Enzo Marcolini ist ein lebhafter, seinem Berg und seinen Rebstöcken zutiefst verbundener Mann. Für den Berg, den Monte Caro, opferte er seine Karriere als Fotograf und folgte seinem Wunsch in und mit der Natur zu arbeiten. Das war 1989, also vor knapp 30 Jahren und die Begeisterung, die Enzo bis heute vermittelt, legt den Schluss nahe, dass er diese Entscheidung nicht bereut.

Der Monte Caro liegt in Mezzane di Sotto, im Osten des Valpolicella. Seine Hänge sind steil, bisweilen terrassiert und basieren auf Kalk und zwar in solchen Mengen, dass sich bis zu Enzos Plan, dort Reben anzupflanzen, niemand fand, der gewillt war, in seine Erde auch nur irgendetwas zu kultivieren (unter der einheimischen Bevölkerung galt der Monte Caro als „sassaia“ – als Steinhaufen, von dem man besser die Finger ließ).

Weiße Gesteinsbrocken liegen folglich quer durch die Weingärten verstreut und drücken nicht nur dem Landschaftsbild sondern auch den Weinen ihren Stempel auf. Insgesamt sieben Hektar besitzt Enzo am Monte Caro, der größte Teil davon ist, wie üblich im Valpolicella, mit Corvina bestockt, den Rest machen Corvinone, Rondinella und ein wenig Cabernet aus, dem Enzo sechs Rebreihen gewidmet hat, als sich die Sorte gerade am Gipfel ihrer Popularität befand.

Die Weingärten schauen allesamt in Richtung Südosten und sind – mit Ausnahme des Cabernets und ein paar Reihen Corvina (Guyot) – in unterschiedlichen Pergolasystemen (der traditionellen Pergola veronese und einer Pergolavariante aus dem Trentino) erzogen. Das hat den doppelten Vorteil, dass man abends keine oder nur wenig Sonne hat und zudem in den Pergolen über eine ausreichende Beschattung und Belüftung verfügt. Die Weine akkumulieren folglich einen Tick weniger Zucker, verfügen dafür aber über eine etwas höhere Säure, zwei Faktoren, die vor allem dem Amarone und dem Valpolicella superiore zu Gute kommen.

Gearbeitet wird biologisch, unzertifiziert, was vor allem der Skepsis gegenüber den laschen Kellerrichtlinien der EU geschuldet ist. Eigene Weine keltert man übrigens erst seit 2014, davor wurden die Trauben verkauft. Erst mit dem Eintritt und dem Drängen seiner beider Kinder Giorgio und Emanuela entschloss sich Enzo auch zum letzten Schritt, was sich definitiv als weise Entscheidung herausgestellt hat.

Er bzw. Giorgio, der im Keller das letzte Wort hat, vinifizieren ohne allzu große Eingriffe – man reguliert die Temperatur und schwefelt vor der Füllung – sieht man davon ab, dass man bei der Herstellung von Amarone durch das Appassimento natürlich immer interveniert. Ein paar außergewöhnliche Entscheidungen seien trotzdem kurz erwähnt: zum einen baut man sämtliche Weine – einmalig im Valpolicella – im Stahltank aus, was, vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass man erstmal schauen wollte, wie alles funktioniert, bevor man besinnungslos in neue Holzfässer investiert. Zum zweiten verzichtet man auf den Ripasso, einen Weinstil, den Enzo als famose Marketingidee betrachtet, der ihn aber ansonsten nicht interessiert.

Dafür legt er auf die Basis viel Wert, den einfachen Valpolicella 2016, der ziemlich genau so ausfällt wie man sich klassische Valpolicella vorstellt: er ist leicht und luftig aber nicht banal, fruchtig aber nicht nur, ausbalanciert, geradlinig, agil und belebend. Die Vermutung, dass die Paprika- und Minzaromen auf die Kappe des Cabernet gehen, bestätigen sich nicht. Das läge am Corvinone, erklärt Emanuela, die sich um die Verkostung kümmert, der – zumindest in ihrem Terrain – ebenfalls zu intensiven Kräuter- und Paprikaaromen imstande sei. Der Valpolicella Superiore 2015 ist mit teilweise getrockneten Trauben vinifiziert, gehaltvoller, dichter und aromatischer. Die Frucht wirkt süßer, wobei am Gaumen wiederum fast klösterliche Strenge eintritt. Das Tannin zeigt seine Krallen, doch macht gerade das Spaß. Der Amarone ist  kompakt und animierend, was zum einen am Jahrgang (2014) zum anderen am Stahltank liegen mag. Er ist jedenfalls erstaunlich frisch und bekömmlich, auch wenn die Frucht dunkel und süß und der Körper substantiell ausfällt. An Corvinone und seine sensorischen Ausprägungen (Paprika, Eukalyptus, Minze) mangelt es auch hier nicht. Die Textur ist wie schon beim Superiore widerspenstig, das Tannin packt zu und liefert einen erfreulichen Gegenentwurf zu den oft weichgespülten Versionen vieler anderer Winzer und auch die Säure spielt einen strengen und nicht unbedeutenden Part.

Marano ist neben Fumane, zumindest in meiner Wahrnehmung, das spannendste Terroir des klassischen Valpolicella. Die Böden basieren größtenteils auf Kalk und die Wärme der Ebene um San Pietro in Cariano weicht kühleren Zonen, die zunehmend von den im Hintergrund langsam sichtbar werdenden Monte Lessini beeinflusst werden. Ein spannendes Terroir ist natürlich noch längst nicht alles, es braucht auch Leute, die es entsprechend interpretieren und die Essenz des Ortes auch in die Flasche bringen.

Alessandro Castellari von Ca‘ la Bionda gelingt das wie kaum einem anderen. Seine Weine sind konzentriert, klar, saftig und dicht aber eben auch strukturiert, kühl und fordernd und – eine gloriose Ausnahme im Valpolicella – teilweise sogar elegant. Gründe gibt es dafür, laut Alessandro, gleich mehrere. Das sind zum einen die Böden. Stark kalkdurchsetzt sorgen sie für ein Grundgerüst, das niedrige pH-Werte und damit eine stringente Textur fördert (die Weine haben nach dem biologische Säureabbau pH-Werte um 3,3, was ihre Bekömmlichkeit und den Trinkfluss definitiv fördert). Zudem öffnen sich die meisten seiner Weingärten in Richtung Osten, was ihnen zwar schon früh viel Sonne beschert, sie allerdings auch früher abkühlen lässt und den Trauben grundsätzlich eine entsprechende Balance verleiht. Die Tatsache, dass sich die Weingärten zudem in Richtung Monte Lessini öffnen und die Reben den durch das Tal strömenden Winden aus den Bergen aussetzen, ist ebenfalls alles andere als ein Nachteil.

Dazu kommen Entscheidungen, die vom Winzer gefällt werden. Rebschnitt (kurz), Laubarbeit (je nach Jahr) und Lesezeitpunkt (lieber zu früh als zu spät), vor allem aber die vor Jahren getroffene Entscheidung seine 29ha komplett biologisch zu bewirtschaften (zertifiziert) sind elementare Komponenten, um die natürlichen Voraussetzungen auch adäquat in die Weine zu transportieren.

Im Keller passiert das, was im Valpolicella generell passiert. Und dabei ist doch vieles anders. Da ist zum einen sein Valpolicella Casalvegri, einer der wenigen Valpolicella, die mit dem Anspruch, einen großen, dabei aber gleichzeitig der Region und Tradition verpflichteten Wein keltern zu wollen, konzipiert sind. Casalvegri ist eine Einzellage, deren Trauben ohne Wenn und Aber in den Valpolicella fließen. Und weil Alessandro von deren Qualität (völlig zurecht) völlig überzeugt ist, kommen auch keine Amaronetrester dazu – das macht den Valpolicella mit seiner fordernden aber griffigen und dichten Textur, den kompaktenTanninen und den von Würze durchsetzten Beerenaromen zu einem der zwei richtig großartigen (mir bekannten) Valpolicellainterpretationen (der zweite ist der Valpolicella Camporenzo von Monte dall’Ora).

Den Ripasso kenne ich nicht, dafür beide Amarone – und beide sind absolut bemerkenswert. Getrocknet wird – auch das ist außergewöhnlich – in traditionellen Holzkassetten, mit den eigentlich üblichen Plastikkisten kann Alessandro nichts anfangen. Die Zusammensetzung der beiden wird, wie eigentlich immer, von der Corvina dominiert, unterstützt von Corvinone, Rondinella und – ein weiterer Mosaikstein, der die Ausnahmestellung von Cà la Bionda zementiert – Molinara. Letztere ist fast überall zugunsten der anderen Sorten ausgerissen worden, gibt den Weinen aber, laut Alessandro, Säure, Gerbstoff und Eleganz. All diese Eigentümlichkeiten summieren sich letztlich in den beiden Amarone, die nicht nur mit Würze, Kraft, Frucht, Pfeffer und Intensität punkten, sondern eben auch mit Eleganz, Vitalität, Geradlinigkeit und Trinkfluss. Balance und Druck sind allgegenwärtig.

