohnehin notwendigen Eingriffe hält man sich zurück, verzichtet auf Schönungen und Filtrationen und bleibt bei den Schwefelungen stets unter 25mg/l.  

Die Weine

Gutturnio: Der Klassiker des Hauses, ein Rifermentato aus Barbera und Bonarda. Wird nach einer achttägigen Maischegärung abgepresst, kurz zur Stabilisierung in Stahltanks gefüllt und danach in der Flasche ein zweites Mal vergoren. Dunkelfruchtiger und würziger als die meisten Lambrusco geizt er nicht mit Säure und Tannin und sollte auch über Jahre hinweg eine positive Entwicklung nehmen. 

Rosso dei Baroni: Assemblage aus Barbera, Bonarda und einem kleinen Anteil Merlot. Bleibt für 20 Tage auf der Maische und landet danach für 18 Monate zur Reifung in Zement und gebrauchten Barriquefässern. Strukturiert, dynamisch und mit ordentlich Power baut er vor allem auf reifen roten Früchten und intensiver Würze. 

Ortrugo: Ortrugo ist – sofern man sie sofort abpresst – delikat und fein und das spürt man auch in diesem Rifermentato. Die Aromen sind vor allem von Blüten und weißen Fruchtnoten geprägt. Der Körper ist schlank und elegant und der Trinkfluss dynamisch und vital. Einfach aber schön zu trinken.

Monterosso: Die klassische weiße Cuvée der Region. Protagonistin ist darin die Malvasia di Candia aromatica, unterstützt wird sie von Ortrugo, Marsanne und Trebbiano. Dank der Malvasia ist sie aromatisch, ohne dabei zu intensiv zu werden. Der Körper ist strukturierter und gehaltvoller als beim Ortrugo, die Perlage ist fein, die Säure geradlinig und präsent.

Marie-Luise: Rifermentato aus Marsanne. Die eigentlich von der Rhone stammende Sorte wurde im beginnenden 19. Jahrhundert mit den napoleonischen Truppen in die Emilia gebracht und fand hier eine zweite Heimat. Cremig. Weiße Blüten. Mandelnoten. Sprudelt sympathisch und vital über den Gaumen.

Die Weine kosten ca. € 10. Im deutschsprachigen Raum gibt es sie meines Wissens nicht, in Italien finden sie sich bei https://www.dolce-vite.com/ortrugo-2018-saccomani.html

Saccomani

Loc. Diolo Croce
Lugagnano val d’Arda (Piacenza)
0523 891718
Giuseppe 389.1858954
Luca 392.6099772
Claudia 393.3960312
E-mail: mail.saccomani@gmail.com
www.saccomanivini.it

Cold Facts

Jahresproduktion: ca. 30000 Flaschen
Rebsorten: Barbera, Bonarda, Merlot, Malvasia di Candia Aromatica, Ortrugo, Marsanne, Trebbiano
Rebfläche: 12 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: ja, organisch
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja, nach Voranmeldung.
Wohnmöglichkeit: nein
Mitgliedschaft: vinnatur

Das Weingut

Das erste Mal hörte ich von Gianluca Bergianti 2017 bei einer Verkostung in Vignola, der Stadt mit den besten Kirschen der Emilia Romagna. Luciano Saetti, seines Zeichens eine unumstößliche Größe unter den Lambruscowinzern der Region, machte mich auf ihn aufmerksam und meinte, dass ich unbedingt seine Weine probieren sollte. Gesagt, getan – und seither auch immer wieder mit großer Freude und immer neuem Interesse, da Gianluca seinem 2017 noch sehr kleinem Sortiment mittlerweile noch einige Weine mehr hinzugefügt hat.

Gianlucas Familie stammt ursprünglich aus Carpi, einer kleinen Stadt im ebenen Kernland des Lambrusco. Mit Wein hatte die Familie nie wirklich zu tun. Auch Gianluca anfangs nicht, der nach dem Liceo Ingenieurswissenschaften zu studieren begann. Nach einem Jahr sah er jedoch ein, dass Ingenieur nichts für ihn war und beschloss erstmal durch Italien zu reisen, sich umzuschauen und über seinen künftigen Weg nachzudenken. Ein halbes Jahr später schrieb er sich an der Uni Pisa in den Fächern Agrarwissenschaften und Önologie ein und dabei blieb es dann auch. Glücklicherweise, denn Gianluca ist heute einer der interessantesten (im absolut im positiven Sinne des Wortes) und besten Winzer der Emilia. Gemeinsam mit seiner Frau Simona, gleichfalls Agrarwissenschaftsabsolventin und verantwortlich für die landwirtschaftliche Produktion des insgesamt 16 Hektar großen Hofes in Gargallo (man kann ihr Gemüse Freitag nachmittag direkt ab Hof oder am Samstag am Markt in Carpi kaufen). Die Bewirtschaftung basiert seit den Anfängen auf biodynamischen Prinzipien, wobei Gianluca und Simona den Begriff traditionell bevorzugen. Der ampelographische Fokus liegt auf Salamino und Sorbara, den beiden Lambruscosorten der Gegend, die von der weißen Pignoletto und demnächst auch noch von ein wenig Trebbiano Modenese ergänzt werden.

Der Keller von Gianluca ist inspiriert von einem unweit entfernten „Kühlhaus“ aus dem 16. Jahrhundert – einem aufgeschütteten kuppelförmigen Hügel, in dem es stabil zwischen 14 und 16°C hat. Darin vinifiziert er mittlerweile insgesamt sieben Weine, fünf sprudelnde Frizzante & Spumante und zwei weiße Stillweine, mehrere davon in Betoncleyver. Die Gärung ist durch die Bank spontan, die Eingriffe sind minimal (keine Schönung und Filterung, wenig Schwefel). Generell sind die Weine extrem elegant, griffig, mit knackiger Säure, ordentlich Druck in Richtung, filigraner Frucht und einer Menge Charakter.

Il Bianco: Nicht mein Lieblingswein von Gianluca. Pignoletto gehört eigentlich in die Colli Bolognesi und als Grecchetto Gentile nach Umbrien und ich bin mir nicht so sicher, ob er dort nicht besser aufgehoben ist. Breit, weich und doch säurebetont, floral, gelbe Frucht, aber irgendwie unrund.

Perfranco: Einer der Klassiker des Hauses. 100% Lambrusco Salamino di Santa Croce. Nach einer spontanen Erstgärung im Cleyver, fand eine Zweitgärung und nachfolgende zweijährige Lagerung in der Flasche statt. Saftig, kernig und vital. Blüten und Grapefruit in der Nase. Hat Substanz und Tiefe, bereitet aber doch auf unkomplizierte Weise Spaß.

Bergianti Fine: Nochmals Rosato, diesmal allerdings aus Lambrusco di Sorbara. Kein Rifermentato, sondern ein metodo classico (methode champenois). Knochentrocken, vertikal, voller Spannung, und Energie. Beeren und Zitrusfrüchte auf der Zunge. Sehr gut.

Bergianti rosso: Mix aus Salamino und Sorbara, wobei der Salamino klar den Ton angibt. Klassischer Lambrusco, allerdings als metodo classico vinifiziert. Rotbeerig, Waldfrüchte, Kirschen, Kräuter. Staubtrocken wie immer bei Gianluca. Mit ordentlich Rückgrat. Vertikal, linear und belebend.

Weitere Weine von Gianluca Bergianti sind der Rosato Frizzante Saint Vincent und der Primo, die allerdings immer ausverkauft sind, wenn ich ihn treffe.

Zudem vinifiziert er den Stiolorosso (Lambrusco di Sorbara, Oliva und Ancelotta – sehr gut) und den Resmaior (Lambrusco di Sorbara – solala – fein, filigran aber ein bisschen zu mager) von Casalpriore und ist nach dem Tod von Eigentümer Gabriele Ronzoni auch für die Bewirtschaftung verantwortlich.

