Vernaccia di San Gimignano ist eine weiße Insel in einem roten Meer. Zwar haben die meisten Weingüter quer durch die Toskana auch weiße Rebsorten (an der Küste vor allem Vermentino und Ansonica, in den Hügeln des Chianti Trebbiano Toscano und Malvasia di Chianti) im Sortiment, doch spielen sie quasi flächendeckend nur Nebenrollen gegen den omnipräsenten Sangiovese und seine roten Weggefährten. 

Rund um San Gimignano ist das anders. Dort heißt die klare Nummer eins Vernaccia. Sie wurde  1966 in den DOC-Status und 1993 in den DOCG-Status erhoben, was allerdings nichts daran ändert, dass ich mich eigentlich nie mit ihr anfreunden konnte. Die leichten Versionen waren oft zu nichtsagend und simpel, die gewichtigen Versionen zu holzbetont (was auch an der unsinnigen Verordnung liegt, dass Vernacciareserven für ein Jahr ins Holzfass wandern müssen.).

Den goldenen Mittelweg scheint Federico Montagnani gefunden zu haben. Der keltert Vernaccia, der – subtil und feingestrickt aber substantiell – Licht ins Dunkel der Sorte wirft.

Federicos Familie besitzt seit 1685 Land in San Gimignano und es steht zu vermuten, dass sich bereits damals Vernaccia in ihren Weingärten befand. Richtig ernst wurde es mit Federicos Großvater Dino, der 1966 – anlässlich der Verleihung des DOC-Status – seine Fassweine erstmals in Flaschen füllte. Federico stieg 2006, nach einigen Lehrjahren in anderen Weingütern, bei sich zu Hause ein. Von Anfang an setzte er ohne Kompromisse auf biologische Bewirtschaftung: nicht nur in den sieben, mit Reben bepflanzten Hektar, auch in den Olivenhainen, Getreidefeldern und Safrananpflanzungen.

Vernaccia spielt in den Weingärten naturgemäß die Hauptrolle. Sie werden größtenteils in Alberello und Guyot erzogen, nachdem Federico erkannt hatte, dass die zudem praktizierte Kordon-Erziehung zu kompakte und folglich recht krankheitsanfälligere Trauben produzierte. Die Weingärten sind mit Leguminosen begrünt; an ihren Rändern stehen Obst- und Olivenbäume, die Refugien für Vögel und Insekten bilden.

Vernaccia ist jedoch nicht die einzige Sorte, die es darin gibt. Seit Generationen befinden sich in den ältesten Weingärten auch einige Reihen einer Rebsorte, von der niemand weiß, wie sie dorthin gekommen ist und deren Namen – bis vor kurzem – niemand kannte. Gemeinsam mit Ampelographen aus dem Veneto machte sich Federico daran ihre Identität zu bestimmen und entdeckte schließlich, dass es sich um Verdacchio handelte, eine Sorte, die man eigentlich für ausgestorben (sagt man bei Pflanzen so) hielt – und die es anscheinend nur noch bei ihm gibt. Sich seiner Verantwortung bewusst, keltert er daraus seither einen in der Flasche vergorenen Frizzante (rifermentato). 

Die beiden Vernaccia vergärt er hingegen spontan zu klassischen Weißweinen und baut sie über ein knappes Jahr in Zementbottichen aus.

Co’l Botto

Verdacchio! Der einzige seiner Art. Uralte Rebstöcke. Erstgärung in Zement, Zweigärung in der Flasche. Nicht degorgiert. Steinig. Mineralisch im eigentlichen Sinne. Zitrusnoten. Kalk. Sehr straff und animierend. Druckvolles und belebendes Finish. 

Vernaccia Assolo

Aus den Trauben seines ältestes Weingarten gekeltert. In Zement vergoren und ausgebaut. Stoffig, saftig und profund. Nie aufdringliche Blütennoten. Balsamisch. Grapefruit. Minze. Am Gaumen exotische Anklänge. Druckvoll-langer Abgang. Federicos bester Wein.  

Vernaccia Frammenti

Spontane Vergärung im Stahltank. Ausbau in Zement. Etwas einfacher gestrickt als der Assolo. Floral, Zitrusaromen, Salz. Knochentrocken. Stahlig. Hat Substanz und Energie. Fließt belebend über den Gaumen. Perfekter Begleiter zu Fisch.