Dass das alles nebenbei vermutlich blendend reift, ist dann noch ein zusätzlicher positiver Aspekt. Ausgebaut wird durch die Bank in kleinen, großen und bisweilen sehr großen Holzfässern (zwischen 225 und 3000 Liter), vergoren wird spontan, gefiltert wird nicht – das regelt bei Ca‘ la Bionda die Zeit – der Valpolicella Casalvegri liegt 18 Monate im Fass, der Amarone Classico 30 Monate und der Amarone Ravezzol 48 Monate (um danach noch für ein paar Jahre in der Flasche zu verschwinden).

Der Name ist Programm. Alla Costiera, Filippo Gambas Weingut, mag sich zwar im Jahr 2016 im Herzen des Veneto befinden, vor 30 Millionen Jahren, als sich die Colli Euganei, die topographischen Manifestationen vulkanischer Eruptionen erstmals (eine zweite Eruption folgte ein paar Millionen Jahre später) aus dem Meer erhoben, wäre es wohl ungefähr an deren Küste gelegen.

Heikles Terroir: Heute finden sich die das Weingut umgebenden Weingärten von Filippo im äußersten Westen der offiziellen DOC Colli Euganei. Ein paar Meter weiter und man würde in die Zone der Colli Berici fallen, die, auch wenn nur eine 5 Kilometer breite Ebene zwischen den beiden Regionen liegt, doch auf erstaunlich unterschiedliche Traditionen und Rebsorten baut.

Die Weingärten von Filippo liegen fast zur Gänze in dieser Ebene und insgesamt könnten die Bedingungen für hochqualitative Weine definitiv besser und einfacher sein. Anders als in der Hügelwelt der Colli fehlt es an einer, die Weine strukturierenden Thermik: die Tagestemperaturen im Sommer kratzen oft an der 40°C Grenze und – was schwerer wiegt – es kühlt auch nachts nicht richtig ab. Vulkanische Böden, die den Weinen hoch über Vò, Filippos Heimatgemeinde, den Stempel aufdrücken, gibt es bei ihm unten an der Küste nicht. Die Böden sind tiefgründig und fruchtbar, nicht seicht und karg.

Old but gold: Filippo Gamba ist sich der Summe an Negativa durchaus bewusst, fokussiert sich allerdings auf die positiven Faktoren seiner Weingärten. So hat man statt vulkanischen Untergrund ein vor allem auf Kalk basierendes Terrain, was den Weinen selbst in warmen Jahren Straffheit und Strenge mit auf den Weg gibt. Und, für ihn noch wichtiger: ein guter Teil seiner Reben ist alt, bisweilen sehr alt. 70 Jahre und mehr haben diverse Cabernet und Tokaj-Stücke auf dem Buckel und das, meint Filippo völlig zurecht, schmeckt man. Die Beeren der alten Stöcke sind kleiner und die Schalen sind dicker. Die aus dem Boden und der Luft akkumulierten Nährstoffe verteilen sich auf weniger Trauben und intensivieren ihre sensorischen Attribute.

BIO seit 2000 + die Weine: Damit die Stöcke ein entsprechendes Alter erlangen (und vor allem, weil er sich und seiner Familie ein gesundes Umfeld bieten will), arbeitet Filippo seit 2000, seit er die Weingärten von seinem Eltern übernommen hat, zertifiziert biologisch. Seit 2005 verwendet er zudem biodynamische Präparate (nicht zertifiziert). Die roten Rebsorten sind, so wie es die Tradition der Hügel seit knapp 200 Jahren verlangt, international: Merlot, Cabernet & Carmenere bilden das Dreigestirn aus dem Filippo stolze vier Weine keltert, allen voran den Vò Vecchio, einen reinsortigen Merlot, der nach 12 Monaten im großen Holzfass Saftigkeit, Wärme und Substanz mit Pfeffer und roter Frucht vereint. Vergoren wird generell spontan, filtriert wird weder die Basis noch die Spitze der Sortimentspyramide. Tribut an seinen Vater Gerardo zollt er im gleichnamigen Wein, der nach 14 Monaten im Zement fruchtbetont, lebendig und dabei doch kompakt und ausreichend konzentriert daherkommt. Cabernet Sauvignon landet ebenfalls im Zementbottich und wer sich Tabak, Waldbeeren, Pfeffer & Kräuter darin wünscht, wird nicht enttäuscht.

Ergänzt wird das rote Sortiment durch zwei Frizzante (hefig, nussig, gelbe Früchte, animierend) und drei Weißweine. Nach dem Tribut an den Vater gibt es mit dem Agnese auch das entsprechende Pendant für die Mutter: Moscato, glücklicherweise trocken vinifiziert und erstaunlich delikat & subtil, mit einem zwar reichen aber nie ausladenden Spektrum an Aromen. Dichter, profunder und insgesamt substantieller und komplexer ist der Biancone, ein reinsortiger Tai Bianco (ehemals Tokaj) aus den alten Weingärten der Familie, der ebenfalls und für ein knappes Jahr in Zementgebinden ruht und reift.

Filippo Gambas Weine sind zwar nicht Weltklasse aber durch die Bank sehr gut und sie kosten auch nicht die Welt. Im Gegenteil. Wer sich also den Kofferraum mit exzellenten Essensbegleitern für alle Tage vollbunkern will, sollte – sofern er/sie sich denn in der Gegend aufhaltet – auf einen Sprung bei Filippo vorbeischauen.

Ps: mit dem Jahr 2017 wird es einen weiteren Rotwein geben, der anders als seine übrigen Weine nicht aus der Ebene, sondern von einem mit steinalten Rebstöcken bestockten, 400 Meter hoch gelegenen Hang auf vulkanisch geprägten Böden direkt aus den Colli stammt. Man darf und sollte darauf gespannt sein.

WEINE

Agnese Moscato Secco igt del Veneto
Biancone igt Bianco del Veneto
Colli Euganei doc Cabernet Sauvignon
Colli Euganei doc Carmenere
Colli Euganei Rosso doc Gerardo
Colli Euganei Rosso doc Vò Vecchio
Il Fiore della Costiera Passito di Moscato Giallo igt del Veneto
Serprino doc
Spumante Fior d’Arancio docg

Die Preise der Weine liegen zwischen € 6 und € 10 (2016)

Filippo Gamba ist Mitglied bei Vinnatur, GrUVE und nimmt außerdem alljährlich an der Manifestation von La Terra Trema teil

Jahresproduktion: ca.50000 Flaschen
Rebsorten: Moscato, Tai Bianco, Garganega, Merlot, Carmenere, Cabernet Sauvignon
Rebfläche: 7 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Novaia, das Weingut von Marcello Vaona und seiner Cousine Cristina, schlägt einen gelungenen Spagat zwischen vitikultureller Moderne und Tradition. Wobei der erste Eindruck ganz auf Vergangenheit gepolt ist, was vor allem an dem beeindruckenden alten Gemäuer liegt, in dem sich früher das ganze Weingut befand und heute das Lager und der Verkostungsraum untergebracht sind.

Die Villa stammt aus dem 15. Jahrhundert, die Familie von Marcello und Cristina hat sich im 18. Jahrhundert in Marano niedergelassen: das kleine Dorf ist eine der kühlsten Ecken im Valpolicella, dass hier auf bis zu 500 Meter ansteigt und aufgrund der kühlen Nächte und der frischen Winde, die aus den Monte Lessini durchblasen, ideale Bedingungen für strukturierte Weine bietet.

Der erste Vaona, der das erkannte, war Paolo, der Ende des 19. Jahrhunderts damit begann, seine Weingärten mit Corvina & Corvinone, Oseleta, Molinara, Rondinella und Turchetta vollzupflanzen. Damals noch in der traditionellen Pergola Veronese, die später teilweise von seinen Enkeln, Cesare und Gianpaolo, den Eltern der heutigen Besitzer durch moderne Guyot-Erziehungen ersetzt wurde.