Bergianti - Terrevive

Via Paganelle Guerri 15
41012 Gargallo di Carpi (MO
simonazerbinati80@gmail.com
g.bergianti@gmail.com
Cell: (+39)349-5227337 Gianluca
Cell: (+39)338-6382870 Simona
www.terrevive.net

Datenblatt

Rebsorten: Pignoletto, Trebbiano modenese, Lambrusco Sorbara, Lambrusco Salamino
Rebfläche: 5 ha
Reberziehung: Guyot
Manuelle Lese: ja
Pflanzenschutz: Kupfer & Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja, nach Voranmeldung
Wohnmöglichkeit: nein

Das Weingut

Gaetano Solenghi ist ein Handwerker im besten Sinne des Wortes. Seit er als Weinbauer anfing, verzichtet er auf große Gerätschaften und erledigt vom Rebschnitt bis zur Lese alles manuell. Mittlerweile unterstützt ihn dabei sein Sohn Nicolo. Gelernt hat er das Winzerhandwerk von einem alten Lohnarbeiter seiner Tante Maria Teresa, die ihm Mitte der 80er Jahre insgesamt drei Hektar Weingärten vermachte. Den „bäuerlichen Weisheiten“ seines Lehrers folgt er bis heute, wobei nach mittlerweile mehr als 30 Lesen auch die eigene Erfahrung eine nicht unwichtige Rolle spielt.
In wenigen Worten bedeutet das, dass er im Weingärten weder Dünger, Herbizide noch Pestizide verwendet, Rebschnitt und -erziehung perfekt auf die natürlichen Verhältnissen in seinen Weingärten abgestimmt hat und zwar wenige aber ausdrucksstarke Trauben einfährt – mehr als 10000 Flaschen im Jahr kommen nie zusammen. Die Rebsorten sind die Klassiker der Zone: Malvasia di Candia Aromatica & Ortrugo liefern die Basis für einen Passito und einen Rifermentato (in Gaetanos Fall ein metodo ancestrale), Barbera & Bonarda (die Sorte ist generell besser unter dem Namen Croatina bekannt), für zwei Rotweine und einen roten Frizzante.
Vinifikation und Ausbau laufen langsam und ohne unnötige Eingriffe ab. Die Gärung startet spontan in Glas- oder Stahlbehältern, wobei die weißen Trauben sofort abgepresst werden, während die roten Trauben oft lange auf der Maische bleiben. Der Ausbau der Weine findet in gebrauchten Tonneaux statt und zieht sich über mindestens zwei Jahre. Gaetano schönt und filtert nicht.
Seine Reserven sind wuchtig, kompakt und rustikal, stoffig und kraftvoll und tief mit den Tradition der Gegend verwoben (wer Eleganz bevorzugt sollte ein paar Kilometer weiter zu Casè fahren). Beide sind Antworten auf die deftigen Fragen, die die piacentinische Küche aufwirft.

Die Weine

Gutturnio Riserva Battorossa: Cuvée aus Barbera und Bonarda. Frühestens nach 4-5 Jahren in Fass und Flasche auf dem Markt. Intensiv, würzig, Waldbeeren, Wacholder. Hat dank der Barbera (la Barbera è una donna) eine ordentliche Säure und Energie. Die Bonarda steuert dunkle Aromen, Rückgrat und Power bei. Reift folglich hervorragend. Wer die Möglichkeit hat, Gaetano persönlich zu besuchen (und anders kommt man an seine Wein kaum ran), sollte ihn nach alten Jahrgängen fragen.

Barbera L’Attesa: Der Name verdankt sich dem langen Warten (L’Attesa) auf den Wein. Erst während des Ausbauprozesses (mindestens zwei Jahre im gebrauchten Fass und danach zwei weitere in der Flasche) später beim Warten auf die perfekte Trinkreife (ein paar Jahre Geduld tun gut). Rotbeerig, straff, temperamentvoll. Fleischig. Pfeffer. Hat Power und Körper aber auch Zug und Säure. Macht ordentlich Druck am Gaumen.

Gutturnio Frizzante
Ortrugo Frizzante
Danza del sole (passito)

Gaetano Solenghi

Loc. Battibò di Corano 160, 29010 Borgonovo Val Tidone
Tel.0523860352
info@solenghigaetano.com
solenghigaetano.com

Die Fakten

Jahresproduktion: derzeit ca. 10000 Flaschen
Rebsorten: Malvasia di Candia Aromatica, Ortrugo, Barbera, Bonarda (syn. für Croatina)
Rebfläche: 3 ha
Manuelle Lese: ja
Pflanzenschutz: Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Croci

Massimiliano Croci macht in einer jener Ecken Italiens Wein, die international (und auch innerhalb des Landes) wenig bekannt sind und doch auf eine lange Geschichte verweisen. Sein Weingut in Castel Arquato im Val d’Arda, östlich von Piacenza, ist zwar nur einen Katzensprung östlich der Kernzone des Lambrusco gelegen, hat damit allerdings so gut wie nichts mehr zu tun. Die Rebsorten sind völlig andere und auch wenn sich die Gegend seit knapp 100 Jahren durch die Erzeugung von Gutturnio Frizzante (eine Antwort auf Lambrusco) eine gewisse Reputation für ordentlichen Sprudel erarbeitet hat, gibt es auch eine Menge spannender Stillweine, eine Vielzahl davon in weiß.

Massimilianos höhergelegene Reben wachsen auf dem 250 Meter hohen Monterosso. Das Terrain ist rötlich und von Eisenoxid geprägt und erweist dem Namen des Hügels alle Ehre. Weiter unten geht es in kalkhaltigen Sand über, ein geologisches Überbleibsel aus Zeiten als die Poebene noch von einem Ur-Meer bedeckt war. 

Die pedologischen Verhältnisse sind karg, für Weinbau jedoch bestens geeignet. Seit 1935 kultiviert die Familie Croci hier Reben, wobei man in Weiß seit jeher auf die fantastische Malvasia di Candia aromatica, Ortrugo, Marsanne und Sauvignon Blanc setzt – die beiden Letzteren sind bekanntlich französische Sorten allerdings bereits seit der Invasion Napoleons auch zwischen Parma und Piacenza zu Hause. Rot beschäftigt sich Massimiliano einzig und allein mit Barbera und Bonarda, den beiden Klassikern der Region. Die Bewirtschaftung der 10 Hektar Weingärten ist seit jeher biologisch, seit einigen Jahren ist er auch offiziell zertifiziert. 

Die Weine  

Gutturnio Frizzante: Barbera und Bonarda, per Hand gelesen. Spontane Erstgärung. Zweigärung über mind. 10 Monate in der Flasche, nicht degorgiert. Rustikal, würzig, dunkelfruchtig, festes Tannin. Mit Zug, Druck, Frische und ordentlich Energie am Gaumen. Trinkfluss mit Tiefgang.  Exzellente Lambruscoalternative.

Colli Piacentini Monterosso Campedello: Frizzante aus Malvasia di Candia Aromatica, Ortrugo, Trebbiano, Sauvignon Blanc und Marsanne. Spontane Erstgärung. Zweigärung über mind. 10 Monate in der Flasche, nicht degorgiert. Blütennoten, Maulbeeren. Tonic. Fein und subtil am Gaumen. Delikate Perlage. Sehr gut.

Lubigo Frizzante: Eine Rarität: Ortrugo in purezza. 15 Tage mit den Schalen vergoren. Zweigärung über mind. 10 Monate in der Flasche, nicht degorgiert. Floral. Brot und Hefenoten. Steinobst. Das Tannin strukturiert spürbar, wird allerdings von der lebendigen Perlage relativiert. Klingt salzig aus.