Kontakt

Federico Montagnani
Località Casale 36, San Gimignano
+ 39 3467514155 / +39 346512363
tenutamontagnani@gmail.com

Datenblatt

Rebsorten: Vernaccia, Verdacchio
Rebfläche: 7 ha
Manuelle Lese: ja
Dünger: nein
Pflanzenschutz: Kupfer und Schwefel
Biologisch zertifiziert: ja
Direktverkauf: ja
Wohnmöglichkeit: nein

Oktober und November sind zwei Monate, in denen eine Verkostung die nächste jagt. Die erste fand am letzten Wochenende im Castello di Levizzano statt und war, anders als die meisten, die noch folgen werden, ausgesprochen entspannt. Grund dafür war vor allem die Auswahl der Winzer, die kaum bekannt, nicht allzu viele Besucher anlockten. Zwar befand sich mit Lino Maga (bzw. seinem Biographen, der für den betagten und zu Hause gebliebenen Winzer die Weine ausschenkte), dem Schöpfer des Barbacarlo, einem der großen Rotweine Italiens, auch ein zugegebenermaßen eher Insidern bekanntes Zugpferd unter den teilnehmenden Winzern, generell war der Bekanntheitsgrad aber eher gering. Das Niveau allerdings war es nicht.

Das lag unter anderem an einer Truppe junger Winzer aus dem Valtellina, die das bestätigte, was die Weine von Ar.Pe.Pe, dem besten Produzenten der Region (und einem der besten Italiens) seit Jahren ohnehin nahelegen – dass die Nebbiolos des Valtellina (die man im Valtellina übrigens Chiavennasca nennt) eine kühle aber profunde Alternative zu jenen des Piemonts darstellen. Sympathisch ist dabei, dass es auch eine, unter dem Namen Rosso di Valtellina gekelterte Einstiegsvariante gibt, die zeigt, dass Nebbiolo auch als leichter Wein mit subtilen Aromen bestens funktioniert. Die länger ausgebauten Weine waren quasi durch die Bank druckvoll, saftig, vielschichtig und elegant. Um sich und ihren Weinen mehr Gewicht zu verleihen, haben sich insgesamt acht Winzer aus unterschiedlichsten Orten der Region zu der Gruppe Veltliner („den Namen haben uns die Österreicher geklaut“) zusammengeschlossen – nähere Portraits einzelner Winzer folgen mit Sicherheit. Bis es soweit ist, lohnt es sich allemal die Namen der anwesenden Winzer zu erwähnen: Barbacàn, Boffalora (beide exzellent), Pizzo Coca, Franzina, Terra Alta und Fondo Bozzole.

Bestätigt wurde im Castello auch die Vermutung, dass Croatina eine ganz fantastische Rebsorte ist. Bisher kannte ich die Sorte reinsortig ausgebaut nur von Walter Massa, dem Castello di Stefanago und Daniele Ricci, über dessen beiden Interpretationen, Elso und El Matt, es auch zwei ausführlichere Beschreibungen gibt. Hinzu kamen nun der brillante  OPPure von Stefano Milanesi, einem Winzer aus dem Oltrepo Pavese, dessen komplette Kollektion (mit Ausnahme eines recht ausladenden Pinot Nero) schwer beeindruckend ist und der Croatina von der Cantina del Castello Conti, einem Weingut aus Boca im nördlichen Piemont – auch hier lohnt sich der ganze Rest, inklusive einer Cuvée aus 14 unterschiedlichen Rebsorten, die seit Jahrzehnten wild verstreut in den Weingärten des Castello wachsen und gemeinsam gelesen und vinifiziert werden.

Die Cantina del Castello Conti ist auch Teil des I AM AGRICOLO-Projekts, dem acht kleine Weingüter rund um Biella angehören – Fabio Zambolin, Andrea Manfrinati, Vino del Sorriso, Massimo Pastoris, La Riviera, Madonna dell’Uva und die Azienda Agricola Ilaria Salvetti – letztere wiederum widmet sich ausschließlich der Erbaluce, einer ziemlich in Vergessenheit geratenen Rebsorte, die aufgrund ihrer intensiven Säure und zurückhaltenden und feinen Aromatik seit jeher vor allem zu Süßwein verarbeitet wird. Nachdem Süßwein (und mag er noch so gut sein) zurzeit ungefähr so populär ist wie ein Dieselmotor in deutschen Innenstädten macht Ilaria Salvetti mittlerweile auch einen exzellenten Schaumwein (metodo classico) und einen Stillwein, den sie allerdings nicht mit im Gepäck hatte.

Einen Schaumwein gab es auch am Stand der Tenuta Montagnani, die im Jahr 2014 gegründet, ihre ersten Weine präsentierte. Nachdem das Weingut seine Heimat in San Gimigniano hat, gab es naheliegenderweise und ausschließlich Vernaccia. Der schmeckt durch die Bank gut, der Frammenti, eine in Zement ausgebaute, druckvolle und vitale Version auch noch besser. Wer in die Gegend kommt (und die Wahrscheinlichkeit ist größer als bei den oben genannten Orten) kann ruhigen Gewissens dort vorbeischauen.


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