Trotz des sukzessive wachsenden Erfolges dehnten die Vaonas die Rebflächen nie sonderlich aus. Man setzte auf die Familie und beließ es bei sieben Hektar. Die drei Crus, aus denen Marcello und Cristina ihre Lagenamarone keltern, befinden sich allesamt in unmittelbarer Umgebung des Weinguts – und weisen dabei doch völlig unterschiedliche mikroklimatische und geologische Charakteristika auf. Folgerichtig keltert man auch drei unterschiedliche Weinstile von den drei Lagen, wobei Le Balze, der kalkreichste der drei Weingärten, dem Amarone gewidmet ist. Erfreulich und gleichzeitig erstaunlich ist die Tatsache, dass man auch dem oft geschmähte Valpolicella mit der vulkanisch geprägte Riede I Cantoni eine singuläre Lage widmet und diese auch separat vinifiziert. Der dritte Cru, Le Novaje, ist für Recioto reserviert, der – wie so oft im Valpolicella – zwar einer der großen Weine des Weinguts istund doch, aufgrund seiner Süße, von niemanden gekauft wird (was Marcello zwar bedauert, andererseits aber auch meint, dass man ohnehin so wenig davon produziert, dass er auch so, bei Familienfesten und Feiern, ausgetrunken wird.)

Die große Zäsur, die von der bisher letzten Generation der Vaona-Familie getätigt wurde, war die konsequente und kompromisslose Umstellung auf biologischen Weinbau, den man (Marcello ist treibende Kraft des Veroneser Vereins TerraViva) auch zunehmend in der Umgebung zu propagieren versucht und der Bau eines modernen und ausladenden Kellers, in dem man auch ausreichend Platz für die diversen Trocknungsprozesse der Trauben hat.

Neben den drei Einzellagen vinifiziert Novaia auch noch einen einfachen Valpolicella, der jede Pasta aufwertet. Einen strukturierten, lebhaften aber doch profunden Ripasso, der viel Frucht mit noch mehr Würze vereint. Und den Corte Vaona, einen Amarone, dessen Trauben aus den unterschiedlichsten Weingärten von Novaia stammen und der zwar nicht die Konzentration und Intensität des Le Balze teilt, dafür mehr Trinkfluss besitzt.

Maurizio Donadi war einmal ein junger talentierter Önologe. Heute ist er noch immer ziemlich jung, talentiert sowieso, nur den Önologen hat er über Bord geworfen. Es hat einige Zeit gedauert, um sich der Dogmen zu entledigen, die man ihm über Jahre hinweg eingetrichtert hat. Auslöser für seine Metamorphose war ein halbtägiger Lehrgang  über biodynamische Landwirtschaft, ein weiteres Schlüsselerlebnis seine konsultative Tätigkeit für Alessandro Sgaravatti vom Castello di Lispida, wo biodynamischer Weinbau mit den Methoden Masanobu Fukuokas kombiniert wird, was in wenigen Worten darauf hinausläuft, dass der Natur das erste und letzte Wort überlassen wird.

Er adaptierte diese Methoden auf eine Handvoll alter Familien-Weingärten, deren Überreste er in San Polo di Piave langsam wieder rekultivierte und begann dort Weine zu keltern, die zwar jeder Lehrmeinung widersprechen (er nennt sie önologische Katastrophen), dafür extrem gut schmecken. Ein paar Kilometer südlich des Prosecco-Kernlandes gelegen, nahm er sich eines Weinstils an, bei dem Lehrmeinungen ohnehin schonungslos demonstieren, was passiert, wenn man ihnen blind folgt, und interpretierte ihn völlig neu.

Sein erster Wein war naheliegenderweise ein Prosecco, Methode ancestral, und wie der Name schon andeutet, meilenweit von den Autoenklaven der regionalen Industrieproduktion entfernt. Das führt – da der Wein nicht degorgiert wird und sich die Hefen letzten Endes am Flaschengrund wiederfinden (colfòndo) – zwar zu einer für alle sichtbaren Trübung, doch eben auch zu einem einladenden Aromaprofil (Äpfel, weiße Blüten) , das man in den gängigen Prosecchi der Region lange suchen kann.

Maurizios großes Meisterwerk und der zurzeit vielleicht beste Prosecco überhaupt ist sein Prosecco Anfora, den er in kleinen Mengen in großen Flaschen abfüllt – es gibt ihn nur in Magnums, was dezent darauf verweist, dass man ihn reifen lassen sollte. 15 Tage auf der Maische in einer 4000 Liter Amphore bilden die Basis, danach wird gepresst und in kleinen Amphoren ausgebaut. Der Rest läuft wie schoon beim Prosecco colfòndo ab, das Resultat ist allerdings um einiges profunder: neben Blüten, Salz, Brot und Zitrusfrüchten hat man es vor allem mit einer Textur zu tun, die dicht, konzentriert und saftig ist und mächtig Druck in Richtung Gaumen macht.

Neben den beiden weißen Schaumweinen, gibt es auch noch – der Tradition des Piave folgend – eine rote Version, die zu hundert Prozent auf Raboso beruht. Blüten und rote Frucht kontern dabei einer der Rebsorte immanenten Säure, die sie für Schaumweine prädestiniert und sie zudem zu einem exzellenten Essensbegleiter rustikaler Gerichte macht. Abgerundet wird das sprudelnde Repertoire von einem simplen Rosso, der dank fünfzigprozentigem Cabernet Sauvignon Anteil Kräuter- und Johannisbeeren in den Aromatalon beisteuert, der zudem von den klassischen Blütennoten des Raboso geprägt ist (die anderen fünfzig Prozent).

Unter den Vulkanen

Alles Quereinsteiger. Winzer wie Reben. Die Colli Euganei sind eine steinalte Weinbauregion, in der schon die Römer zechten – und doch sind sie nach einer ausgiebigen Tiefschlafphase gerade erst in den letzten Jahren wiederentdeckt worden.

Paolo Brunello steht in seinem Weingarten am Monte Cecilia und sammelt Muscheln auf. Gelegentlich fänden sich auch Seepferdchen, meint er. Und Haifischzähne. Der Monte Cecilia ist einer von gut 50 grünen Kegeln, den topographischen Manifesten vulkanischer Eruptionen, die einst wie Inseln aus dem Meer geragt haben müssen. Heute hat sich das Meer an die Küste bei Chioggia und Venedig zurückgezogen, die Colli Euganei, die Euganeischen Hügel, tauchen jedoch weiterhin inselgleich und ähnlich unverhofft aus der völlig platten Ebene ein paar Kilometer südlich von Padua auf. Sie liefern das Heilwasser für die Thermalquellen von Abano und Montegrotto und immer öfter auch den Wein für deren Bars und Hotels.

„Früher haben uns die Hoteliers ignoriert“, erzählt Paolo, „die Restaurants haben Weine aus dem Piemont und der Toskana auf die Karte gesetzt und wenn Gäste nach venetischen Weinen gefragt haben, hat man ihnen Soave und Amarone eingeschenkt.“ Das hat sich in den letzten Jahren zunehmend geändert. Verantwortlich dafür sind ein gutes Dutzend Winzer, die ihrem einmaligen Terroir auf den Grund gehen und die Wahrnehmung der lokalen Gastronomie auf ihr unmittelbares Hinterland gelenkt haben.

Paolo Brunellos Weingut, die Vignale di Cecilia, liegt eingekesselt zwischen zwei Hängen hinter der kleinen Ortschaft Baone. Reben setzte hier erstmals sein Großvater. Paolo selbst hatte mit Weinbau vorerst nichts zu tun, war Cellist und tourte mit Orchestern rund um den Globus.  „Da ich allerdings nicht die ganze Zeit unterwegs war, beschloss ich die ruhigeren Phasen zu nutzen, um mich als Winzer zu versuchen. Ich begann mich sukzessive mit der Geologie der Hügel auseinanderzusetzen, versuchte die Auswirkungen der unterschiedlichen Kalkarten auf meine Weine zu verstehen und herauszufinden, wie sich vulkanische Einschlüsse mit meinen Reben vertrugen.“ Gut, wie es scheint. Die Rotweine, meist Cuvèes aus Sorten französischer Provenienz, sind druckvoll, konzentriert und dunkelfruchtig. Die Weißweine – Tokaj, Garganega und Moscato – vermitteln trotz der bisweilen tropischen Temperaturen in den Hügeln eine ausgeprägte Aromatik, Kühle und Geradlinigkeit – Attribute, die Paolo vor allem seinem speziellen Untergrund zuschreibt. Aus der nebenberuflichen Episode entwickelte sich sukzessive eine Leidenschaft, die 2006 dazu führte, dass die Welt um einen talentierter Musiker ärmer wurde, dafür einen exzellenten Winzer dazugewann.