Valtolla (orange): Eine jener fantastischen Malvasia di Candia Aromatica Versionen, die keinen Raum für Kompromisse lassen. 30 Tage Mazeration. Fordert vom ersten Schluck weg, macht aber dennoch oder gerade deswegen Spaß. Reife, gelbe Frucht und Kräuterteenoten. Saftig und kompakt. Macht mächtig Druck zum Gaumen hin. Kann man sich über Jahre hinweg in den Keller legen.

Valtolla (rot): Barbera & Bonarda – in der Zement vergoren und gelagert. Dunkel, kraftvoll und saftig – hat von allem nicht zu wenig: Säure, Tannin, Frucht, Würze & Power.  Ist dennoch im Gleichgewicht. Lang und nachhaltig. Lohnt sich sehr.

Adresse

Massimiliano Croci
Monterosso 8
29014 Castell’Arquato
croci@vinicroci.com
tel/fax +39 0523 80332

Cold facts

Rebsorten: Malvasia di Candia Aromitica, Sauvignon Blanc, Marsanne, Ortrugo, Barbera, Bonarda
Rebfläche: 10 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: –
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

LA STOPPA ist ein altes Weingut nahe Piacenza in der Emilia, deren Weingärten einsam die Hänge des Val Trebbiola hochklettern. Das Gut umfasst 58 Hektar, wobei 28 Hektar Eichen, Kastanien und Robinien sind – der Rest ist Wein. Die Wälder und Weingärten sind von einem mittelalterlichen Turm  flankiert, der vor langer Zeit von einem Advokaten namens Ageno bewohnt war. Seiner Leidenschaft für französische Weine verlieh er dadurch Ausdruck, dass er Merlot, Cabernet, Semillon und Pinot Noir auspflanzen ließ und die daraus entstandenen Weine Bordo und Pino nannte. Seinen Namen trägt heute wiederum ein maischevergorener Malvasia di Candia Aromatica, ein Meilenstein in der Welt der Orangen Weine.
Französische Rebstöcke wurzeln noch heute in den Weingärten. Allerdings gesellen sich zu den Klassikern aus dem Bordeaux auch noch Bonarda und Barbera, Malvasia di Candia Aromatica und Ortrugo – und so sind die Weine von La Stoppa eine gelungene Mischung aus autochthonen und zugewanderten Sorten, die letztlich ein ziemlich spektakuläres Sortiment abgeben.
1973 wurde La Stoppa von der Familie Pantaleoni übernommen, die das Weingut auf biologische Bewirtschaftung umstellte und den Keller renovierte. Mit dem Resultat, dass La Stoppa heute zu den führenden und sicher besten und innovativsten Weingütern der Emilia zählt.
Die Philosophie des Weinguts basiert auf ein paar wenigen Säulen. Die sind zum einen niedrige Erträge (dem fortgeschrittenen Alter der Rebstöcke und dem kargen Terrain geschuldet) und gesunde und absolut botrytisfreie Trauben. Dem Menschen kommt dabei die Aufgabe dazu, das ihm vorgegebene Material so gut und so authentisch wie möglich zu verarbeiten und dabei sowohl die Charkeristika der Rebsorte wie auch der Region zum Ausdruck zu bringen.
Der Keller ist zweistöckig. Man arbeitet mit der Schwerkraft und quasi pumpenfrei. Vinifiziert werden die gerappten Trauben, die Gärung erfolgt spontan. Die Mazerationszeiten sind bei Weiß- wie Rotweinen lange, die Gärtemperaturen sind abhängig vom Jahrgang. Erfolgt die Gärung noch im Stahltank, so wird der Wein dann weiterführend zum Teil auch in Holz ausgebaut – der Wein soll die Möglichkeit haben zu atmen und sich langsam zu entwickeln. Nach der Abfüllung erfolgt noch eine weitere, zuweilen recht lange Reifezeit in der Flasche. Erst wenn die Weine ein perfektes Gleichgewicht erlangt haben kommen sie auch auf den Markt.

Die Weine

Ageno: maischevergoren, basiert auf Malvasia di candia aromatica, Trebbiano und Ortrugo. Tief und komplex, fordernd und doch mit Trinkfluss; einer der großen orangen Weine Italiens. Ein Monument. La Stoppas bester Wein.

Trebbiolo: Lebhaft, saftig, dunkelfruchtig. Hat Energie und Power. Cuvée aus Bonarda und Barbara, den beiden klassischen Sorten der Region. Spontan vergoren und in Zementbottichen ausgebaut.

Macchiona: Intensiv, druck- und kraftvoll, würzig und nachdrücklich am Gaumen. Ebenfalls und zu gleichen Teilen aus Bonarda und Barbera gekeltert. Spontan vergoren, über 40 Tage mazeriert und danach zwei Jahre lang im Holz und zumindest ein Jahr in der Flasche gereift. Eine der besten roten Stillweine der Emilia.

Barbera: Kühle Frucht, fleischiger Unterton, knackige Säure – zischt recht lebhaft durch die Adern. Hat Substanz und Tiefe. Bleibt recht nachhaltig am Gaumen. Nach spontaner Gärung und 40 tägigem Schalenkontakt wird er im 4000-Liter Holzfass ausgebaut. Ungefiltert, ungeschönt und ungeschwefelt

Vigna del Volta: Süßwein aus Malvasia di Candia Aromatica. Stammt von einem auf Kalk basierenden Weingarten, der über Jahrzehnte hinweg von Signor Volta gepflegt wurde. Den gibt es leider nicht mehr, seinen Wein allerdings schon. Spontan vergoren und über ein Jahr in Barriquefässern ausgebaut offeriert er viel Marille, ordentlich Säure, eine ölig-cremige Konsistenz und ein langes, gelbfruchtiges Finish.

La Stoppa
29029 Rivergaro (PC)
Tel. (+39) 0523.958.159
Fax (+39) 0523.951.141
E-mail: info@lastoppa.it
www.lastoppa.it

Die Weine von La Stoppa gibt es in Deutschland bei VINATUREL und in der Schweiz bei CULTIVINO

Jahresproduktion: 160000
Rebsorten: Malvasia di Candia Aromatica, Ortrugo, Trebbiano, Moscato, Semillon, Barbera, Bonarda, Merlot
Rebfläche: 30ha
Reberziehung: Guyot
Rebstockalter: zwischen 5 und 90 Jahren
Manuelle Lese: ja
Pflanzenschutz: Kupfer & Schwefel
Biologisch zertifiziert ja
Direktverkauf: ja, nach Voranmeldung
Essmöglichkeit/Restaurant: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Teil 2 über eine der missverstandsten Familien der Welt

– Lambrusco Maestri

Toppt den Grasparossa bezüglich Dunkelheit und Gerbstoff. Maestri findet sich vor allem in der Ebene und den ersten Apenninhügeln zwischen Reggio Emilia und Parma. Reinsortige Lambrusco Maestri gibt es nur wenige, doch werden eine ganze Menge spannender Interpretationen produziert, in denen die Sorte ein gewichtiges Wort mitzureden hat. Im Verbund mit der Grasparossa beispielsweise gibt sie eine rustikale, pulsierende und aggressive Antwort auf die maßvollen, ausgeglichenen und zurückhaltenden Salamino und Sorbara. Alle vier gehören zur Lambruscofamilie, doch könnten die sensorischen Unterschiede zwischen ihnen kaum größer sein. Exzellente Versionen gibt es, wie bereits erwähnt, gleich mehrere. Allen voran der Neromaestri (70% Maestri und 30% Grasparossa) von Roberto – nomen est omen – Maestri von der Azienda Quarticello, der Pozzoferrato von Storchi oder der Lambrusco Fermente der Agricola La Collina.

 

– Lambrusco Marani

In der Ebene rund um Reggio Emilia zu Hause. Immerhin die drittwichtigste Sorte in Sachen Quantität, wobei mir bislang noch keine wirklich atemberaubende Interpretation davon untergekommen ist.

