Praesidium: volle Konzentration auf wenig Konzentration

MONTEPULCIANO: Es gibt Rebsorten, auf die ich immer gut verzichten konnte. Nero d’Avola beispielsweise.  Oder Lagrein.  Barbera. Besonders leicht fiel es mir aber bei Montepulciano d’Abruzzo. Die überkonzentrierten, überambitionierten, überreifen, meist überholzten Versionen wurden für gewöhnlich von unambitionierten, undefinierbaren, flachen, sperrigen und letztlich belanglosen Banalitäten ergänzt, die zwar oft einen Gegenpol bildeten, die Sorte aber auch nicht einladender machten. Aber so wie ich in der Zwischenzeit brillante Antworten auf Nero d’Avola (Gueli, Mortellito und COS), Lagrein (Pranzegg, Nusserhof) und Barbera (Trinchero, Bera, Auriel) gefunden habe, weiß ich in der Zwischenzeit auch, dass es richtig gute Montepulciano gibt. Einen der besten macht Praesidium.

DAS WEINGUT: Praesidium, das waren früher vor allem Enzo und Lucia Pasquale, die das Weingut 1988 gründeten, heute sind es vor allem Ottaviano und Antonia, ihre Kinder. Bewirtschaftet werden insgesamt 5 Hektar in Prezza im Valle Peligna, einer Ecke, die selbst für die ohnehin ruhigen Abruzzen entschleunigt wirkt. Links und rechts steigen die Montagne del Morrone und die Montagne del Maiella auf, zwei Bergmassive, die beim Giro d’Italia oft die Spreu vom Weizen trennen und auf dessen Kuppen und Kämmen auch im Juni noch Schnee liegt.

TERROIR: Praesidiums Montepulciano wurzelt im brettlebenen Talgrund auf 400 Meter Höhe, ist aber doch eminent von seiner Umgebung beeinflusst. Die Blüte ist spät, die Lese ebenfalls und findet für gewöhnlich erst in der zweiten Oktoberhälfte statt. Der Boden ist zwar vom Schwemmland des durch das Tal fließenden Sagittario geprägt, das darunter liegende Gestein ist allerdings felsig und stark kalkhaltig. Obwohl die Bedingungen alles andere als einfach scheinen, weisen schon Chroniken aus dem 18. Jahrhundert Prezza und das benachbarte Bugnara als ideale Standorte für die Sorte aus.

Enzo Pasquale wusste jedenfalls genau, was er tat, als er vor dreißig Jahren die paar Hektar kaufte und damit die Rebfläche seiner Eltern und Großeltern um ein paar Hektar aufstockte. Er beschäftigt sich seit nunmehr über 60 Jahren mit der Sorte und die Leidenschaft und Sorgfalt, die er dafür aufbringt, hat er auch seine beiden Kinder weitergegeben. Die bewirtschaften in einer Zeit, in der alles zertifiziert sein muss, damit es auch geglaubt und gekauft wird, ihr Weingut nun auch offiziell biologisch – laut Ottaviano machte es sein Vater auch nicht anders, nur halt ohne fortwährende Kontrolle. Der Ansatz ist dabei sowohl im Weingarten wie auch im Keller ein handwerklicher und, was schön ist, einer, in dem zumindest im Wortschatz von Ottaviano auch immer wieder das Wort Kultur auftaucht – er sieht Wein als das, was es ist, nämlich als ein Produkt, das aus der Interaktion zwischen Mensch und Natur entsteht – kein Naturwein, ein Kulturwein. Er lenkt beispielsweise den Ertrag über den Rebschnitt, begrünt seine Böden vorwiegend mit Saubohnen, setzt auf eine relativ rigorose Grünlese, manuelle Lese und auch sonst viel Handarbeit.

DIE WEINE: Im Keller, der sich in einer, in den Berg getriebenen Höhle am höchsten Punkt von Prezza befindet, wird dann versucht genau das, was die Weine draußen beeinflusst auch entsprechend im Wein erfahrbar zu machen. Für den Montepulciano setzen sie auf spontane Vergärung im Stahltank und einen zweijährigen Ausbau in gebrauchter französischer und slawonischer Eiche, während der man gelegentlich das Fass streichelt und den Schwund auffüllt. Danach wird ungefiltert und mit einer undramatischen Dosis SO₂ gefüllt und weitere sechs Monate gewartet bis der Wein auf den Markt kommt. Der ist dann für gewöhnlich saftig, konzentriert und engmaschig, hat Tannin, das man spürt und Säure, die den Wein recht schnörkellos in Richtung Gaumen lenkt. Er ist gewichtig, aber auch, wenn man das jemals über einen Montepulciano sagen kann, einigermaßen elegant. Die Frucht ist dunkel aber frisch, der Abgang ist lang, druckvoll und dicht. Spektakulär ist auch noch der zweite Wein von Praesidium, ein Cerasuolo, über dessen Farbe sich jeder Pinot freuen würde und von dem die Alten in Prezza sagen, dass man ihn früher immer so gemacht hat – ein Mittelding zwischen Rotwein und Rosato, rotbeerig, saftig, druckvoll, animierend und fleischig.

Und dann gibt es noch den Ratafìa, einen Likör aus Montepulciano und Kirschschnaps, der zur Bergwelt der Abbruzzen gehört wie Kutteln zu Rom oder Milzbrote zu Palermo. Ratafia schmeckt fantastisch. Wer Schokolade dazu essen will, kann das tun.

Vino e terra
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