Die Colli Euganei sind ein geologisches und ästhetisches Ereignis. Vor dreißig Millionen entstanden waren sie in jüngerer Vergangenheit Rückzugsort gestresster venezianischer Dogen und Händlerfamilien, die sich imposante Villen an ihre Hänge bauten. Kühle Winde aus den Hügeln bildeten eine wohltuende Alternative zum sumpfigen Klima der Lagune. Sie streifen auch den Monte Lispida hinunter, dessen vulkanischer Kern das Basismaterial für unzählige Straßen und Plätze Venedigs bildete.

„Doch das war später“, erklärt Alessandro Sgaravatti, der heutige Besitzer des Berges  und des am Fuße gelegenen Castello di Lispida, als sich Venedig langsam dem Festland zuwandte. Davor war das Schloss ein Kloster. Die Mönche widmeten ihre Stunden jenseits des Gebets dem Weinbau, bepflanzten die Ebene und Hänge und dürften recht schnell verstanden haben, dass sie es mit einmaligen Voraussetzungen zu tun hatten. 500 Jahre lang explorierten die Brüder das Gelände, ehe 1792 die Familie Corinaldi, Alessandros Vorfahren, die Zügel in die Hand nahmen. An der vinophilen Ausrichtung des einstigen Klosters änderte sich wenig. Im Gegenteil. Die Corinaldis nutzten ihre weitreichenden Verbindungen und Freundschaften und importierte Edelreiser aus dem schon damals tonangebende Bordeaux. Seit über 200 Jahren wurzeln deshalb quer über die Hügel Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc und erzählen ihre eigenen, euganeischen Geschichten von den mitunter berühmtesten Rebsorten des Welt.  Die sind aufs tiefste mit Trachyt und Basalt verbunden. Das vulkanische Fundament setzt bis heute nicht nur einen geologischen sondern auch sensorischen Kontrapunkt zu den großen Weinen aus Frankreichs Südwesten. Zwar finden sich auch in Alessandros Weinen oft  mediterran-kräuterige und rotbeerige Aromen, doch sind sie zudem von einem rauchigen Unterton geprägt.

Um seinen einmaligen natürlichen Voraussetzungen auf den Grund zu gehen, beschloss der gelernte Mediziner Sgaravatti, völlig neue Wege einzuschlagen. Er adaptierte die landwirtschaftliche Philosophie Masanobu Fukuokas in seinen Weingärten, was in wenigen Worten darauf hinausläuft, dass er der Natur das erste und letzte Wort lässt, Mischkulturen forciert und Schädlinge auf Nützlinge treffen lässt, die ihnen überlegen sind. Er pflanzte Bäume zwischen die Rebreihen, installierte Lebensnischen für Fledermäuse und Nester für Vögel, die sich über potenzielle Insekten hermachen. Er bedient sich Techniken, die sich nicht allzu sehr von denen der mittelalterlichen Mönche unterscheiden dürften. Um seinem ultimativen Ziel, die Boden so deutlich wie möglich sprechen zu lassen, noch näher zu kommen,  ging er auch noch ein paar Schritte weiter zurück in der Geschichte des Weinbaus. So landet ein Teil der Tokajernte in unterschiedlich großen Amphoren, die Alessandro schon 2001 im Schlossboden versenkte, in einer Zeit also, in der man alternativen Ausbaumethoden noch äußerst skeptisch gegenüberstand. Der große Vorteil der Tonamphoren besteht vor allem darin, dass man den Wein völlig unmanipuliert durch seine Reifezeit führt und trotzdem einen natürlichen Luftaustausch zulässt  – und so die Nuancen der Geologie und der Sorte noch klarer einfängt.

Durch winzige Orte und über Serpentinen, vorbei an Olivenbäumen, Petrarcas Grab, blühenden Gärten und alten Kirchen kommt man weiter nach Norden, genauer nach Teolo, wo sich mit der Trattoria dal Sasso eines der besten Restaurants des Veneto befindet. Man kann dort auch die Merlots der Azienda Farnea ordern, dem Weingut von Marco Buratti, der durch seine gelebte Radikalität Alleinstellungsstatus in den Hügeln genießt.

Marco Buratti ist ein Winzer, der Kompromissen kompromisslos gegenübersteht. Er lehnt sie ab. Genauso wie Eingriffe während der Weinwerdung. Er ist da recht dezidiert – so vertritt er die These, dass man das in Weinkreisen zunehmend populäre Wort Naturwein nur dann in den Mund nehmen sollte, wenn sich außer Trauben nichts, aber auch gar nichts anderes im Wein befindet. Marco ist ein Solitär in den Hügeln und doch Teil einer kleinen italienischen Gruppe, die die Grenzen dessen, was ohne Eingriffe im Keller möglich ist, sukzessive auslotet. „Ich verwende meine Trauben. Basta.“ Die Hefen für den Gärstart fänden sich ohnehin im Weingarten oder Keller und den Rest erledigt die Zeit. Zusatzstoffe verwendet er nie und „das schließt auch Sulfite aus.“

Vom ersten Wein vor 10 Jahren bis heute, war die einzige größere Anschaffung für den Keller, jenseits der Fässer und Betonzisternen, eine Pumpe, mit der er die verschiedenen Chargen seiner Weine zusammenführt. Allzu oft muss der einstige Koch auch die nicht verwenden, da er auf zwei Hektar maximal 5000 Kilo Trauben liest. Seine Weine sind extrem individuell, die Aromen oft schwer zuzuordnen und bisweilen mögen sie auch klassischen Erwartungshorizonten zuwiderlaufen. Sie sind aber auch vital und voller Trinkfluss und zudem ein weiterer Puzzlestein im komplexen Terroir der Euganischen Hügel.

Deren Eigenheiten lotet Alfonso Soranzo auf wieder neue Art und Weise aus. Biologisch zertifiziert ist er ebenfalls, doch gilt sein Fokus seit einigen Jahren den Rebsorten, die in den Hügeln wuchsen als hier noch die Mönche schufteten. In einem gemeinsamen Projekt mit der Universität Padua hat er Pattaresca, Turchetta, Corbinona, Marzemina Nera, und Cavrara in die Hänge gesetzt. Die Beschäftigung mit autochthonen Sorten gründet nicht nur in dem Bewusstsein einem kulturellen Auftrag nachzukommen. Sie beruht vor allem auf der Überzeugung aus ihnen Weine keltern zu können, die besser als alle anderen die Beziehung zwischen Geologie, Klima und tradiertem Wissen vermitteln können. Doch was tun, wenn kein tradiertes Wissen mehr vorhanden ist?

„Wir hatten keine Ahnung. Wir wussten weder wie die alten Sorten wachsen würden, noch auf welche Krankheiten sie anfällig sein könnten. Wir probierten aus, kosteten, versuchten im Keller hinter ihren Charakter zu kommen. Der erste Jahrgang war ein Desaster. Der zweite schon ein wenig besser.“ In der Zwischenzeit sind sieben Jahrgänge in der Flasche und jedes Jahr rückt man den Eigenheiten der Sorten ein Stück näher. Rustikale, oft erdige Anklänge finden sich zwar noch immer, doch scheinen sie dem Charakter der Sorten immanent zu sein. Sie werden zudem durch subtile Frucht- und Blütenaromen und von einer Handvoll weiterer Weine ergänzt, die elegant und straff, nicht nur von den Böden sondern auch von der windigen und kühlen Kammlage der Weingärten Zeugnis ablegen.  Der Zufall will es übrigens, dass auch Alfonso Soranzo in seinem vorigen Leben Musiker war. „Französisches Horn“, erzählt er. Gespielt, gearbeitet und gelebt wurde in der Nacht, der Tag gehörte dem Schlaf; das machte er so lange bis er keine Lust mehr auf diesen Rhythmus hatte und sich der Wunsch bildete, statt Hörnern Töne, Trauben Aromen zu entlocken.

Die anfängliche Hilfe eines Önologen braucht er schon lange nicht mehr, auf den Rat älterer Winzer aus der Nachbarschaft hört er allerdings noch immer. Die sind in der Zwischenzeit der Meinung, dass seine Weine so schmecken würden wie sie sie aus ihren Jugend kannten. Nach Erde. Gestein. Mineralisch und salzig. Dem Meer und den Vulkanen entsprungen.