 

– Lambrusco Fiorano

Fiorano kennt man vor allem als private Teststrecke für Ferrari-Boliden, die kleine Stadt südlich von Modena ist aber auch Namensgeber eines Mitglieds der Lambrusco-Familie. Dank seiner großen Beeren ist Lambrusco Fiorano bisweilen auch unter der Namen Lambruscone (das Suffix -one verweist auf etwas Gewichtiges/Großes) bekannt. Da sie nicht besonders robust ist und folglich anfällig für alle mögliche Krankheiten, hat sie trotz ihrer exzellenten Qualitäten bei den Winzern keinen allzu guten Stand. Claudio Plessi lässt sich davon nicht irritieren und keltert aus ihr den Lambruscaun, einen balsamischen, kirschfruchtigen, würzigen und nur leicht perlenden Wein.

 

– Lambrusco Barghi

Wie schon beim Lambrusco Fiorano gibt es auch vom Lambrusco Barghi kaum reinsortige Versionen, die eine, die ich kenne, hat es allerdings in sich. Der Rio degli Sgoccioli stammt aus den Weingärten von Vanni Nizzoli (Cinque Campi), einem der besten Winzer der Emilia und etwas südlich von Reggio Emilia beheimatet. Zwar wurde die Sorte seit jeher als qualitativ äußerst hochwertig angesehen und auch aufgrund ihrer Resistenz gegen Botrytis und ihres generell hohen Zuckergehalts hochgeschätzt, doch wurden ihr ihre dicke Schale und folglich ihr geringer Saftertrag zum Verhängnis. Heute ist sie fast ausgestorben. Vanni Version riecht nach Unterholz und Kirschen, ist saftig und einladend, hat griffige Tannine und eine lebhafte Perlage und macht Druck am Gaumen und darüber hinaus.

 

– Lambrusco Montericco

Ein Klassiker vergangener Zeiten in der Gegend rund um Albinea. Findet sich heute leider nur noch sporadisch. Schuld daran dürfte die relativ hohe Säure haben. Fließt heute meines Wissens nur noch in Cuvèes ein z.B. in den exzellenten Sottobosco von Ca’de Noci.

 

Weitere Lambruscosorten, über die ich bisher allerdings kaum Bescheid weiß, sind

Lambrusco Viadanese (rund um Mantua)
Lambrusco Oliva
Lambrusco di Corbelli
Lambrusco Benetti

Paulo Ghiddi vereint auf seinem 7 Hektar großen Weingut bei Castelvetro di Modena gleich mehrere Professionen: er praktiziert vorrangig als Winzer, ist aber zudem noch als Hotelier (ein kleiner Agriturismo), Getreide- & Gemüsebauer (Dinkel, Gerste, Artischoken), Essigproduzent (Aceto Balsamico) und Gastwirt tätig. Er arbeitet seit der Steinzeit der offiziellen Zertifizierung biologisch und keltert Weine, die sich zwar vorwiegend lokalen Traditionen gelegentlich aber auch Vorlieben von Paolo verdanken. So hat er neben die in der Zone omnipräsente Lambruscovariante Grasparossa und Trebbiano di Spagna auch ein wenig Cabernet Sauvignon und Chardonnay gepflanzt und dabei den Schmähungen diverser Kollegen widerstanden. Vinifiziert wird allerdings so wie sich das für diesen Teil der Emilia gehört. Einer ersten Gärung in Zement oder Stahl folgt eine Zweitgärung in der Flasche und folglich Weine, die allesamt ordentlich sprudeln und schmecken.

WEINE: Richtig spannend und gut wird es dabei gleich beim ersten Wein, dem Matris Album, einer nach der methode ancestrale vinifizierten Cuvèe aus Trebbiano di Spagna, mit mikroskopischen Anteilen Garganega und Chardonnay. Voluminös, ausladend und üppig kontert sie spät aber dafür nachhaltig mit Säure und punktet am Gaumen wie in der Nase vor allem mit hefigen Noten, Kamille und Minze. Die Nummer zwei der Matris Rubellum, ein ebenfalls flaschenvergorener Rosato, ist straff und zurückhaltend, die ist Textur elegant und kühl, die Hefearomen weichen floralen Noten. Die Nummer drei im Matristrio ist der Matris rubrum, in dem ebenfalls Grasparossa den Ton angibt, allerdings nicht allein – unterstützt wird er von Uva Tosca und dem bereits erwähnten Cabernet Sauvignon – (im einstelligen Prozentbereich). Der hat – zumindest aromatisch – eher wenig zu melden, sorgt allerdings dafür, dass der ohnehin nicht tanninarme Grasparossa nochmals zusätzlich Rückgrat bekommt. Die Aromen sind dunkel und saftig, die Struktur ist, dank einer sehr lebhaften Perlage, animierend und der Körper ist kraftvoll aber elegant.

ps: Paolo Ghiddi hat in Form der Podere Cervarolo quasi einen Untermieter – das kleine, eben erst gegründete Weingut von Andrea della Casa vinifiziert seine Weine im Keller von San Polo. Wer also in die Gegend aufbricht, bekommt am Hof von Paolo die Weine von gleich zwei ausgezeichneten Winzern zu probieren.

Azienda San Polo
Via San Polo 5
Castelvetro di Modena
Tel: +39 348 0738343
info@agrisanpolo.it
www.agrisanpolo.it

WEINE

Matris album
Matris rubellum
Matris rubrum

Die Weine kosten ab Hof um die € 8 (2017).

Jahresproduktion: ca.30000 Flaschen
Rebsorten: Trebbiano di Spagna, Garganega, Lambrusco grasparossa, Uva Tosca, Cabernet sauvignon
Rebfläche: 7 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: ja
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: ja

Pünktlich zur Weihnachtszeit eine Familiengeschichte.

Lambrusco ist zwar kein Dauerthema auf vino e terra, allerdings zugegebenermaßen eines, das mehr Aufmerksamkeit bekommt, als andere. Das hat gleich mehrere Gründe. Zum einen hat vino e terra sein Hauptquartier in Modena, also im Schnittpunkt der drei wichtigsten Lambruscoappellationen, weshalb es quasi tagtäglich die Möglichkeit gibt, sich damit zu beschäftigen. Zum anderen schlägt sich Lambrusco mit einer desaströsen Reputation herum, die zwar durchaus selbstverschuldet sein mag, der jedoch immer mehr handwerklich und biologisch arbeitende Winzer brillante Interpretationen entgegensetzen. Und die gilt es eben immer wieder vorzustellen.

Dem katastrophalen Ruf mag es auch geschuldet sein, dass sich eigentlich niemand außerhalb der Emilia mit Lambrusco auseinandersetzen will. Das führt fast zwangsläufig zu Überraschungen und Missverständnissen. Denn die Welt des Lambrusco ist nicht wirklich einfach zu verstehen. Was sich als banale und süß-klebrige Einheitsplörre im Unterbewusstsein vieler Weintrinker festgesetzt haben dürfte, hat eine lange und durchaus beachtliche Geschichte und ist zudem wesentlich vielschichtiger als gemeinhin angenommen. Auch die gilt es – ein andermal – nachzuerzählen.