INFOS WINZER – um Voranmeldung wird gebeten

Alfonso Soranzo – Monteforche

Vò, Franzione Zovon

Via Rovarolla, 2005

Tel: +39 333 2376035

soranzo1968@gmail.com

Paolo Brunello – Vignale di Cecilia

Via Croci 14, Baone

Tel: +39 349 3323586

www.vignaledicecilia.it

vignaledicecilia@vignaledicecilia.it

Alessandro Sgaravatti – Castello di Lispida

Via IV Novembre 4

IT- 35043 Monselice

Tel: + 39 0429 780530

www.lispida.com

infos@lispida.com

Marco Buratti – Farnea

Via Farnea, 26

35037 Villa di Teolo

Tel: +39 348 2011919

farnea@hotmail.it

 

TRATTORIA AL SASSO

 

Via Ronco, 11

35037 Castelnuovo, Teolo PD

Telefono: 049 992 5073

 

In Baone, dort wo die Hänge der Colli Euganei, jener Hügelkette aus 55 kleinen und größeren Vulkanen, langsam in die Pianura Padana übergehen, steht das Anwesen Ca’Orologio. Es ist Agriturismo und Weingut in einem und beide könnte man völlig skrupellos mit einem Potpourri aus Superlativen beschreiben. Der Agriturismo befindet sich in einer der unzähligen venezianischen Villen, von denen es in den Colli mehr gibt als Casinos in Las Vegas. Alles perfekt restauriert und mit einem ausladenden Garten als Hinterhof, der von einem Weingarten abgeschlossen wird, über den man weiter auf den Monte Cecilia sieht. In dessen Kalkböden wurzeln die mitunter besten Weine der Hügel (siehe auch Vignale di Cecilia) und auch Ca’Orologio bewirtschaftet an seinen Hängen ein paar Parzellen.

Ca’Orologio, das ist vor allem Maria Gioia Rossellini. Eigentlich aus Treviso stammend, entwickelte sie schon in jungen Jahren eine Leidenschaft für das Landleben. Sie zog in den 1990er Jahren in die Hügel und nachdem sie die Villa renoviert und den Agriturismo etabliert hatte, begann sie sich zunehmend mit Weinbau zu befassen. Von der erste Sekunde an biologisch wirtschaftend, erschloss sie sich sukzessive die Welt des Weins und setzte sich immer höhere Ziele. Heute träumt sie vom idealen Wein, aus dem man ihre Ideen, das mediterrane Klima, die Vulkane, der Kalk & die Sorte schmecken kann, kurz all das spricht, was sie umgibt und beschäftigt.

Dafür stehen ihr eine Handvoll Rebsorten zur Verfügung, die zwar allesamt seit Jahrhunderten in den Colli Euganei ihre Heimat haben, deren Herkunft allerdings – mit einer Ausnahme – mit völlig anderen Weinbauregionen gleichgesetzt werden. Der Relogio, mit dem sie seit Jahren an ihrem Traum kratzt und der sich längst als einer der bester Rotweine der Colli Euganei und des Veneto etabliert hat, besteht beispielsweise aus gut 80% Carmenere und knapp 20% Cabernet Franc, der Calaone ist eine Cuvèe aus Merlot, Cabernet und einem Schuss Barbera.

Über die Gründe für die Omnipräsenz französischer Sorte scheiden sich die Geister. Die einen meinen, sie wären vor 150 Jahren von italienischen Landarbeitern aus dem Bordeaux mitgebracht worden, andere meinen, dass sie auf der Freundschaft der Conti Corinaldi, den einstigen Besitzern des Castello di Lispida mit Bordelaiser Gutsbesitzern zurückgehen. Fakt ist, dass Merlot heute mit über 500 Hektar Rebfläche quer durch die Hügel,   eindeutig den Ton in den Hügeln angibt.

Zu den internationalen Sorten gesellen sich auch noch Moscato Giallo, die klassische weiße Sorte in den Hügeln und als regionales Aushängeschild Raboso, dessen Etymologie schon das andeutet, was die meisten Rabosos ausmacht. Raboso leitet sich vermutlich von dem Wort rabbioso ab, was wiederum übersetzt wütend, zornig und ungezügelt bedeutet (andere meinen, es stamme von einem gleichnamigen Nebenfluss des Piave, in der Heimatregion des Raboso ab). Grund dafür sind wirklich zupackendes Tannin und eine Säure, die auch Riesling nicht schlecht stehen würde (und vor allem Veltliner). Die Tatsache, dass Maria Gioias neueste Abfüllung aus dem Jahr 2007 stammt, zeigt schon, dass man die Drohung, die dem Namen entspringt, auch bei Ca’Orologio ernst nimmt. Säure und Tannin dominieren dennoch und auch wenn Frucht und florale Noten stützen, ist der Cao definitiv vor allem ein idealer ein Essensbegleiter; ein Wein mit dem man sich alleine schwer tut, der allerdings mit Eselragout und Entenpasta – beides Spezialitäten aus der Ecke – bestens funktioniert.

Vergoren wird spontan und abgesehen vom Salarola, der weißen Cuvèe, die im Edelstahltank ausgebaut wird, landen alle anderen Weine über Jahre hinweg in Holzfässern. Geschönt und gefiltert wird nie, geschwefelt erst am Ende vor der Abfüllung. Gelagert wird übrigens direkt im Agriturismo, in einem Raum der bis obenhin mit Holzfässern angefüllt ist und dessen Organisation eine logistische Meisterleistung darstellt.

Manchmal hilft auch Google nichts. Das beruhigt. Die Eingabe von Col Tamarìe hat zwar ganz exakt beeindruckende 123000 Resultate erbracht, davon sind aber nach Durchblättern der ersten paar Seiten 122999 Seiten völlig belanglos. Auf einer Seite finden sich allerdings ein paar Informationen. Der Col Tamarìe ist ein Frizzante (das wusste ich auch schon – ich hatte ihn im Glas) aus Vittorio Veneto (Kernzone Prosecco). Der Protagonist unter den Rebsorten ist Glera, allerdings unterstützt von gleich vier weiteren Sorten, die man gewöhnlich – wenn man Prosecco und somit Glera trinkt – nicht im Glas hat: Verdiso, Bianchetta, Boschera und Perera. Der Weingarten – seit 2013 bewirtschaftet von  Alberto Dalle Crode (er besitzt einen Hund und einen Traktor – das ist seinem Facebook-Profil zu entnehmen) –  ist 4,5 ha groß und liegt auf 450 Meter auf Moränenböden. Die Bewirtschaftung ist biologisch, die Lese findet im Oktober statt – das der Wein dann trotzdem nur 11,5% Alkohol und eine krachende Säure hat, lässt vermuten, dass er nicht mitten in die Sonne schaut.  Die Trauben bleiben zwei Tage lang in Kontakt mit der Maische und werden dann spontan vergoren. Es wird weder gefiltert noch geschönt auch zu keinem Zeitpunkt geschwefelt. Die Gärung wird in der Flasche zu Ende geführt (methode ancestral), degorgiert wird nicht.

Das alles ergibt einen Wein, der alles, was es an Proseccovarianten gibt – mit Ausnahme der großartigen Weine von Costadilà – wegschießt. Die Aromen liegen ganz eindeutig auf der fruchtigen/zitronigen Seite, doch kommen auch noch steinige und hefige Aromen dazu. Erfreulich ist aber vor allem der Trinkfluss, die Säure, Lebhaftigkeit, Saftigkeit und sensorische Tiefe, die ihn definitiv zu einem der besten Frizzante aus dem Veneto macht.

Ein paar erklärende Worte können manchmal nicht schaden. Vor allem dann, wenn man es mit einer Region wie dem Valpolicella zu tun hat, dessen Reputation zum einen bestenfalls durchschnittlich ist, zum anderen aber eben auch phänomenal, je nachdem ob man es mit Valpolicella (dem Wein) oder mit Amarone oder Ripasso zu tun hat. Vor allem aber auch deswegen, weil das Valpolicella in sich extrem komplex ist: Vier Rebsorten (Corvina, Corvinone, Rondinella & Molinara), die fast immer im Kollektiv in den Wein einfließen, dazu noch eine Bandbreite an autochthonen Sorten (Oseleta, Dindarella, Spigamonte, Forseleta… insgesamt knapp 30), denen in den letzten Jahren wieder zunehmend Aufmerksamkeit zu Teil wurde. Eine geographische Ausdehnung, die vor mehr als 5 Jahrzehnten die politischen Grenzen der Region verließ, und seit damals auch Hügel und Täler umfasst, die in einer fast 2000-jährigen Weingeschichte nie zum Valpolicella gehörten (die Kernzone wird heute als Valpolicella Classico bezeichnet). Ein Lagensammelsurium, das den wenigsten Weintrinkern jenseits der Region bewusst sein dürfte, das jedoch elementare geologische, topographische und klimatische Unterschiede aufweist. Und zu guter Letzt vier unterschiedliche Weinstile, die zudem von den Verwendung meist unterschiedlichster lokaler Holzarten zusätzlich geprägt ist.