Das Lambrusco, also die geographische Zone zwischen Bologna und Parma, hat seinen Namen von einer Rebsortenfamilie, die in sich nicht nur extrem heterogen ist, sondern auch heute noch aus immerhin 15 Mitgliedern besteht – vor 200 Jahren waren es doppelt so viel. Wie viele es vor 2000 Jahren waren, steht in den Sternen – Fakt ist jedoch, dass es die Lambruscofamilie damals bereits gab, was sie zur vermutlich ältesten unter den oft sehr alten Rebsortenfamilie Italiens macht. Es war also Zeit genug vorhanden, um sich – bei allen genetischen Übereinstimmungen, die es gab und gibt – entsprechend auseinander zu entwickeln. Das Lambrusco ist heute ein Sammelsurium an Rebsorten mit eigenen morphologischen, physiologischen aber auch sensorischen Attributen und wer in die Gegend aufbricht oder zu Hause eine Flasche aufmacht, sollte sich der Tatsache bewusst sein, dass zwischen Lambrusco Grasparosso und Lambrusco Sorbara geschmacklich ungefähr so viel Ähnlichkeit besteht wie zwischen Cabernet Sauvignon und Pinot noir. Es lohnt sich folglich die unterschiedlichen Mitglieder der Familie genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die vier Wichtigsten:

Lambrusco di Sorbara

Südlich von Modena beheimatet. Weit und breit keine Erhebung. Dafür flache Sandböden und viel Luftfeuchtigkeit, die ideale Umgebung für Tomaten, Pfirsichbäume und …  Sorbara. Trotz bisweilen tropischer Verhältnisse (es kann im Sommer über Monate hinweg sehr heiß werden) kann man aus Sorbara im Idealfall elegante, zarte, ätherisch-leichte und duftige Weine keltern.

Bergianti produziert einen exzellenten reinsortigen Sorbara, Paltrinieri macht ebenfalls eine gelungene Version.

Lambrusco Salamino: Elegant, cremig, dunkle rote Beeren, Blütennoten, weich, sanft und einnehmend: zumindest würde ich ungefähr so Luciano Saettis Lambrusco Salamino beschreiben: den besten, den ich kenne. Die kurze und zylindrische Form der Traube führte dazu, dass ein paar betrunkene Bauern (oder Ampelographen) darin eine Salami erkannten – womit ihr etymologisches Schicksal besiegelt war.

Salamino findet sich vor allem in der Ebene zwischen Carpi und Modena. Satte 4000 Hektar sind damit bestockt, meist auf Sand, Schlick oder Ton. Es bedarf also viel Feingefühl und Erfahrung auf Seiten der Winzer, um die Finessen der Sorte aufzudecken.

Luciano Saetti produziert neben seinem Lambrusco auch noch einen exzellenten Rosato, den Il Cadetto. Ebenfalls ausgezeichnet ist der Ferrando von Quarticello. Dunkelfruchtigr, kraftvoller aber immerhin gut strukturiert ist der Albone von der Podere Il Saliceto. Bergianti, ein junges Weingut nahe Carpi tendiert mehr in die Richtung Saettis und macht aus Lambrusco Salamino (und 20% Lambrusco di Sorbara) den eleganten, dynamischen und rotbeerigen Bergianti rosso.

Lambrusco Grasparossa: Muskulös, saftig, dunkelfruchtig und kompakt. Grasparossa ist die forderndste und intensivste Lambruscovariante. Sie hat ordentlich Tannin und eine strukturierende Säure und wenn alles richtig gemacht wird (und es gibt eine ganze Menge an Winzern, die mittlerweile genau wissen, was sie tun), bekommt man einen Wein ins Glas, der nicht für ein farbliches Spektakel sorgt (dunkelblau mit violettem Schaum) sondern als Gesamtkunstwerk punktet. Wobei – anders als beim Salamino oder Sorbara – nicht Eleganz sondern Kraft und Konzentration das letzte Wort haben. Ich vermute auch, dass sich Grasparossa über Jahre hinweg sehr positiv entwickelt, weshalb ich erste Flaschen eingemottet habe.  Grasparossa findet man vor allem in den Hügeln südlich von Modena.

Wer Lust hat, sich mit Grasparossa zu beschäftigen, sollte auf jeden Fall Vittorio Grazianos Fonte dei Boschi und Claudio Plessis Tiepido probieren. Ganz fantastisch sind auch der Cenerino von der gerade erst ins Leben gerufenen Podere Cervarolo und der Matris rubrum von San Polo. Alle vier Winzer befinden sich nur ein paar Kilometer von Modena entfernt. Weiter im Westen, in den Hügeln südlich von Reggio Emilia gibt es mit dem Libeccio 225 von Denny Bini ebenfalls eine sehr gelungen reinsortige Versionen. In vielen anderen Lambruschi dient Grasparossa als Cuvèepartner und sorgt darin für Farbe, Gerbstoff und Cremigkeit (Ca‘ de Nocis Sottobosco, Quarticellos Despina, Angol d’Amigs Rosso etc.).

 

Vom Rest der Lambruscofamilie wird dann in den nächsten Tagen erzählt:

Lambrusco Maestri
Lambrusco Marani
Lambrusco Fiorano
Lambrusco Barghi
Lambrusco Montericco
Lambrusco Oliva
Lambrusco di Corbelli
Lambrusco Benetti
Lambrusco Viadanese

Via San Martino, 1 – Località Ponte Ronca – 40069 Zola Predosa (Bologna)
Tel: 051 756763
Email: info@mariabortolotti.it
www.mariabortolotti.it

WEINE

  • Mamolo (Pignoletto: vino bianco)
  • Falestar (Pignoletto: vino bianco frizzante)
  • Dardleina (Barbera: vino rosé frizzante)
  • Bosco (Pignoletto: vino bianco)
  • Matilde (Barbera: vino rosso)
  • Natura ama nascondersi (Barbera: vino rosso)
  • Armando (Barbera, Cabernet S., Colorino: vino rosso)
  • Dolcedò (Pignoletto: vino bianco dolce passito)
  • Bibendum (Barbera vendemmia tardiva:Vino rosso)
  • Eligio (Sauvignon: Vino bianco)

Die Preise der Weine liegen zwischen € 10 und € 20 (2017)

Flavio Canetti ist Mitglied bei den Vignaioli Artigianali Naturali

Jahresproduktion: ca.20000 Flaschen
Rebsorten: Pignoletto, Sauvignon blanc; Barbera, Cabernet sauvignon
Rebfläche: 6 ha
Manuelle Lese: ja
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Flavio Cantellis sechs Hektar großes Weingut liegt kurz hinter der Peripherie Bolognas, genau dort, wo erste Hügel langsam und noch sehr sanft in Richtung Apennin aufsteigen. Ausgesucht hat diesen Platz seine Mutter Maria Bortolotti vor knapp 30 Jahren, als sie nach Jahren des Zauderns beschloss, ihren Beruf als Lehrerin an den Nagel zu hängen, um endlich das zu werden, was sie immer werden wollte: Winzerin. Neben bereits vorhandene Rebstöcke setzte sie noch Barbera, Sauvignon blanc und Pignoletto in die Kalk-Ton-Böden, allesamt Sorten, die – auch wenn man das kaum glauben mag – seit Jahrhunderten in der Gegend heimisch sind (laut Flavio könnte es durchaus sein, dass Barbera nicht vom Piemont in die Colli Bolognesi wanderte, sondern die Migration genau in die entgegengesetzte Richtung stattfand. Dokumente bezeugen die Sorte bereits im 12. Jahrhundert in der Gegend rund um Bologna, zu einem Zeitpunkt, als es dergleichen Aufzeichnungen rund um Asti und Alba noch längst nicht gab.)

Zwei Generationen: Von Anfang an bewirtschaftete Maria ihre Weingärten biologisch, seit 1992 ist sie entsprechend zertifiziert. Flavio hat daran nie etwas geändert. Im Gegenteil. Den kompromisslosen Weg seiner Mutter (die übrigens noch immer am Weingut werkt) ist er noch ein Stück weitergegangen. Er experimentiert mit extremen Stockdichten und Niedrigerziehung und versucht sich zudem an Rebsorten, die selbst die ältesten Winzer der Gegend nur noch vom Hörensagen kennen. Und letztlich hat er auch im Keller Entscheidungen getroffen, die dazu geführt haben,  dass er heute Weine keltert, die weit über dem stehen, was man ansonsten aus dieser Ecke kennt. So schafft er es, dem meist eher durchwachsenen Pignoletto sein ganzes Potenzial (Bosco) zu entlocken und interpretiert ihn zudem gleichermaßen erfolgreich in unterschiedlichsten Stilistiken (Falestar, Mamolo). Fast noch erstaunlicher ist der Eligio, seine Sauvignon blanc Interpretation, die reif gelesen und auf der Maische vergoren, meilenweil von den dünnen, grün-grasigen Allerweltversionen entfernt ist, die uns von einem dumpfen Allerweltjournalismus noch immer als sortentypisch vorgegaukelt wird.  Flavios Sauvignon wirkt warm, gelbfruchtig, herbstlich und generös, die Säure ich weich aber strukturgebend, der Körper muskulös aber entspannt.

ROT: Und auch seine Barbera können sich sehen lassen. Die notorische Säure der Sorte wird in den meisten Jahren von der emilianischen Sonne in ein Gleichgewicht gebracht, von der die meisten Piemonteser Versionen nur träumen können. Insofern haben seine Rotweine ein Gleichgewicht aus Frucht, Erde, Kraft, Tannin und Säure, das man sich viel öfter wünschen würde.

Kooperation: Die Entwicklung ist dabei noch längst nicht abgeschlossen. Jede Neuerung, jeder Schritt, der ihn auf noch unbekanntes Terrain führt, wird genau beobachtet und analysiert. Er probiert neue Gebinde aus, experimentiert mit Maische- & Ausbauzeiten, reduziert die Schwefelmengen und filtert immer seltener. Dabei steht ihm oft Claudio Plessi zur Seite, ein brillanter Winzer aus dem zwanzig Kilometer entfernten Caselnuovo Rangone, mit dem er sich den Weinkeller teilt (bzw. ihn auch Claudio zur Verfügung stellt.) Gemeinsam loten sie aus, was möglich ist und keltern dabei Weine, die sich längst als Messlatte für die anderen Winzer ihrer jeweiligen Regionen erweisen.

…obwohl ich lieber lang und mit all der Begeisterung und dem Respekt, den ich dafür empfinde, darüber schreiben würde. Ein anderes Mal. Also: Wie im übrigen Italien waren auch in der Pianura Padana und im emilianischen Apennin erst Ziegen und Schafe die Tiere zur Milchgewinnung und Käseproduktion. Das sollte sich um die erste Jahrtausendwende ändern, als die Klöster der Umgebung Innovationen in der Landwirtschaft initiierten und sukzessive Kühe das Kommando auf den Weiden übernahmen.

Auch wenn es heute unmöglich scheint einen genauen Zeitpunkt für die Herstellung der ersten Parmesanlaibe auszumachen, dürften die ersten diesbezüglichen Versuche bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. 1348 jedenfalls sprach Boccaccio im Decamerone von einem Parmesanberg („In una contrada, che si chiamava Bengodi… eravi una montagna di formaggio Parmigiano grattugiato, sopra alla quale stava genti che niuna altra cosa facevan, che fare maccheroni, e raviuoli, e cuocergli in brodo di capponi” – in einem Ort namens Bengodi… erhob sich ein Berg aus geriebenem Parmesan, auf dem die Menschen nichts anderes taten, als Maccheroni und Ravioli herzustellen und sie ihn Hühnersuppe zu kochen.) und seit damals bestimmt der Käse die Geschicke der Region.

Die Region: das waren über lange Zeit die Hügel zwischen Parma und Reggio Emilia, wobei sich im Laufe der Jahre und Jahrhunderte zunehmend auch noch die Dörfer rund um Modena und Bologna seiner Herstellung annahmen (und heute das eigentliche Herz der Parmesanproduktion bilden). Die Stadt, die sich bis heute als Geburtsort feiern lässt und auch mit einem nicht unbedeutendem Monument an der Ortseinfahrt auf seinen Status verweist, ist Barco di Bibbiano, doch ziehen sich quer durch das Land sogenannte Caselli, alte hexagonale und meist in hellblau (die Farbe, die einst mit Hirten und Bauern assoziiert wurde) gehaltene Produktionsstätten, deren spezielle Form sich der dadurch ermöglichten Luftzirkulation verdankte.

Die Milch stammt heute vorwiegend von Holstein-Kühen, eine, wie Wikipedia meint, großrahmige Hochleistungskuh mit genetischer Ausrichtung auf Milchproduktion. Das war, wie es der Namen andeutet, nicht immer so. Noch bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts trieben sich auf den Weiden und in den Ställen 140000 Rinderviecher der Rasse Bianca Modenese herum, die zwar exzellente Milch lieferte, nach dem zweiten Weltkrieg allerdings trotzdem ihr Standing verlor. Und das gleich im doppelten Sinne: zum einen vertrauten die Bauern nur mehr bedingt auf die Muskelkraft der Bianca Modenese und leisteten sich stattdessen verständlicherweise immer öfter Traktoren und zum anderen setzte man auf die schiere Quantität der friesischen Kühe (bis zu 50 Liter pro Tag) statt auf die Qualität der einheimischen Bianca m. (zwischen 18 und 25 Liter/Tag). Das führte in nur wenigen Jahrzehnten dazu, dass sie fast völlig von der Bildfläche verschwand und Anfang 2000 nur noch ein paar hundert Exemplare davon übrig waren. Heute sind es unwesentlich mehr und insgesamt sind mir gerade einmal drei Produzenten bekannt, die aus ihrer Milch noch Parmesan daraus machen (dafür aber auch die mitunter besten – Massimo Bottura, Chef der legendären Osteria Francescana bezieht seinen Parmesan von Rosolà, einer hoch im Apennin gelegenen Käserei eine Stunde südlich von Bologna). Daneben gab und gibt es auch noch die Vacche rosse reggiana, die roten Kühe von Reggio, die zwar unter Liebhabern nicht die gleiche Reputation wie die Bianca modenese genießen, die man heutzutage allerdings wesentlich öfter als die Bianca modenese findet und aus deren Milch man ebenfalls exzellenten Parmesan käst.

Wenn ich mich recht erinnere, habe ich gelesen, dass es heute gut 700 Parmesan-Produzenten und um die 300000 Kühe gibt. Bei all dem Parmesan, der allein in Italien verbraucht wird, scheint mir das auch notwendig.

Produzenten von Parmesan aus der Milch der Bianca modenese

Santa Rita (bio-zertifiziert)
Rosolà
Agriturismo Tizzano

weitere Milch & Fleischproduzenten sowie ein paar Informationen zu der alten Rinderrasse finden sich auf www.consorziobiancamodenese.it/

Die Bianca modenese findet sich unter den Presidi von SLOW FOOD.

Weitere Produzenten (bisweilen hoch oben im Apennin)

Nuova Martignana: (Vacca rossa reggiana)
Reggiani (Bio): Via Francesco Baracca, 6, 41013 Castelfranco Emilia
Hombre (Bio): Am Stadtrand von Modena gelegen – im Eigentum der Panini (Fussballpickerl) Family, die ihr Hauptquartier in Modena hat

Casearia Val del Dolo: 36 Via Chiesa Romanoro, Romanoro
Caseificio Rio San Michele: Via Giardini Sud, 327, 41026 Pavullo Nel Frignano

FalestarPignoletto erinnert in vielerlei Hinsicht an Welschriesling. Multifunktional und anspruchslos keltern 98% der Winzer daraus uninteressante und belanglose Weine, deren einzige Vorteile darin bestehen, dass sie billig sind. Pignoletto wie auch Welschriesling dienen als Basis für simple Stillweine, simple Schaumweine und simple Süßweine. Doch immer dann, wenn man glaubt, mit der Sorte endgültig abgeschlossen zu haben, melden sich die 2% zu Wort. Judith Beck beispielsweise mit ihrem Welschriesling Bambule oder aber Flavio Cantelli und Antonio Ognibene mit gleich mehreren exzellenten Pignolettoversionen.