Die Kernregion beginnt an der Peripherie Veronas und endet dort, wo die Hügel des Valpolicella langsam in die Monte Lessini übergehen. Im Westen trennt die Etsch die Region vom Bardolino, während im Osten das Valpolicella Classico in die erweiterte Zone des Valpolicella Orientale übergeht (dort gibt es ebenfalls eine Handvoll ordentlicher Winzer und Weine, doch davon eventuell ein andermal). Die Böden basieren in der Ebene auf Ton & Kalk, in den Hügeln und Hanglagen ist es neben Kalk vor allem Tuff. Entscheidend sind jenseits der geologischen Eigenheiten vor allem die Expositionen und die Höhenunterschiede. Verona liegt auf knapp hundert Meter, in Porta der neuen Lage von Monte dall’Ora – dem vielleicht besten Weingut der Region (ich kenne, so leid mir das tut, die Weine von Giuseppe Quintarelli nicht, was schlicht und einfach mit deren Preisen zu tun hat) befindet man sich bereits auf 550 Meter.

Abgesehen davon sind es allerdings vor allem die eigenwilligen Vinifizierungsmethoden, die dem Valpolicella eine Ausnahmeposition in Italien (und der Welt) garantieren. Nirgendwo sonst spielt man sich derart mit Trocknungsprozessen, nirgendwo sonst erzeugt man daraus eine derartige Vielfalt an unterschiedlichen Stilen. Dem klassischen Valpolicella kommt dabei die Rolle des frischen, leichten und lebendigen Weins zu, der leider viel zu selten ernst genommen wird und abgesehen von wenigen Ausnahmen (allen voran wiederum Monte dall’Ora mit dem Camporenzo, einer Einzellagenabfüllung aus den Hügeln um San Cariano) findet sich nicht viel erwähnenswertes. Generell verwendet man dafür die Trauben, die nicht in den Amarone fließen, wobei man davon ausgehen kann, dass so gut wie niemand Valpolicella produzieren würde, gebe es nicht eine alljährlich neu definierte Obergrenze für die Amaroneproduktion. Die Trauben für den Amarone (meist 60-80% Corvina und Corvinone, 15 % Rondinella und 5% einer anderen Sorte) werden stets vor dem Valpolicella und naheliegenderweise immer und ausnahmslos per Hand gelesen – verletzte Traubenschalen würden das appassimento, die Trocknung, verhindern).  Zum einen deswegen, weil man dadurch die besten Trauben aus den Weinbergen selektieren kann, zum anderen um durch entsprechende Säure und Finesse den Zucker zu puffern, der sich durch das zweimonatige Trocknen in den Beeren akkumuliert.

Die besten Winzer des Valpolicella

Monte dall’Ora (NATURALE)
Novaia (BIO)
Monte Ragni (BIO)
Aldrighetti (BIO)
Monte Santoccio
Antolini
Begali

Die besten Weine aus dem Valpolicella Classico

Monte dall’Ora: Valpolicella Camporenzo
Monte dall’Ora: Valpolicella Ripasso Sausto
Monte dall’Ora: Amarone Stropa
Novaia: Valpolicella Classico Superiori I Cantoni
Novaia: Amarone Classico Corte Vaona
Novaia: Recioto „Vigneto Le Novaje“
Monte dei Ragni: Valpolicella Ripasso
Monte Santoccio: Valpolicella Ripasso
Monte Santoccio: Amarone
Antolini: Valpolicella Ripasso
Antolini: Amarone Moropio
Antolini: Recioto
Lorenzo Begali: Valpolicella Ripasso La Cengia
Lorenzo Begali: Amarone Ca‘ Bianca

Die Gärung startet im Allgemeinen Ende Dezember/Anfang Jänner, dauert für gewöhnlich einen Monat lang und endet dann, wenn die Hefen den kompletten Zucker in Alkohol verwandelt haben. Dass die Hefen dabei selbst 18% Alkohol wie nichts wegstecken, ist eine der erstaunlichen Phänomene des Amarone. Den Namen Amarone gibt es übrigens erst seit einem guten halben Jahrhundert, davor waren durchgegorene Weine aus getrockneten Trauben eher die Ausnahme und letztlich eines der vielen Nebenprodukte des Recioto – dem eigentlichen Klassiker aus der Region.

Recioto war der einst große Wein des Valpolicella und wenn man den Quellen glauben darf, kelterten schon die Römer einen Weinstil, der dem Recioto ganz ähnlich gewesen sein dürfte. Recioto beruht auf den gleichen Beeren wie Amarone, doch werden sie einen Monat länger getrocknet und letztlich als Süßwein auf den Markt gebracht. Er erinnert frappant an exzellente Vintage Ports, wobei die Säure meist noch einen Tick höher ist und Recioto nie aufgespritet wird. Ähnlich wie rote Schaumweine ist er außerhalb der Region unfassbar unpopulär, weshalb auch nur mikroskopische Mengen vinifiziert werden, die meistens bei Familienfesten in der Region getrunken werden und nebenbei den Weintrinkern vorbehalten bleibt, die sich auch für die Nischen der Weinwelt interessieren.

Die vierte Variante im stilistischen Potpourri des Valpolicella ist der Ripasso, der sich längst als die Nr.2 in der qualitativen Wahrnehmung der Winzer und Konsumenten etabliert hat. Wobei neben den zusätzlichen aromatischen Nuancen vor allem der Herstellungsprozess interessant ist. Nach der beendeten Gärung des Amarone oder Recioto und dem Umzug des Weins in Fässer bleibt der Trester der konzentrierten – weil getrockneten – Beeren im Tank zurück. Um dem klassischen Valpolicella mehr Substanz zu verleihen, lässt man einen Teil davon eine zweite und wesentliche kürzere Gärung mit den Trestern durchmachen und schlägt damit eine Brücke zwischen den leichten und fruchtbetonten Valpolicellainterpretationen und den oft mächtigen und intensiv würzigen Amaroneversionen.

Weißweine sucht man im Valpolicella übrigens vergebens, was jedoch nur bedingt traurig stimmen muss. Die Region ist sowohl im Osten (Soave, Gambellara, Monte Lessini) wie auch im Südwesten (Custoza, Lugana) von den mitunter spannendsten Weißweinenklaven Italiens umgeben.

Im Jahr 2006 starteten Ernesto Cattel und Mauro Lorenzon gemeinsam mit ein paar Partnern auf sieben Hektar das Projekt Costadilà. Dafür suchten sie sich mit dem Prosecco eine Region aus, in der es einiges zu beweisen galt: vor allem, dass es möglich ist, dort wirklich guten Wein zu keltern. Costadilà bedeutet übersetzt „der Hang da drüben“, womit Tarzo, ein Dorf mit 50 Einwohnern gemeint war. In den Hängen um und über dem Weingut begannen die beiden sich auf die „Neuentdeckung eines alten Geschmacks“ zu machen. Dafür pflanzten sie neben die im Prosecco omnipräsente Glera auch noch die kaum kultivierten Bianchetta und Verdizo und setzten zudem mit ihrer Herangehensweise einen radikalen Gegenentwurf zu den ansonsten im Prosecco praktizierten Ansätzen.

Von Beginn an bewirtschaftete man die Weingärten nach biodynamischen Prinzipien, konterte der allgegegenwärtigen Monokultur mit üppiger Biodiversität und schloss durch den Anbau anderer landwirtschaftlicher Produkte (die u.a. in der Osteria San Baldo, die ebenfalls auf die Kappe der beiden geht, verwendet werden) und der Haltung von Nutztieren den angestrebten biodynamischen Kreislauf. Die drei zur Zeit bepflanzten Parzellen selbst sind die Basis für drei Weine, die nach der Höhe der jeweiligen Weingärten benannt sind und nicht nur unterschiedlich vinifiziert werden, sondern auch unterschiedlich Terroirs aufweisen. So wachsen der 280sml und der 330sml auf Mergel und Ton, während der 450sml Moränengestein als Basis hat – die Leichtigkeit, Frische, Säure und Lebendigkeit, die ihre bergige Herkunft mit sich bringt, adäquat in die Flasche zu bekommen und dabei möglichst natürliche und authentische Weine zu produzieren, ist das eine Ziel der beiden, durch traditionelle Methoden und eine eigene Handschrift, die vor allem auf einer nicht-interventionistischen Kellerarbeit beruht, ein weiteres.