Pignoletto ist genetisch identisch mit Grecchetto di Todi, einer in Umbrien weitverbreiteten Sorte, hat sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte in den Colli Bolognesi (und in geringerem Ausmaß in den Colli di Rimini) zu einer Varietät mit eigenständigen Attributen entwickelt hat. Im Normalfall (98%) bedeutet das, dass man es mit unkomplizierten und leichten Weinen zu tun hat, die sich dank hoher Säure auch bestens für Schaumweine eignen und für gewöhnlich ein paar Blütennoten mit Zitrusaromen vereinen.

Die Ausnahmen wiederum verdeutlichen, dass man in den richtigen Lagen, mit niedrigen Erträgen und entsprechender Bewirtschaftung und Vinifizierung aus Pignoletto auch Weine keltern, die Substanz mit Struktur und Vielschichtigkeit mit Tiefe verbinden. Der Bosco von Flavio Cantelli von der Azienda Bortolotti beispielsweise hat nicht nur Kraft, Textur und Dynamik sondern auch eine Bandbreite an Aromen, die den bereits erwähnten Noten auch noch reife gelbe Frucht und eine feine Würze hinzufügt. Sein Mamolo ist einen Tick leichter, schlägt allerdings sonst in dieselbe Kerbe.

Antonio Ognibene von Gradizzolo geht noch einen Schritt weiter. Zwei seiner drei Pignoletto werden mit derselben Intention wie diejenigen von Flavio Cantelli vinifiziert, ein dritter landet allerdings in der Amphore, wo die dicken Schalen der Sorte für eine zwar zupackende aber auch einladenden Gerbstoffstruktur sorgen und zunehmend rotbeerige und erdige Noten den Ton angeben. Weitere spannende Beispiele gibt es von Orsi (vor allem der frizzante), Erioli und Gianluca Allegro.

WEINE

Azienda Bortolotti: Bosco
Azienda Bortolotti: Mamolo
Azienda Bortolotti: Falestar (Frizzante)
Orsi: Sui Lieveti (Frizzante)
Erioli: Badianum
Gradizzolo: Bersot 1933
Gradizzolo: Le Anfore

Claudio Plessi ist eine der großen Figuren im biologischen Weinbau der Emilia. Das wissen selbst in der Emilia die wenigsten, was vor allem daran liegt, dass Claudio zwar seit den 70er Jahren immer wieder große Projekte initiiert, sich dabei aber selbst weitgehend zurücknimmt. Folglich sind wir uns erst vor kurzem bei einer dem Lambrusco gewidmeten Verkostung in Vignola erstmals über den Weg gelaufen, wo er eine Handvoll sprudelnder Weine ausschenkte, die sich nicht nur qualitativ von denjenigen der anderen unterschieden. Auch was er einschenkte, sprengte den üblichen Kanon.

Wir starteten mit dem Ruzninteina, einem reinsortigen Ruggine, zu Deutsch „Rost“, einer alten Sorte aus dem Modenese, die ihren Namen ihrer tieforangen Farbe verdankt und nach Trockenfrüchten, Heu und Hefe schmeckt; machten mit dem Sparglàta, einem 100%igen Spergola weiter und krönten die erste Runde mit dem Tarbianein, seinem brillanten, ein wenig barocken, duftigen und mundfüllenden Trebbiano di Spagna.

Zwar pflegt Claudio – wie es sich für die Gegend gehört – die Tradition moussierender Weine, doch belässt er es bei all seinen Weinen bei einem feinen Prickeln, das zwar, ähnlich dezent wie der Winzer, im Hintergrund für Struktur sorgt, anderen Attributen (Aroma, Säure & Textur) allerdings die Bühne überlässt.

Die zweite Runde läutete Claudio mit dem Tàsca Rosato ein. In Rebsorten übersetzt bedeutet das Uva Tosca, in Aromen Kirschen und Unterholz. Uva Tosca ist eine seit ein paar hundert Jahren im emilianischen Apennin beheimatete Sorte, die sich kälte- und frostresistent bis auf 700 Meter hinaufzieht und filigrane, unbeschwerte und aromatisch subtile Weine ergibt, vorausgesetzt man keltert sie so wie Claudio (Vittorio Grazianos exzellenter Smilzo ist ein weiteres Beispiel). Danach wurde es dunkelrot und das heißt in dieser Ecke Italiens Lambrusco grasparossa, die intensivste, kräftigste und forderndste der vielen Lambruscovarianten. Claudios Interpretation macht diesbezüglich keine Ausnahme. Das Tannin ist präsent aber fein, die Aromen sind dunkel (Beeren, Balsam, Erde) und die Struktur ist klar und animierend. Der Wein heißt übrigens Tiepido, eine Referenz an den kleinen Bach, der an seinem Weingarten in Castelnuovo Rangone vorbeifließt und dafür mitverantwortlich ist, dass Claudio auch in den heißesten aller Sommer (2017) nicht bewässert.

Die dritte Runde nahmen wir dann bei Flavio Cantelli in Angriff, dem Eigentümer des Weinguts Maria Bortolotti. Claudio und Flavio bilden eine Art Winzerkollektiv, wobei sie nicht nur die gleichen Ideen vertreten (beide haben die Carta degli intenti dei Vignaioli Arigianali Naturali unterzeichnet), sondern sich auch einen Keller teilen. Was sich allerdings unterscheidet sind die Rebsorten und die Region. Flavios Weingut in Zola Pedrosa befindet sich zwar nur 15 Kilometer von Claudios Weingarten entfernt, doch ist man dort bereits in den Colli Bolognesi und folglich in einer zwar topographisch ähnlichen, ampelographisch allerdings völlig anderen Welt. Flavios wichtigste Sorte ist Pignoletto und statt Lambrusco und Uva Tosca hat er Barbera, der in den bolognesischen Hügeln bereits seit dem 12. Jahrhundert dokumentiert ist und aus dem er einen der besten Rotweine der Emilia keltert – doch davon ein andermal.

Die dritte Runde eröffnete Claudio mit dem Tarbian, seines Zeichens Trebbiano modenese und einer seiner allerbesten und den ausnahmslos sehr guten Weinen. Der Tarbian bleibt als einziger Weißwein für ein paar Tage auf der Maische (Claudio meint, die Sorte verlange danach), was ihm – laut Claudio – zusätzlich Struktur, Substanz und Aromen gibt. Er ist weich und rund, mit einer feinen Perlage und einem Aromaprofil, das Platz für Blüten, Zitrusfrüchte, Salz und Hefe lässt. Unter all den raren Sorten, die wir sukzessive durchprobieren, ist dann auch eine dabei, die noch rarer ist, als alle anderen zuvor und von der Claudio meint, dass er wohl weltweit der Einzige wäre, der sie vinifizieren würde. Der Caveriòl ist zu 100% Festasio, Rot und elegant, mit feinen Tanninen, milder Perlage, reifer roter Frucht und, wie so oft bei ihm, einem erdigen Unterton. Das letzte Wort in der dritten Runde gehört aufs Neue einem Lambrusco: diesmal der Spielart aus Fiorano, dem Ort, wo von Zeit zu Zeit Formel I Boliden die Weingärten beschallen. Der Lambruscaun ist dunkel und fleischig, ein wenig bitter und vielleicht der einzige unter Claudios Weinen, der in einer Cuvèe besser aufgehoben wäre. Doch das widerspräche seiner Idee, die Bandbreite und den Charakter marginalisierter Rebsorten aufzuzeigen – wie eigenwillig sie auch bisweilen sein mögen..

Die vierte Runde trugen wir vor kurzem in Claudios Weingarten aus – zwischen dunklen, reifen Trauben und ganz ohne Wein. Dafür erzählte mir Claudio von seinem Leben als Winzer, dass 1958 als Sechsjähriger begann, als seine Eltern einen ersten Weingarten (Belussi) kauften und er in der Bütte mit den Füßen über die Beeren stampfte. Damals verkaufte man den Großteil der Trauben noch an die Genossenschaft in Settecani und kelterte aus dem Rest Flaschen für den Hausgebrauch.

Mit 18 verabschiedete er sich fürs erste vom tagtäglichen Landleben, studierte in Reggio Emilia Landwirtschaft und forschte danach in Parma und Piacenza weiter. Nicht nur über Wein, sondern auch über alte Olivenarten in der Emilia (die ihn bis heute intensiv beschäftigen), autochthone Kirschensorten und über Hühnerrassen rund um Modena. Daneben blieb noch ausreichend Zeit um sich politisch dort zu positionieren, wo das Herz schlägt, aktiv in der Arbeiteravantgarde mitzuarbeiten und Präsident des Radio Cooperativa Modenese, einem Piratensender zu werden. Bereits als Professor für Landwirtschaft wurde er einer der Vorreiter der biologischen Bewegung der emilia und war 1987 einer der Gründerväter von Il Salto, einem Konsortium biologisch und biodynamisch produzierender Landwirte.

1986 übernahm er den 1958 gepflanzten Hektar, 2004 pflanzte er dann in die Ebene rund um sein Elternhaus 3,5 Hektar mit jenen Reben, die heute das Fundament für seine einmalige Serie an Schaumweinen bilden. Sämtliche Reben stehen in der Ebene, auf einem Gemisch aus Ton und Kalk, über das sich eine feine Sandschicht gelegt hat. Zwischen den Rebzeilen wächst, was wachsen will, gewipfelt wird grundsätzlich nicht, das gelegentliche Zuviel an Blätter entfernt er manuell. Die Lese ist für emilianische Verhältnisse spät, doch weiß er um die Qualität und Resistenz seiner Trauben.

Im Keller läuft alles nach eingespielten Regeln ab. Die Weine werden, je nach Sorte, gar nicht, kurz oder etwas länger mazeriert, spontan vergoren und ohne Temperaturkontrolle in Stahltanks ausgebaut. Gefiltert wird nicht, geschwefelt schon (ca. 30mg/l) Die Zweitgärung findet in der Flasche statt, degorgiert wird nicht.

Claudios Mission ist noch nicht zu Ende. In den letzten Jahren pflanzte er noch eine weitere Sorten aus (Grappello), mit der er demnächst sein ohnehin schon imposantes Sortiment weiter vergrößern wird. Einer fünften Runde steht also nichts im Wege.

Ps: Claudio Plessi tritt seit kurzem auch gelegentlich öffentlich in Erscheinung: beispielsweise schenkt er seine Weine bei der großen Kulturweinverkostung in Fornovo und bei den Zusammenkünften von Emilia sur li aus und wer weiß, vielleicht wird es seine Weine auch irgendwann im deutschsprachigen Raum zu kaufen geben. Lohnen würde es sich allemal.

Claudio Plessi
Stradello Monari 11, Castelnuovo R. (MO)
Telefono: 366.3955807
E-mail: claudioplessi@gmail.com

WEINE

Ruzinteina (Ruggine)
Tarbianein (Trebbiano di Spagna)
Tarbian (Trebbiano modenese)
Sparglata (Spergola)
Tàsca rosato (Uva tosca)
Tiepido (Lambrusco grasparossa)
Caveriòl (Festasio)
Lambruscaun (Lambrusco di Fiorano)
Sgavàta (Sgavetta)

Die Preise der Weine liegen zwischen € 9 und € 16 (2017)

Claudio Plessi ist Unterzeichner der Carta d’intenti dei Vignaioli Artigianali Naturali  und Mitglied bei Emilia sur li.

Jahresproduktion: ca.15000 Flaschen
Rebsorten: Trabbiano di Spagna, Trebbiano modenese, Spergola, Ruggine, Lambrusco grasparossa, Lambrusco di Fiorano, Sgavetta, Festasio, Grappello, Uva Tosca
Rebfläche: 4 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: ja, alle paar Jahre
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja – am Weingut Bortolotti und nach Voranmeldung
Wohnmöglichkeit: nein

Podere Cervarola
Via per Castelvetro/Villabianca

WEINE

Rondinina (rosato frizzante – Lambrusco Grasparossa)
Cenerino (rosso frizzante – Lambrusco Grasparossa)

Jahresproduktion: ca.4000 Flaschen
Rebsorten: Lambrusco Grasparossa, ausgepflanzt wurden zudem Trebbiano modenese, Trebbiano di Spagna und Occhio di gatto
Rebfläche: 1 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: nein
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Andrea della Casa gehört zu jener mutigen Truppe an Winzern, die ihren alten Job an den Nagel gehängt und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Nach Jahren als technischer Zeichner hat sich Andrea nochmals auf die Schulbank gesetzt, Landwirtschaft studiert, um sich danach – gemeinsam mit seiner Partnerin Raffaella Caselli einen Hektar Land an der Peripherie von Castelvetro di Modena zu kaufen.

Idee: Bestockt war der Weingarten bereits mit alten Lambrusco-Grasparossa-Reben, neben die die beiden auch noch Trebbiano modenese, Trebbiano di spagna und Occhio di gatto, autochthone Sorten aus der Region gesetzt haben. Zum einen, weil sie von ihrer Qualität überzeugt sind (und wer je die Trebbianoversionen von Vittorio Graziano und Claudio Plessi probiert hat, weiß, dass sie damit nicht falsch liegen), zum anderen, weil sie zu der wachsenden Anzahl von Weinbauern zählen, die Landwirtschaft (und eben auch Weinbau) und die Konservierung und Diversität lokaler Sorten auch als Kulturauftrag verstehen.

Wer mit einer solcher Haltung Reben pflanzt bzw. rekultiviert, arbeitet für gewöhnlich auch im Weingarten bewusst und sorgfältig und folglich wundert es nicht, dass Andrea und Raffaela von Anfang ihre kleine Rebfläche biologisch bewirtschafteten. Auch beim Ertrag setzen die beiden auf Mengen, die ihnen die Möglichkeit geben, hohe Qualitäten zu produzieren. Statt mit den industrieüblichen 15000 Kilo am Hektar begnügt man sich mit 4000-5000. Und das schmeckt man.

Mit dem Jahrgang  2016 gibt es nun die beiden ersten, mit der gleichen Intention vinifizierten Weine: die erste Gärung fand dabei in Zementzisternen statt, die zweite (mit dem noch vorhandenen Restzucker der Erstgärung) in der Flasche (methode ancestrale) – auf das Degorgieren verzichtete man genauso wie aufs Filtern, 5 mg Sulfit auf die Maische sind die einzige Konzession ans italienische Lagerhaus.

WEINE: Der Rondinina ist ein geradliniger, erdiger Rosato, der allerdings schnell auch noch ein paar Beerennoten in den Talon wirft und die zwei, drei Gramm Restzucker zu viel, mit lebhafter Säure auffängt. Richtig Substanz hat dann der Cenerino, der nach 6 Tagen auf den Schalen ausreichend Tannin hat, um dem Wein Struktur, Charakter und Richtung zu geben und außerdem noch einen fleischigen Unterton, der bestens zur dunklen Frucht passt. Da die beiden naheliegenderweise nicht warten wollten, gibt es den Cenerino schon jetzt, wobei man keinen Fehler macht, wenn man ein paar Flaschen davon im Keller verstaut.

Die Weine gibt es meines Wissens nur ab Hof. Das wird sich mit Sicherheit ändern: wer sich aber zurzeit in der Ecke aufhält, sollte die Gelegenheit nutzen und bei den beiden vorbeischauen.


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