Ps: Ernesto Cattel hat – nach dem Erfolg von Costadilà – ein weiteres Projekt ins Leben gerufen. Auf der kroatischen Insel Susak (Sansego) ein paar Seemeilen südlich von Triest, ist er gerade (mit den gleichen Methoden wie schon auf Costadilà) dabei den einst regen Weinbau der Insel wieder wachzuküssen.

Im Keller: Wie schon im Weingarten wird auch im Keller vor allem Verzicht geübt. Die Trauben werden per Hand gelesen, gerebelt und gequetscht. Danach wird spontan und ohne Temperaturkontrolle vergoren, wobei die Weine die ganze Zeit über keinen Schwefel sehen. Nach 5 Monaten auf der Hefe, wird der Wein wiederum in Flaschen gefüllt und mit dem Most getrockneter Beeren (desselben Weingartens) wird die Zweitgärung eingeleitet . Degorgiert wird danach nicht mehr, was generell ein wenig Hefetrub (Col Fondo erfreut sich im Prosecco in der Zwischenzeit einer immer grösser werdenden Beliebtheit) in der Flasche verursacht – das sollte niemanden irritieren, eröffnet laut Ernesto Cattel vielmehr die Möglichkeit Prosecco auf drei unterschiedliche Arten zu trinken. 1 LIMPIDO – sauber: dafür muss man den Wein lediglich dekantieren. 2. Der Kompromiss: Man kann die ersten Gläser denjenigen servieren, die den Wein klar trinken wollen und die restlichen Gläser, denjenigen die kein Problem mit ein wenig Trub haben -man kann das natürlich auch allein machen und schauen wie sich der Wein verändert. 3. TORBIDO – trüb (vorher möglichst vorsichtig schütteln).

Generell hat man es bei den Schaumweinen von Costadilà mit puristischem, subtilem und überaus lebendigem Prosecco zu tun, der mit seinem steinigen Unterton und kühlen Blütenaromen, die Möglichkeiten der Region nicht nur auslotet sondern neu definiert.

 

450 sml.: Drei Tage auf der Maische verleihen dem 450er eine griffige und stringente Textur, wie man es von klassischen Prosecco kaum gewohnt ist. Schlecht tut ihm das freilich nicht. Jenseits der tragenden Gerbstoffstruktur – die auch das Manko an Säure kompensiert – gesellen sich derart auch noch Aromen hinzu, die das Bild, wie Prosecco sein kann, dramatisch erweitern. Intensive und profunde Frucht kombinieren sich mit steinigen und subtilen Kräuternoten. Trotz all dieser Innovationen bewahrt sich der 450sml seine Leichtigkeit (11,5%) und seinen Trinkfluss.

Filippo Filippi bei der Garganegalese

Filippo Filippi bei der Garganegalese

In Italien gibt die Region den Protagonisten und die Rebsorte ist lediglich Bestandteil des restlichen Ensembles. Ruhm und Renomèe gebühren folglich vor allem Barolo und Montalcino und nicht Nebbiolo und Sangiovese, die ihren Part allerdings meist exzellent spielen.

Manchmal ist es aber auch besser sich als Sorte hinter einer Region verstecken zu können, vor allem dann, wenn die Region unter Weinkritikern ungefähr denselben Ruf genießt wie Ed Wood unter Filmkritikern. Setzt man einem Kenner des Fachs einen Soave vor, kann man sich fast sicher sein, dass er das als Affront auffassen wird – Ausnahmen bestätigen freilich die Regel. Schenkt man dagegen Garganega ein, wird er eventuell sogar Interesse heucheln, da man unbekannten Dingen zumindest kurzfristig Aufmerksamkeit schenken sollte, bevor man über sie herzieht. Nun ist Soave eben immer auch Garganega, meist zu 100% und wer sich die Mühe macht, sich durch das erstaunlich breite Repertoire der Lagensoaves (der alten Kernzone des Soave) zu trinken, wird schnell feststellen, dass das keine Mühe macht und erst recht kein Affront ist. Guten Winzern und der Garganega sei Dank – die sollte man halt möglichst nicht in die fruchtbare Ebene setzen, kunstdüngen, totspritzen und 15000 Kilo Ertrag/Hektar davon erwarten (was leider viel zu oft getan wurde), sondern in vulkanische oder Kalkböden und mit 10000 Kilo weniger Ertrag rechnen. Tut man das und verfügt man nebenbei noch über alte Rebstöcke – was gerade in der klassischen 1000 Hektar umfassenden Kernzone über Soave oft der Fall ist – bekommt man Qualitäten in die Flasche, die nicht nur verblüffen sondern auch verdeutlichen, warum das Soave vor nicht einmal 70 Jahren als Chablis Italiens bezeichnet wurde.

Garganega reift spät und je höher oben man sich befindet desto später wird es. Lange Vegetationsphasen bauen zusätzliche Aromen auf, hinzu kommt ein natürlicher Säuregehalt, der näher am Riesling als am Veltliner liegt. In Italien ist man sich zumindest in Winzerkreisen über die Qualitäten der Sorte im klaren, weshalb sie nicht nur in Soave sondern auch in Gambellara und im Bianco di Custoza die erste Geige spielt. In Sizilien fungiert die Garganega als Grecanico und hat dabei durchaus Bedeutung – gleich vier Appellationen (Alcamo, Delia Nivolelli, Contessa Entellina und Contea di Scalafani) probieren das beste aus der Sorte rauszuholen.

Soave classico wird für gewöhnlich im Edelstahl oder Zementzisternen ausgebaut, die gehaltvolleren Lagenvarianten landen ganz gerne in gebrauchten Holzfässern. Ernsthafte Soave reifen zudem blendend und sollten – will man wirklich der Essenz der Weine nahekommen für 5-7 Jahre (je nach Jahrgang) weggelegt werden. Für die Interpretationen aus Gambellara gilt übrigens Gleiches, wobei dort noch ein paar exzellente maischevergorene Versionen hinzukommen (Maule, Spillare), die zeigen, dass ein wenig Gerbstoff der Sorte zusätzliche Dimensionen (und Aromen) verleihen kann. In beiden Orten – den Hochburgen der Sorte – wird übrigens auch Recioto, eine Süßweinvariante aus traditionellerweise im Wind getrockneten Trauben hergestellt.

Garganega sind ihrer miesen Reputation wegen viel zu billig.

10 Garganega, die man probieren sollte.

Cantina Filippi: Castelcerino (Soave)

Cantina Filippi: Vigne di Bra (Soave)

Corte Zanuso: Soave classico

La Capuccina: San Brizio (Soave)

Balestri Valda: Sengialta (Soave)

Suavia: Monte Carbonare (Soave)

La Biancara: Pico (Gambellara)

La Biancara: Sassaia (Gambellara)

Davide Spillare: Bianco Rugoli Vecchie Vigne (Gambellara)

Giovanni Menti: Monte del Cuco (Gambellara)

Soave mit dem Fahrrad zu erkunden, birgt Überraschungen. Man nimmt Dinge wahr, die einem im Auto verborgen bleiben. Tote Katzen zum Beispiel, die in einer Art Leichenstarre am Straßenrand liegen und deren Todesursache man irgendwie automatisch mit den weißen Pestizidwolken in Verbindung bringt, die in der Ebene Soaves in besorgniserregendem Takt aus den Pergolen aufsteigen.

Zudem kann man die Steilheit des Geländes im Detail registrieren und staunt über die sich über hunderte Höhenmeter hinziehenden Einzellagen. Bösartig ist dabei die Tatsache, dass auch die Winzer direkt in und an ihren Weingärten leben und ganz besonders hart ist dabei die Anfahrt zu Filippo Filippi. Er bewirtschaftet die höchsten Lagen in der ganzen Region (biodynamisch) und das heißt dann auch, dass es von der toten Katze bis zu ihm knapp 300 Höhenmeter und ca. 20 Spitzkehren sind. Die Welt dort oben, ist dann auch eine andere. Nachdem er mich mit etwas Wasser und ein paar Witzen über mein Transportmittel wieder aufgepäppelt hat, besteht er glücklicherweise darauf, mit dem Traktor eine Spritztour an seinen Weingärten vorbei zu machen.

Bis fast 500 Meter ziehen sich hier die Stöcke über die Kuppen, eingebettet in kleine Wäldchen und bestens durchlüftet vom Wind, der über die Hügel bläst. Der bringt auch gleich Regen mit und treibt uns in eine – von Menschen ausgeschlagene – Kalksteinhöhle. Die Terrassenmauern der Weingärten sind daraus gebaut und auch das, aus dem 13. Jahrhundert stammende, Haus der Filippis. Auf Kalk steht auch der Vigneto Monteseroni, einer der weniger weißen kalkigen Einsprengsel im Vulkanland Soaves, steinalte Stöcke, die quasi in einer Blumenwiese wurzeln. Filippo Filippi ist beileibe nicht der einzige, der hier dezidiert biologisch arbeitet, er scheint seine Auffassung von Naturwein jedoch am konsequentesten durchzuziehen.

Er setzt damit zum einen auf all die Vorteile gesunder und vitaler Böden zum anderen arbeitet er auch seinen Vorstellungen konsequent folgend im Keller weiter. Gärtemperaturen werden reguliert, jedoch nur nach oben (mehr als 24°C möchte er dann doch nicht haben), Schwefel in Minimalmengen eingesetzt, die Schwerkraft ersetzt die Pumpen und die Weine mal sechs Monate mal länger (bis zu 18) auf der Hefe gelassen. Filter sind was für Kaffee, nicht aber für Filippis Wein und möchte man kein blaues Auge riskieren, nimmt man das Wort Enzym besser nicht in den Mund. Dafür lohnt es sich, das mit seinen drei Garganega-Einzellagenweinen, den beiden vulkanisch geprägten Castelcerino und Vigne della Brà und dem oben erwähnten Monteseroni zu tun:

Castelcerino 2009 (nicht mehr Soave Classico sondern Schon Soave Scaligeri): „mein Basiswein“, meint Filippo bescheiden und der Wunsch ständig mit solchen Einsteigern zu tun zu haben, keimt auf. Puro und präzis, mineralisch, floral, Orangenzesten, straff, kräftige Säure, die bestens in den dichten Körper passt – kostet irgendwo um die € 8 und ist damit grob unterbepreist.

Monteseroni 2009: Filippos Antwort auf das Chablis, also mal wirklich Feuerstein, Nüsse und Limetten, saftig, dicht und bestens strukturiert, lang, Magnesiumgaumen (oder so ähnlich), salzig und ausklingend ein wenig Grapefruit. Toll. Übrigens € 9 und damit genauso viel zu billig.

Vigne della Brà 2009: kräftiger und üppiger als seine Kollegen allerdings noch lange nicht barock. Mandeln und Blüten. Und haufenweise Kräuter. Kompakt und lebendig, druckvoll, eindrucksvoll straff, mit Zug zum Gaumen, lang und Potenzial² (Garganega reift übrigens fantastisch, Potenzial bedeutet hier 10 Jahre +).

Das war es aber noch nicht. An Filippos dickem Holztisch stehen noch zwei eigentümliche Spezialitäten. Als erstes ist da der reinsortige Trebbiano di Soave (einer von zwei, die es in Soave noch gibt) von der Lage Turbiana aus 80 Jahre alten Stöcken, die – da Pergola-erzogen – dick wie Baumstämme wirken.

Turbiana 2008: Trockenfrüchte, nussig und Honig in der Nase, erstaunlich trocken am Gaumen, konzenriert, straff und exotisch, sehr eigen

Und dann ist da noch die Garganega Spätlese 2007: erstmal drei Monate mazeriert, danach 36 Monate im Stahl, Honig und Marillen, nussig und kalkig, salzig und Orangen, die Femme fatale in Filippos Programm, kokett und kühl (jedenfalls mit Stil), und natürlich wiederum zu billig für so eine Diva

Fazit: Filippos Weine sind durch die Bank topp, die Abfahrt nach Soave danach herrlich.

Es ist nie zu spät oder fürchtet euch nicht, wie die Freunde vom „Weinskandal“ predigen, war das Motto des gestrigen Tages. Also habe ich Mama ins Auto gepackt und wir sind hoch in die Colli Euganei, hinauf zu Marco Buratti gefahren, den wohl radikalsten Proponenten des Naturweins jenseits des Sausals (und Karl Schnabels phänomenale Interpretation des Begriffs). Und siehe da: Neugierde siegte über die Angst und das obwohl es bei Marco aussah, als hätte eine Bombe in Haus und Keller eingeschlagen! Am Ende des Tages verließ meine Mama La Farnea, Marcos Weingut, bewaffnet mit 12 Flaschen ungeschwefeltem Merlot, einem Berg Kakis, einem Tokaj-Experiment und dem Versprechen wiederzukommen.

2014-10-31 15.21.41Am Anfang des Tages kämpften wir uns die Serpentinen der Colli Euganei hinauf, einem geologischen Sonderfall inmitten der Po-Ebene. Mitten im Flachland erheben sich gut und gerne 20 Vulkankegel, die eigentlich schon für sich einen Besuch wert wären, die man aber doch gerne rechts liegen lässt, vermutlich weil man mit den an ihrem Fuße liegenden Thermen von Abano und Montegrotto Siechtum, Gebrechen und den letzten Urlaub der Urgroßeltern verbindet. Mag alles wahr sein, dahinter freilich öffnen sich ein paar Quadratkilometer, die vollgepflastert sind mit klassischen Osterien, Olivenbäumen, runtergekommenen Kastellen und Villen, alten Kirchen, Petrarcas Geburtshaus und eben auch einer guten Handvoll Bio- und Naturweinwinzer, von denen Marco in seiner konsequenten Radikalität nochmals herausragt.

Bis gestern hatte ich nur von seinen Weinen gehört, er selbst verweigert sich jeder Naturweinveranstaltung. Auf emails hatte er nie geantwortet, Telefonanrufe nicht beantwortet gegen unsere brutale Überrumpelung war er dann allerdings chancenlos. Er hat es uns nicht übelgenommen, vermute ich. Wir bekamen eine zweistündige Führung durch das Chaos und Fassproben des neuen Jahrgangs und plauderten über Sulfite beziehungsweise über die Tatsache, dass er keine verwendet – nie. Und es auch nie getan hat. Er ist da recht dezidiert und nicht besonders tolerant – so vertritt er die These, dass man das Wort Naturwein nur dann in den Mund nehmen sollte, wenn sich außer Trauben nichts, aber auch gar nichts anderes im Wein befindet. Das hat ihm nicht nur Freunde beschert, im Gegenteil. Er ist ein Solitär in den Hügeln und darüber hinaus. Verbündete ortet er im Lazio bei Gianmarco Antonuzi von Le Coste (ganz großartig) und bei Angiolino Maule von La Biancara im Veneto, den er zwar als Winzer schätzt als Organisator von vinnatur allerdings weniger – der mache dort zu viele Kompromisse und die sind seine Sache nicht.

Vom ersten Wein vor 10 Jahren bis heute, war die einzige größere Anschaffung für den Keller, jenseits der Fässer und Betonzisternen eine Pumpe, mit der er die verschiedenen Chargen seiner Weine zusammenführt. Allzu oft muss er auch die nicht verwenden, da er auf zwei Hektar maximal 5000 Kilo Trauben liest. Die Presse hat er vom Großvater eines Freundes und den Bottich dazu vermutlich vom Großvater des Großvaters. Aber genug der Familienbanden.

Marco macht Wein von Trauben. Basta. Das schmeckt. Und zwar richtig gut. Die Frage, warum er gerade Merlot angepflanzt hat, ist blöd und er versteht sie auch nicht wirklich und die Antwort ist so unpopulär wie entwaffnend. Weil er Merlot liebt! Aus. Und Cabernet. Und überhaupt Frankreich.

So sehr er Frankreich verehrt, so sehr raunzt er über Italien. Man hinke, so Marco überall hinterher. In Frankreich gäbe es hundert Winzer, die schwefelfreie Weine produzieren, in Italien sieben; Önologen werden in Frankreich angeblich seit den 1950er Jahren ausgebildet, in Italien erst seit 2001. Er selbst belegte damals den Studienzweig, nachdem er zuvor 20 Jahre als Koch geackert hatte. 2004 war es dann aber doch vorbei mit der Theorie, er erstand seine zwei Hektar Vulkanland in Villa di Teolo und hat dort neben Merlot auch noch Cabernet, Pattaresca, Malvasia, Moscato giallo e rosa und Tokaj ausgepflanzt.

Aus denen keltert er eine Palette, die schwer beeindruckt.  Während es für mich gerade die beiden weißen Interpretationen sind – mazeriert, aromatisch, federleicht und doch profund – sackt meine Mutter wie schon erwähnt ein Dutzend Flaschen Merlot – den „L’Arietta“ ein. Dazu gibt es noch einen Wein bei dem totale Einigkeit herrscht. Marco produziert einen „Vin de Soif“ (aaah, Francia), den L´Ombra, einen Durstlöscher oder ums treffender zu formulieren, einen Saufwein, der so angenehm, leicht und lebendig daherkommt, dass es absolut gerechtfertigt erscheint, dass er ihn in eineinhalb Liter Flaschen füllt.


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